Einsatz an der Erotik-Front Im besonderen Auftrag in Moskau

Immer nur Corona, immer nur Politik – ich bin sicher, Sie sind davon genauso müde wie ich. So sehr ich einerseits finde, dass man trotzdem den Schwerpunkt auf diese Themen setzen muss – weil die großen Medien hier kritische Sichtweisen viel zu wenig bringen, so sehr finde ich auch ein Kontrastprogramm notwendig. Darum will ich heute versuchen, Ihnen ein Schmunzeln auf die Lippen zu zaubern. Und wieder einmal eine meiner Geschichten aus alten Zeiten bringen, die Sie in eine völlig andere Welt entführen: garantiert Covid-19- und Corona-Politik-frei. Ich hoffe, sie genießen den „Ausflug“ in das Jahr 2006 genauso wie ich als kleine Ablenkung vom alltäglichen Irrsinn dieser Tage. Was waren das für Zeiten, als ich statt auf Pressekonferenzen und Demonstrationen mit Wasserwerfen und Flaschentreffern – streng dienstlich – in die Gesellschaft von jungen Frauen eintauchen musste. Aber lesen Sie selbst:

Der Kampf ist ungleich. Drei gegen einen. Mit langen Lederstiefeln auf hohen Absätzen und kurzen Röcken stolzieren mir die drei Schönheiten entgegen. Eine knappe Armlänge bevor sie bei mir angekommen sind, werfen sie sich in Pose – und berühren mich an der Schulter, den Armen und den Knien. 50 Frauen verfolgen die Szene aus ein paar Meter Abstand gebannt und achten auf jede meiner Bewegungen. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Die drei Frauen schmiegen sich mit ihren Haaren an meinen Kopf und streicheln mir Schultern und Beine. Mein Puls beginnt zu rasen wie Moskauer Apparatschiks in ihren Mercedes-Karossen mit Blaulicht auf den Ausfallstraßen.

Nein, es handelt sich nicht um eine unanständige Männer-Phantasie, und ich habe mich auch nicht in ein zwielichtiges Moskauer Etablissement verirrt. Der Einsatz an vorderster Front ist rein dienstlich – und die Attacke kam völlig unvorbereitet. Im Fußball würde man sagen, ich wurde auf dem falschen Fuß erwischt. Oder war ich im Abseits? Auf jeden Fall schien ich den Boden unter den Füßen zu verlieren und hoffte auf den Abpfiff.

Gut, ich hätte mir denken können, dass es kein Einsatz wie jeder andere wird – die Reportage über die Moskauer „Luderschule“, die „Anmach-Akademie“ im Stadtteil „Proletarskij“. Aber dass mein Gastgeber – Wladimir Rakowskij, der oberste Luder-Lehrer – einfach den Spieß umdrehen und mich als Journalisten zum Versuchskaninchen machen würde, wer konnte das ahnen? Und dass alles so hauteng zugehen würde! In der Ausbildung hatten wir zwar Enthüllungsjournalismus und investigative Recherche gelernt – aber kein Professor hatte je gewarnt, dass einem derartiges widerfahren kann.

Erotischer Verzehr

Ich kam in die heikle Lage wie die Jungfrau zum Kind, auch wenn der Vergleich hier in diesem Zusammenhang hinkt. Weil die Dauerkrise in den 90er Jahren den Menschen in Russland ein Maximum an Wandlungsfähigkeit abforderte, musste auch Wladimir Rakowskij umsatteln. Beim Katastrophenschutz hatte der Mann mit einer Stimme so tief wie ein Nebelhorn und einem XXL-Bauch Unfallopfern Beistand geleistet – und dabei bemerkt, dass er bei der weiblichen „Kundschaft“, wie er das nennt, besonders gut ankam.

Rakowskij machte aus der Not eine Tugend, oder zumindest ein Geschäft – und gründete seine „Luderschule“: Hier bringt der Mittvierziger Frauen bei, wie sie den richtigen Mann finden. Einer half er dabei besonders tatkräftig – Schenja, 21 Jahre alt, wurde seine Angetraute, die vierte an der Zahl. Das Programm reicht von der Verführung durch das erotische Verspeisen einer Banane bis hin zu der Antwort auf die sehr russische Frage, mit welchen Gerichten man als Frau seinen Allerliebsten glücklich macht oder zumindest bei der Stange hält (nämlich, indem man ihm alle Wünsche von den Lippen abliest).

