Europa öffnet – Deutschland bleibt dicht Lockdown-Vergleich

Von Christian Euler

Das Ende des Ausnahmezustands in Europa naht. In ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Politikern regiertes Land hört nicht auf, Widerstand gegen mögliche Lockerungen zu leisten. Während hierzulande die Corona-Maßnahmen mit der bundesweiten Notbremse weiter verschärft wurden, gehen gleich mehrere Nachbarländer den entgegengesetzten Weg – obwohl die Inzidenzwerte dort teils deutlich höher sind.

Als etwa der französische Premierminister Jean Castex Lockerungen ankündigte, lag der Sieben-Tage-Inzidenzwert in Frankreich bei 330. Während Merkel & Co. Ängste schüren und gebetsmühlenartig den Ernst der Lage beschwören, scheint für Castex „der Höhepunkt der dritten Welle hinter uns zu liegen“. Seit Montag sind die Kindergärten und Grundschulen bis einschließlich der fünften Klasse im ganzen Land wieder offen. Vom 3. Mai an sollen dann alle Schüler zum Präsenzunterricht zurückkehren.

In der gymnasialen Oberstufe wiederum soll der Unterricht zumindest mit halben Klassenstärken möglich sein. Hierzulande kaum vorstellbar ist auch die Aussage von Bildungsminister Jean-Michel Blanquer: „Die Kinder brauchen Schule, das ist ein Faktor der Entfaltung und ihrer guten seelischen Gesundheit.“

Willkommen zurück an der Côte d’Azur

Kanzlerin Merkel warnt stattdessen vor der Gefahr ungeimpfter Kinder in den Grundschulen. Größer könnte die Diskrepanz kaum sein. Es werde „noch sehr, sehr lange dauern“, bis es einen Impfstoff für Kinder unter zwölf Jahren geben werde, sagte Merkel laut n-tv bei der letzten Ministerpräsidentenrunde. „Wir werden also im Herbst eine schwierige Situation an den Grundschulen haben. Dort müssen wir uns auf den Betrieb mit ungeimpften Kindern einstellen.“

Selbst in Frankreich, wo derzeit noch eine Ausgangssperre ab 19 Uhr gilt, sollen Mitte Mai die Terrassen der Cafés und Restaurants aufmachen dürfen – trotz einer Inzidenz von über 300. Bereits ab der ersten Maiwoche dürfen wieder Gäste an die Côte d’Azur kommen, kündigten das Hotel Negresco in Nizza sowie die Hotels Majestic und Martinez an der Croisette am Mittwoch an.

In Italien steht die Ampel fast im ganzen Land auf Gelb, außer in Teilen Süditaliens. Das bedeutet: Bars und Restaurants dürfen seit Wochenbeginn wieder Gäste empfangen – zunächst im Außenbereich und bis maximal 22 Uhr. Auch die Hotellerie gab soeben den Startschuss für die Sommersaison. Gerade öffnete mit der Villa D’Este am Comer See eines der berühmtesten Luxushotels der Welt seine Pforten für den internationalen Jetset.

Erstmals seit Oktober öffnen auch Kinos, Theater, Live-Clubs und Konzertsäle wieder – bis zur Hälfte der Plätze wird besetzt, drinnen maximal 500, draußen sind 1000 Gäste erlaubt. Außerdem dürfen die Italiener auch wieder an ihr geliebtes Meer fahren, die Strände sind offen, ebenso die Geschäfte. Die Regierung in Rom hält das Risiko für vertretbar, weil die Infektionszahlen zurückgehen. Aktuell liegt die Inzidenz bei 150.

