Mitten im September kommt es zur Merz-Dämmerung. Die Anzeichen dafür, dass dem Bundeskanzler alle Felle davon schwimmen und seine Tage gezählt sind, verdichten sich. Ob er ein erneutes Debakel seiner Partei am Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern, das sich abzeichnet, da der Partei erstmals in ihrer Geschichte sogar ein Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde droht, politisch überleben wird, ist fraglich. Über all die Auflösungserscheinungen seiner Kanzlerschaft wird viel geschrieben und ich bringe Ihnen später einen kurzen Überblick. Ein Aspekt kommt aber kaum vor – obwohl er der atemberaubendste ist. Und wohl auch der gruseligste – sollte er eintreten.
Aktuell ist es nur ein Gerücht, das in gewöhnlich gut informierten Kreisen in der Hauptstadt zirkuliert: SPD und/oder Grüne könnten für die Wahl des neuen Bundespräsidenten im Januar eine politische Atombombe für die CDU zünden – indem sie Angela Merkel wie ein Kaninchen aus dem Hut zaubern und als Staatsoberhaupt vorschlagen. Wobei meine Formulierung hier etwas irreführend ist, denn sie unterschlägt die aktive Rolle, die die gewiefte Machpolitikerin dabei selbst spielen würde.
Für die CDU und vor allem für Merz – sollte er bis dahin überhaupt noch politisch überleben – wäre das die ultimative Zerreißprobe. Die ganzen Merkel-Jünger, allen voran die Ministerpräsidenten Hendrik Wüst und Daniel Günther, würden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sofort als Büchsenspanner für ihre politische Über-Mutti in Aktion treten. Für Merkels innerparteiliche Gegner würde es schwierig – denn formell müsste sich die Partei ja gegen eine Kandidatin stellen, die selbst bei ihr Mitglied ist. Zwei CDU-Mitglieder, die gegeneinander antreten – ein Schreckensszenario. Eine Wahl Merkels indes wäre ein noch heftigeres Schreckensszenario – die CDU würde noch weiter abstürzen und für die AfD kämen absolute Mehrheiten noch schneller in Reichweite, als sie es ohnehin schon sind.
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Aus Sicht der Kräfte, die unser Land seit Jahren total umbauen wollen und das auch tun, wäre das ein Geniestreich: Zum einen wäre es wohl der finale Dolchstoß für die CDU. Zum anderen hätte Merkel als eine von ihnen eine Schlüsselposition im Staate inne und könnte ihr Vernichtungswerk in Sachen Freiheit und Demokratie weiter fortsetzen.
Die einzige Hoffnung ist wohl, dass Rot-Grün am Ende nicht klug genug ist, diesen finsteren Plan tatsächlich umzusetzen – oder dass er an Details scheitert.
Dass das Merkel-Szenario überhaupt ernsthaft kursieren kann, liegt nicht an einem einzelnen Gerücht. Es liegt daran, dass die Kanzlerschaft von Friedrich Merz derzeit sichtbar bröckelt – und zwar von innen.
Völlig entglitten
Wer in diesen Tagen mit Unionsleuten in Berlin spricht, hört kaum noch Verteidigung. Von Fassungslosigkeit ist die Rede, von Chaos, das Wort „irre“ fällt. Es geht nicht mehr darum, ob Merz recht hat. Es geht nur noch darum, wie lange seine Restzeit im Kanzleramt ist und wie eine Ablösung aussehen könnte. Nur ein Beispiel: Am Wochenende wurde laut Insidern im Kanzleramt das Szenario eines Bruchs mit der SPD durchgespielt, mit einer Minderheitsregierung der Union. Kurz darauf kam das Dementi. Ein Anzeichen dafür, dass Merz die Zügel völlig entglitten sind und im Kanzleramt die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. Oder dass einflussreiche Kräfte in der CDU gezielt solche Gerüchte streuen, um Merz einen Dolchstoß zu verpassen.
Dazu passt das Bild aus der eigenen Nachwuchsorganisation. Ausgerechnet eine Frau ohne Mandat, aber mit Reichweite in den sozialen Medien, Clara von Nathusius, Bundesschatzmeisterin der Jungen Union, kam im „Bericht aus Berlin“ in der ARD zu Wort. Vor einem Millionenpublikum durfte sie dort sagen, was hinter vorgehaltener Hand viele auch in der Union schon länger formulieren: Dass die Brandmauer ein gescheitertes Projekt sei. Die Union habe Jahre damit verbracht, zu definieren, gegen wen sie sei, und zu wenig damit, wofür. Wenn man eingeladen werde, solle man zunächst mit jedem sprechen; danach zeige sich, was herauskomme, so die Nachwuchspolitikerin.
Den Widerspruch benennt sie offen: In Sachsen lässt sich eine CDU-geführte Minderheitsregierung den Haushalt von der „Linken“ mittragen, in Thüringen sitzt die Union mit dem BSW in einer Koalition – aber mit der AfD darf man nicht einmal reden. Das, so ihre Argumentation, stehe im Widerspruch zu den eigenen Unvereinbarkeitsbeschlüssen. In der bestehenden Form gehörten sie abgeschafft.
Völlige Kapitulationserklärung
Als Beleg führt von Nathusius die Migrationspolitik an. Die Union habe versprochen, Ausreisepflichtige außer Landes zu bringen. Bei mehr als 250.000 Betroffenen könne man den Bürgern nicht länger erzählen, der Staat sei schlicht unfähig, diese Menschen zu finden und abzuschieben. Koalitionen lohnten sich nur noch dort, wo diese Politik auch möglich sei. Und dann der Satz, der in der Union nachhallt: Mit diesem Bundeskanzler seien keine Wahlen mehr zu gewinnen. Auf die Nachfrage, ob Merz noch einmal antreten solle, sagte sie klar: nicht noch einmal.
Genau das macht den Auftritt politisch brisant. Nicht weil eine JU-Schatzmeisterin plötzlich die Parteitaktik diktiert. Sondern weil eine Influencerin ohne Amt auf der großen ARD-Bühne zwei Tabus gleichzeitig anfasst – Brandmauer und Kanzler – und dafür nicht sofort zerschlagen wird. Die Position der Stärke in der Union besteht derzeit darin, Merz öffentlich infrage zu stellen. Das ist kein Zeichen von Erneuerung. Das ist ein Zeichen, dass die Autorität des Amtsinhabers bereits so weit erodiert ist, dass der Angriff aus den eigenen Reihen als karrierefördernd gilt.
Dolch im Gewande
In Sachsen-Anhalt hat die CDU mehr als die Hälfte ihrer Wähler verloren und ist bei 17,2 Prozent gelandet, während die AfD mit 43,8 Prozent stärkste Kraft wurde. In Mecklenburg-Vorpommern, dem Landesverband Angela Merkels, liegen die jüngsten Umfragen für die Union bei sechs bis sieben Prozent. Ein Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde wäre kein normales Debakel mehr, sondern ein historischer Absturz. Söder warnt vor einem Kanzlersturz und fordert Zusammenhalt – ausgerechnet der Mann, der stets den Dolch im Gewand trägt. Intern positioniert er sich – ebenso wie andere – bereits als Nachfolger. Auch über Zeitpläne wird gesprochen.
Die Merkel-Variante für Januar fügt sich in dieses Bild. Sie wäre nicht der Beginn der Krise. Sie wäre deren vielleicht zynischster Höhepunkt: Die Frau, deren Politik die Union inhaltlich und personell völlig ausgehöhlt, ja auf den Kopf gestellt hat, kehrt als Staatsoberhaupt zurück – vorgeschlagen von Rot-Grün, flankiert von den Merkel-Loyalisten in der eigenen Partei, und zwingt die CDU in die Wahl zwischen Selbstverleugnung und offenem Bruch. Merz, sollte er bis dahin noch im Amt sein, stünde dann nicht nur gegen die Opposition. Er stünde dann ganz offen gegen den Teil seiner Partei, der die alte Merkel-Ordnung wiederherstellen will. Verzeihen Sie mir den Denkfehler – diese Tradition wurde ja nie gebrochen. Richtiger wären also die Worte fortführen und zementieren.

Ob Rot-Grün diesen Zug tatsächlich wagt, bleibt offen. Was nicht mehr offen ist: Die Auflösungserscheinungen sind keine journalistische Übertreibung. Sie sind das, was Unionsleute selbst beschreiben, wenn das Mikrofon aus ist – und was einzelne aus der eigenen Jugendorganisation inzwischen ins Fernsehen tragen.
Das Tragikomische daran – und das sage ich als jemand, dem man sicher keine Sympathie für Friedrich Merz nachsagen kann: Aus heutiger Sicht würden alle Nachfolge-Szenarien aus dem Regen in die Traufe führen. Und anders als im Theater ist ein „Deus ex machina“ nicht in Sicht – viel wahrscheinlicher ist das schon ein Teufel aus der Kiste. Oder eine Teufelin.
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Bild: Symbolbild/KI/Grok
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