Dann wacht man auf und gehört Google Ein Plädoyer gegen die digitale Totalüberwachung

Ein Gastbeitrag von Sönke Paulsen

„Ungeduscht, geduzt und ausgebuht“, so ähnlich heißt dieses geniale Buch doch, und so ähnlich fühle ich mich gerade. Meinen Kaffee neben dem Bildschirm mag ich heute nicht, er schmeckt lasch. In der Mailbox lauter anmaßende Dus von Leuten, die ich überhaupt nicht kenne und von Firmen, die mir auf die dumm-vertrauliche Art kommen.

Ich hab’s satt!

Das Internet verdirbt die Moral. Aber was rede ich? In der S-Bahn fahre ich an Großplakaten vorbei. „Hol dir das Neue …“ In einer Tour wird man unzählige Male unflätig geduzt.

Ich weiß, die Beschwerde kommt zu spät. Über die IKEA-Werbung und die Firmenkultur des „DU“ habe ich mich nicht aufgeregt. Wie so oft, schleicht sich das Böse erstmal ganz harmlos ein und wird dann irgendwann zur Hölle.

Wussten Sie, dass Vampire, der Erzählung nach, nur ins Haus kommen können, wenn man sie einlädt? Man muss sie bitten, über die Schwelle zu treten, bevor sie einen aussaugen können. Deshalb verhalten sie sich am Eingang möglichst unauffällig, um keinen Verdacht zu wecken.

Wie soll das erst mit Google werden und Facebook, die einen auf Schritt und Tritt verfolgen? Schon mal überlegt, dass an deren System der personalisierten Werbung und der ständigen Konsumspionage Tausende von Firmen dranhängen?

Der Meute entkommen

Ich empfehle konsequent, die Partnerlisten durchzusehen, wenn man auf einer Website aufgefordert wird, Cookies zu akzeptieren. Das geht teilweise in die Hunderte, die man durchscrollt und wo man sich fragt, wie man dieser Meute entkommen kann, außer die Website sofort zu verlassen und nichts zu akzeptieren.

So mache ich es seit kurzem mit allen Zeitungen, mit allen Google-Töchtern, auch Youtube, und mit Facebook. Ich akzeptiere nichts und verlasse sofort nach der Aufforderung, meine Wohnzimmertür zu öffnen, alle diese Sites.

Zuerst dachte ich, dass ich diesen Wahnsinn niemals durchhalten kann. Inzwischen merke ich, dass das absolut problemlos geht. Ich suche mir eine Suchmaschine, die Tracking verhindert und gehe sofort wieder von einer Seite herunter, wenn ich Cookies genehmigen muss, um sie zu lesen.

Was ich in der Suchmaschine lesen kann und auf der Nachrichtenseite, bis zur besagten Aufforderung, nach der nichts mehr geht, reicht mir völlig aus. Die Informationen (und Falschinformationen), die mich wirklich interessieren, gibt es meist auch in den öffentlich-rechtlichen Medien und den wenigen kommerziellen Medien, die noch nicht auf die Cookie-Erpressungsnummer aufgesprungen sind und es dem Leser freistellen, ob er Cookies genehmigen will oder nicht.

Übrigens ist der TOR-Browser nicht nur dazu da, unbemerkt ins „Darknet“ zu gelangen. Er kann einem auch ganz legal den Rücken freihalten von Google und Konsorten.

Wie lange das so funktioniert, weiß ich nicht, aber ich wehre mich wenigstens dagegen. Ich wehre mich auch gegen alle Unternehmen, die Geschäfte mit mir machen wollen und mich duzen. Es gibt nämlich auch noch höfliche Unternehmen, die einen nicht duzen und keine Cookies aufzwingen, um in das konsumierende Oberstübchen vorzudringen.

Ich kaufe meine DVDs beispielsweise nicht mehr bei Amazon, sondern im Weltbildverlag. Geht auch! Die Sache ist insgesamt ein bisschen anstrengender. Man muss etwas länger scrollen, bis man ans Ziel kommt, aber dafür behält man sein eigenes Leben noch in der Hand.

Kleiner Mann im Ohr

Die meisten Leute, die ich in der S-Bahn sehe, halten nach meiner Anschauung bestenfalls noch ihr Smartphone in der Hand. Kein Scherz. Wir haben doch schon alle einen „kleinen Mann im Ohr“. Der sagt uns, wo es langgeht, was wir denken, kaufen und glauben sollen. Außerdem hört der alles mit und verpfeift uns an der nächsten Ecke, wenn wir etwas „Falsches“ gesagt haben, zumindest dann, wenn wir dies mit Hilfe des Smartphones tun.

