Von Kai Rebmann
Venezuela steht bei den Asylanträgen in der EU an der Spitze der Herkunftsländer. Und das nicht erst seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Nicolas Maduro. Dieser hat einen seit gut einem Jahr zu beobachtenden Trend nur noch weiter angefeuert. Schon im eben abgelaufenen Jahr 2025 werden vorbehaltlich der endgültigen Zahlen erstmals wohl mehr als 100.000 Flüchtlinge aus Venezuela in die EU gekommen sein. Die mit Abstand meisten von ihnen landen in Spanien, gleich dahinter folgt auf Platz 2 einmal mehr aber Deutschland.
Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied zu den Flüchtlingen aus anderen Herkunftsländern wie Afghanistan, Syrien oder der Türkei, deren schiere Masse Politik und Gesellschaft in Deutschland und Europa seit 2015 an ihre Grenzen und darüber hinaus gebracht hat. Bei einem guten Teil der Venezolaner handelt es sich um Fachkräfte, also nicht solche, die der Merkelschen Definition dieses Begriffs entsprechen, sondern echte Fachkräfte mit einer richtigen Ausbildung, viele davon in medizinischen oder pflegerischen Berufen.
Zu ihnen gehört auch Manuel (Name geändert), ein 24-jähriger Oppositioneller aus Maracaibo, einer im äußersten Nordwesten seiner Heimat gelegenen Millionen-Metropole. Anders als viele seiner Landsleute ist der Krankenpfleger nicht in Sachsen untergekommen, sondern lebt und arbeitet seit knapp zwei Jahren in einer Großstadt in Süddeutschland. Aus Angst vor möglichen Repressionen will Manuel anonym bleiben und auch seinen genauen Wohnort in Deutschland auf keinem Online-Portal lesen.
Manuel gehört zu den ganz wenigen Venezolanern, deren Antrag auf Asyl anerkannt wurde. In der EU lag diese Quote zuletzt bei gerade einmal rund drei Prozent. Der junge Mann fand aus politischen Gründen Zuflucht in Europa, aber auch alle anderen Venezolaner werden bis auf weiteres in ihrem jeweiligen Gastland bleiben können. Das bekräftigte zuletzt auch Martin Modschiedler (CDU), Sachsens Integrationsbeauftragter gegenüber dem MDR: „Eine Ausweisung wird derzeit nicht stattfinden. Wir kennen die aktuelle politische Lage.“
Damit spielt der Unionspolitiker ganz offensichtlich auf das sich anbahnende Machtvakuum nach dem Sturz von Nicolás Maduro an. Iberia, Air Europa und weitere Fluggesellschaften haben Flüge ab und nach Caracas bis mindestens 31. Januar 2026 ausgesetzt, eine Verlängerung dieser Frist erscheint sehr wahrscheinlich. Rückführungen nach Venezuela würden also, selbst wenn der Staat sie wollte, schon an rein praktischen Gründen scheitern.
Manuel hat sich bereit erklärt, reitschuster.de ein exklusives Interview zu geben und mit uns über die Entwicklungen der vergangenen Jahre und die Hoffnungen – seine eigenen, aber auch die seiner Altersgenossen und Landsleute – für die Zukunft zu sprechen. Anders als in vielen, insbesondere deutschen Medien oftmals dargestellt, überwiegt bei den Menschen auf der Straße der Dank an die USA und Donald Trump für deren Nacht-und-Nebel-Aktion am frühen Morgen des 3. Januar.
'Trumps Interessen in Venezuela sind mir egal – ich habe wieder die Hoffnung auf eine Zukunft'
Ob es Trump und den USA weniger um das Wohl des venezolanischen Volkes als vielmehr um eigene Interessen gehe? Oder das Land jetzt nicht drohe, endgültig im Chaos zu versinken? Das alles seien Fragen, über die er auch schon nachgedacht habe – aber nur kurz, wie Manuel einräumt. Viel wichtiger sei die Erkenntnis, dass die Menschen in seiner Heimat zum ersten Mal seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten, die Chance auf einen echten Wechsel und eine bessere Zukunft sehen.
