Corona-Weltmeister? Der deutsche Selbstbetrug

Höchstes Ansehen seit Jahren – In der Corona-Krise wird Merkel zum weltweiten Vorbild“ – diese große Schlagzeile war gestern auf Focus Online zu lesen, übernommen vom Staatssender „Deutsche Welle“. „,Starke Führung´“ – WHO lobt Merkel in der Corona-Krise“, hieß es bei n-tv ein paar Tage zuvor (parallel lobte Merkel ihrerseits die umstrittene WHO). „Warum jeder von uns heilfroh sein sollte, dass Angela Merkel noch Kanzlerin ist“, titelte der „Stern“ (der übrigens zum Imperium von Liz Mohn gehört, die wiederum eng mit der Kanzlerin ist): „Besonnenheit, analytische Kühle, Weitblick – die Regierungserklärung der Kanzlerin hat wieder einmal gezeigt: Bei Angela Merkel ist das Land in guten Händen. Auch und gerade während Corona.

Welt-Chefkommentar Jacques Schuster reihte sich in die Lobeshymnen ein. Unter der Überschrift „Gut gemacht, Deutschland!“ schrieb er: „Der Bundesregierung ist es gelungen, der Krise das Katastrophische zu nehmen. Jens Spahn hat allen Grund, stolz zu sein. Und Angela Merkel? Sie wird der erste Kanzler seit 1949 sein, der nicht vom Hof gejagt wird.“ Auch die Frankfurter Allgemeine ist stramm auf Linie: „Merkels Medizin ist die richtige“, titelte das Blatt. Der Focus schrieb unter der Überschrift „Merkel in blendender Spätform: Als Corona-Kanzlerin zeigt sie plötzlich neue Seiten“: „Alles wankt. Die Wirtschaft. Das Zusammenleben. Die Stabilität, die so selbstverständlich schien. Die Corona-Krise wird zum Härte-Test ohne Beispiel. Angela Merkel, hilf? Die Kanzlerin bewährt sich in diesen Tagen in erweiterter Doppelrolle: als Krisenmanagerin und Kümmererin. Bei alledem zeigt die mächtigste Frau der Welt, was manche lange an ihr vermissten: hohe Risikobereitschaft, enormen Mut.“

Das ist eher Ikonen-Malerei als Journalismus. Die Liste solcher Heiligenberichterstattung ließe sich sehr lange fortsetzen. So oft wird das Halleluja auf die Kanzlerin und ihre Regierung wiederholt, so allgegenwärtig ist es in vielen Medien, dass bei den meisten Menschen etwas davon hängen bleibt.

Unterstützt wird die These vom exzellenten Krisenmanagemennt in Deutschland von einer dubiosen Studien eines kaum bekannten Londoner Thinktanks, die der Bundesrepublik Platz zwei weltweit beim Krisenmanagement zuspricht. Die entsprechende Jubel-Schlagzeile ging denn auch breit durch die deutschen Medien – ohne hinterfragt zu werden. Denn bei genauerem Hinsehen erwies sich die angeblich seriöse Studie als sehr merkwürdig. So landete dort etwa Taiwan, das weltweit als vorbildlich im Umgang mit der Krise gilt, hinter China, das sie lange vertuschte. Auch Südkorea mit seinem exzellenten Krisenmanagement landete hinter Deutschland.

Aber wer hinterfragt schon die Schlagzeilen und die ständige Beweihäucherung? „In Deutschland läuft doch in der Corona-Krise alles bestens“, hört man in diesen Tagen ständig. Vor allem im Vergleich zu anderen Ländern stehe die Bundesrepublik bestens da, so die Überzeugung sehr vieler Menschen in unserem Land.

Dabei reicht ein einfacher Blick in die Statistik, um diese breit geschürte Legende zu entlarven. Sehr empfehlenswert und völlig unverdächtig als Quelle ist dabei der Tagesspiegel, der stets aktuelle Corona-Statistiken aufführt – anzusehen hier. Man braucht kein Mathematiker zu sein, um festzustellen, dass die Daten die weit verbreitete Mär von Deutschland als weltweitem Vorbild und Corona-Weltmeister entlarvt, ja ad absurdum führt.

Sieht man sich etwa die Entwicklung der Todeszahlen in der Pandemie an, pro 100.000 Einwohner, gibt es von allen G20-Ländern nur fünf, die eine höhere Todeszahl als Deutschland haben: Italien, die USA, Kanada, Frankreich und Großbritannien. 14 Länder der 20 größten Industrienationen haben geringere Todeszahlen – darunter Indien, China, Mexiko, Indonesien, Saudi Arabien und die Türkei. Weltmeister? Wirklich? Wir sind auf Platz 15 der 20 großen Industrienationen.