Eines Morgens wacht man auf und merkt, dass sich die Arme nur noch schwer bewegen lassen, die Handgelenke von bunten Ringen fest umschlossen und beim Versuch, die Beine aus dem Bett zu strecken, fallen die gleichen Ringe an den Knöcheln auf. Dann weiß man, dass man ab jetzt Google gehört und ein Sklave ist.

Glauben Sie nicht?

Google stellt uns kostenlos alle globalen Daten zur Verfügung und verlangt für diese Ermächtigung im Gegenzug alle unsere Daten, auch die persönlichsten. Es ist ein Pakt mit dem Teufel, wie ihn Faust einst einging. Warum merken wir das nicht? Denken wir so kurz?

Ich frage mich heute, was für ein Mensch überhaupt aus einer solchen Totalüberwachung und ständigen Manipulation resultieren soll? Sicher kein freier Mensch.

Bewurf mit (digitalen) Eiern und Tomaten?

Mir fällt jedenfalls nur das ein, auch wenn ich für diesen Artikel wohl ausgebuht werde.

Geduscht habe ich auch noch nicht.

Wissen Sie, was die letzte Waffe gegen diese Unfreiheit ist? Ein bedingungsloser Kollektivismus, nach dem Motto, wir sind alle gleich und deshalb können die uns nichts, solange wir nicht auffallen.

Das allgemeine DU nehme ich als Zeichen für diese schützende Gleichmacherei.

Nicht mein Ding!

Die Löcher sind die Hauptsache an einem Sieb, zumindest dann, wenn man durchkommen möchte (frei nach Ringelnatz). Tschüss!


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Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.


Sönke Paulsen ist freier Blogger und Publizist. Er schreibt in seiner eigenen Zeitschrift „Heralt“


PS: Anmerkung der Redaktion in eigener Sache: Wegen meiner negativen Erfahrungen bzw. der Zensur von Youtube, das zu Google gehört, habe ich soweit wie möglich die Google-Dienste von meiner Seite verbannt. Ich nutze weder Google Analytics noch Adsense, den gängigsten Werbe-Dienst. Der Wirtschaftlichkeit halber schalte ich zwar etwas Werbung, aber ohne einen der großen Giganten. Dadurch sind zwar einige Cookies auf der Seite, sogar mehr als bei denen, die die großen Datenkrallen eingebaut haben – aber diese Cookies können Sie jederzeit ausschalten über den Cookie-Banner.
Und weil man ja immer unterschiedliche Sichtweisen kennenlernen soll, hier noch der Kommentar von meinem Webmaster Denis Kussmann: Aus meiner Sicht sind sie (technische) Helfer. Sie helfen, Angebote bzw. digitale Produkte besser auf die eigene Zielgruppe auszurichten. Klar kann es passieren, z.B. über Retargeting, dass Sie als User sozusagen verfolgt werden. Sie schauen sich eine Seite an und plötzlich sehen Sie Werbung für Produkte, deren Seite sie erst kürzlich besucht haben. Allerdings ist es auch bei anspruchsvollen Seiten so, dass Cookies durchaus zum positiven Nutzererlebnis beisteuern und helfen, einen Dienst zu optimieren. Auf der anderen Seite, gerade in Bezug auf Google, sind die, also Google, auf einem ganz anderen Level der Informationsbeschaffung. Aber auch hier denke ich eher, dass Cookies insgesamt helfen, digitale Produkte besser zu gestalten. Ohne diverse Nutzerinformationen ist es schwer, z.B. eine Abschlussrate zu optimieren. Solange Daten anonym gesammelt werden, finde ich es auch legitim.
Kommentar von Peter Tanner: Cookies sind ziemlich irrelevant und recht unbedeutend. Die wurden schon in den 90ern zu Unrecht als Gefahr hochgejazzt. Der Nutzer ist anhand anderer Browser-Daten ganz einfach profilier und trackbar. Browser- und OS-Version, Bildschirmauflösung, installierte Schriften und Plugins etc. Das Mindeste, was man tun muss, ist JavaScript ausschalten. Bestimmte Cookies blocken, das ist fürs gute Gefühl, bringt aber nix.

Bild: tsyklon/Shutterstock
Text: Gast

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