Lockerungen trotz Inzidenz von 314

In den Niederlanden durfte die Freiluft-Gastronomie wieder öffnen, die nächtliche Ausgangssperre ist jüngst aufgehoben worden. Geschäfte dürfen Kunden wieder ohne vorherigen Termin empfangen, tagsüber ist Außengastronomie erlaubt. Die Fachleute hätten prognostiziert, dass die dritte Welle bald ihren Scheitelpunkt erreiche – die Regierung nehme diese Entwicklung vorweg, so Ministerpräsident Mark Rutte. Trotz einer Inzidenz von 314 spricht auch der rechtsliberale Politiker gerne vom „kalkulierten Risiko“. Zum Vergleich: Hierzulande liegt die Inzidenz bei knapp der Hälfte – doch Lockerungen erscheinen so fern wie der deutsche Fußballmeister-Titel für den 1. FC Kaiserslautern.

In Portugal begann zu Beginn der Woche die dritte Phase der Lockerungen, in der Restaurants (auch innen), Bars, Einkaufszentren, Theater, Gymnasien und Hochschulen wieder öffnen dürfen.

Auch Spanien bereitet sich auf ein Ende der Ausgangssperren vor. In Madrid sind Restaurants, Bars, Geschäfte und sogar Kinos und Theater unter geringen Auflagen grundsätzlich offen. Und das, obwohl Spaniens Hauptstadt mit bis zu 400 Fällen pro 100.000 Einwohnern mit die höchsten Corona-Fallzahlen auf dem spanischen Festland hat.

Wer in die Schweiz kommt, fühlt sich an scheinbar längst vergangene Zeiten erinnert. Die Terrassen von Cafés und Restaurants sind voll. Auch der Besuch von Kino, Theater und Konzerten ist wieder erlaubt, wenn auch nur für maximal 50 Menschen. Auch in Fitnessstudios darf seit dem 19. April wieder der Körper gestählt werden.

Auch auf der Strøget in Kopenhagen erinnert kaum mehr etwas an Coronazeiten. Auf der wichtigsten Shoppingmeile in Dänemark sind die Geschäfte wieder offen. Wer rechtzeitig einen Tisch gebucht hat, darf sogar innerhalb der Restaurants dinieren. Voraussetzung für den Restaurantbesuch ist ein negativer Coronatest, der nicht älter als 72 Stunden sein darf.

„Ich glaube, dass wir einige Fehler, die wir momentan machen, bitter bereuen werden“

Während sich Europa zunehmend der Lockdown-Fesseln entledigt, scheinen der deutschen Politik sämtliche Maßstäbe zu entgleiten. Nun müssen schon Kinder herhalten, um die Angst weiter zu schüren und jegliche Erleichterung im Keim zu ersticken. Dass Corona für Kinder keine Gefahr darstellt, belegen zahllose Experten. Eine gerade erschienene Meta-Studie stellt nun sogar die Lockdowns als solche in Frage. Den Panik-Modus von Merkel & Co dürfte das kaum ins Wanken bringen.

„Ich glaube, Deutschland entkoppelt sich von der Pandemiebekämpfung in den anderen Ländern“, sagt der Epidemiologe und Virologe Klaus Stöhr, der während seiner 15-jährigen Tätigkeit für die Weltgesundheitsorganisation u. a. Leiter des Globalen Influenza-Programms und SARS-Forschungskoordinator war. Seiner Ansicht nach entkoppelt sich Deutschland von den anderen Ländern.

Christian Zinn, Direktor des Zentrums für Hygiene und Infektionsprävention Bioscientia, bringt die Lage im Interview mit RTL so auf den Punkt: „Ich glaube, dass wir einige Fehler, die wir momentan machen, bitter bereuen werden.“

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!
Dipl.-Volkswirt Christian Euler widmet sich seit 1998 intensiv dem Finanz- und Wirtschaftsjournalismus. Nach Stationen bei Börse Online in München und als Korrespondent beim „Focus“ in Frankfurt schreibt er seit 2006 als Investment Writer und freier Autor u.a. für die „Welt“-Gruppe, Cash und den Wiener Börsen-Kurier.
Bild: Shutterstock
Text: ce

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