Schlacht um Springer Nach Reichelt nun auch Döpfner?

Ein Gastbeitrag von Wolfgang Röhl

Nachrichten gibt es, die mir das Blut in den Adern gefrieren lassen. Etwa, dass neue Nacktfotos von Inge Meysel aufgetaucht sind. Oder, dass Udo Lindenberg die Sängerin Helene Fischer dazu anstiften möchte, „auch mal ein Statement gegen den Rechtspopulismus“ abzusondern. Oder, dass Claudia Roth verspricht, etwas gegen „Machtmissbrauch in der Kultur- und Medienbranche“ unternehmen zu wollen.

Im letzten Fall bedeutet das nach meinem politischen Übersetzungsprogramm Folgendes: Wer im Zirkus Halligalli nicht immer nach der woken Pfeife tanzt, wie der Schauspieler und Filmproduzent Til Schweiger, soll auf Vordermann gebracht werden. Beziehungsweise aus dem Betrieb entfernt, sofern er nicht Abbitte schwört. Das klappt natürlich am besten durch die erprobte Arbeitsteilung. Linke Medien publizieren Verdächtigungen, meist Vorwürfe anonymer Zeugen. Politfunktionäre und Kulturbeutel entrüsten sich gehörig. Ist der Delinquent beschädigt genug, bleibt seinem Auftraggeber oder Partner nichts anderes übrig, als ihn fallenzulassen.

Womit wir bei der Angelegenheit Julian Reichelt sind, die zuletzt als Drei-Männer-Soap aufgeführt wurde. Der eine, Boulevardzeitungsboss wie aus dem Abziehbilderalbum, vögelt in der Gegend rum. Der andere, Milliardär und Feingeist, versendet nächstens besoffen klingende Mails. Der dritte, ein ehemaliger Kokskopf mit Verräterherz, schreibt dazu einen Schlüssellochroman. Dann treten überraschend auch noch Investigationsbolzen auf den Plan und drehen die Story aufs Neue. Ach, das Ganze schreit nach der Hand des leider verblichenen Regisseurs Helmut Dietl („Schtonk!“). Popcorn, bitte!

Schmutzkampagne gegen Reichelt

Bloß eine Mediengroteske? Mitnichten. In Wahrheit handelt es sich um den über Bande gespielten Plot, die letzte Bastion eines noch halbwegs funktionierenden Journalismus zu schleifen. Welcher prinzipiell immer die Mächtigen kritisiert, nicht die Kritiker der Mächtigen. Diese Stellung halten, so schräg das klingen mag, in der deutschen Mainstreammedienlandschaft praktisch nur mehr Bild und Welt. (Die fabelhaft redigierte Neue Zürcher Zeitung operiert sozusagen als Fremdenlegion.)

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Die Entlassung des Bild-Chefs durch seinen Ex-Freund und -Förderer Mathias Döpfner war, wie hier berichtet, logische Konsequenz einer Schmutzkampagne gegen Reichelt, aus der sich Döpfner herauszuhalten versuchte. Gut geklappt hat das nicht. Im April dieses Jahres wurden dämliche Döpfner-Mails voller orthografischer Fehler öffentlich („Die ossis sind entweder Kommunisten oder faschisten. Dazwischen tun sie es nicht. Eklig.“). Aus Rache geleakt von seinem einstigen Protegé Reichelt? In der Journaille mutmaßen sie das.

Dann tauchte der Springer-CEO auch noch kaum verhüllt als Hauptfigur im Roman „Noch wach?“ auf, den der Hunter S. Thompson-Spätverschnitt Benjamin von Stuckrad-Barre punktgenau in die wiederentflammte Diskussion um Döpfner platzierte. Und schließlich recherchierte der Branchendienst Medieninsider, dass der Hauptvorwurf gegen Reichelt, er habe einer jungen Mitarbeiterin Sexdienste befohlen, wohl nicht stimmte.

