Es ist eine Szene, bei der man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Die fast schon surreal ist. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann hat den „Persönlichkeitstrainer“ und Potential-Trainer bei Eintracht Frankfurt, Martin Daxl, eingeladen, für ein Coaching von CDU-Wahlkämpfern („wir kennen uns schon einige Jahre“, „wir treffen uns drei, vier Mal im Jahr“, „mit ihm gewinnen wir nicht nur die Wahl, sondern haben auch Spaß dran“). Zuerst sollen sich die Christdemokraten kneifen, damit sie sich „im Hier und Jetzt“ fühlen. Weiter erzählt Daxl von einem Zirkusdirektor, der einen Hund mit einer Fleischwurst in seiner Hand abrichtet, immer höher über eine Stange zu springen, indem er diese unbemerkt immer höher hängt.
Dann überträgt Daxl das Motiv auf die Wahlkämpfer im Raum: „Und jetzt kommt die Wissenschaft wieder, und da stehen zwei Menschen nebeneinander. Der eine hat im Kopf dieses geile Gefühl, wenn er in diese Wurst beißt. Wenn wir das gewinnen, wenn wir das schaffen, wenn wir das Ziel erreichen, was ist das geil! Merkt Ihr das Gefühl? Das ist der Trigger! Das ist mein Motor. Spitzensport hat mit mir zu tun, und was ihr macht, ist Spitzensport, ihr seid alle Weltklasse!“
Keiner regt sich im Publikum. Keinem fällt auf, dass sie der „Persönlichkeitstrainer“ gerade mit Hunden verglichen hat, und wie absurd das Bild ist. Wie entlarvend. Die Wurst sind Posten, Mandate, Beförderungen. Die Latte, die immer höher hängt, ist die Anpassung, die verlangt wird: noch loyaler, noch mehr Nicken, noch weniger eigene Meinung. Der Hund, der es nicht merkt, ist der CDU-Wahlkämpfer, der die Dressur für seine eigene Leistung hält. Der Zirkusdirektor, der die Latte hochhängt, ist der Apparat. Linnemann schaut im Publikum bei diesen Worten begeistert, wie ein kleines Kind unter dem Weihnachtsbaum.

Es ist eine der peinlichsten Szenen aus der Doku „Inside CDU“ des ZDF (anzusehen hier, Zeitstempel 29.50) – aber alles andere als die einzige. Die ganze Doku ist ein Aneinanderreihen von Peinlichkeiten. Und hat das Zeug, die CDU quasi von innen heraus zu zerreißen. Eine alte Volksweisheit besagt, man sollte auch im besten Restaurant nicht in die Küche sehen. Das hat man bei der CDU offenbar vergessen – und ausgerechnet dem ZDF – der CDU notorisch feindlich gesinnt – Einblicke in das Innenleben der Partei eröffnet, die man nie, aber auch wirklich nie hätte offenbaren sollen. Und die auch keine andere Partei offenbaren sollte.
Nur dass die anderen Parteien offenbar klug genug sind, das zu kapieren. Und die CDU nicht. Carsten Linnemann, als Generalsekretär Hauptfigur und wohl auch die treibende Kraft hinter der Doku, hat offenbar geglaubt, mit den Innenansichten Sympathiewerbung für die eigene Partei zu betreiben – und nicht kapiert, dass dieser Schuss fast zwangsläufig nach hinten losgehen musste.
Ein Kabinett der Peinlichkeiten
Wer die Hunde-Szene für einen einmaligen Ausrutscher hält, muss sich nur den Rest ansehen. Schon die allererste Szene der Doku ist choreografiert: Spontanität, die keine ist, sorgsam einstudiert. Und so geht es weiter. Friedrich Merz spricht eine Videobotschaft ein und meckert über Schreibfehler im Teleprompter. Linnemann dreht in seinem Büro Instagram-Videos, bei denen man vor Fremdscham den Bildschirm zuklappen möchte. Thorsten Frei joggt frühmorgens durch Berlin und teilt der Kamera mit, das sei ein schöner Start in den Tag. Die Junge Union fährt im Bus zur Abschlusskundgebung und dreht den Merz-Song von Stefan Raab auf. Markus Söder singt im Tonstudio, für die sozialen Medien. Politik als Dauerwerbesendung.
