Es gibt Momente in unserem alltäglichen Irrsinn, da kommt man als Text-Journalist an seine Grenzen. Das machte mir gerade ein Tweet auf X deutlich. Es geht um vier Damen, die Dirndl, Capri-Jeans, ein grünes Minikleid und ein gelbes Röckerl tragen – keine realen Damen, sondern vier Figuren auf dem „Teufelsrad“ – einem Kult-Fahrtgeschäft auf dem Münchner Oktoberfest. 80 Jahre lang hatten die Figuren – und wohl auch viele Besucher – eine „Mordsgaudi“, wie man das in München nennt.
Dann kam die Gleichstellungsbeauftragte der neuerdings von einem jungen Grünen regierten Stadt München und echauffierte sich. „Drei Damen haben bei der Stadt Missmut erregt, weil sie zu freizügig waren“, klagt Elisabeth Polaczy dem „Münchner Merkur„. Notgedrungen hat sie den drei Frauen Hosen und hochgeschlossene Blusen verpasst. Wie so oft in solchen Fällen lief alles über indirekten Druck. Nach der Bewerbung für die neue Wiesn gaben die „Gleichstellungsstelle für Frauen“ sowie die „Fachstelle für Demokratie“ (keine Satire, die gibt es tatsächlich) der Teufelsrad-Betreiberin Veränderungsvorschläge für „ein etwas vielfältigeres Teufelsrad“: Bei einigen Puppen sei der Ausschnitt zu tief und der Rock zu kurz. Zudem könnte man doch eine zum Mann machen, so die Idee. Und noch ein Befund reihte sich ein: Die Darstellung einer schwarzen Figur als einzige ohne Schuhe bediene „ein rassistisches Stereotyp“ – eine Sichtweise, die 80 Jahre lang offenbar niemandem in den Kopf gekommen war. Bereits 2023 mussten an mehreren Fahrgeschäften auf der Wiesn Motive übermalt werden, die als rassistisch oder sexistisch galten, wie es in dem Bericht heißt.
Mit einem einzigen Tweet lässt Thomas Wölfer die ganze Position der Stadt implodieren – und zeigt, wie gewaltig die Doppelmoral ist. Dieselbe Stadtverwaltung, die eifrig etwa den Christopher-Street-Day (CSD) mit wirklich schlüpfrigen Szenen bis hin zu nackten Geschlechtsteilen fördert, echauffiert sich, Figuren seien schlüpfrig, mit denen achtzig Jahre lang niemand Probleme hatte.
Eins dieser Bilder zeigt Dinge, die der @StadtMuenchen zu schlüpfrig sind und abgestellt wurden. Können Sie erraten welches? pic.twitter.com/JvHIlFxi3n
— thomas woelfer (@t_woelfer) August 28, 2026
Markus Vahlefeld schrieb dazu treffend auf X: „Das Neue ist nicht, dass sich Geschmack mit der Zeit ändert. Das Neue und gleichzeitig elitär-feudal Alte ist, dass staatliche Stellen Geschmack vorzuschreiben sich anmaßen.“
Der Punkt ist ganz offensichtlich nicht die schiere Menge an nackter Haut. Es geht nicht darum, wie viel man zeigt, sondern wer es zeigt und in welchem Rahmen. Die vier Teufelsrad-Damen sind ein 80 Jahre altes, völlig unpolitisches Wiesn-Motiv ohne jede Agenda – reine Tradition, reine Jahrmarkts-Ästhetik, niemandes Fahne. Der CSD dagegen läuft in der Verwaltungslogik unter dem Label „schützenswerte Vielfalt, Feier der Sichtbarkeit“. Und siehe da: Sobald das richtige Etikett draufklebt, wird aus demselben Ausschnitt, derselben nackten Haut, demselben knappen Stoff plötzlich statt Anstoß „Empowerment“ – ein neudeutsches Modewort, das man am ehesten mit „Selbstermächtigung“ übersetzen kann. Es wird also gar nicht der Körper reguliert. Es wird das Framing reguliert. Man könnte fast von einem neuen Ordnungsschema sprechen: Freizügigkeit, die der richtigen Haltung dient, bleibt unangetastet. Freizügigkeit ohne Haltungsnachweis wird zum Fall für die Gleichstellungsstelle.
Und dann ist da noch die banalere, aber nicht weniger entlarvende Erklärung: Machtgefälle. Der CSD hat Verbände, Lobbyarbeit, politischen Rückhalt und ein Milieu, das bei der kleinsten Kritik reflexhaft die Rassismus- oder Homophobie-Keule schwingt. Die Teufelsrad-Betreiberin Elisabeth Polaczy hat: sich selbst. Eine 80-Jährige ohne Verband im Rücken, die den Ärger scheut und lieber übermalt, als sich mit dem Rathaus anzulegen. Das ist keine ideologische Kohärenz, das ist schlichte Verwaltungsfeigheit – man reguliert dort, wo kein Widerstand zu erwarten ist, und schaut dort weg, wo einem der Shitstorm droht.
Damit schließt sich der Kreis zu Vahlefelds Diagnose. Es ist tatsächlich die feudale Anmaßung, die daran am meisten irritiert: Eine „Gleichstellungsstelle“ schreibt einer Unternehmerin vor, wie ihre eigenen Puppen angezogen sein dürfen – mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der die Obrigkeit in Zeiten, die heute als finster gelten, Kleiderordnungen für das gemeine Volk erließ. Nur trug die Obrigkeit damals wenigstens offen zur Schau, dass sie moralisiert. Die heutige hält sich für das genaue Gegenteil einer Sittenwächterin. Sie hält das, was sie tut, für Befreiung.