Jede westliche Gleichstellungsbeauftragte hätte ihre gewaltigen Probleme mit Rakowskij. Ich hatte sie gleich doppelt. Nicht nur aus weltanschaulichen Gründen – sondern auch, weil an der Schule die Gleichberechtigung nicht nur im Lehrprogramm fehlt, sondern auch im Hörsaal – neben dem Guru selbst war kein anderes männliches Wesen anwesend (außer unserem Fotografen Igor, aber der sagt von sich selbst, er sei bereits in dem Alter, in dem einem Mann das Interesse einer Frau mehr Sorgen bereitet als ihr Desinteresse). 

„Heute haben wir endlich einmal die Möglichkeit, nicht nur Theorie zu pauken, sondern auch am Objekt zu üben“, hörte ich Rakowskij plötzlich sagen – und lachte noch ganz unschuldig und nichts ahnend.

Es kam dann zu einer Szene, die in jeden Hollywood-Thriller passen würde. Rakowskij fixierte seinen hämischen Blick auf mich – und mit jedem Sekundenbruchteil wurde mein Lächeln brüchiger. Zuerst wich es immer stärkeren Zweifeln – und dann trauriger Gewissheit, als er plötzlich auf mich zulief und sagte: „Bitte setzen Sie sich auf den Stuhl hier in der Mitte, tun Sie gar nichts, fühlen Sie sich ganz entspannt“. Ich spürte, dass Ungemach drohte – und dass jeder Widerstand nicht nur zwecklos, sondern auch gefährlich war. Und ich wollte nicht als Feigling vor dem Feind dastehen.

‘Zeigt´s ihm!‘

Kaum hatte ich auf dieser windschiefen modernen Moskauer Form des Prangers Platz genommen, schnipste Rakowskij mit den Fingern: „Schenja, und die beiden Nataschas, zeigt´s ihm!“ Ich war noch kühl genug im Kopf, um bei den fünfzig „Schülerinnen“, die um mich herum auf den Stühlen saßen, ein Lächeln in ihren Augen auszumachen. Doch ich war mir nicht mehr klar darüber, ob es sich um Schadenfreude, Mitleid oder Auslachen handelte. Eine genaue Beschreibung des Einsatzes von Schenja und den beiden Nataschas möchte ich mir an dieser Stelle verkneifen, schließlich muss ich beim Schreiben ruhig Blut  bewahren.

Drehen wir also die Zeit etwas nach vorne. Als Rakowskij wieder schnipste und meinte, „es reicht“ (der Mann konnte kaum ahnen, wie recht er hatte), war es eine naive Annahme von mir, ich hätte das Schlimmste überstanden: Kaum hatten die drei Frauen endlich den gewerkschaftlich vorgeschrieben Mindestabstand zu mir erreicht (ich war schließlich im Dienst!), fragte Rakowskij heiter die Zuschauerinnen, welchen Eindruck das Objekt auf sie gemacht hätte – also ich. Nur die harmloseren Antworten seien verraten: Der Tenor reichte von „er wirkte etwas schüchtern“, über „er schien etwas angespannt“ und „er machte keinen unglücklichen Eindruck“ bis hin zu weitaus meinungsfreudigeren Sätzen, von denen ich nicht einzuschätzen weiß, ob sie schmeichelhaft oder das Gegenteil waren.

Nicht nahverkehrstauglich

Obwohl von der Statur her eher ein Bär, steht Rakowskij einer Katze in nichts nach in der Kunst, eine einmal gefangene arme Maus bis zum äußersten zu triezen. „Fragen wir doch unser Objekt selbst“, fuhr er fort: „Erzählen Sie uns, was Sie gefühlt haben?“. Einhundertsechs weibliche Augenpaare starrten mich gebannt an – die von den beiden Nataschas und Schenja mitgezählt. Ich wusste: Wenn ich jetzt etwas Falsches sage, könnte der Abend sehr unromantisch enden. „Es war eine sehr interessante Erfahrung…“, stammelte ich. Rakowskij machte keinerlei Anstalten, mich zu erlösen und selbst das Wort zu ergreifen. „Und die drei Damen sind ausgesprochen charmant…“ 