Die zweite Staffel legt noch eins drauf. In Baden-Württemberg steht Linnemann mit hängendem Kopf vor der Kamera und sagt: „Jetzt müssen wir nur noch gewinnen.“ Ein Satz, für den jeder Kabarettist Gage verlangen würde. In Sachsen-Anhalt steht Spitzenkandidat Sven Schulze auf einer vertrockneten Wiese zwischen zwei älteren Damen und erklärt, man dürfe nicht immer alles negativ sehen. Nach der Wahl versteckt er sich im Studio vor dem AfD-Spitzenkandidaten und weiß nicht, wohin. An den Wahlkampfständen werden CDU-Kandidatinnen von Bürgern beschimpft, die Wut ist mit Händen zu greifen. Und die Antwort der Partei? Fischbrötchen. Und die Beschwörungsformel, die Mitte sei das Beste. Kurz darauf fliegt die CDU in Mecklenburg-Vorpommern mit 4,9 Prozent aus dem Landtag.
Und dann Philipp Amthor. Über seinen Strandkorb habe ich bereits geschrieben (den Text finden Sie hier). Aber man achte einmal darauf, wie er über die AfD spricht. Die Sätze vom „Todesgegner“ klingen, als hätte er sie vor dem Spiegel eingeübt. Phrasen auf Knopfdruck, vorgetragen mit dem Ernst eines Staatsmannes.
Merkwürdig unreif
Was beim Zuschauen am meisten verstört, ist aber nicht eine einzelne Szene. Es ist ein Eindruck, der sich durch alle Folgen zieht: Wie merkwürdig unreif diese Leute wirken. Amthor, der durch das Kanzleramt schreitet wie ein Junge, der Staatsmann spielt. Linnemann, dessen Weihnachtsbaum-Strahlen bei der Hunde-Rede wir schon kennen. Und der der Kamera voller Stolz und Bewunderung erzählt, dass er manchmal sonntags beim Kanzler vorbeischauen darf – wie ein Kind, das sich vor anderen Kindern damit brüstet, dass es manchmal an Mamas Bonbonglas darf. Das ist nicht die Sprache eines Mannes, der eine Volkspartei führt.
Und dann die Abgeordnete aus Sachsen, Christiane Schenderlein, die die Kamera lange begleitet. Sie wird beim Plakataufhängen angepöbelt, sie kämpft gegen eine AfD, die in ihrem Land übermächtig ist. Eigentlich der Stoff für eine bewegende Geschichte. Doch was man sieht, ist eine merkwürdige Sterilität. Phrasen, Termine, Abläufe. Kaum ein Moment, in dem ein Mensch durchscheint, kaum ein Satz, der nicht klingt, als käme er aus der Pressestelle. Bei einem Video studiert ihr das eigene Team angebliche Spontanität ein.
Und genau hier liegt wohl auch die Antwort auf die Frage, warum die CDU dieser Doku überhaupt zugestimmt hat. Nur wer so selbstverliebt ist, so ohne jeden Abstand zu sich selbst, kann glauben, dass ein Kamerateam ihn monatelang begleiten wird und er dabei gut aussieht. Die Unreife ist nicht nur das, was die Doku zeigt. Sie ist der Grund, warum es die Doku gibt. Sie sind ins offene Messer gelaufen und haben dabei noch in die Kamera gelächelt.
Rehaugen statt Rückgrat
Besonders aufschlussreich ist, wie die Doku die Abstimmung über die Migrationspolitik Anfang 2025 inszeniert, als die Union im Bundestag eine Mehrheit mit den Stimmen der AfD in Kauf nahm. Dramatische Musik, ernste Gesichter, die Botschaft: Die Brandmauer bröckelt. Ein Tabubruch, ein Sündenfall.
Und die CDU? Statt selbstbewusst zu sagen „So what“, duckt sie sich. Man sieht Verlegenheit, schlechtes Gewissen, Leute, die wirken wie Schüler, die beim Rauchen auf dem Klo erwischt wurden. Dabei wäre die Sache so einfach. Wenn mir der Arzt sagt, ich brauche einen Herzkatheter, verzichte ich nicht darauf, nur weil mein unbeliebter Nachbar ihn auch für richtig hält. Eine Partei, die für richtig gehaltene Politik nicht mehr wagt, weil die Falschen zustimmen könnten, hat das Denken längst anderen überlassen. Auch das ist Dressur. Die Latte hängt hier besonders hoch. Und sie heißt Brandmauer.
Das Gleiche beim „Rehaugen“-Skandal von Baden-Württembergs Spitzenkandidat Manuel Hagel. Er hatte acht Jahre vor der Wahl, als 29-jähriger Abgeordneter, kurz geschwärmt, eine Schülerin einer Abschlussklasse sei attraktiv gewesen. Ja und? Zwölf Tage vor der Wahl grub eine grüne Bundestagsabgeordnete das Video aus, eine andere Grüne verbreitete sogar eine Fotomontage, die Hagel als Kinderschänder zeigte. Weil die linke Meute das zum Skandal aufbläst, macht Hagel brav Männchen und entschuldigt sich. Die Journalisten, die in der Doku zu Wort kommen, sind allesamt Linke – wenn man den im öffentlich-rechtlichen System unvermeidlichen und allgegenwärtigen Potemkin-Bürgerlichen Robin Alexander dazuzählt. Und alle, die das ZDF zu Hagel zu Wort kommen lässt, brechen geradezu genüsslich den Stab über ihn. (Ausführlich habe ich den Fall hier beschrieben: „Rehbraune Augen – und ein Land dreht durch“.)
Das ist kein Journalismus. Das ist ein Tribunal.
Was sonst „Verschwörungstheorie“ heißt
Doch bei aller Schlagseite der Kommentatoren: Was die Kamera zeigt, ist echt. Das eigentlich Bemerkenswerte ist nicht, dass es in der CDU so zugeht. Sondern dass die Partei es selbst vorführt – und damit alles bestätigt, was man ihren Kritikern sonst als Verschwörungstheorie um die Ohren haut.
Wenn ich hier schreibe, dass Politik zur Inszenierung verkommen ist, dass Spontanität einstudiert wird, dass die Parteien die Wut der Bürger nicht einmal mehr verstehen, dass in diesen Apparaten nicht die Fähigsten aufsteigen, sondern die Angepasstesten – dann heißt das in den großen Redaktionen: Verschwörungstheorie. Populismus. „Delegitimierung des Staates“.
Jetzt zeigt es das ZDF. Mit Gebührengeld produziert. Von der CDU selbst genehmigt. Mit ihren eigenen Spitzenleuten in den Hauptrollen. Niemand musste die Partei hereinlegen, kein Reporter hat sich im Schrank versteckt. Die CDU hat die Kameras freiwillig hereingelassen. Mehr Bestätigung für all die angeblichen Verschwörungstheorien kann man sich gar nicht wünschen. Ausgerechnet die Kritisierten liefern sie frei Haus.
Am Anfang dieses Textes stand die alte Weisheit, dass man auch im besten Restaurant nicht in die Küche schauen sollte. Die CDU hat uns ihre Küche gezeigt. Nach diesem Blick würde man in dem Restaurant nie wieder essen. Das Problem ist nur: Dieses Restaurant kann man nicht meiden. Die Leute aus dieser Küche regieren unser Land. Da kann man nur sagen: Gute Nacht Deutschland.
Warum der CDU ein Hofnarr fehlt
Bleibt die Frage: Wie konnte das passieren? Wie kann eine Partei so etwas zulassen, ohne dass irgendjemand die Notbremse zieht?
Früher hatte jeder Hof eine Figur dafür: den Narren. Er stand außerhalb der Rangordnung, wollte nichts werden, hatte keine Karriere zu verlieren. Gerade deshalb durfte er dem König sagen, was alle anderen nur dachten. Seine Narrenfreiheit war ein eingebautes Korrektiv gegen die Schmeichler. In Shakespeares „König Lear“ ist der Narr der Einzige, der dem König ins Gesicht sagt, was er anrichtet. In der russischen Tradition gab es den Jurodiwy, den Gottesnarren. In Puschkins „Boris Godunow“ weigert er sich, für den Zaren zu beten, und nennt ihn einen Herodes. Und der Zar lässt ihn gewähren. Selbst die Autokratie hatte ein Ventil für die Wahrheit.
Die CDU hat keines mehr. Bei der Doku hätte es einen Satz gebraucht: „Leute, das sieht katastrophal aus. Das lassen wir.“ Bei der Hunde-Rede. Bei den Instagram-Videos. Beim Strandkorb. Er ist nie gefallen.
Das ist kein Zufall. Es ist die logische Folge genau jener Dressur, die Daxl so begeistert beschrieben hat. In einem Apparat, in dem Nicken nach oben die Karriere sichert und Anecken das Ende bedeutet, sagt so etwas niemand. Selbst wenn er es denkt, schweigt er. Weil der Widerspruch ihn mehr kostet als das Desaster die Partei. Die Hunde springen. Für einen Narren ist in diesem Zirkus kein Platz.
Ich kenne das Phänomen aus meinen Moskauer Jahren. Die späte Breschnew-Zeit hatte genau diese Qualität: ein Apparat, der sich mit großem Ernst inszeniert, mit Ritualen, Auftritten und Phrasen, und nicht merkt, dass draußen längst gelacht wird. Das war nicht zynisch gemeint. Die Funktionäre glaubten daran. Genau das machte sie so lächerlich. Und so verloren.
Und Amthor?
Nun könnte man einwenden: Die CDU hat doch einen Narren. Philipp Amthor. Er sieht doch aus wie einer. Das Internet hat ihn längst zur Witzfigur erklärt.
Eben nicht. Amthor trägt das Kostüm des Narren, aber er hat die Seele des Höflings. Er sagt dem König nie etwas Unbequemes. Er nickt, er dient, er steigt auf. Er ist kein Narr. Er ist der Hund, der am höchsten springt.
Und vor allem: Der Narr weiß, dass er ein Narr ist. Er spielt die Rolle bewusst, um die Wahrheit sagen zu können. Amthor weiß es nicht. Der Narr lacht über den Hof. Über Amthor lacht das Land. Und er merkt es nicht.
So hat die CDU am Ende zwei Figuren, die wie Narren wirken, und keinen einzigen echten. Amthor sieht aus wie ein Narr und ist keiner. Daxl hat ausgesprochen, was ein Narr sagen würde, und wusste es nicht. Den Spiegel vorgehalten hat der Partei keiner von beiden. Das hat nur die Kamera getan.
Die höher gehängte Latte
Die bitterste Pointe liefert die Doku gleich selbst. Erinnern Sie sich an den strahlenden Linnemann bei der Hunde-Rede? Im Mai 2025 erklärte er im Sender Phoenix, es sei nicht sein Ding, Minister zu werden, nur damit das irgendwo bei Wikipedia stehe. Und als Beispiel für ein Amt, in dem er wohl nicht erfolgreich wäre, nannte er ausgerechnet: Gesundheitsminister. Seine Begründung: „Schuster, bleib bei deinen Leisten. Mach das, was du kannst.“
Gut ein Jahr später ruft der Kanzler an und versetzt ihn aus dem Amt des Generalsekretärs, das er liebte, ins Gesundheitsministerium. Linnemann erzählt der Kamera davon so: „Der Bundeskanzler hat mir keine Wahl gelassen! Es war ein faires Gespräch.“
Die Latte hing höher. Er ist gesprungen. Und hat sich für das faire Gespräch bedankt. Der Schuster hat seine Leisten verlassen, weil der Zirkusdirektor es so wollte.
Franz Josef Strauß hat einmal gesagt: „Everybody’s darling is everybody’s Depp.“ Die CDU hat daraus ein Organisationsprinzip gemacht. Ihr fehlt nicht nur der Narr. Ihr fehlt längst jeder, der ihn überhaupt verstehen würde.
Die Doku sollte Sympathiewerbung sein. Sie könnte zum Schwanengesang der CDU werden. Angestimmt von der Partei selbst, vor laufender Kamera, mit Gebührengeld produziert. Und keiner im Saal hat gemerkt, dass es ein Abgesang ist. Eine Laienspielschar, die sich für Spitzensportler hält. Sie sind ja alle Weltklasse.
Ich springe über keine Latte, die mir ein anderer hinhängt – auch nicht für die dickste Wurst. Das geht nur ohne Zirkusdirektor. Und ohne Zirkusdirektor geht es nur mit Lesern wie Ihnen. Hier können Sie mithelfen. Danke – ohne Sie gäbe es diese Seite nicht.
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Bilder: Screenshots ZDF / Inside CDU
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