Wie man eine Medienmarke umbringt — eine Anleitung in drei Akten – die mir als jemandem, der 16 Jahre beim Focus gearbeitet hat, besonders wehtut.
1993 hat Hubert Burda den Spiegel herausgefordert. Mit dem „Focus“. Mit Fakten statt linkem Gesinnungsjournalismus. Bürgerlich statt belehrend. Das Resultat: Eine Million Leser. Eine Erfolgsgeschichte.
Heute ist Focus bei 192.000 Exemplaren. Minus 9 Prozent allein im letzten Quartal. Und auch diese Zahl ist fragwürdig. Dazu unten mehr.
Was ist passiert?
Akt 1: Der Patriarch wird älter, die Erben werden wacher.
Lisa und Jacob Burda übernehmen Anfang 2025 die operative Verantwortung im Verlag. Beide sind politisch weit links von der Mitte: Das ist in einer Demokratie ihr gutes Recht, und gerade bei Kindern, die sehr reich aufwachsen, fast schon Standard (die Gründe dafür wären einen eigenen Artikel, wenn nicht gar ein Buch wert). Nur: Wer ein bürgerliches Nachrichtenmagazin erbt und es dann nach dem eigenen Weltbild links umformen will, begeht nicht nur verlegerischen Selbstmord aus Ideologie. Sondern auch einen schlimmen Verrat an den Lesern.
Frühere Kollegen kolportieren, dass Lisa Burda mehr LGBTQ+-, Klima- und Feminismusthemen für den Focus wollte. Die verbliebene Leserschaft wollte das nicht — sie ist ja zuvor genau deshalb nicht beim Spiegel, sondern beim Focus gelandet. Wer woken Erziehungsjournalismus will, abonniert das Original, nicht den opportunistischen Abklatsch.
Akt 2: Die Redaktion dreht nach links, die Leser drehen ab.
Go woke, go broke ist eine Vereinfachung. Aber sie trifft den Kern: Wenn eine Marke ihren Markenkern aufgibt, dann braucht man keine Wahrsagerin, um vorauszusagen, dass sie zuerst die Stammleser vergrault.Und eben keine neue Zielgruppe gewinnt – die ist woanders zuhause, und der ist der Focus weiter suspekt, weil er eben früher nicht woke war. Der „Spiegel“ hat fast 80 Jahre Vorsprung im linken Milieu. Da kann sich „Focus“ noch so sehr anstrengen, links zu überholen – er kann das nicht aufholen. „Focus“ hatte nur eine Existenzberechtigung, solange er das war, was der Spiegel nicht ist.
War. Vergangenheitsform.
Akt 3: Der finale Geniestreich.
Jetzt meldet Burda Media die große Transformation. Neuer Chef für Focus: Stefan Ottlitz. Zuletzt Geschäftsführer beim „Spiegel“. Davor Chefredaktion „Süddeutsche Zeitung“.
Wer ist dieser Mann? Geboren als Stefan Plöchinger, nahm er 2018 den Namen seines Mannes an — ein Schritt, den er selbst stolz und öffentlich als bewusstes publizistisches Signal für Gleichberechtigung präsentierte. Er gilt als Erfinder des #Hoodiejournalismus — jener Silicon-Valley-Ästhetik, die Anfang der 2010er Jahre die deutschen Digitalredaktionen erfasste und die für den bürgerlichen Focus-Leser etwa so viel Anziehungskraft hat wie ein veganes Buffet auf dem Oktoberfest. Und er sagt selbst, er habe in seiner Karriere „publizistisch nicht genug Zeichen für Gleichberechtigung gesetzt“. Das ist sein erklärtes Programm. Für „Focus“-Leser ist das keine Personalie. Das ist eine Kampfansage.
Man muss all das erst einmal kurz sacken lassen.
Der Mann, der die letzte große bürgerliche Medienmarke Deutschlands retten soll, kommt aus den zwei prominentesten Häusern des stramm linken, woken Kampf-Journalismus. Gleichzeitig fliegt Daniel Steil raus — der Bürgerliche, der so denkt wie wir, der „Focus Online“ zu einem der erfolgreichsten digitalen Medien Deutschlands gemacht hat. Einer der Wenigen mit bürgerlichem Kompass im Haus – auch wenn er nicht verhindern konnte, dass der Kurs ganz im Sinne der Verlagserben immer linker wurde.
Heimatlos
Die 192.000 verbliebenen Focus-Leser haben den Spiegel jahrzehntelang bewusst nicht abonniert. Was kaufen sie ab jetzt? Wobei – die Zahl 192.000 ist schon fragwürdig. Wie viele davon sind digitale Karteileichen? Ich weiß aus eigener Anschauung, wie das läuft: Als ich es das letzte Mal prüfte, habe ich selbst noch das digitale Abo gehabt – viele, viele Jahre nach meinem Ausscheiden, ohne je dafür bezahlt zu haben. So kann man Statistiken schönen.
Hubert Burda ist 84. Solange er lebt, wird niemand den Stecker ziehen und die längst nicht mehr profitable Druckauflage des „Focus“ einstellen. Selbst die linken Erben wollen dem alten Mann nicht antun, dass er das Scheitern seines Lebenswerkes noch erlebt.
Wenn er nicht mehr ist, wird man feststellen, dass der Stecker längst von innen gezogen wurde.
Rot-grüner Masochismus
Das ist keine Transformation. Das ist die teuerste Art, eine Erbschaft zu vernichten. Aus Ideologie. Die jungen Burdas werden keinen funktionierenden Verlag mehr haben – aber in ihren woken Party-Kreisen in Berlin Schulterklopfer bekommen für ihre tolle „Haltung“.
Unter Helmut Markwort war ich stolz, beim „Focus“ zu sein. Heute schäme ich mich für das Blatt.
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