Wer das für eine neue Marotte hält, irrt allerdings. Der Konflikt ist uralt – nur wird er heute so geführt, als hätte ihn noch nie jemand ausgetragen. Schon in den Feminist Sex Wars der 1980er-Jahre in den USA prallten zwei Lager aufeinander: Andrea Dworkin und Catharine MacKinnon auf der einen Seite, die weibliche Sexualisierung im öffentlichen Raum grundsätzlich als Akt männlicher Machtausübung verstanden, dem die Frau nur unter falschem Bewusstsein zustimmen könne. Auf der anderen Seite der ideologischen Front die sogenannte „sex-positive“ Fraktion um Gayle Rubin, die genau das bestritt. Ihre Position: Eine Frau kann ihre Sexualität selbstbestimmt zur Schau stellen, ohne automatisch Opfer zu sein.
Elisabeth Polaczy steht, ohne es zu wissen, mitten in dieser vierzig Jahre alten Frontlinie – auf der Rubin-Seite: Es sind ihre Figuren, ihr Geschäft, ihre ästhetische Entscheidung seit acht Jahrzehnten. Die Münchner Gleichstellungsstelle hat sich, vermutlich ohne die Debatte je gekannt zu haben, für die Dworkin-Linie entschieden: Die Frau, die sich freizügig zeigt, kann das gar nicht wirklich wollen – jemand muss sie vor sich selbst schützen. Das ist im Kern keine emanzipatorische, sondern eine paternalistische Position. Man entmündigt Frauen im Namen ihrer vermeintlichen Mündigmachung.
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Und darin liegt die eigentliche Pointe dieser Geschichte, die weit über eine Wiesn-Posse hinausreicht. Es waren die Linken und die Grünen, die einst gegen genau diese Figur antraten: den miefigen Sittenwächter, der Frauenkörpern vorschreibt, wie viel Haut sie zeigen dürfen, den spießigen Kleinbürger, der Anstoß nimmt, wo keiner nötig ist, den Provinz-Pfarrer, der sich zum Hüter der öffentlichen Moral aufschwingt. Dagegen wurde demonstriert, dagegen wurden Bücher geschrieben, darüber wurden Kabarettprogramme gefüllt. Und jetzt sitzt genau diese Figur wieder im Amt – nur trägt sie heute den Titel „Gleichstellungsbeauftragte“ statt Kirchenvorstand, und ihr Vokabular heißt „Vielfalt“ statt „Anstand“. Der Sittenwächter ist nicht verschwunden. Er hat nur die Uniform gewechselt und trägt sie jetzt rot-grün.
Das eigentlich Bemerkenswerte daran ist nicht die Doppelmoral selbst – Doppelmoral gab es immer, überall, in jedem Lager. Bemerkenswert ist die vollständige Abwesenheit von Selbsterkenntnis. Ein Bischof von 1958 wusste wenigstens, dass er im Namen einer Tradition sprach, die er verteidigte. Die Gleichstellungsstelle von 2026 hält sich für das genaue Gegenteil ihrer Vorgänger – und ist doch nur deren Wiedergänger, mit vertauschten Feindbildern. Das ist der Mechanismus, den man bei jeder erfolgreichen Ideologie beobachten kann, sobald sie zur Institution wird: Sie verliert die Fähigkeit, sich selbst in der Handlung wiederzuerkennen, die sie einst beim Gegner verurteilt hat. Wer glaubt, für die Guten zu kämpfen, kann per Definition nicht der neue Spießer sein – und genau deshalb wird er es, ungestört von jedem Zweifel.
Wie ihre Omas und Opas
Am Ende bleibt eine 80-jährige Teufelsrad-Legende mit hochgeschlossenen Blusen und langen Unterhosen an den Puppen – ein Bild, das wie eine unfreiwillige Hommage an genau jenes Biedermeier wirkt, das die eigene politische Familie seit Jahrzehnten für überwunden hielt. Nur diesmal kommt die Zensur nicht von der Kanzel, sondern vom Amt für Gleichstellung. Und niemand dort merkt, dass er gerade die Rolle seiner Großeltern spielt.
PS: Eine Leserin brachte es in der Diskussion auf den Punkt: Man könnte den Puppen ja gleich eine Burka überwerfen und sich unterwerfen. Konsequent wäre es. Wo doch Verhüllung neuerdings als Ausdruck von Selbstbestimmung gilt – während ein Dirndl mit Ausschnitt als Unterdrückung durchgeht. Absurdistan lässt grüßen.
Das Schreiben ist für mich mehr als ein Beruf – es ist mein Ventil gegen den täglichen Irrsinn, den Sie, liebe Leserinnen und Leser, und ich gemeinsam in diesem Land beobachten. Ohne Sie, ohne Ihre Rückmeldungen, Ihre Unterstützung, würde ich diesen Irrsinn allein aushalten müssen. Insofern bin eigentlich ich es, der Ihnen danken muss – nicht umgekehrt. Und trotzdem, ein Satz muss sein: Unabhängigen, freien Journalismus wie diesen hier gibt es nicht umsonst. Wer ihn erhalten will, bewirkt etwas, statt nur zuzuschauen – hier steht, wie.
Bild: IMAGO / Philippe Ruiz
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