Schachmatt mit Messer und Gabel Wie mein Freund Igor Schach-Legende Kasparow bezwang

Gerne setze ich die Tradition fort, mit humoristischen Geschichten vom trüben Alltag abzulenken. Heute mit einer unglaublichen Begebenheit vom anderen Ende der Welt, dem Pazifik, und aus einer anderen Zeit.


Wer träumt ihn nicht, diesen Traum? Es einmal im Leben allen zu zeigen. Gegen den Weltmeister in den Ring zu steigen und als Sieger heraus zu kommen. Ist diese Sehnsucht bei Hobby-Boxern und Freizeit-Ringern aus verständlichen Gründen eher theoretischer Natur, so birgt solch ein Duell mit dem Besten der Zunft für Feierabend-Schachspieler deutlich weniger Gefahren.

Zumindest theoretisch. Denn im vorliegenden Fall hätte der Zweikampf für Igor Gavrilov, meinen Freund, Fotografen und Lehrmeister, durchaus mit einem oder zwei blauen Augen enden können. Igors ist im Umgang mit Kameras und Pixeln weitaus geübter als im Führen von, nun ja, wenn nicht Damen, so doch Springern, Läufern und Türmen.

Insofern hätte eigentlich keine Gefahr bestehen dürfen für den Mann, den Igor auf seiner Reise durch Russland begleitete: Garri Kasparow, der beste Schachspieler aller Zeiten, fünfzehn Jahre lang Weltmeister und in Russland ein Volksheld wie Beckenbauer in Deutschland. Wegen ständiger Autogramm-Wünsche bringt er es zu Fuß auf maximal drei Meter in der Minute.

Wer so erfolgsverwöhnt ist, wird schnell leichtsinnig. Hätte Kasparow mit seiner genialen Inspiration nicht spüren müssen, dass der Mann, der sich neben ihn an den Tisch setzte, zu einer ebenso ungewöhnlichen wie unabwendbaren Attacke ansetzen und den König matt setzen würde?

Bühne für den Zweikampf der anderen Art war ein etwas heruntergekommenes Cafe mit mehr Fliegen als Gästen am anderen Ende Russlands und der Welt: In der russischen Hafenstadt Nachodka am Japanischen Meer, neun Flugstunden und sieben Zeitzonen von Moskau entfernt.

Wagemutige Bestellung

Mutig, wie sowohl Fotografen als auch Schachspieler nun einmal sein müssen, scheuten die beiden kein Risiko für Leib und Magen, fügten sich mannhaft in ihr Schicksal und bestellten etwas zu essen. Ein Hühner-Kotelett der Weltmeister, ein Schweine-Kotelett der Fotograf. Mit diesem Eröffnungszug war der Grundstein für den bitteren Ausgang der Partie gelegt.

Die russische Küche ist im Gegensatz zu ihrem amerikanischen Gegenpart generell nicht für Express-Abfertigung berühmt. Am Japanischen Meer indes drohte die Bestellung zur unendlichen Geschichte zu werden. Der Weltmeister jedoch neigt kulinarisch eher zu Blitzpartien, zumindest auf Reisen. Und so machte er das, was er auch am Schachbrett besser kann als jeder andere: Druck.

Prompt kam einige Minuten später eine schmalbrüstige Bedienung aus der Küche; das einsame Tellerchen, das sie so sorgsam wie ein kleines Kind in ihren Händen hielt, machte angesichts des gewaltigen Trosses, mit dem der Weltmeister gekommen war, einen jämmerlichen Eindruck. „Ein Kotelett“, fragte die junge Dame so schüchtern, als sei sie hier nicht in der Arbeit, sondern bei ihrem ersten Rendezvous.

Der Weltmeister war so in seine taktischen Analysen vertieft, dass er Igor den nächsten Zug überließ. „Schwein?“ fragte mein Fotograf mit hungriger, grimmiger Miene und sehr bestimmt. Offenbar so bestimmt, dass die junge Frau in ihrer Schüchternheit gar keine andere Wahl hatte, als den Teller nickend vor Igor abzustellen und lautlos zu entschwinden.

Mit unschuldiger Miene

Vor den Augen des hungrigen Weltmeisters, seiner fünf Leibwächter und einer Handvoll Berater und Gäste verzehrte Igor in aller Ruhe und mit unschuldiger Miene seine Portion. Der Weltmeister spielte nebenan immer nervöser mit Messer und Gabel. „Garri, wir müssten schon lange beim nächsten Termin sein“, goss ein Berater Öl ins Feuer.

Fünf Minuten später startete Kasparow eine letzte, verzweifelte Attacke: „Wo ist mein Kotelett?“ fragte er eine der Frauen am Tresen, die er aufgrund ihrer wohlernährteren Figur als die Chefin des Schuppens ausgemacht hatte. „Aber Herr Kasparow, wir haben uns doch für Sie extra beeilt und Ihre Portion als erste gebracht. Die anderen Portionen sind noch nicht so weit“, sagte die Frau unschuldig.

reitschuster.live

Es folgte einer jener Momente, die in Action-Filmen immer den Schlägereien vorausgehen. Wie von einem unsichtbaren Regisseur angewiesen, vereinigten sich plötzlich alle Blicke auf Igor. Es waren dunkle Blicke. Dass sie auch von Kasparows fünf muskelstrotzenden Leibwächtern stammten, gab der Szene etwas Beunruhigendes.

Igor blieb der letzte Biss fast im Mund stecken. Statt die Hände in Unschuld zu waschen, wischte er sich mit ihnen die glänzenden Lippen ab. „Schwein, sie hat Schwein gesagt, nicht Huhn“, rechtfertige er sich sodann und bemühte sich um eine Unschuldsmine wie ein Mönch, der in der Fastenzeit mit einer Leberwurst ertappt wird und sagt, er wolle sie doch nur zum Opferaltar bringen.

Just in diesem Moment, als ein Gegenangriff geradezu in der Luft lag, wechselten zwei Figuren des Weltmeisters die Farbe. „Es stimmt, er hat extra gefragt, ob es Schwein ist“, kamen zwei von Kasparows Leibwächter Igor zur Hilfe.

Doch war das eine Ausrede? Schon aufgrund seiner äußeren Maße darf man felsenfest davon ausgehen, dass Igor kein Vegetarier ist. Man würde ihm vielleicht abnehmen, dass er eine Gurke nicht von einer Zucchini unterscheiden kann – aber ein Schwein von einem Huhn? „Ich habe keinen Unterschied geschmeckt“, schwor Igor. Er kann von Glück sagen, dass ihm der Koch in diesem Moment nicht zuhörte – dessen Zorn wäre vielleicht noch größer ausgefallen als der von Kasparow.

Der Weltmeister ertrug die Schlappe mit Fassung. „Gut für meine Linie, und schlecht für seine“, meinte er mit einem versöhnlichen Blick auf Igors üppige Rundungen. „Allem Anschein nach hat Garri nicht viel verloren, und vielleicht hat Igor sogar unsere Arbeit übernommen, indem er dieses unidentifizierbare Stück Fleisch unschädlich machte“, kommentierte einer der Leibwächter spitz: „Und er kann jetzt noch seinen Enkeln erzählen, wie er den Schachweltmeister bezwang. Er muss ja nicht hinzufügen, dass es nicht am Schachbrett war, sondern am Mittagstisch.“

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Bilder: Boris Reitschuster
Text: br

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