Brandbrief an Senatorin: Berliner Kinderkliniken am Limit „Die Masken-Entscheidung war ein großer Fehler“

Von Kai Rebmann

Kinderkliniken und Arztpraxen in ganz Deutschland arbeiten seit Wochen am Limit. Zum fast schon chronischen Personalmangel hat sich jetzt auch noch eine gewaltige Welle von RSV-Infektionen gesellt. Die Abkürzung RSV steht für „Humanes Respiratorisches Synzytial-Virus“, das schwere Atemwegsinfektionen hervorrufen und gerade bei Kleinkindern im schlimmsten Fall tödlich verlaufen kann. Auch wenn das in der Regel zum Glück eher selten der Fall ist, stehen die Alarmsignale bundesweit vielerorts auf Rot. Besonders dramatisch ist die Situation offenbar in Berlin, wo sich Ende vergangener Woche mehrere Fachverbände und Ärzte zusammengetan haben, um ihrem Unmut in einem offenen Brief an Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne) Luft zu machen.

Unterzeichnet ist das Schreiben von der Berliner Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (BGKJ), dem Verband der Leitenden Kinder- und Jugendärzte Deutschlands (VLKKD), dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sowie der Initiative der Berliner Kinderkliniken. In dem Brandbrief ist von „unverantwortlichen Zuständen“ bei der stationären und ambulanten Versorgung der jungen Patienten die Rede und es wird darauf hingewiesen, dass deren Sicherheit „ernsthaft in Gefahr“ sei. „Die Gesundheit als auch das Leben unserer Kinder und Jugendlichen ist massiv bedroht“, schreiben die Experten. Viele „kritisch kranke Kinder“ müssten schon jetzt in benachbarte Bundesländer verlegt werden und in den kommenden Tagen sei noch mit einer weiteren Zunahme der Fallzahlen zu rechnen, so die Befürchtung der Unterzeichner.

Kinderärzte beklagen mangelnde Gesprächsbereitschaft

Die Kinderärzte belassen es jedoch nicht bei der Beschreibung des Ist-Zustandes, der für sich allein genommen schon ein Armutszeugnis für die Gesundheitspolitik in Berlin, aber auch ganz Deutschland ist. Denn was in der Hauptstadt in diesen Tagen zu sehen ist, dürfte nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs sein. Die Fachverbände weisen bereits seit mindestens dem Jahr 2011 auf die eigentlich unübersehbaren Missstände bei der ambulanten und stationären Versorgung von Kindern und Jugendlichen hin, so einer der weiteren zentralen Kritikpunkte. Seither habe sich „wenig bis gar nichts getan“ und von „politischen Lösungen“ sei nichts zu sehen. Aber auch die erst seit rund einem Jahr amtierende Gesundheitssenatorin Ulrike Gote kommt bei den Kinderärzten nicht gut weg. Der Vorwurf: „Eine von uns mehrfach angefragte Terminvereinbarung zu einem persönlichen Gespräch blieb zu unserem Bedauern unbeantwortet.“ Diese Gesprächsangebote hätten die Unterzeichner bereits im Sommer mehrfach an die Politik herangetragen. Geschehen ist seither – nichts!

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Dem gegenüber steht die Behauptung der Senatsverwaltung für Gesundheit, wonach man „seit Monaten intensiv an Lösungen (arbeitet), um die Krankenhäuser und Ärztinnen und Ärzte zu entlasten.“ Entweder handelt es sich hierbei um eine reine Schutzbehauptung oder man hat schlicht versagt. Umso mehr stellt sich die Frage, weshalb man die ausgestreckte Hand der Experten, die tagtäglich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, nicht dankbar ergriffen hat. Oder war es in Berlin so wie überall in der Bundesrepublik: Es gibt nur noch Corona und sonst nichts!

Diese unter Karl Lauterbach (SPD) salonfähig gemachte „Ein-Themen-Gesundheitspolitik“ war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Nicht wenige Experten haben wieder und wieder vor genau den Folgen gewarnt, die jetzt in den Berliner Kinderkliniken und Arztpraxen zu sehen sind. Schon im Frühjahr 2020 versuchte Prof. Dr. Sucharit Bhakdi dem Tierarzt Lothar Wieler (RKI) und dem Bankkaufmann Jens Spahn (CDU) zu erklären, wie das menschliche Immunsystem funktioniert und wie sich Epidemien in aller Regel zu entwickeln pflegen – jedoch ohne Erfolg!

RSV-Welle ist hausgemacht

Ganz aktuell und im Zusammenhang mit der grassierenden RSV-Welle unternahm der Immunologe Dr. Peter Schleicher in der „Bild“ einen erneuten Anlauf: „Kinder brauchen bis zu 16 Infekte im Jahr, damit sie überhaupt erst ein intaktes Immunsystem aufbauen können. Das ist das 1‑und‑1 der Immunologie. Tragen sie Masken, können sie sich nicht infizieren. In der Folge können sie keine Immunabwehr und kein Immun-Gedächtnis entwickeln. Deshalb werden heute so viele Kinder schwer krank.“ Klingt selbst für medizinische Laien eigentlich sehr einleuchtend und plausibel, oder?

RKI-Chef Wieler ist längst untergetaucht und Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn nicht mehr im Amt. Aber auch bei dessen Nachfolger werden die Grundrechenarten der Immunologie nichts als Verwirrung auslösen. „Uns Karl“ wird nachts um halb drei schon irgendwo eine Studie aufzutreiben wissen, die das vermeintliche Gegenteil beweist. Aber Dr. Schleicher legt nochmal nach: „Diese Entwicklung war wirklich vorhersehbar, die Masken-Entscheidung war ein großer Fehler. Die Politik hat sich blöd beraten lassen. Das war eine Katastrophe.“

Ob sich an der Gesundheitspolitik in Berlin und Deutschland in der Post-Corona-Ära etwas ändern wird? Wer zwischen den Zeilen des Brandbriefs liest, wird ernsthaft daran (ver)zweifeln müssen. Besonders starker Tobak ist der Vorwurf der Unterzeichner, „dass es in den Kinderkliniken nicht auf Qualität, sondern nur auf wirtschaftlichen Erfolg“ ankomme. Als kurzfristige Lösung mahnen die Kinderärzte eine Aufstockung des ärztlichen Personals in den Kliniken an. Der Senatsverwaltung ihrerseits fällt nicht viel mehr ein, als an die Praxen zu appellieren, die Krankenhäuser zu entlasten, was im Zweifel wohl nur durch Überstunden und Wochenend-Dienste zu gewährleisten sein wird. Zudem sollen planbare Eingriffe oder Untersuchungen, etwa die U-Untersuchungen bei Kindern, verschoben werden.

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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

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