Geschlechterkampf im Kinderzimmer Spaniens Regierung macht stereotypem Spielzeug den Garaus

Von reitschuster.de

Die rot-dunkelrote Regierung in Madrid hat die Corona-Pandemie in Spanien schon vor einigen Wochen für beendet erklärt und kann sich deshalb endlich wieder um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens kümmern. Nachdem Verbraucherschutzminister Alberto Garzón (UI = Vereinigte Linke) bereits im vergangenen Dezember zum symbolischen „Spielzeug-Streik“ an Heiligabend aufgerufen hatte, wurden in dieser Woche Nägel mit Köpfen gemacht. Vertreter der Regierung, des nationalen Verbandes der Spielzeughersteller und Autocontrol unterzeichneten in Madrid ein sogenanntes „Protokoll zur Selbstregulierung“, das am 1. Dezember 2022 in Kraft treten wird, also pünktlich zum Beginn des Weihnachtsgeschäfts. Autocontrol ist eine unabhängige Organisation, die sich branchenübergreifend für die Selbstregulierung der Werbeindustrie in Spanien einsetzt. Die Hersteller von Spielwaren verpflichten sich in der Erklärung zu einer geschlechtsneutralen Werbung für ihre Produkte. Das Protokoll gilt für alle Spielsachen für Kinder bis einschließlich 14 Jahren, wobei der Fokus insbesondere auf der Altersgruppe 0-7 Jahre liegt, da diese „besonders gefährdet“ seien, wie Garzón glaubt.

Der Verbraucherschutzminister betonte die Bedeutung der Einigung, da sie „die Werbung für Kinderspielzeug verbessern und der Bildung von Vorurteilen vorbeugen“ wird. Alle Informationen zu den beworbenen Spielsachen müssen in kurzer und kindergerechter Sprache auf den Punkt gebracht werden und dürfen weder aussagen noch suggerieren, dass das betreffende Produkt für Mädchen oder Jungen besser geeignet sei. Auch die traditionelle Zuordnung von Farben, etwa Blau für Jungen und Rosa für Mädchen, ist damit verboten. Solche Klischees würden nicht die Gleichstellung fördern, zeigte sich Garzón überzeugt, sondern nur das Bild der klassischen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau stärken. „Die Vereinbarung wird die Charakterisierung von Mädchen mit geschlechtsspezifischen Konnotationen verbieten und die ausschließliche Assoziation von Spielzeugen verhindern, die beispielsweise Rollen wie Pflege, Hausarbeit oder Schönheit mit Mädchen und Action, körperliche Aktivität oder Technologie mit Jungen zum Ausdruck bringen“, wie ein Sprecher des Ministeriums in Madrid erklärte.

Vom 'Spielzeug-Streik' bis zur Selbstverpflichtung der Spielwarenindustrie

Das einst so konservative Spanien wird seit dem 2. Juni 2018 von Ministerpräsident Pedro Sánchez (PSOE = Spanische Sozialistische Arbeiterpartei) regiert. Seit Januar 2020 amtiert das Kabinett Sánchez II, in dem neben Sozialisten nun auch Kommunisten sitzen, was einen spürbaren Linksruck auch innerhalb der spanischen Gesellschaft angestoßen hat. Vor diesem Hintergrund kann es kaum überraschen, dass das von der Spielwarenindustrie unterzeichnete „Protokoll zur Selbstregulierung“ bei der Mehrheit der Bevölkerung auf Zustimmung gestoßen ist. Verbraucherschutzminister Alberto Garzón wähnt sich mit der Ende April erzielten Einigung am Ende eines langen Weges, dessen letzte Etappe er kurz vor Weihnachten 2021 mit dem eingangs erwähnten „Spielzeug-Streik“ in Angriff genommen hatte.

In einem rund eineinhalb Minuten langen Video mit dem Titel „Spielen kennt kein Geschlecht“ rufen animierte Spielzeugfiguren die Kinder zum „Spielzeug-Streik“ an Heiligabend auf. „Auch wenn wir aus Plastik oder ausgestopft sind, haben auch wir ein Herz“, behauptet eine der Figuren. „Es ist an der Zeit zu sagen, dass es reicht und unser Recht einzufordern, dass 100 Prozent der Jungen und Mädchen mit uns spielen dürfen und nicht nur 50 Prozent.“ Eine andere Spielfigur wendet sich mit einem dramatischen Appell an ihre Artgenossen: „Seit Jahren müssen wir uns in Schubladen stecken und uns sagen lassen, dass wir nur geschaffen wurden, um mit Jungen zu spielen – oder nur, um mit Mädchen zu spielen.“

Mit dieser grundsätzlich fragwürdigen Vermenschlichung von Spielfiguren scheint Alberto Garzón in Spanien einen Nerv getroffen zu haben. Nachdem die Hersteller von Spielwaren den Aufruf zum „Spielzeug-Streik“ zunächst noch kritisiert oder sogar belächelt hatten, ist es dem Verbraucherschutzminister in den folgenden Monaten „durch sanften Druck“ (O-Ton Garzón) gelungen, die Spielwarenindustrie zum Umdenken und schließlich zur Unterzeichnung des „Protokolls zur Selbstregulierung“ zu bewegen.

Kinder-Spielzeug hat seine Unschuld verloren

Ideologisch problematisches Spielzeug scheint es indes nicht nur in Spanien zu geben. Im vergangenen Sommer sorgte eine Ausstellung im Spielzeugmuseum in Nürnberg für helle Aufregung. Eine US-amerikanische Besucherin des Museums hatte in der Ausstellung ein „rassistisches Spielzeug“ entdeckt und dieses der Direktorin Karin Falkenberg gemeldet. Falkenberg reagierte umgehend und verbannte insgesamt sieben als bedenklich eingestufte Objekte aus der regulären Ausstellung des Museums. In der Folge wurden diese Objekte im Rahmen einer eigens eingeführten Sonderausstellung „Spielzeug und Rassismus“ gezeigt – samt erläuternden Hinweisen zur Geschichte der meist schon mehrere Jahrzehnte alten Spielfiguren. Es gebe aber „nach wie vor Spielzeuge, die nagelneu und eindeutig rassistisch sind“, bemängelte Falkenberg damals gegenüber dem Deutschlandfunk.

Diesem Verdacht will man sich in Dänemark auf keinen Fall aussetzen, so dass Lego schon seit einiger Zeit Spielfiguren mit verschiedenen Hautfarben verkauft. Im Frühjahr 2021 präsentierte Lego dann ein Spielfiguren-Set in den Regenbogenfarben, wobei die Figuren keinem bestimmten Geschlecht zugeordnet wurden. Seit Herbst 2021 verzichten die Dänen zudem darauf, in der Werbung für ihre Produkte gezielt Jungen oder Mädchen anzusprechen. Eine Kategorisierung des Lego-Sortiments findet seither nur noch nach Alter und Themen statt.

Bild: Shutterstock
Text: reitschuster.de

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