Und, schiebt der Krankenpfleger gleich hinterher, die Diplomatie versage ganz offensichtlich sehr regelmäßig – ob nun in Venezuela, in der Ukraine oder ganz aktuell im Iran. „Wer glaubt, man könne mit Despoten und Diktatoren auf dem Verhandlungsweg zum Erfolg kommen, der lebt auf einem anderen Planeten“, stellt Manuel klar. „Schauen Sie in den Iran. Das Regime lässt Aufstände blutig niederschlagen und tötet Tausende größtenteils junge Menschen. Und was macht Deutschland? Es bestellt den iranischen Botschafter ein und droht mit weiteren ‚Sanktionen‘. Glaubt eure Regierung ernsthaft, dass die Mullahs so was beeindruckt?“
Wie muss man sich den Alltag einer jungen Erwachsenen in Venezuela vorstellen?
Das Leben in Venezuela war und ist von Mangel geprägt. Es gab dabei schlimmere und weniger schlimmere Phasen. In meiner Ausbildung hatte ich täglich mit unterernährten Patienten jeden Alters zu tun, die in teilweise sehr kritischem Zustand zu uns kamen. Und das Schlimmste dabei war, dass wir diesen Menschen nicht wirklich helfen konnten. Es fehlte an Medikamenten, medizinischer Ausstattung – einfach an allem – oft sogar an der elektrischen Versorgung. Stromausfälle, auch in Krankenhäusern, waren an der Tagesordnung.
Welche Perspektiven haben junge, gut ausgebildete Fachkräfte in deinem Land?
Praktisch gar keine. Jedenfalls galt das bis vor zwei Wochen. Wie das in Zukunft aussehen wird, wird man abwarten müssen, da wage ich im Moment keine Prognose. Wer konnte und sich nicht im Lager der Chavista verortete, hat das Land in den letzten Jahren bereits verlassen. Insgesamt waren es Millionen Venezolaner und rund ein Viertel der Bevölkerung.
Gab es seitens des Maduro-Regimes Versuche, diesen Exodus zu unterbinden?
Ja, das gab es und es geschah auf eine sehr subtile Art und Weise. Als die Welle um das Jahr 2018 herum ihren Höhepunkt erreichte, wurden zum Beispiel die Preise für die Neuausstellung oder Verlängerung von Reisepässen in absurde, für den Großteil der Bevölkerung nicht bezahlbare Höhen getrieben. Ein Pass kostete dann mehrere hundert Dollar. Oder die Terminvergaben bei der zuständigen Behörde [SAIME = Servicio Administrativo de Identificación, Migración y Extranjería, Anm. d. Autors] wurden nur noch online vergeben – die entsprechende Seite war dann aber tage- und wochenlang nicht erreichbar.
Welches war die schwerste Zeit, an die du dich erinnerst? Wann war die Krise am stärksten zu spüren?
Das muss um das Jahr 2016 gewesen sein, die Zeit der sogenannten „Maduro-Diät“. Venezuela war damals nahe einer Hungerkrise, wenn es diese Schwelle nicht sogar überschritten hat. Ich kenne mich mit diesen Definitionen nicht so genau aus, aber viele in meinem Familien- und Bekanntenkreis haben damals viel an Gewicht verloren. Die Mangelwirtschaft hatte ihren Höhepunkt erreicht, Essen und Einkäufe wurden stark rationiert. An einem Tag durften zum Beispiel nur Leute einkaufen, deren Passnummer mit einer geraden Zahl endete, am nächsten Tag waren dann die mit ungerader Nummer dran.
Kam es in den Städten zu regelmäßigen Protesten gegen das Regime und wie reagierte die Regierung darauf?
Ja, vor allem in der Hauptstadt Caracas und im Bundesstaat Tachira, einer Hochburg der Opposition. Diese Proteste gingen zum größten Teil von Studenten aus und nahmen ab etwa 2017 zu, auch angetrieben durch den damaligen Regierungswechsel in den USA. Viele Menschen in Venezuela setzten ihre Hoffnung – damals wie heute – auf Donald Trump, der eine gänzlich andere Außenpolitik betrieb als Obama vor ihm und Biden nach ihm. Die Regierung schickte dann irgendwann das Militär auf die Straßen, das Metallgeschosse gegen friedliche Demonstranten einsetzte. Es kam damals auch zu mehreren Todesfällen. Zu einem der bekanntesten Märtyrer wurde Neomar Lander, der im Juni 2017 im Alter von 17 Jahren bei Protesten in Caracas erschossen wurde. Sein Vermächtnis lebte aber weiter, unter anderem bei den Aufständen 2018 in Nicaragua, als die dortigen Demonstranten Landers Konterfei und den ihm zugeschriebenen Schlachtruf vor sich hertrugen – „La lucha de pocos vale por el futuro de muchos“ [etwa: „Der Kampf Weniger ist die Zukunft Vieler wert“]
Die Reaktionen in Europa auf die Intervention der USA in Venezuela fielen gemischt aus. Wie empfinden junge Venezolaner das Handeln von Donald Trump – eher als Angriff auf ihr Land oder als Befreiung?
