Ein Gastbeitrag von Thomas Rießinger
Unser Kanzler ist sehr beschäftigt. In den letzten Tagen hat er dem zwölftbesten Bundespräsidenten, den dieses Land jemals hatte, zum Geburtstag gratuliert und dabei trotz dieser Überlastung auch den Geburtstag von Markus Söder nicht vergessen. Zusätzlich hat er auch nicht vergessen so zu tun, als würde er in der internationalen Politik eine Rolle spielen, hat sich zu Venezuela und zur Ukraine geäußert und auch Grönland und den Rest der Arktis nicht vernachlässigt.
Nur für einen Punkt hatte er kein Wort übrig: Für die Lage in Berlin nach dem verbrecherischen und menschenverachtenden Terroranschlag auf die Stromversorgung. Das muss er auch nicht, denn darüber sprechen ja schon hochkompetente Parteifreunde wie Roderich Kiesewetter, der immer für eine originelle Wortmeldung gut ist. Insbesondere Russland und der Krieg in der Ukraine haben es ihm angetan. „Wir müssen uns bewusst sein, dass Russland uns als Kriegsziel sieht“, meinte er noch vor Kurzem, und: „Deutschland kommt jetzt eine Scharnierfunktion zu. Wir werden viel stärker koordinieren müssen, aber auch stärker in Vorleistung gehen müssen, damit die anderen Staaten mitmachen.“ Und auch die Entsendung deutscher Bodentruppen in die Ukraine nach einem eventuellen Friedensschluss will er keineswegs ausschließen, was in der deutschen Geschichte doch schon eine ganze Weile nicht mehr vorgekommen ist.
Dieser Roderich Kiesewetter hat sich nun auch zum Berliner Terroranschlag geäußert. In einem Interview mit der „Welt“ meinte er: „Nun zeigt die Sprachanalyse, dass eine Rückübersetzung ins Russische, sagen wir mal, eine viel bessere sprachliche Darstellung gibt als dieses holprige Deutsch, was man dort liest. Also, der Linksextremismus kann entweder nicht richtig Deutsch oder er lässt sich vorschreiben, was er sagen soll. Also das ist etwas, was sehr intensiver Analyse bedarf, es ist nichts auszuschließen.“ Hier werde offensichtlich etwas getestet, „auch die Reaktionen, und Berlin hat eine ganze Menge nachzuholen in dem Schutz seiner eigenen Infrastruktur“. Man wisse, dass Russland eine Reihe von Anschlägen durchgeführt habe und Deutschland als Ziel eines legitimen Angriffs sehe, man müsse nun alles bewerten und „einorientieren“ und dürfe nichts ausschließen.
Das grundsätzliche Argument ist etwas eigenartig: Warum sollte der Linksextremismus die deutsche Sprache besser beherrschen als die vormalige Bundesaußenministerin? Wer sich Jahre und Jahrzehnte lang unter dem Einfluss linker und linksextremer Propaganda befindet, hat jedes Recht, ein miserables Deutsch zu schreiben, alles andere wäre eher überraschend. Und wäre das Bekennerschreiben der sogenannten „Vulkangruppe“ zum Terroranschlag in Wahrheit die Übersetzung eines russischen Textes ins Deutsche, dann erscheint es wenig plausibel, dass der russische Geheimdienst kein besseres Deutsch zu Wege brächte, als man im Bekennerschreiben bewundern kann.
Beim Rest der Welt, insbesondere der Berliner Welt, ist Kiesewetter bisher nur auf wenig Gegenliebe gestoßen. Der Berliner Polizei-Vizepräsident sieht keine diesbezüglichen Hinweise und meinte: „Das sind die üblichen Fake News, die wir immer haben bei solchen Einsatzlagen, um Menschen zu verunsichern.“
Aber sehen wir uns die Sache etwas genauer an. Wie schon die Welt-Moderatorin mitteilte, beruht Kiesewetters Einschätzung auf einer von der Künstlichen Intelligenz „Perplexity“ vorgenommenen Bewertung des Bekennerschreibens. Ein X-User namens Alexander Eichholtz hat Perplexity gefragt, ob das Schreiben eine Übersetzung ins Deutsche sein könne und erhielt eine recht ausführliche Antwort, die eingeleitet wurde mit den Worten: „Der Text stammt höchstwahrscheinlich aus einer automatischen Übersetzung aus dem Russischen ins Deutsche, was die holprige, wörtliche und unidiomatische Form erklärt.“ Eichholtz selbst behauptet gar nichts, sondern stellt nur die automatische Analyse des Textes zur Diskussion; ihm ist nichts vorzuwerfen. Kiesewetter dagegen hat sie nicht nur auf seinem eigenen X-Account veröffentlicht, sondern sich in seinem Welt-Interview recht deutlich zu ihr bekannt, indem er von einer Sprachanalyse redete, die zeige, dass eine Rückübersetzung ins Russische eine viel bessere sprachliche Darstellung ergebe als der Originaltext der Vulkangruppe.
