Zigeuner wehren sich gegen Zensur des Wortes „Zigeuner“

Wie berichtet hat mich Facebook gesperrt und einen Post von mir gelöscht wegen „Hassrede“ – für folgenden Post: „Naive Frage: Nachdem jetzt selbst die Zigeuner-Soße umbenannt wurde in Paprika-Soße – was soll man aus dem „Zigeuner-Baron“ von J. Strauss und aus dem Lied „Lustig ist das Zigeuner-Leben“ machen? Paprika-Baron? Lustig ist das Paprika-Leben? Fragen über Fragen in diesen Zeiten.“

Viele negative Dinge im Leben haben auch eine positive Begleiterscheinung. So erfuhr ich erst durch die Sperrung, dass sich nun Zigeuner dagegen wehren, dass der Begriff „Zigeuner“ gebannt wird. Das zeigt die ganze Absurdität, ja Perversität der aktuellen Sprachdebatten. Selbsternannte Verteidiger von Minderheiten setzen sich bei deren vermeintlicher „Verteidigung“ über deren Kopf hinweg.

Diesen bewegenden Text habe ich in der „Deutschen Sprachwelt“ gefunden, die von meinem Gastautor Thomas Paulwitz geleitet wird:

„Die „Sinti Allianz Deutschland“ wendet sich gegen Bestrebungen, das Wort „Zigeuner“ zu zensieren, und hält selbst an diesem Ausdruck fest. Gegenüber der Sprachzeitung DEUTSCHE SPRACHWELT bezeichnete heute Manfred Drechsel, der 2. Vorsitzende der Allianz, die gegenwärtige Soßendiskussion als „unwürdig“. Die Mehrheit ihrer Mitglieder verfolge die Diskussion mit Kopfschütteln. Diese Form der „Sprachhygiene“ lehne die Allianz ab. Auf eigenen Grabmalen werde die Bezeichnung „Zigeuner“ häufig als Inschrift gewählt. Überlebende des Nationalsozialismus hätten als Sinti diese Bezeichnung selbst verwendet. Sofern „Zigeuner“ wertfrei verwendet werde, solle man auf „die eineinhalbjahrtausend Jahre alte historische Bezeichnung“ nicht verzichten. Statt dessen biete sie die Möglichkeit eines Überbegriffes für alle Zigeunervölker. „Eine Zensur oder Ächtung des Begriffs Zigeuner, durch wen auch immer, sollte und darf es nicht geben“, schließt die Erklärung.


Sehen Sie hier mein aktuelles reitschuster.live über die Facebook-Zensur gegen mich, weil ich das Wort Zigeuner verwendete – völlig harmlos :

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Der Wortlaut der Erklärung gegenüber der DEUTSCHEN SPRACHWELT ist im folgenden dokumentiert:

„Es gibt in dem Millieu, die Saucen etc. umbenennen möchten, scheinbar die falsche Vorstellung, einem ‚Antiziganismus‘ entgegenzutreten. Die Sinti Allianz Deutschland lehnt diese Form der Sprachhygiene ab, auch jegliche Form der Sprachüberwachung. Die Mehrheit der Sinti, die wir vertreten, verfolgt diese unwürdige ‚Saucendiskussion‘ kopfschüttelnd. Es ist richtig, die Bezeichnung Zigeuner wird von uns selbst verwandt. Selbst Überlebende der Nazi-Diktatur benutzen diese Bezeichnung in ihren Biographien als Überbegriff, und auf Grabmalen wird die Bezeichnung Zigeuner häufig als Inschrift gewählt. Zum Begriff Zigeuner vertreten die Angehörigen der Sinti Allianz Deutschland aus Respekt vor allen anderen Zigeunervölkern die Auffassung, dass mangels eines von allen Zigeunervölkern akzeptierten neutralen Überbegriffs auf die eineinhalbjahrtausend Jahre alte historische Bezeichnung Zigeuner nicht verzichtet werden kann – sofern diese wertfrei benutzt wird. Eine Zensur oder Ächtung des Begriffs Zigeuner, durch wen auch immer, sollte und darf es nicht geben.“

