Von Thomas Rießinger.
Sie fangen an, und sie versuchen, es harmlos erscheinen zu lassen.
Der Sohn eines Freundes, gerade einmal 16 ½ Jahre alt, durfte sich vor wenigen Tagen über offizielle Post freuen. Absender war das Bundesfinanzministerium, das auf diese Weise durch persönliche Ansprache Nachwuchskräfte suchte. Es war keineswegs ein Rundschreiben an alle und jeden, sondern personalisiert, und das in Form einer Karte. Sie haben sich sogar besondere Mühe gegeben, indem sie die Rückseite der Karte neben einigen passenden Grafiken und einem Emblem des Ministeriums mit dem Nachnamen des Jugendlichen verziert haben. Das sah dann so aus:
Selbstverständlich heißt der Angeschriebene nicht Mustermann, seinen Namen habe ich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes entfernt.
Auf der Vorderseite erfolgte dann die persönliche Ansprache, die Werbung um Personal, mit den Worten: „Du willst wissen, welche Chancen und Perspektiven das Bundesfinanzministerium für dich bietet? Entdecke über 50 Ausbildungsberufe und Studiengänge – sowie mehr als 1000 verschiedene Jobs im Innen- und im Außendienst. … Sei als VIP beim TALENT SCOUT am Tag des Bundesministeriums der Finanzen am Samstag, dem 6. Juni 2026 dabei! Erlebe exklusive Einblicke, spannende Backstage-Touren und entdecke, was alles in dir steckt – auch in deiner Region. Jetzt schnell sein und einen der begehrten VIP-Plätze sichern – inklusive kostenfreier Bahnfahrkarte!“
Darunter befand sich ein persönlicher QR-Code zur Anmeldung, damit niemand versäumt, sich die kostenfreie Bahnfahrt zu sichern.
Glaubt mir das irgendjemand? Ich hoffe nicht. Man würde doch, so könnte man denken, keine derart infantile Werbung für teures Geld verschicken, um vielleicht den einen oder anderen Interessenten zu gewinnen. Und was das Finanzministerium angeht, haben die Skeptiker auch recht, so etwas hat man nicht aus Berlin über die Republik regnen lassen.
Andere aber schon. Denn in Wahrheit sah die Rückseite der Karte so aus:

Es war die Bundeswehr, die diese etwas martialisch wirkende Karte an die Jugendlichen verschickt hat. Auch hier, im Original, wunderhübsch personalisiert, allerdings umgeben von den schönsten Tarnanzug-Mustern, die man im Fundus aufzutreiben in der Lage war. Absender war das „Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr“, wie man an der Absenderangabe auf der Vorderseite unschwer feststellen konnte. Und den eigentlichen Werbetext habe ich oben nur ein wenig auf die Bedürfnisse der Finanzverwaltung zugeschnitten. Denn auf der Vorderseite war zu lesen: 
Auch hier dann der persönliche QR-Code zur Anmeldung als VIP und selbstverständlich auch zum Erlangen der kostenlosen Bahnfahrt ins kriegerische Glück.
Sie schicken an Jugendliche Werbepostkarten, in denen sie so tun, als gehe es bei der Bundeswehr nur um „Chancen und Perspektiven“, um „Jobs in Uniform oder in zivil“ – es hätte „in Zivil“ heißen müssen, aber in der Hitze des Gefechts konnte man sich damit nicht aufhalten – sie locken sie mit der Bezeichnung als „VIP“, was sich nach einer eventuellen Rekrutierung schnell ändern dürfte, sie werben mit „exklusiven Einblicken“, spannenden „Backstage-Touren“ und mit der Aufforderung, zu entdecken, was in einem steckt, womit sie wohl kaum Granatsplitter oder Bleikugeln meinen.
Ich gebe zu: Auch die Bundeswehr darf um Personal werben. Jedoch nicht so schleimend-infantil, so verharmlosend, und vor allem nicht auf dem Weg der pseudo-persönlichen Ansprache, von der sich Jugendliche eher als Erwachsene – Grünen-Wähler nehme ich hier aus – beeindrucken lassen dürften.
Man muss kein Pazifist sein, um solche Kriegswerbung unter Jugendlichen, die in diesem Alter oft noch halbe Kinder sind, außerordentlich unangemessen zu finden.
Doch der Staat nimmt sich das, was er braucht.
Egal mit welchen Mitteln.

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PS: Während die Social-Media-Abteilungen im Ministerium Millionen verpulvern, um die Truppe mit perfiden PR-Tricks als modern und einsatzbereit zu tarnen, sieht die Realität verheerend aus. Hier wird nicht nur getäuscht, hier wird Steuergeld im großen Stil versenkt – etwa bei der Beschaffung von Funkgeräten, die Milliarden kosteten, aber bis heute nicht funktionieren. Lesen Sie hier die ganze Absurdität dieses logistischen Offenbarungseids: 2 Milliarden für Funkgeräte ohne Anschluss: Das digitale Desaster der Bundeswehr.
Doch das Milliardengrab ist nur die Oberfläche. Das chronische Versagen hat Methode – und ein Gesicht. Warum dieser Apparat in seiner jetzigen Struktur scheitern muss, und was AfD-Politiker Maximilian Krah damit zu tun hat, lesen Sie hier: Warum die Bundeswehr nie funktionieren wird – Das Versagen hat ein Gesicht. Maximilian Krah hat es gespürt. Hier der Beweis.

Der Autor:
Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und ehemaliger Professor für Mathematik und Informatik. Er publiziert Fachbücher, philosophische Aufsätze und Beiträge zur Unterhaltungsmathematik. Sein Buch „Wahrheit oder Spiel“ finden Sie hier, „Umgang mit Formen“ über diesen Link.
Bild: Symbolbild/KI/Grok
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