Die meisten Venezolaner sehen das als Befreiung bzw. den Anfang davon, nicht als Einmischung ausländischer Akteure. Das gilt für Exil-Venezolaner als auch für solche, die immer noch im Land leben. Ich bekomme das in vielen Facebook- und WhatsApp-Gruppen mit. Dort habe ich am 3. Januar gegen 6 Uhr deutscher Zeit auch von den damals brandaktuellen Entwicklungen in Caracas gehört. Das hat sich in unserer Community natürlich wie ein Lauffeuer herumgesprochen.
Was überwiegt jetzt – eher die Hoffnung auf eine bessere Zukunft oder die Angst, dass unter der „Interimspräsidentin“ Delcy Rodriguez alles so weitergeht wie zuvor?
Was da jetzt in den nächsten Monaten kommen wird, steht in den Sternen. Fest steht für mich und meine Familie, von denen viele immer noch in Maracaibo wohnen, nur: schlimmer als bisher kann es kaum werden. Auch wenn wir uns sicherlich eine andere Nachfolgeregelung gewünscht hätten, als die Einsetzung von Delcy Rodriguez als sogenannte „Interimspräsidentin“. Weder sie noch Maduro sind rechtmäßige Repräsentanten unseres Landes. Der Sieger der Wahl 2024 heißt Edmundo González.
Was kannst du über die Clan-Strukturen innerhalb des Regierungsapparates in Caracas sagen? Es gibt ja noch mehr Mitglieder der Rodriguez-Familie in ranghohen Ämtern.
Ja, und das wissen viele Menschen in Deutschland wahrscheinlich nicht, weil darüber kaum berichtet wird. Jedenfalls lese und höre ich davon hier so gut wie nichts. Jorge Rodríguez, der Bruder der „Interimspräsidentin“ ist Parlamentspräsident und hat seiner eigenen Schwester nach dem Sturz von Maduro den Amtseid abgenommen. Solche Konstellationen sagen doch schon alles, oder!?
Welches Bild haben Venezolaner von den wichtigsten Köpfen der Opposition, zum Beispiel Machado oder González?
Edmundo González ist „unser“ rechtmäßiger Präsident. Er hat die Wahl im Juli 2024 gewonnen. González genießt nicht nur breite Unterstützung des Volkes, sondern auch innerhalb der Opposition. Nachdem María Corina Machado im Juli 2023 die Wählbarkeit entzogen wurde, versammelte sich die Opposition hinter einem Kandidaten, alle zogen an einem Strang. Das war in der Vergangenheit oft anders und machte dem Maduro-Regime die Manipulation von Wahlen leichter. So wurde González nicht nur von Machado unterstützt, sondern zum Beispiel auch von Manuel Rosales oder Corina Yoris, die ihre eigenen Ambitionen zurückstellten bzw. im Fall von Yoris ebenfalls nicht zur Wahl zugelassen wurden.
Im Zusammenhang mit der Wahl im Jahr 2024 kam es in Venezuela zu hunderten Festnahmen von Oppositionellen und politisch Andersdenken. Dem stehen einige wenige Freilassungen in den letzten Tagen gegenüber. Handelt es sich dabei um Symbolpolitik und Effekthascherei oder einen ernstgemeinten demokratischen Neuanfang?
Ob es in Venezuela zu einem echten Neuanfang kommt, wird die Zukunft zeigen müssen. Ich denke, dass vieles von dem, was wir jetzt sehen, vor allem auf den Druck aus den USA zurückzuführen ist, so auch die Freilassung einiger Dutzend politischer Gefangener. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Hunderte weiterhin im Gefängnis sitzen. Nicht vergessen davon man dabei auch einige Gesetze, die jetzt – von der internationalen Öffentlichkeit ebenfalls weitgehend unbeachtet – erlassen wurden. Die Chavista, linien- und regimetreue Venezolaner, wurden dazu aufgerufen, Schmähungen gegenüber Nicolás Maduro oder auch nur Kritik an der Regierung zu melden. Seine Meinung frei zu äußern, etwa in WhatsApp-Gruppen oder den sozialen Medien, steht speziell in diesen Fällen also nach wie vor unter Strafe.
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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.
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