Was macht funktionierende Demokratien aus? Dass Kritik an den Regierenden — auch scharfe — nicht nur zulässig ist, sondern erwünscht. Weil alle, auch die Regierenden selbst, verstehen: Ohne sie ist keine Demokratie möglich.
Was kennzeichnet undemokratische Systeme? Dass Kritik an der Regierung als illegitim gilt — ja, verächtlich gemacht wird.
Und nun schauen wir uns Deutschland nach gut einem Jahr Friedrich Merz an.
Wer dieser Tage in der Union auch nur laut darüber nachdenkt, ob Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst irgendwann den Kanzler beerben könnte, bekommt aus dem Merz-Umfeld eine bemerkenswerte Antwort: Das sei eine „naive Idee“, ein Zeugnis „gefährlicher Lust an der Zündelei“ und „bemerkenswerter Unkenntnis der Verfassung“. Und vor allem: Wer solche Spekulationen anstelle, „betreibe das Geschäft der AfD„.
Man muss das noch einmal langsam lesen und sich auf der Zunge zergehen lassen.
Bequemes Schreckgespenst
Nicht ein Oppositionspolitiker hat Merz angegriffen. Nicht die Linke, nicht die Grünen, nicht irgendein Journalist. Sondern Leute aus der eigenen Partei — die sich offenbar die Frage stellen, ob der Mann im Kanzleramt noch der Richtige ist. Eine Frage, die in jeder Demokratie der Welt als völlig legitim gilt. Nur nicht in Deutschland im Jahr 2026. Da macht man sich damit zum Steigbügelhalter der Rechtsextremen – ein Begriff, der als diffamierendes Stigma für die größte Oppositionspartei verwendet wird.
Merz wollte immer als großer Staatsmann in die Geschichte eingehen. Dabei ist er nach kaum einem Jahr bis zur Unkenntlichkeit geschrumpft. Er wollte in der Liga eines Friedrich des Großen spielen — und landete als Friedrich der Kleine im rot-grünen Sandkasten. Nur das erklärt die extreme Dünnhäutigkeit, was Kritik angeht – die mimosenhaft wirkt, wenn man an einen Helmut Kohl oder Helmut Schmidt zurückdenkt.
Zuletzt war er so weit getrieben, dass er die AfD offen mit der NSDAP verglich — ein Vergleich, der mehr über den Zustand des Vergleichenden verrät als über die Verglichenen.
Wer Merz kritisiert, betreibt laut Kanzleramt das Geschäft der AfD. Wer mich unterstützt, betreibt das Geschäft des freien Journalismus. Hier steht, wie es geht.Die absolute Verteufelung der AfD und ihre Instrumentalisierung als Drohkulisse und Rettungsring zugleich ist kein Ausrutscher. Das ist Methode. Und es ist eine Methode, die man kennt — aus Systemen, die man mit Deutschland eigentlich nie vergleichen wollte. Aber heute leider zwangsweise vergleichen muss.
Kanzler auf Abruf
Denn der Befund ist eindeutig: Merz hat in der Bevölkerung jeden wirklich nennenswerten Rückhalt verloren, die SPD treibt ihn nach Belieben vor sich her, und in seiner eigenen CDU gilt er als Kanzler auf Abruf. Das sind nicht die Worte eines Kritikers — das ist die nüchterne Beschreibung der Lage.
Und wie reagiert ein Kanzler in dieser Situation? Ein souveräner: mit Gelassenheit, mit Argumenten, vielleicht mit Humor. Ein unsicherer: mit Kanonenfeuer auf jeden, der die Frage auch nur stellt.
Merz hat sich für die zweite Variante entschieden.
Kanzler von der traurigen Gestalt
Dabei offenbart sich ein bemerkenswertes Paradox. Merz, der sich als größten Kämpfer gegen die AfD inszeniert, braucht eben diese Partei dringender als irgendjemand sonst in der deutschen Politik. Ohne eine starke AfD, die seine Büchsenspanner als brandgefährliche Gefahr an die Wand malen können, funktioniert seine wichtigste Abwehrwaffe nicht mehr, mit der er vom eigenen Scheitern ablenken kann. Die AfD ist für ihn Gespenst und Keule zugleich.
Es ist bizarr: Merz ist ein Kanzler, dessen Machterhalt davon abhängt, dass die Partei, die er bekämpft, nicht kleiner wird. Ist er nicht intelligent genug zu verstehen, in welche absurde Abhängigkeit er sich damit begeben hat? Oder ist ihm das egal, Hauptsache, an der Macht bleiben?
Man könnte nun entgegnen: Wenn die AfD kleiner wird, stärkt das seine Machtbasis. Aber das ist völlig illusorisch, solange er sich an die Brandmauer klammert wie ein Ertrinkender an einen Rettungsreifen auf hoher See. Seine Brandmauer-Besessenheit und sein Unter-dem-Pantoffel-Stehen bei der SPD sind Garanten für einen weiteren Höhenflug der AfD. So viel kann die AfD gar nicht falsch machen, um den Wind, den Merz ihr täglich mit der Intensität eines Ventilators in den Rücken bläst, nicht zu nutzen.
Vom Regen in die Traufe
Wüst selbst hat die Spekulationen um den Königs- bzw. Kanzlermord inzwischen als „Quatsch“ bezeichnet und Merz seine „volle Unterstützung“ zugesagt. Das Dementi kam schnell — vielleicht zu schnell, um völlig glaubwürdig zu wirken. Aber das ist nur eine Randnotiz. Ebenso wie die Befürchtung, dass wir mit Wüst vom Regen in die Traufe kämen. Mit dem aalglatten Opportunisten aus Düsseldorf, der bestreitet, dass die CDU jemals konservativ war, würde nur ein Bettvorleger der SPD gegen einen Bettvorleger der Grünen ausgetauscht.
Was bleibt
Hier geht es um etwas anderes: Ein Kanzler, der jeden Kritiker zum AfD-Komplizen erklärt, hat damit ungewollt das stärkste Argument gegen sich selbst geliefert. Denn wer so reagiert, gibt zu verstehen: Ich kann Kritik nicht ertragen. Ich habe keine Antworten. Ich habe nur noch die Keule.
In funktionierenden Demokratien nennt man das einen Offenbarungseid.
Im heutigen Deutschland ist es der Pattex, der einen gescheiterten Kanzler im Kanzleramt kleben lässt.
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PS: Noch mehr zum Kanzler von der traurigen Gestalt:
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Bild: Symbolbild/KI/Grok
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