Abgesehen davon, dass der Begriff der „Sprachanalyse“ für eine KI-Untersuchung vielleicht doch etwas hoch gegriffen ist, liegt es nahe, einmal eine Zweitmeinung einzuholen, indem man eine andere KI fragt. Das habe ich am 6. Januar getan, indem ich ChatGPT das Bekennerschreiben vom 4. Januar vorgelegt habe mit der Frage, ob man Hinweise auf eine eventuelle fremdsprachliche Herkunft des Textes finden könne. Das Fazit lautete, dass es keine zuverlässigen Hinweise auf eine Übersetzung aus einer anderen Sprache gebe. Manche Passagen seien zwar stilistisch eigen, aber das könne auf politische Rhetorik oder persönliche Ausdrucksweise zurückzuführen sein.
Aber vielleicht kann Perplexity mehr als ChatGPT? Ich habe deshalb auch eben jenes Perplexity konsultiert, auf das sich auch Kiesewetter beruft, und ihm die gleiche Frage gestellt: „Gibt es Anzeichen dafür, dass es sich um die automatische Übersetzung eines fremdsprachlichen Textes handelt?“ Auch hier war die Antwort klar: „Stand jetzt“, so teilte man mir mit, „ist die Übersetzungsthese eine Spekulation ohne sprachwissenschaftlich oder ermittlungstaktisch überzeugende Belege.“
Nun mag es ja sein, dass diese KI im Lauf der Zeit ihre Meinung geändert hat, zumal ich noch einmal darauf hinweise, dass man weder hier noch dort von einer echten Sprachanalyse reden sollte. Es ist daher sinnvoll, einen Blick auf die von Alexander Eichholtz veröffentliche Perplexity-Stellungnahme zu werfen. Sie bleibt nämlich nicht bei der oben zitierten allgemeinen Aussage stehen, sondern geht auch auf Beispiele ein. So werden beispielsweise die folgenden Sätze aus der Stellungnahme der Vulkangruppe ins Russische übersetzt. „Die massive Bewaffnung Europas und der Ukraine erzwingt eine Neubesinnung auf die strategischen Grundlagen unserer Sicherheitspolitik. Es geht nicht mehr nur um Verteidigungsfähigkeit, sondern um die Fähigkeit, den Gegner aktiv zu schwächen.“ Die KI behauptet dann, der erstellte russische Text klinge absolut natürlich und idiomatisch und enthalte typische Wendungen, die Standard seien in russischen geopolitischen Analysen. Das mag schon sein. Doch erstens wäre sogar ein Linksextremer, der einigermaßen der deutschen Sprache mächtig ist, in der Lage, diese beiden deutschen Sätze zu formulieren, dazu braucht man keine Vorlage. Und was – zweitens – wichtiger ist: Diese beiden Sätze kommen in der Stellungnahme „Fossile Kraftwerke abschalten ist Handarbeit“ der Vulkangruppe gar nicht vor. Sie kann jederzeit bei Indymedia gelesen werden, doch sucht man dort nach Formulierungen wie der von der „Bewaffnung Europas“ oder einer „Neubesinnung“, so gerät man in Verlegenheit, denn diese Formulierungen sind bei der Vulkangruppe nicht zu finden.
Mehr Belege hat die vorgebliche Sprachanalyse allerdings nicht zu bieten. Es mag an mir liegen, dass ich nicht in der Lage war, das einzige angegebene Beispiel im eigentlichen Bekennerschreiben zu finden, aber üblicherweise funktioniert die Textsuche auf solchen Seiten problemlos; wer die Stelle dennoch findet, kann mich gerne korrigieren. Solche Fehlleistungen eines KI-Systems kommen vor; ich darf daran erinnern, dass ChatGPT mich selbst einmal als vor einiger Zeit verstorbenen Philosophen identifiziert hat, was in keinem Punkt der Wahrheit entsprach.
Nach derzeitigem Stand hat Kiesewetter also aus der „Sprachanalyse“ einer KI eine Aussage über russische Hintergründe abgeleitet, ohne sich über die generelle Fragwürdigkeit einer solchen KI-Analyse im Klaren zu sein und ohne auch nur eine einzige Plausibilitätskontrolle vorzunehmen.
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Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und war Professor für Mathematik und Informatik an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Neben einigen Fachbüchern über Mathematik hat er auch Aufsätze zur Philosophie und Geschichte sowie ein Buch zur Unterhaltungsmathematik publiziert.
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