Rakowskij ließ mich weiter zappeln. Doch ich bäumte mich auf: „Aber hier in der Schule geht es doch ums Anbandeln. Und ich glaube, was die drei Damen hier zeigten, ist nicht der richtige Weg, um etwa in der Metro einen Mann auf sich aufmerksam zu machen.“

Die Retourkutsche saß. Rakowskij unterbrach das Gelächter schnell mit einem „Aufgepasst!“ und hüpfte der vielen Pfunde zum Trotz blitzschnell zur Tafel: „Jetzt zeige ich, wie man aus seiner Rolle ausbricht.“

 Das hätte ich auch gerne gewusst in diesem Moment. Ich hielt fortan einen Sicherheitsabstand von mindestens acht leeren Stühlen. Vergeblich. Beim Unterrichtspunkt „Wie spricht man einen Mann im Lokal an“ wurde ich wieder ins Frontgeschehen gerissen. Wie naiv war es von mir, zu glauben, wir Männer seien trickreich im Anbandeln. Waisenknaben sind wir!

Nur ein Beispiel für allem Anschein nach praxisbewährtes weibliches Know-How: „Könnten Sie mir kurz ihr Handy geben für einen wichtigen Anruf, bei meinem ist das Guthaben leer?“ Der Rest ist einfach, ließ ich mir sagen: Eine gute Freundin anrufen – bei der die Nummer des Zielobjekts in der Anruferliste gespeichert bleibt – und später mit einer telefonischen Danksagung in die Offensive gehen.

 Ehe ich mein Telefon hergeben konnte, ging Rakowskij wieder an seine Tafel und zeichnete mit straff gespanntem Hemd ein Schaubild über die drei unterschiedlichen Arten, in denen das starke Geschlecht in der freien Wildbahn anzutreffen ist – als „Kind“, als „Teenager“ und – zum Leidwesen der Frau höchst selten – als „echter Mann“.

Zumindest mein Männerbild brachte der Besuch in der „Luderschule“ ins Wanken. Da ist Marina, die lebensfrohe Marketingexpertin, die ihr Mann Zuhause wie eine „Dienstmagd“ hielt. Da ist Irina, der ihr Gatte immer wieder die Hölle heiß macht, wenn sie das Essen ohne Lächeln serviert. „Alle meine Freunde waren wie kleine Jungen, wollten bemuttert werden, drängten mich in eine Rolle, die ich gar nicht wollte“, klagt Natascha: „Nie war mir ein Mann wirklich nah“. Russlands Männer kämen nie aus der Pubertät heraus, verhielten sich oft so, wie man es eher von Frauen erwartet, stimmt dann auch Rakowskij in das Klagelied ein: „Das geht so weit, dass Männer Kopfschmerzen vorschützen, um sich vor Sex zu drücken.“

Die patriarchalische Erziehung trichtere den Frauen ein, sie seien nur dann etwas wert, wenn sie einen Mann haben – besser einen Säufer oder einen, der sie schlägt, als gar keinen. „Der Name Luderschule ist nur ein Aushängeschild“, behauptet Rakowskij: „In Wirklichkeit will ich den Frauen helfen, zu sich selbst zu finden, den ersten Schritt Richtung Emanzipation zu tun.“

„Haben nicht Männer Unterricht und psychologischen Beistand viel notwendiger?“, frage ich Rakowskij nach der Stunde. „Ja, aber sie sind weniger veränderungsfähig als Frauen“, antwortet er: Es ist leichter, eine Straßenlampe in Bewegung zu bringen, als die meisten Männer. Eine der jungen Frauen kommt auf mich zu, mit gezücktem Notizblock und ratlosen Augen. „Bitte, erklären Sie mir die Männer!“, sagt sie traurig. Ich lasse den Kopf hängen: „Dazu müssten wir uns erst selbst verstehen.“

Hier finden Sie die große Foto-Reportage die damals aus dieser Recherche entstanden ist.

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Bilder: Igor Gavrilov
Text: br
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Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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