Es sind Menschen wie Lew Schlossberg, wegen derer ich Russland liebe und mich selbst als halber Russe fühle. Der stets etwas jungenhaft wirkende 63-jährige Historiker und Lehrer ist ein Bilderbuch-Russe – hoch anständig, bescheiden, bodenständig, integer durch und durch. Und immer mit einem Lächeln. Er ist ein aufrichtiger Patriot – der es genau deshalb, weil er sein Land liebt, als seine Pflicht sieht, die Regierung zu kritisieren. Auch deshalb wurde er für mich zu einem Vorbild.
Fast zehn Jahre saß Schlossberg im Regionalparlament von Pskow für die Oppositionspartei Jabloko – die jetzt als letzte noch halbwegs kremlkritische Partei von den bevorstehenden Duma-Wahlen ausgeschlossen wurde.
Jetzt wird das Lächeln wohl von seinen Lippen verschwinden. Ein Gericht hat ihn zu elf Jahren und einem Monat Lagerhaft verurteilt. Sein „Verbrechen“: Er hat den Krieg in der Ukraine kritisiert und sich für einen Waffenstillstand ausgesprochen. Das Gericht sah darin eine „Diskreditierung der Armee“ und „Fakes“.
Schlossberg hätte schweigen können. Sich wegducken. Aber sein Gewissen konnte das nicht.
Gruselige Fakten
Ich könnte lange von seinem Leidensweg erzählen – vom Überfall, vom Hausarrest, von den ständigen Schikanen, davon, wie er zum „ausländischen Agenten“ erklärt wurde – ein Stigma, das in der Stalin-Zeit wurzelt und unter Putin wiederbelebt wurde. Wie ihn die Richterin in seinem letzten Wort ständig unterbrach, wie beim Plädoyer seine Anwälte nicht im Gerichtssaal waren. Aber ich erspare Ihnen und mir die Aufzählung. Es tut mir einfach nur im Herzen weh.
Was er selbst über seinen Fall schrieb, sagt mehr als alles, was ich schreiben könnte:
„Ein Politiker hört auf, ein Politiker seines Landes zu sein, wenn er beginnt, seinen Bürgern den Tod zu wünschen. Egal welchem – Zivilisten, Soldaten, den Rechtschaffenen und den Unrechtschaffenen, den Zustimmenden und den Widersprechenden. […] Die Trennung von der Heimat – auch von einer Heimat, die dich verstoßen hat – ist eine harte Prüfung. Um sie zu bestehen, muss man sich das Bewusstsein der Verwandtschaft mit dem eigenen Land bewahren – selbst in den schwersten Zeiten, wenn das Volk dich nicht versteht, dich nicht akzeptiert, dich verfolgt und dir den Tod wünscht. Du darfst deinem Volk nicht Tod, Leid und Unglück wünschen – ob im Ausland, im Gefängnis oder unter der Drohung des Gefängnisses. Vorausgesetzt natürlich, du hältst dieses Volk für dein eigenes und das Land für deins.“
Was für Worte! Was für eine Tragödie für Russland, dass die Regierung solche Menschen wegesperrt – und echte Verbrecher aus den Gefängnissen holt, damit sie an der Front kämpfen können.
Hinter Gittern
Es tut mir weh, dass Schlossberg alles andere als ein Einzelfall ist. Dass in Russland massenweise unschuldige Menschen von ihren Familien weggerissen und eingesperrt werden, nur weil sie sich gegen diesen Krieg aussprechen.
Es tut mir weh, dass Putins teilweise einfach naive und ahnungslose Lautsprecher im Westen – gerade auch in Teilen der alternativen Medien – all das systematisch verschweigen. Dass es ihnen gelungen ist, so vielen gutgläubigen Menschen einzureden, Putins System sei eine echte Alternative. Weswegen mancher glaubt, man könne den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.
Es ist schwer zu ertragen, wenn Unrecht mit anderem Unrecht aufgerechnet wird, als könne das eine das andere rechtfertigen.
