Männer sollen auf „oben ohne“ verzichten – aus Solidarität mit Frauen

Die Welt ist ungerecht. Auch biologisch. Manche wollen sich damit nicht abfinden. Und machen dagegen mobil. Oder tun zumindest so, als ob. In der Hansestadt Hamburg werden Männer aufgefordert, ihre Oberkörper auch bei Hitze züchtig bedeckt zu halten – aus Solidarität mit Frauen, die ihren Oberkörper schließlich auch nicht entblößen könnten. „Bitte nutzen Sie Ihr Oberkörperfrei-Privileg nicht aus“, so der Text: „Sondern zeigen Sie sich respektvoll und solidarisch mit allen Hamburger*innen.“ Und: „Sollten Sie männlich sein, bitten wir Sie, Ihr T-Shirt bzw. sonstige Oberbekleidung nicht auszuziehen. Warum? Wie Sie vielleicht bereits bemerkt haben, ist es den meisten Frauen und Personen anderen Geschlechts (z.B. divers) nicht möglich, sich oberkörperfrei an öffentlichen Orten aufzuhalten. Das Weglassen der Oberbekleidung kann für diese Personen unangenehm bis gefährlich werden.“

Die Plakate sorgten in den sozialen Medien für Aufruhr: War es doch mit dem offiziellen Wappen der Stadt Hamburg versehen. Und in Zeiten, in denen die Realität längst die Satire überholt hat, ist im Verdachtsfall alles ernst zu nehmen. Auch diese Plakate. Die Stadtverwaltung hat inzwischen dementiert, dass sie von ihr stammen. Und weil die Verwendung des Logos und des Layouts der Stadt damit widerrechtlich war, ermittelt inzwischen gar das Landeskriminalamt gegen Unbekannt.

Ob es sich um Satire handelt, eine PR-Aktion oder ob die Urheber des Plakates es ernst meinen, kann man allenfalls erahnen in diesen verrückten Zeiten. Bezeichnend ist, dass der Sprecher des rot-grünen Senats Marcel Schweitzer sofort auf Nummer sicher ging und Männchen vor dem Zeitgeist machte: „Das Anliegen mag aus individuellem Blickwinkel betrachtet berechtigt sein, rechtfertigt aber nicht das Vortäuschen offizieller Anordnungen.“

Im Redaktionsnetzwerk Deutschland, das mehr als 50 Zeitungen mit Artikeln beliefert und zu Teilen der SPD gehört, ist in einem Bericht über die Plakate durchaus Sympathie für deren Anliegen herauszuhören. Da steht: „Zieht ein Mann bei sommerlicher Hitze im Park sein T-Shirt aus, wird das so gut wie nicht bemerkt (außer es handelt sich um Chris Hemsworth). Tut das Gleiche eine Frau, herrscht Verwunderung im städtischen Grün. Geschlechtergerechtigkeit ist ein zähes Geschäft, viele Konventionen sind hart wie Beton. In den Großen Wallanlagen von Hamburg wurde jetzt ein Gleichmachversuch in Sachen textiler Oberkörpergestaltung unternommen.“

Dass tatsächlich in der Umgebung der Plakate vor allem oberkörperbedeckte Männer gesichtet wurden, kann drei Gründe haben:

  • Dass sie ihr Privileg gar nicht nutzen wollen.
  • Dass die Temperaturen nicht heiß genug sind.
  • Dass die Männer tatsächlich auf das Plakat angesprungen sind.

Neben dem Bekleidungs-Aufruf sind in der Stadt auch ähnliche Plakate mit der Aufschrift „Hamburg wird autofrei“ und dem Bild von Fahrradfahrer zu sehen.

Was für irre Zeiten, wenn man nicht mehr weiß, ob bizarre Aufrufe eine Satire sind oder das Werk von Fanatikern.

P.S.: Hadmut Danisch schreibt zu dem Thema: „Immer erst mal einen zuverlässig als Fake detektierbaren Fake vorausschicken. Damit die Leute verunsichert sind, einer echten Meldung nicht mehr so glauben, die Klappe halten, es zum Blamagerisiko wird, etwas dagegen zu sagen. So richtig Stasi-mäßige Zersetzung. Oder wie man sagt: FUD. Fear, Uncertainty, Doubt. Es ist – gerade im Kommunismus – ganz wichtig, dass die Leute nicht mehr wissen, was sie für wahr halten sollen und was nicht.“


Bilder: Ekpah/Wikicommons/CC-BY-SA 3.0

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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