Im Gegenteil. Laut der Recherche war es eher die junge Frau gewesen, von der die Initiative zum Sex in einem Wiener Hotel ausging. Reichelt hatte den in Medien kolportierten Vorwurf des Sex on demand seinem Brötchengeber gegenüber bestritten. Doch Springer hatte der Frau, die dem Verlag in den USA mit einer Klage drohte, angeblich eine sechsstellige Summe Schweigegeld gezahlt, um eine Gerichtsverhandlung zu vermeiden. Im #metoo-hysterisierten Amerika kann ein einschlägiges Verfahren die beklagte Seite schwer ramponieren, egal wie die Chose am Ende ausgeht.

Springer soll größtmöglicher Schaden zufügt werden

Reichelt war auf diese Weise um die Chance gebracht worden, seine, nun ja, Unschuld zu beweisen. Sein Rausschmiss war eigentlich nur ein Bauernopfer, Präventionsmaßnahme vor dem Hintergrund der Springer-Expansion in Amerika. Selbst der Süddeutschen Zeitung, wahrlich keine Springer-Sympathisantin, schwante schon früh, worum es bei den zuerst in der linken New York Times erhobenen Vorwürfen gegen Reichelt wirklich ging:

„Mit dem Kauf von Politico wächst der Einfluss des Springer-Konzerns in der Medienlandschaft der USA. Das Nachrichtenportal Business Insider und die Newsletterfirma Morning Brew gehören schon zum amerikanischen Springer-Sortiment. In der deutschen Verlegerschaft wird vermutet, dass man in den USA wenig begeistert ist vom medialen Machtzuwachs von Springer und dass der kurz vor dem Politico-Kaufabschluss veröffentlichte Artikel in der New York Times womöglich kein Zufall sei.“

Warum sonst hätte die NYT angebliche Vorgänge länglich ausgebreitet, welche in der Gerüchteküche eines deutschen Boulevardblatts spielen?

Das Interesse der hiesigen Medien an dem fabrizierten Skandal ist noch leichter zu durchschauen. Es ging nie allein um Reichelt. Es ging und geht darum, Springer größtmöglichen Schaden zuzufügen. Einem Verlag, in dessen Welt die selten gewordenen kritischen Analysen zu rotgrüner Politik, Ökowahn, Migration und „Wenden“ aller Art zu finden sind. Und dessen Bild es war, die den Sumpf von Habeck, Graichen & Co. wenigstens ein bisschen drainierte. Wobei das Blatt listig den Begriff „Clan“ in die Debatte brachte.

Dreckschleudertechnisch ausgereifte Anstalten

Solche Querschreiberei abzustellen, ist der wahre Zweck des Gedöns über angebliche Frauenknechtung bei der Bild. Lachhaft, wenn sich Privatmedien und Staatsfunk ausgerechnet um die Rechte von Frauen bekümmern, die bei der verhassten Bild anheuern, gerade so, als handele es sich um Hascherln vom Land, die auf einen Zuhälter reingefallen sind. (Nebenbei, gewisse Verlage in Hamburg und München sollten sich vielleicht bedeckt halten, wenn es um Sex und Mobbing im Redaktionsbetrieb geht. Da lagern noch ein paar Leichen in Medienkellern, sofern ich mich recht erinnere. Berichte von reichlich Money on demand, das Springer gelöhnt haben soll, wecken womöglich schlafende Hunde – Hündinnen selbstredend mitgemeint.)

Der NDR, nach dem WDR die dreckschleudertechnisch ausgereifteste Anstalt der Öffis, stellte in der Agitationssendung Reschke Fernsehen angebliche Reichelt-Opfer anonym durch Umrisse dar. Verfremdete Stimmen sagten dazu Vorwürfe gegen den gestürzten Bild-Boss auf. „Vor der Kamera sprechen wollte keine“, so die Moderatorin der Sendung.

Grund für die Scheu, glaubt Frau Reschke, sei die Angst der Frauen vor Reichelt. Der sei „unberechenbar“, heißt es in der Sendung, und habe einen langen Arm. Ach ja? Reichelt, man erinnert sich, wurde im Oktober 2021 gefeuert. Die NDR-Sendung lief im Februar 2023, zu einer Zeit also, als Reichelt den Frauen unmöglich noch irgendein Leids tun konnte. Er kann sich höchstens gegen falsche Anschuldigungen juristisch wehren.

