„Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt“, schrieb einst Friedrich Schiller, und unser geschätzter Altbundespräsident Joachim Gauck, seit langer Zeit im Hauptberuf hochbezahlter Moralprediger, dürfte sich diese Einsicht zu eigen gemacht haben.
Nicht jede seiner eigenartigen Auslassungen muss man im Detail kommentieren. Was soll man beispielsweise dazu sagen, wenn er meint, in Deutschland hätten sich „feste Milieus herausgebildet, die sich in einer gewissen Fremdheit gegenüber unserem Staat und der liberal geprägten offenen Gesellschaft eingerichtet haben“? Natürlich hat er recht, ein Blick auf Personal und Parolen von Grünen und SED genügt, um ihn zu bestätigen – auch wenn er andere Parteien im Blick hatte, aber ich kann es ihm ja nicht vorwerfen, wenn er sich selbst nicht versteht. Etwas problematischer ist seine Auffassung, die Zivilgesellschaft im Osten Deutschlands sei „dort generell schwächer ausgeprägt, weil die Menschen die Demokratie schlicht nicht so lange trainieren konnten wie im Westen.“ Numerische Verhältnisse zu beurteilen, scheint ihm nicht leicht zu fallen, denn die Wiedervereinigung ist immerhin schon 36 Jahre her, und auch wenn manche im Osten Aufgewachsene wie Angela Merkel noch immer mit der Demokratie fremdeln mögen, so sollten doch 36 Jahre hinreichen, um sich daran zu gewöhnen.
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Doch in der „Welt am Sonntag“ hat der Altpräsident einen wertvollen Hinweis auf die Gestaltung zukünftiger Politik geliefert, obwohl ihm vermutlich die Konsequenzen für sein eigenes Leben nicht bewusst geworden sind. Die Politik, so versichert er uns, führe zu Zumutungen für den Bürger. „Das Problem ist: Jede echte Reform bringt Zumutungen mit sich. Wir brauchen eine politische Führung, die die Kraft aufbringt, der Bevölkerung zu erklären, warum wir diese Zumutungen akzeptieren müssen.“
Da hat er recht. Aber ist ihm klar, was das bedeutet? Die Bevölkerung besteht nicht nur aus dem Stimmvieh, an dem vorbei er sich mit seinem Dienstwagen noch immer, neun Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bundespräsidenten, durch die Lande fahren lassen kann. Nein, zur Bevölkerung gehört auch er selbst, das vergessen Leute seines Schlages gerne. Und wer wäre geeigneter, sich etwas zumuten zu lassen, als der verehrte Moralist Joachim Gauck?
Als pensionierter Bundespräsident erhält er einen „Ehrensold“ – das Wort lässt bei manchem vielleicht Fragen über die Natur dieser Ehre aufkommen – in der Höhe der vorherigen Amtsbezüge. Das sind etwa 276.000 Euro, Jahr für Jahr. Doch das ist nicht alles, man kann ja so einen Altpräsidenten nicht ohne Ausstattung lassen. Im Jahre 2017, als Gauck in den Ruhestand ging, konnte man nicht nur von einem Büro lesen, sondern von deren neun, deren Kosten keineswegs – man ahnt es schon – Gauck selbst trägt, sondern der Staat, also die Steuerzahler. Und weil man neun Büros nicht einfach so leer stehen lassen kann, braucht er auch etliche Mitarbeiter, zum Teil hoch bezahlt und niedrig beschäftigt, deren jährliche Kosten man damals auf 385.000 Euro taxierte. Neun Jahre ist das her, inzwischen dürften die jährlichen Personalkosten deutlich über 400.000 Euro gestiegen sein. Von Reisekosten – bei diesem jämmerlichen Ehrensold kann man schließlich keinem zumuten, die eigenen Reisen selbst zu bezahlen – und Ausgaben für Personenschutz und Sachkosten wie Dienstwagen will ich gar nicht erst reden.
Die Rechnung, die er nicht bezahlt
Und nun teilt er mit, man müsse die Kraft aufbringen, „der Bevölkerung zu erklären, warum wir diese Zumutungen akzeptieren müssen.“ An dieser Kraft soll es nicht mangeln. Ich erkläre ihm gerne, dass er auf seinen exorbitanten Ehrensold verzichten soll; das ist sicher eine Zumutung, aber um die geht es ihm ja. Auch seine Briefe kann er in Zukunft selbst schreiben, und vielleicht schafft er es sogar, selbstständig zu telefonieren – wozu dann noch die teuren Mitarbeiter? Weg damit; das ist sicher eine Zumutung, aber um die geht es ihm ja. Und ohne Mitarbeiter ließen sich auch seine Büros problemlos anderen Zwecken zuführen, er kann darauf verzichten; das ist sicher eine Zumutung, aber um die geht es ihm ja.
Doch er hat gelernt: Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt, und so denkt er auch bei den Zumutungen zuerst an alle anderen, nicht an sich. In seinem früheren Leben war Gauck Pfarrer. Er sollte also schon einmal etwas von Matthäus 7, Vers 3 – 5 gehört haben. „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!“ Oder wie wäre es mit Lukas 14, 33? Dort heißt es: „Ebenso kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“ Es heißt nicht, dass die anderen verzichten sollen, man muss es selbst tun.
Ein Pfarrer und sein blinder Fleck
Es mag aber auch sein, dass Gauck sich eher für den Anfang des 13. Kapitels des Römerbriefs erwärmen kann, wo der Apostel Paulus verkündet: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet.“ So mag man es in politischen Kreisen.
Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt. So schrieb es Schiller.
Der brave Mann denkt an sich. Selbst zuletzt. So sehen es Politiker.
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Der Autor:
Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und ehemaliger Professor für Mathematik und Informatik. Er publiziert Fachbücher, philosophische Aufsätze und Beiträge zur Unterhaltungsmathematik. Sein Buch „Wahrheit oder Spiel“ finden Sie hier, „Umgang mit Formeln“ über diesen Link. Hier seine Homepage.
Bild: Symbolbild/KI(Grok
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