30 Jahre Befreiung des europäischen Ostens Reinhold Vetter sieht „wenig Anlaß für Feierlichkeiten“

Ein Gastbeitrag von Dr. Peter Seidel

Wenn heute, nach der Kündigung des INF-Vertrages, nicht gegen US-Mittelstreckenraketen demonstriert wird, dann ist dies auch eine Folge der friedlichen Revolution in Europa. Denn seitdem ist trotz Krimkrise die Kriegsgefahr deutlich gesunken. Wer also heute auf die Geschichte des europäischen Ostens seit 1989 zurückblickt, hat einigen Anlaß, frohgestimmt zu sein. Reinhold Vetter, ehemaliger ARD-Korrespondent in Warschau und Budapest, sieht dies offenbar anders.

In seinem neuen Buch „Der Preis des Wandels“ fragt Vetter, was denn „im östlichen Europa geschehen“ sei, daß es dort „zu solch einer Distanzierung vom Traum Europa“ gekommen sei. Daß es sich bei dieser Leitfrage um eine westliche Blickverengung handelt, zeigt exemplarisch der langsame Verfall der Sowjetunion: Dessen bis heute nachwirkende Folgen werden von Vetter so gut wie gar nicht beleuchtet, weder, die zunehmende Korruption der kommunistischen Kader, ihr teilweiser Übergang in die Wirtschaft als heutige Oligarchen, die Ausbreitung der organisierten Kriminalität, die Wiederbelebung nationalen Freiheitsstrebens. Hier wurden Weichen gestellt, die für die antisozialistischen Revolutionen so wichtig waren wie die Verheißung von Demokratie, Marktwirtschaft und Europa.

Nach dem Beitritt zur EU wurde dies wieder aktuell: In den östlichen Ländern wird heute genau überlegt, welche Rechte man nach Brüssel abgeben will und welche nicht, gerade nach der unilateral verschärften Flüchtlingskrise 2015. Dennoch wird im Westen kaum jemals danach gefragt, wie aus einem liberalen Revolutionär der ersten Stunde der Anhänger einer „illiberalen Demokratie“ wurde. Die Rede ist von Viktor Orbán, und er steht mit seinem Werdegang nicht alleine. Wieso? Auch bei Vetter spielt diese Frage leider keine Rolle.

Sein Buch beschäftigt sich mit den Weichenstellungen 1989/90, den folgenden Transformationsprozessen, und abschließend vor allem damit, daß „so manche Hoffnung von 1989 unerfüllt“ geblieben sei. Es umfaßt kurze Leseempfehlungen, eine zur ersten Orientierung ausreichende Landkarte sowie ein knappes Personenverzeichnis. Alles in allem ein zumeist solides Werk zur ersten Orientierung. Allerdings: Bei diesem Buch handelt es sich eher um eine Art Handbuch mit vielen statistischen Angaben, insbesondere zu Parteien, Wahlen und Regierung. Doch insgesamt greift es leider deutlich zu kurz. Seine Leitfrage bleibt das Manko des Buches.

Ärgerlich ist Vetters Beschäftigung mit dem „Sonderfall DDR“. Hier wiederholt er noch einmal die Thesen von den ungenutzten „besseren Lösungen“, und nicht zuletzt die Schädigung von „Selbstvertrauen und Stolz“ in der späten DDR, für ihn eine der Ursachen für „aggressives Auftreten gegen Ausländer und Flüchtlinge“. Der inzwischen in deutschen Feuilletons ausgebrochene Streit über Ursachen und Akteure der friedlichen Revolution zeigt bereits, was hier noch an Diskussion und „Vergangenheitsbewältigung“ auf uns zukommen dürfte.

Man muß kein Timothy Garton Ash sein, um mit etwas mehr politischer Empathie die Geschichte des Ostens Europas zu beleuchten und dabei etwas tiefer zu schürfen. Und dabei nicht zu vergessen: Es waren die „alternativen 68er“ im Osten Europas, die gegen den Einmarsch sowjetrussischer Panzer und den realexistierenden Sozialismus demonstriert und die das gemacht haben, wovon manche westlichen 68er bis heute träumen: Revolution. Das wird ihnen von manchem offenbar bis heute nicht verziehen.

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Reinhold Vetter, Der Preis des Wandels: Geschichte des europäischen Ostens seit 1989, Herder Verlag Freiburg im Breisgau 2019, 336 Seiten, 24 Euro

Dr. Peter Seidel, Public-Affairs-Berater und Autor, Frankfurt/Main

 

 

 

 

 

Bild: Zysko Sergii/Shutterstock

Text: Gast

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