Die Gesichter der #unteilbar-Demonstration Bunte Vielfalt in schwarz-weiß

Von Christian Witt (Foto) und Alexander Wallasch (Text)

Christian Witt, Jahrgang 1968, mit Wurzeln an der nördlichen Ostsee und dem Braunschweigischen, aufgewachsen in Äthiopien und Deutschland, studierte nach einer klassischen Schriftsetzerlehre an der HBK in Braunschweig und ist seitdem europaweit als freier Fotograf, Dozent und Gestalter mit Homebase in Berlin und Riga unterwegs. Über sich selbst sagt er, „ein geschüttelt Maß an Freisinnigkeit“ sei für ihn „die Freiheit, die es für Gestaltungsprozesse braucht: Im konkreten Gestaltungsauftrag wie im politischen Ausverhandeln in gesellschaftlichen Debattenräumen“.

Schwarz-weiße Dystopie einer grünen Bewegung

Die grüne Bewegung ist Teil des Gründungsmythos einer Bundesrepublik nach jener Bundesrepublik geworden, die sich aus den Trümmern der nationalsozialistischen Diktatur erhoben hatte. Auch in der späteren DDR wurde gleichermaßen darum gerungen, die zerstörten Städte wieder Ziegel um Ziegel zu ansehnlichen Behausungen aufeinanderzuschichten.

Wenn diesen Behelfsbauten Neubauten folgten, konnte man sie kurz vor den Abriss noch entdeckten, diese unregelmäßigen Mauern, aufeinandergeschichtet, um schnell Obdach zu geben. Das deutsche Wirtschaftswunder erwuchs aus einem erstaunlichen Aufbruchswillen.

Sicher gab es auch Auswanderer, die Deutschland für immer den Rücken kehrten. Aber die wenigsten sind überhaupt auf die Idee gekommen, die vollkommen zerstörte Heimat zu verlassen – wie auch? Im Ausland waren sie jene Deutschen, die gerade halb Europa in Schutt und Asche gelegt und Millionen Menschen industriell vernichtet oder zu Kriegsopfern gemacht hatten.

Dieses Grauen war Teil der Mitgift der Kriegsgeneration an ihre Kinder. Der sogenannten 68er-Bewegung graute es darüber besonders.

Opposition war damals selbstverständlich links, linksradikal, linksextremistisch, später dann terroristisch. Aber es gab auch jene, die Dutschkes Marsch durch die Institutionen verfolgten, die ersten Bürgerinitiativen entstanden so.

Am erfolgreichsten wurden die Umweltbewegungen, sie hatten den größten gemeinsamen Nenner. Bauern und alternative Wohngemeinschaften gingen gemeinsam, und das war im Wendland nicht nur ein Mythos – mit dem geplanten Atommüll-Endlager Brokdorf bekam man ein gemeinsames Hassobjekt frei Haus hinzu.

Aus Initiativen wurde Partei, die Grünen zogen 1983 mit 5,6 Prozent in den Bundestag ein. Was nach wenig Einfluss klingt, verfügte allerdings von Beginn an über die breiteste außerparlamentarische Rückendeckung, die je eine Partei der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik für sich verbuchen konnte. Und daran hat sich bis heute wenig geändert – beginnend mit den 2000er Jahren ist zunehmend eine Medienpräsenz dazugekommen, von privaten Druckerzeugnissen bis hin zu den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten.

Aber zurück ins Jahr 1983, damals entstanden jene ikonografischen Fotografien, die eine Generation und ihr politisches Bewusstsein prägten. War der ewige Kanzler Helmut Kohl (CDU) noch unangefochtenes Feindbild, steht Angela Merkel (CDU) auf der Seite der grünen Bewegung, ihre Politik ist vom Ausstieg aus der Atomenergie und der Automobilindustrie geprägt, bis hin zur Massenzuwanderung und Abschaffung der Wehrpflicht.

Grüne Politik, wie sie erstmals an den Küchentischen der Wohngemeinschaften erträumt oder in verrauchten Stuhlkreisen alternativer Gemeinschaftshäuser zu Ideologien verstrickt worden war.

1983 gab es bald eine halbe Million Aktivisten und fünftausend Einzelinitiativen, Demonstrationen gegen die Nachrüstung – die Ostermärsche wurden von Hunderttausenden begleitet.

Mit den Grünen sickerte nicht nur im selbstbeweihräuchernden Sinne Farbe in die Gesellschaft ein: Die grüne Bewegung nahm ihren Anfang zufällig an der Schnittstelle von den schwarz-weiß geprägten hin zu den Farbmedien. Aus der farblosen Bonner Republik in die bunte Vielfalt des Deutschland von heute: So etikettieren die Grünen ihre vierzigjährige Parteigeschichte, die Grünen sind im politischen Geschäft heute bald länger vertreten, als die DDR existierte.

Der Untergang der DDR: Von Bitterfeld über Magdeburg, Leipzig und Frankfurt/Oder alles in schwarz-weiß. Im Nachwende-Blick schauten die Kameras ohne Farbfilm zurück in die DDR – zumindest sah es auf den grau in grau erscheinenden Bildern so aus. Die Gesichter der Menschen darauf ergeben, gefangen, erschöpft, gleichgültig und sorgenvoll.

Erstaunlicherweise der Eindruck, den man bekommt, wenn man die Fotografien anschaut, die Christian Witt aus Berlin mitgebracht hat. Aufnahmen von einer als Großdemonstration angekündigten Veranstaltung, als Wahlkampfhilfe für Rot-Rot-Grün und eine Reihe von Nichtregierungsorganisationen mit Infoständen vom Reichstag bis zur Straße des 17. Juni und darüber hinaus.

Gestartet als Großdemonstration und beendet als seelenlos erscheinende Klientelveranstaltung von Parteien, welche die amtierende Regierung ablösen wollen – sogar unabhängig davon, ob sie, wie die SPD, selbst schon über viele Jahre mitregieren.
Was der Fotograf aus Berlin mitbringt, hat etwas Erschütterndes, das nicht alleine darin begründet sein kann, dass seine Aufnahmen auf Farben verzichten.

Die Wahl der Schwarz-Weiß-Aufnahme wird hier zum Brennglas der Erschütterung: Der dokumentarische Moment rückt unmittelbar in den Fokus, keinerlei Farbwelt verstellt mehr den Blick auf die tief verunsichert wirkenden Demonstranten und Mitläufer.

Christian Witt hat vor allem die Atmosphäre eines Endzeitevents festgehalten. Paradox: Möglicherweise kurz vor dem größten Erfolg von Rot-Grün sieht man auf Witts Fotografien hinter den Masken eine große Desillusionierung und Desorientierung. Die so Bewegten scheinen längst nicht mehr zu wissen, wofür sie eigentlich auf die Straße gehen. Diese Momente einer großen Verstörung hat Christian Witt exklusiv für reitschuster.de mit seiner Kamera dokumentiert.

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Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger und betreibt den Blog alexander-wallasch.de. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann) schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“ Seit August ist Wallasch Mitglied im „Team Reitschuster“. Dieser Artikel erschien zuerst auf seiner Seite  alexander-wallasch.de

Bild: privat
Text:wal

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