Amthor ist nackt – und der FAZ-Chef lobt seine Kleider Strandkorb statt 4,9 Prozent: Was der Herausgeber lieber verschweigt

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) war einmal die Speerspitze des bürgerlichen, konservativen Journalismus in Deutschland. Heute ist sie ein Bettvorleger von Rot-Grün. Einer der Mitverantwortlichen: Herausgeber Berthold Kohler – ein strammer Merkelianer. Kaum eine rot-grüne Verwirrung, die er nicht schönschreibt. Und jetzt das: Ausgerechnet Kohler springt in der Strandkorb-Affäre dem hochnotpeinlichen CDU-Staatsminister Philipp Amthor zur Seite. Und entlarvt sich damit in einer Art und Weise, die abenteuerlich ist.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Die CDU fliegt in Mecklenburg-Vorpommern mit 4,9 Prozent aus dem Landtag. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Eine Partei, die einmal Volkspartei war, ist in einem Bundesland zur Splitterpartei geschrumpft. Und was treibt den Herausgeber der FAZ um? Die Ehre eines Strandkorbs.

Kohler eröffnet seinen Kommentar mit einer Breitseite gegen die Kritiker. Ludwig XIV., Marie Antoinette, spätrömische Kaiser – so hätten sie Amthor im Netz beschimpft. Hass und Häme, ein Furor wie ein Waldbrand. Dabei habe der arme Mann doch nur einen einfachen Strandkorb auf seinen Balkon im Kanzleramt stellen lassen. Mit eigenem Geld bezahlt! „Geht’s noch?“, fragt Kohler empört.

Herausgeber Köhler

Ja, Herr Kohler, es geht noch. Nur um etwas anderes, als Sie Ihren Lesern weismachen wollen.

Denn um den Strandkorb ging es nie. Der Kern der Kritik war nie, dass ein Politiker sich von seinem eigenen Geld ein Möbelstück kauft. Kohler baut sich einen Pappkameraden, schießt ihn um und lässt sich als Sieger feiern. Ein Taschenspielertrick, wie man ihn sonst aus Faktencheck-Redaktionen kennt.

Worum es tatsächlich geht, hat jeder gesehen, der sich die ZDF-Doku „Inside CDU“ angeschaut hat. Ein 33-jähriger Staatsminister, der zu Barockmusik durch das Treppenhaus des Kanzleramts schreitet, als stünde gleich seine Krönung an. Der sein Büro samt Designer-Ledergarnitur vorführt wie ein Möbelhaus seinen Showroom. Der feixt, er könne den Strandkorb ja noch zum Kanzlergarten drehen, wenn er mal Zeit zum Ausruhen hätte. Der einen Döner-Termin inszeniert, Spieß, Selfie, Volksnähe, und dann zurück in die Limousine steigt. Und der, das ist die eigentlich vernichtende Szene, vor einem Saal redet, in dem die Leute mit verschränkten Armen dasitzen und innerlich längst gegangen sind. Und es nicht einmal merkt.

Das ist nicht ein Möbelstück. Das ist ein Psychogramm. Das Psychogramm eines Mannes, der sich für einen Staatsmann hält und eine Karikatur abgibt. Ausgestrahlt in einer Woche, in der seine Partei in seiner Heimat in den Abgrund gestürzt ist. Und nach diesem Absturz übernimmt ausgerechnet er kommissarisch den Landesvorsitz.

Totale Verdrängung

All das blendet Kohler aus. Kein Wort über die Doku als Ganzes. Kein Wort über das Wahldebakel. Kein Wort über die Beförderung Amthors. Stattdessen der Strandkorb, und die Frage, ob man sich nicht schämen müsse, so gemein zu einem fleißigen jungen Mann zu sein.

Man fragt sich: Sieht Kohler das wirklich nicht? Oder will er es nicht sehen? Beides wäre ein Armutszeugnis. Jeder Ortsvereinsvorsitzende weiß, dass Politik zu einem großen Teil aus Symbolen besteht. Man hat Armin Laschet nicht vorgeworfen, dass er gelacht hat, sondern wo er gelacht hat. Wenn ausgerechnet der Herausgeber einer Zeitung, die sich für das Zentralorgan politischer Urteilskraft hält, das nicht begreift, dann ist das kein Versehen. Dann ist das ein Befund.

Und weil Kohler offenbar spürt, dass sein Möbel-Plädoyer allein nicht trägt, schiebt er noch etwas nach. Die Kritiker, so seine Unterstellung, suchten sich nur neue Prügelknaben, weil ihnen das Eindreschen auf Merz keinen Spaß mehr mache. Das ist das bekannte Muster: Nicht mit Argumenten auseinandersetzen, sondern den Kritikern niedere Motive andichten. Wer Amthor peinlich findet, ist nicht etwa scharfsichtig, sondern gehässig. So einfach ist die Welt im Frankfurter Elfenbeinturm.

Das größte Eigentor kommt am Ende

Richtig entlarvend wird es aber am Schluss. Da stellt Kohler eine Frage, die er besser nicht gestellt hätte: Warum gehen eigentlich fähige Leute lieber in die Wirtschaft als in die Politik? Seine Antwort: weil sie dort mehr Geld für weniger Arbeit bekommen und nicht ständig mit Hass und Häme überschüttet werden.

Man muss das wirklich zweimal lesen: Kohler gibt unumwunden zu, dass die Fähigen in der Politik fehlen. Ich dachte, das gilt in seinen Kreisen als Verschwörungstheorie, ja gar als „Delegitimierung“? Nur schuld an dieser fatalen Entwicklung sind für Kohler natürlich nicht die Parteien, die die Guten aussieben. Schuld sind die Bürger, die sich über das Ergebnis lustig machen. Nicht der Koch hat die Suppe versalzen, sondern der Gast, der sich beschwert.