EU-weit sieht es noch düsterer aus. Italien, Frankreich, Schweden, Portugal, Belgien, Spanien und Irland haben höhere Totenzahlen (Großbritannien wird zwar in der Grafik noch aufgeführt, ist aber gar nicht mehr in der EU). Nur sieben von den 27 EU-Staaten stehen damit schlechter da als Deutschland. 19 haben geringere Totenzahlen – darunter die meisten osteuropäischen Staaten, von Polen über Ungarn, Rumänien und Bulgarien bis hin zu den baltischen Staaten. Auch Österreich, das viel näher dran ist am Krisenherd Italien und viel früher betroffen war, hat eine geringere Zahl von Toten als Deutschland. Weltmeister? Wirklich? Mit Platz 20 von 27 in der EU? Merkel als „weltweites Vorbild“, wie der Focus schreibt?

Wenn man den Zeitfaktor mit einrechnet, also die verstrichenen Wochen seit den ersten hundert Toten, bleibt Deutschland in der Tendenz immer noch weit von einer Vorbildrolle entfernt. Umso mehr, als die Krankheitskurven tendenziell derzeit in den meisten Ländern abflachen.

Bei den Zahlen der Infizierten verhält es sich ähnlich wie bei Todeszahlen. Nur acht von den 27-EU-Ländern haben eine höhere Rate von Infizierten; selbst die Rate im scharf kritisierten Schweden liegt unter der deutschen (die Todesrate ist dort dreimal höher, aber immer noch geringer als in fünf anderen EU-Staaten). In Polen, das sehr früh reagierte, ist die Zahl der Infizierten fünf Mal geringer als in Deutschland, ebenso in Griechenland; in Tschechien liegt sie bei weniger als einem Drittel der deutschen Zahl, in Rumänien und Ungarn ist sie nicht einmal halb so hoch.

Nimmt man statt der EU die G20 der großen Industrienationen als Maßstab, liegt Deutschland bei den Infektionen auf Platz 15, also abgeschlagen im letzten Viertel.

Und jetzt Hand aufs Herz: Haben Sie in den Medien viel darüber gehört, wie Deutschland im internationalen Vergleich wirklich dasteht? Oder stattdessen vor allem Selbstbeweihräucherung unserer Regierung und unserer Medien wahrgenommen? Die Zahlen führen diese drastisch ad absurdum!

Ebenso wie andere Fakten. Noch im Februar hielt Gesundheitsminister Spahn die Krise für leicht beherrschbar, verglich sie mit der Grippe und sagte, Verschwörungstheorien würden ihm mehr Angst machen; er reagierte nicht auf Warnungen, dass Schutzmittel knapp werden, und ließ zu, dass Tonnen von ihnen nach China geschickt wurden.

Die Liste der Fehler ist lange, wie etwa Julian Reichelt in der Bild ausführt: „Sie haben das Tragen von Masken nahezu verhöhnt. Nun ist es Pflicht. Sie haben davor gewarnt, Schulen und Kitas zu schließen. Nun sind Millionen Kinder seit Wochen zu Hause. Sie haben als nutzlos abgetan, die Grenzen abzuriegeln. Nun kommt niemand mehr ins Land. Sie haben trotz aller Maßnahmen immer wieder vor dem unmittelbar bevorstehenden Kollaps unseres Gesundheitssystems gewarnt. Nun herrschen auf Krankenhausfluren gespenstische Ruhe und Angst vor Arbeitslosigkeit.“

Gar nicht zu reden von dem Pandemie-Szenario, mit dem im Bundestag schon 2013 vor einem Szenario wie dem heutigen gewarnt wurde – ohne dass die Regierung diese Warnungen ernst genommen hätte. Oder dem Wegrationalisieren der Schutzkommission vor fünf Jahren. Wie schlecht die Bundesrepublik vorbereitet war, wird leider eher in Spartenmedien oder Berichten auf den hinteren Seiten aufgearbeitet. Interessant ist hier ein aktueller Bericht in Vice (zu lesen hier). Dass Krankenhäuser bis vor kurzem noch die Bevölkerung um Folien und Einweg-Regenmäntel bitten mussten, um sich selbst Schutzkleidung zu basteln, scheint ebenso vergessen wie die Nöte der Zahnärzte.

Fazit: Die Bundesregierung hat Corona zunächst verschlafen, sah sich deswegen später zu drastischen Maßnahmen gezwungen und droht nun auch wieder den Ausstieg aus diesen zu verschlafen. Statt auf Aufklärung und offenen Dialog mit den Bürgern setzt sie auf Propaganda. Wirklich Spitze bzw. Weltmeisterlich ist unsere Regierung nur darin, ihre im besten Fall durchwachsene Corona-Bilanz mithilfe willfähriger, gleichgetakteter Medien als Erfolg zu verkaufen. Mich erinnert das an einen alten russischen Witz: „Unterhalten sich ein Hamster und eine Ratte. Die Ratte klagt bitter, warum sie so ein schlechtes Ansehen habe, wo sie dich eine enge Verwandte des Hamsters sei und die Unterschiede marginal. Der Hamster antwortet: ,Wir haben die bessere PR!´“!


Bilder: Pixabay/Wix, Screenshots Tagesspiegel.

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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