Sinti Allianz Deutschland“

Auch der Vorsitzende Bundesrat der Deutschen Jenischen im JBiD Timo Adam Wagner hat kein Verständnis für die aktuelle Diskussion. In einem Schreiben an die DEUTSCHEN SPRACHWELT führt er aus:

„Wir haben bereits vor Jahren als diese sinnlose Diskussion über

Zigeunerschnitzel/Zigeunersoßen usw. aufkam, gebeten endlich mal die Kirche im Dorf

zu lassen. Solange es tatsächlich Verfolgungsjagden auch durch Obrigkeiten in

Deutschland und Europa gibt und auch nur einer der Angehörigen unserer

Volksgruppen unter massivsten Diskriminierung leidet, weigere ich mich unsere

wenige, bitter verdiente ehrenamtlich geleistete Arbeitszeit solch

schwachsinnigen Forderungen zu opfern. Ich persönlich freue mich immer wieder über ein gutes Schnitzel, ganz egal ob jetzt nach Jäger-; Zigeuner-, oder Ungarischer Art!“

Faktisch bedeutet dies, dass die „Kämpfer für politische Korrektheit“ mit ihrer Sprachpolizei diejenigen, die zu schützen vorgeben und wohl auch glauben, eines Teils ihrer Identität berauben. Das wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Auslöser der Debatte war eine Entscheidung der Firma Kraft im Zuge der Rassismus-Debatte, ihre Zigeunersauce in „Paprika-Soße ungarischer Art“ umzubenennen. Im Gegensatz zur „Sinti Allianz Deutschland“ hat der „Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma“ positiv auf die Entscheidung des Unternehmens reagiert. „Es ist gut, dass Knorr hier auf die Beschwerden offenbar vieler Menschen reagiert“, sagte der Vorsitzende Romani Rose. Ihm bereite allerdings der wachsende Rassismus in Deutschland und Europa größere Sorgen. „Für den Zentralrat sind vor diesem Hintergrund Zigeunerschnitzel und Zigeunersauce nicht von oberster Dringlichkeit.“ Viel wichtiger sei es, Begriffe wie „Zigeuner“ kontextabhängig zu bewerten, etwa wenn in Fußballstadien „Zigeuner“ oder „Jude“ mit offen beleidigender Absicht skandiert würden.


Brief des Berliner Abgeordneten Marcel Luthe (FDP) an Facebook:

Betreff: Sperrung des langjährigen FOCUS-Chefkorrespondenten in Russland Boris Reitschuster

Sehr geehrte Damen und Herren,

wie ich soeben erfahren musste, ist die Facebookseite des Journalisten Reitschuster „gesperrt“ und der anliegende Beitrag, in dem Herr Reitschuster die das jahrehundertelange Leiden der ziganischen Völker – die ebendeshalb „Zigeuner“ genannt werden – ins Lächerliche ziehende Diskussion um eine Fertigsauce kritisch aufgegriffen hat, von Facebook gelöscht worden.

Sofern es sich nicht um einen – höchst bedauerlichen – Irrtum handelt, bei dem nicht nur der fatale Eindruck der Zensur, sondern auch des Lächerlichmachens der Opfer des totalitären Regimes der Nationalsozialisten mit Billigung Ihres Unternehmens handelt, bitte ich Sie daher um unverzügliche Stellungnahme in dieser Sache, längstens zum 24.08.2020 um 12:00 Uhr.

Nach deren Vorliegen werde ich dieses Vorgehen Ihres Hauses in den zuständigen parlamentarischen Ausschüssen mit den mir vorliegenden Erkenntnissen thematisieren.

Andernfalls stellen Sie diese Massnahme bitte unverzüglich richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Marcel Luthe MdA

Mitglied der Ausschüsse für Inneres, Sicherheit und Ordnung, Verfassungs- und Rechtsangelegenheiten, Verbraucherschutz, Antidiskriminierung, Beteiligungsmanagement & Controlling


Bilder: Screenshots ARD/Monitor

Text: red

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