Historische Gegenbeispiele

Dieses Argument lässt sich mit zwei Namen erledigen: Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt.

Strauß war über Jahrzehnte die meistgehasste Figur der Republik. Spiegel-Affäre, „Stoppt Strauß“, ganze Generationen von Studenten und Journalisten arbeiteten sich an ihm ab. Gegen das, was ihm entgegenschlug, ist jeder Shitstorm auf X ein laues Lüftchen. Schmidt wurde von seiner eigenen Partei und der Friedensbewegung bekämpft, als hätte er den Atomkrieg persönlich bestellt. Beide sind trotzdem in die Politik gegangen. Beide sind trotzdem nach oben gekommen. Und keiner von beiden hätte sich zu Barockmusik durch ein Treppenhaus filmen lassen.

Gar nicht zu reden von Helmut Kohl, den die halbe Republik verhöhnte, der sich als „Birne“ verunglimpfen lassen musste – und nie auf die Idee kam, sich darüber zu beklagen oder gar dagegen zu klagen.

Nein, Herr Kohler, die Häme ist nicht der Filter. Der Filter ist das System selbst. Wer in einer Partei wie der heutigen CDU etwas werden will, muss jahrelang Plakate kleben, sich in Delegiertenversammlungen hochdienen und vor allem eines: nach oben nicken. Wer eigene Überzeugungen hat und aneckt, fliegt raus. Ich habe das hier vor einigen Wochen ausführlich beschrieben (meinen Text über diese negative Selektion finden Sie hier: „Warum die Falschen regieren – und wie ich fast selbst einer von ihnen wurde“). Wer in der freien Wirtschaft Optionen hat, tut sich das nicht an. Nicht wegen der Häme. Sondern weil die Ochsentour Rückgrat bestraft und Unterwürfigkeit belohnt. Die Häme ist nicht die Ursache der Negativauslese. Sie ist die Reaktion der Bürger auf deren Ergebnis.

Und damit sind wir beim eigentlichen Punkt. Kohlers Kommentar ist kein Ausrutscher. Er ist ein Symptom.

Totalversagen der vierten Macht

Eigentlich gibt es in einer Demokratie zwei Schutzmechanismen gegen Figuren wie Amthor. Der erste sind die Parteien, die ihr Personal prüfen müssten. Der zweite ist die Presse, die hinschauen müsste, wenn die Parteien versagen. Beide funktionieren heute nach demselben Prinzip. In der Partei steigt auf, wer nach oben nickt. In den großen Redaktionen steigt auf, wer dem Betrieb nahe ist. Dieselben Empfänge, dieselben Hintergrundkreise, dieselben Talkshow-Sessel. Wer jahrelang so lebt, hält das Berliner Regierungsviertel für die Welt. Und aus dieser Perspektive sieht ein Strandkorb auf dem Kanzleramtsbalkon eben ganz harmlos aus.

Das ist keine Verschwörung. Es braucht nicht mal eine. Niemand muss Kohler anrufen und ihn bitten, Amthor zu verteidigen. Er tut es von selbst. Weil er denselben Blick hat. Weil er Teil derselben Blase ist. Weil er Kritik an einem der Ihren als Angriff auf den ganzen Betrieb empfindet. Das ist schlimmer als jede Absprache. Denn Absprachen kann man aufdecken. Gleichgeschaltete Wahrnehmung nicht.

Um nicht missverstanden zu werden: Viele haben sich über Amthor lustig gemacht. Die Memes liefen, Ludwig XIV. wurde bemüht. Aber der Spott blieb am Möbel kleben. Über einen Strandkorb zu lachen, kostet nichts. Die unbequeme Frage, warum ein System genau solche Figuren nach oben spült, stellt kaum jemand. Und wenn sie doch gestellt wird, rückt die Nachhut des bürgerlichen Establishments aus, um den Betrieb zu verteidigen. Spott und Verteidigung sind zwei Seiten derselben Medaille. Beide ersparen sich das Nachdenken.

This is a title

In meinem ersten Text über Amthor habe ich vergangene Woche geschrieben, dass er nicht einmal merkt, dass er nackt ist. Er hält sich für angezogen und tritt blank vor die Kamera, platzend vor Stolz. Jetzt ist das Märchen komplett. Denn in „Des Kaisers neue Kleider“ gibt es nicht nur den Kaiser, der nichts merkt. Es gibt auch die Höflinge, die den prachtvollen Stoff loben. Berthold Kohler hat sich für diese Rolle entschieden. Mit Inbrunst.

Dabei hätte ein Blick in die Doku „Inside CDU“ genügt, um zu verstehen, wie es in diesem Betrieb wirklich zugeht. Dort gibt es eine Szene, die bisher fast unbemerkt geblieben ist. Gedreht in der CDU-Zentrale, vor versammelter Mannschaft, ganz ernst gemeint. Es geht um Hunde – und darum, wie man sie dressiert. Gemeint waren aber nicht die Hunde, sondern die Wahlkämpfer im Saal. Nur stieß das offenbar niemandem auf. Die Szene, deren Sprengkraft kaum jemand erkannte oder erkennen wollte, erklärt mehr über diese Partei als jeder Strandkorb. Mehr darüber in meiner nächsten Geschichte.

Genau hinsehen, statt Hofberichte zu schreiben – das geht nur unabhängig. Und unabhängig geht nur mit Ihnen. Hier können Sie mithelfen. Danke – ohne Sie gäbe es diese Seite nicht.

Mehr zum Thema:

Bild: Systembild/KI/Grok / Screenshot FAZ

Für Sie empfohlen: