Merz droht Kinderärztin: Kritik an ihm „straffällig“ Majestäts–Kanzler lacht sie nach RTL-Sendung sogar noch aus

Erinnern Sie sich an das, was man uns als „Bürgerdialog“ von Kanzler bzw. Kanzlerin verkaufen wollte? Als handverlesenes Publikum handverlesene Fragen stellte bei den öffentlich-rechtlichen Sendern? Ich tat mir stets schwer, diese Farce zu ertragen.

Und jetzt das – es gibt einen Dialog mit dem Kanzler bei RTL, der wirklich diesen Namen verdient. Und bei dem der Sender tatsächlich Leute einlädt, die Druck auf der Blase haben. Wie die Kinderärztin Bea Merscher. Ihre eigentliche Attacke kam nicht live, sondern vorher: In den sozialen Medien warf sie Merz vor, mit Einsparungen im Gesundheitswesen seinen Amtseid zu brechen und dem Land bewusst zu schaden. Dass das im Studio verlesen wurde, reichte, um den Kanzler aus der Reserve zu locken – obwohl er es ja vorher hätte wissen können. Dazu später mehr.

Was weiter folgte, war bizarres Theater. 

Zum einen auf Seiten der Medien. „Focus Online“ empört sich in einem Kommentar unter der Überschrift „Mit Merz-Talk befeuert RTL die politische Verrohung“ über die Gästeauswahl. Zitat: „Der Bundeskanzler setzt sich bei RTL ins Studio und muss sich dort harte Bürger-Vorwürfe gefallen lassen. Der Privatsender befeuert das gezielt und spaltet damit.“

Eine Frage an den Autor Josef Seitz – übrigens ein alter „Focus“-Kollege, mit dem ich mich duze und den ich menschlich immer sehr schätzte: Lieber Josef, sind harte Bürgervorwürfe nicht das, was eine Demokratie ausmacht? Und wenn Medien das befeuern, ist das nicht Ihre Aufgabe? Ist das nicht Spaltung, sondern Grundlage der Demokratie? Und hat sich vielleicht Dein Kompass etwas verschoben, weil Politiker in solchen Formaten sonst eher auf Claqueure treffen oder allenfalls auf ehrfürchtige, sanfte Fragen denn auf knallharte und auch mal polemische Kritiker? Ist Polemik nicht ein Bestandteil von Demokratie?

Fragen über Fragen.

Die nächste: Wie um alles in der Welt konnte Merz in so ein Format gehen, mit echten Kritikern, ohne vorbereitet zu sein? Wie bitte konnte er auf die Vorwürfe, er würde seinen Amtseid brechen, die schon vorher bekannt waren,  unvorbereitet und ehrpusselig antworten („das geht zu weit“), statt die Sorgen der Ärztin in den Vordergrund zu stellen? Merz reagierte arrogant, oberlehrerhaft, und warf der Frau vor, sie betreibe eine „persönliche Herabsetzung“ (anzusehen hier).

Wie kann es sein, dass dieser Mann, dem offenbar jedes Verständnis für die öffentliche Wirkung fehlt, keine Berater hat oder duldet, die ihn vorbereiten, und ihm grundlegende Dinge erklären?

Schlimmer noch: Laut „Bild“ gerieten die Ärztin und der Kanzler auch nach der Sendung noch einmal aneinander. Beim Fototermin für die Teilnehmer war Merz demnach noch sauer. Laut der Ärztin sagte er ihr, dass ihre Aussagen in der Sendung „straffällig“ gewesen seien. Trotzdem habe sie dem Kanzler ein erneutes Treffen vorgeschlagen, so die Kinderärztin laut dem Bericht. Die Reaktion von Merz? Merscher behauptet: „Er lachte mich aus!“

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Als sie mit dem Hinweis, sie sei bald in Berlin bei einer eigenen Demo unweit vom Kanzler, noch einmal ein Treffen vorschlug, antwortete Merz: „Ganz sicher nicht!“ Ein Augenzeuge bestätigt die Schilderungen der Ärztin.

Damit wir uns nicht missverstehen: Die Medizinerin war mit ihren Vorwürfen in der Tat überaus polemisch und an der Grenze zur Schmähkritik. Aber das muss ein Politiker aushalten. Wie Friedrich Merz stattdessen wie der Pawlowsche Hund mit einem Beißreflex reagiert und in das offene Messer läuft, ist nicht nur höchst unprofessionell, sondern schlicht verheerend in der Außenwirkung. Erst stottert er sich im Studio durch seine eigene Hilflosigkeit, um sich dann nach der Sendung im Off in kindischer Eitelkeit zu ergehen: Wer Kritikern mit dem juristischen Holzhammer droht („straffällig“), ein sachliches Gespräch verweigert und die Frau stattdessen feige auslacht, offenbart das Nervenkostüm eines dünnhäutigen Provinzpolitikers, nicht das Format eines Regierungschefs.

Weichgespült

Dass ihm Medien wie der „Focus“ dabei sofort zur Seite springen und den Spieß umdrehen, um nicht den Kanzler für sein Totalversagen, sondern den Privatsender für die Zurschaustellung dieses Versagens zu kritisieren, entlarvt den Zustand des gesamten polit-medialen Biotops in diesem Land. Man sehnt sich nach den geschützten Werkstätten des öffentlich-rechtlichen Hofjournalismus zurück, wo die Fragen so weichgespült sind wie die Sessel im Studio.

Dass ihm Medien wie der „Focus“ dabei reflexartig zur Seite springen und den Spieß umdrehen – obwohl ihnen Merz oft selbst nicht konservativ oder reformfreudig genug ist –, entlarvt den Reflex des Establishments: Statt das Totalversagen des Kanzlers zu benennen, wird lieber der Privatsender dafür angegriffen, dass er die rohe Wirklichkeit überhaupt ins Studio gelassen hat. Man hat es schlicht verlernt, außerhalb der glattgebügelten Schutzräume zu agieren, in denen das System einen Schein-Dialog inszeniert, ungestört bleibt und im eigenen Echozirkel verharrt.

Die Wirklichkeit lässt sich eben nicht wegklagen – und wer bei einer Kinderärztin derart die Contenance verliert, zeigt damit, dass er außerhalb der polit-medialen Echokammer schlicht nicht überlebensfähig ist.

Bild: Symbolbild/KI/Grok & IMAGO / Jan Huebner

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