Und ich würde mich schämen, wenn ich diese Zeilen nicht schreiben würde. Wenn ich schweigen würde, wie es (zu) viele Kollegen tun, die Putin genauso kritisch sehen wie ich, aber Angst haben, Leser zu verlieren.
Echter Patriotismus
Ich weiß aus vielen Zuschriften: Es gibt sie. Die Menschen, die sowohl Berlin als auch Moskau (und natürlich auch Kiew) kritisch sehen. Die Russland lieben, ohne deswegen Putins Regime für gut zu halten – genauso wie man Deutschland lieben kann, ohne Friedrich Merz zu lieben. Genauso, wie Schlossberg Patriotismus vorlebt – als Pflicht, kritisch gegenüber den Herrschenden zu sein.
Menschen, die klar die Propaganda in unseren Medien durchschauen, aber deswegen nicht glauben, dass automatisch das Gegenteil von dem, was dort steht, wahr sein muss. Die wissen: Nur weil unsere Journalisten Moskau inzwischen genauso schwarzzeichnen wie sie es bis 2014 noch weichzeichneten (und Putin-Kritik wie meine als „überzogen“ brandmarkten), nur deshalb ist Putin eben kein Guter.
Keine falschen Schlüsse
Es gibt sie, die Menschen, die zwar sehen, dass auch die Ukraine viele Fehler gemacht hat, und auch der Westen, die aber eben auch sehen, dass das keine Rechtfertigung für einen Angriffskrieg ist, für ständigen Terror gegen die Zivilbevölkerung.
Die Putin kritisieren und gleichzeitig die antirussische Stimmung gruselig finden, die auch einfache Russen trifft, die selbst nichts von ihm halten.
Die dem Schwarz-Weiß-Denken widerstehen und nicht das Opfer zum Täter machen, nur weil das Opfer eben auch nicht frei von Fehlern ist.
Lieber anecken als anschleimen
Und es gibt sie, die Leser, die in manchen Fragen anderer Meinung sind als ich – auch bei Russland – und mir trotzdem verbunden bleiben und Respekt zeigen. Genauso wie ich das umgekehrt tue. Die sagen: Ich will keine Echokammer wie so viele Rot-Grüne, ich will aufrichtigen Journalismus, auch wenn der mal aneckt bei mir. Oder eben gerade deshalb.
All diesen Menschen möchte ich an dieser Stelle danken. Ohne sie würde ich diese Arbeit nicht weitermachen.
Danke.
Wenn Sie Journalismus schätzen, der seinen Lesern nicht nach dem Mund redet, setzen Sie mit jedem Euro Unterstützung ein besonderes Zeichen – das trägt. 1000 Dank!
PS: Lesen Sie hier kostenlos meinen Bestseller „Putins Demokratur“. Putin hat den Begriff übrigens später selbst übernommen.
PPS: Und nein, solange Menschen wie mein Vorbild Schlossberg im Gefängnis sitzen, werde ich nicht schweigen über das Unrecht in Russland. Genauso wenig wie über Unrecht anderswo, auch bei uns. Schlossberg hat ein Urteil zu elf Jahren Arbeitslager nicht zum Umknicken gebracht. Ich würde mich schämen, würde ich wegen böser Zuschriften oder weniger Lesern und Unterstützung feige werden.
PPPS: Kaum habe ich diesen Artikel fertig geschrieben, llese ich, dass ein 41-Jähriger Deutscher in Sankt Petersburg festgenommen wurde, weil er rund neun Euro für die Anti-Korruptions-Organisation des im Gefängnis verstorbenen Kremlkritikers Alexej Nawalnyj gespendet haben soll. Diese gilt in Russland inzwischen als extremistisch. Genau die gleiche Logik, mit der auch Schlossberg hinter Gitter kam – und so viele andere. Video-Aufnahmen der Behörden zeigen, wie die Hände des Mannes bei der Festnahme zitterten und er die Beamten, seine Familie nicht zu erschrecken.
Bild: Jabloko Pskow
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