Als großer Zampano des Rechtspopulismus dargestellt

Die einzige „Macht“, die der Mann noch hat, besteht darin, sich einen guten Anwalt leisten zu können. Der wurde tatsächlich aktiv. Nach einer von Reichelt erwirkten Einstweiligen Verfügung ist der schluderig recherchierte Kampfbeitrag des NDR über ihn zunächst nur noch arg beschnippelt in der Mediathek abzurufen.

Darob angefressen, schob der NDR in seinem Medienmagazin Zapp eine Attacke nach, über die Reichelt begeistert gewesen sein muss. Er, mit seiner vielgeguckten YouTube-Show „Achtung Reichelt!“, als großer Zampano des Rechtspopulismus! Ansonsten enthielt der Beitrag nur lose Enden. Überfallartige Interviewversuche, eine Spezialität des Tendenzfunks, scheiterten kläglich. Blieb allein das Geraune über die Finanzierung von Reichelts Firma Rome Media durch einen – Skandal! – „Milliardär“. So, als würde nicht der Staatsfunk selber mit Milliarden finanziert (zehn per anno, to be correct), die den Bürgern abgepresst werden.

Eines ist klar: Niemand in dieser Schmierenkomödie hat Mitleid verdient. Reichelt nicht, der als Bild-Chef oft genug selber nach dem Motto „Schuldig bei Verdacht“ agiert hatte. Zudem die gusseiserne Regel „Never in the same company“ ignorierte. Döpfner nicht, weil man als Chef von fast 17.000 Mitarbeitern keine E-Mails verschickt, die von einem Zugedröhnten stammen könnten.

Trotz allem unverzichtbar

Und dann ist der Springer-Verlag ja selbst für Leute, die nicht regierungskonform ticken, eine janusköpfige Einrichtung. Unbedingt für den Staat Israel, gewiss. Aber auch oft lobhudelnd an der Seite Merkels unterwegs gewesen. Viel zu lange auf dem Refugees-welcome-Dampfer, im Corona-Panikorchester anfangs ganz vorn. Ein Ritus, eine Austreibung: Springers AfD-Bashing. Auch wenn die Blauen im Bundestag nicht selten die gleichen Fragen stellen wie Bild.

Da ist noch eine Sache, die mit Geschmack zu tun hat. Mit ihrem Inferno aus Spielerfrauenknackärschen, Dickeomaswettbewerben, Megaparksauforgien, Peniswachstumförderungstipps und Geissenstochterbodyshaming geht Bild an die Grenze dessen, was ein Mensch, der mehr als zwei Bücher im Regal hat, ohne bleibende Traumatisierung ertragen kann. Und Franz Josef Wagner gehört in ein hübsches Pflegezimmer mit viel Sonne, ohne Internetzugang.

Dennoch. Trotz ständig sinkender Blattauflagen werden Springers klassische Marken weiterhin viel gelesen. Denn die großen digitalen Reichweiten von Bild und Welt machen die Einbußen im Holzbereich mehr als wett. Ohne Springer-Medien wäre der Mainstream komplett in den Händen derer, die unisono noch mehr vom Gleichen fordern. Mehr Migration, mehr Klimasündenstrafen, mehr Schulden, mehr Deindustrialisierung, mehr Windräder, mehr Elektroautos, mehr Denunziation, mehr „Kampf gegen rechts“, mehr Umverteilung von unten nach oben in die Öko-Bourgeoisie.

Würde auch Springer irgendwann zum Hauptstrom stoßen, wäre das ein Fanal. Da steht was auf dem Spiel.

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Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Und ich bin der Ansicht, dass gerade Beiträge von streitbaren Autoren für die Diskussion und die Demokratie besonders wertvoll sind. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen, und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Achgut.com

Wolfgang Röhl, geboren 1947 in Stade, studierte Literatur, Romanistik und Anglistik. Ab 1968 Journalist für unterschiedliche Publikationen, unter anderem 30 Jahre Redakteur und Reporter beim “Stern”. Intensive Reisetätigkeit mit Schwerpunkt Südostasien und Lateinamerika. Autor mehrerer Krimis (zuletzt: “Brand Marken”). Lebt in Niedersachsen und Hamburg.

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