Im toten Winkel: Was Journalisten wirklich denken Unbemerkt mitgelauscht beim „osteuropäischen Davos"

Immer wieder frage ich mich: Warum sind sie in der rot-grünen Blase in Medien und Politik so blind für das, was sie anrichten? Woher kommt dieser Binnenblick?

Ein paar spannende Antworten habe ich jetzt als Gast beim „Economic Forum“ im polnischen Karpacz bekommen, das manche als „osteuropäisches Davos“ bezeichnen, auch wenn der Vergleich sehr hochgegriffen ist.

Auf der Veranstaltung mit über 500 Programmpunkten – Panels, Debatten, Foren – in drei Tagen fühlte ich mich als Journalist wie ein Außerirdischer. Ich besuchte gestern das Panel „Kampf gegen Desinformation in Zeiten politischer Turbulenzen: Medienstrategien für die Ära der Informationskriegsführung“ – wegen zweier deutscher Teilnehmer: Zum einen Mika Beuster, der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, der sich von einer Journalistengewerkschaft in einen rot-grünen Kampfverband verwandelt hat. Er forderte etwa eine „Justierung“ der Medien-Berichterstattung über die AfD: „Wir Journalistinnen und Journalisten“ können „die AfD nicht mehr als eine Partei von mehreren beschreiben“. Zum anderen ein gewisser Wolfgang Ressmann, der 2009 erfolglos für die SPD für den Bundestag kandidierte und jetzt seinen beruflichen Erfolg in diversen sogenannten „Nicht-Regierungsorganisationen“ sucht.

Journalisten-Apparatschik mit Navigationsgerät

Dass auf dem Podium gefühlt kaum weniger Personen saßen als im Publikum, ist bezeichnend. Ich stand hinter der offenstehenden Tür der Dolmetscherkabine, quasi im toten Winkel der Panelteilnehmer, und wurde von ihnen deshalb nicht bemerkt. Umso ungenierter ging es zu. So entlarvte etwa der Journalisten-Apparatschik Beuster seine Sicht auf den eigenen Berufsstand. Sinngemäß sagte er: Die Zukunft des Journalismus sei mehr denn je ein Navigationsgerät, das die Menschen durch den Nachrichtendschungel führe.

Das den Menschen erklärt, was Wahrheit ist und was nicht. Mit anderen Worten – Journalisten als eine Art Wahrheitsministerium. Oder, polemisch ausgedrückt, als Blindenhunde, die blinden Lesern und Zuschauern den Weg durch den gefährlichen Informations-Dschungel ermöglichen und ihnen sagen, was gut und was böse ist.

Ressmann hält die Menschen für genauso blöd wie Journalisten-Apparatschik Beuster: Sie hätten heute anders als früher die Möglichkeit, die Informationen zu überprüfen – aber viele wollten es nicht, beklagt sich Ressmann über den Pöbel – also über uns.

Wie blöd wir doch alle sind!

Alle außer den Außerwählten, die uns retten wollen vor der Unwahrheit.

Kein einziges Wort, keine Sekunde des Nachdenkens darüber, ob man vielleicht nicht im Besitz einer Wahrheit sein könnte, ob vielleicht alles nicht ganz so einfach ist, ob vielleicht nicht auf der einen Seite – der eigenen – alles weiß und wahrheitsgetränkt ist, und auf der anderen alles Böse und Propaganda-durchtränkt.

Mehr als Leerphrasen auf dem Niveau von Drittklässlern waren von Beuster und Ressmann kaum zu hören. Motto: Desinformation ist schlecht, aber wir sind die Guten, und wir kämpfen dagegen. „Wir müssen wieder Vertrauen aufbauen. Das ist die große Aufgabe für die Zukunft.“ Klar. Aber wie? Selbstkritik? Irgendwelche eigenen Fehler, die man vielleicht erkennt? Alles Fehlanzeige.

Beuster begann seinen Auftritt sogar mit einer Erinnerung an das Spion-Museum in Berlin – was auch immer er damit sagen wollte. Sind wir bösen unabhängigen Journalisten für ihn alle Spione?

 

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Wegen der Flachheit und Eindimensionalität will ich Ihnen die Details ersparen. Es war immer dieselbe Platte, nur in leicht verschobener Tonart: Desinformation ist das Böse. Wir sind die Feuerwehr. Der Bürger ist das Kind im brennenden Haus. Und wer die Feuerwehr kritisiert, steht unter Verdacht, selbst den Brand gelegt zu haben.

Auch die osteuropäischen Mit-Diskutanten bringen keine abweichenden Gedanken in die Runde ein. Einer meint, zur Verteidigungsfähigkeit müsse man die „Moral“ der Menschen erhöhen. Und sie besser erziehen.

Für diese Menschen sind wir böse, unerzogene Kinder, denen man Moral beibringt und die man erzieht.

Kein Wort dazu, dass Medien irren. Kein Wort dazu, dass „Kampf gegen Desinformation“ sehr schnell zum Kampf gegen Abweichung wird. Und das ist kein Zufall. Das ist das System.

Und genau das offenbart den Binnenblick. Es ist nicht Dummheit im klinischen Sinn. Etwas Bequemeres und Gefährlicheres: eine geschlossene Welt, in der jeder Satz schon vor dem Aussprechen den richtigen Beifall hat. Journalismus als Navigationsgerät – das ist für sie eine Metapher für Verantwortung. Der Pöbel, der nicht prüfen will – das ist die Herablassung der Soziologie. Vertrauen aufbauen, ohne eine einzige eigene Akte zu öffnen – das halten sie wohl für Staatsraison. Das Spion-Museum als Auftakt – das zeigt, wie schwarz-weiß die Weltsicht ist.

Sie sind sich sicher: Wir sind die Auserwählten, wir führen. Und ihr habt zu folgen. Wer nicht folgt, ist nicht anderer Meinung. Er ist Sicherheitsrisiko.

So reden sie, wenn der Saal mitläuft oder leer bleibt. Nicht heimlich, nicht aus Versehen – das ist ihr Ton unter sich. Vor einem Publikum außerhalb dieser Blase würden dieselben Sätze vielleicht weicher ausfallen, oder ganz wegfallen. Navigationsgerät, dumme Bürger, Desinformation als Kampfauftrag: das braucht Widerspruchslosigkeit. Die hatten sie. Zumal sicherheitshalber erst gar keine Fragen aus dem Mini-Publikum zugelassen wurden.

Sie merken nicht, was sie anrichten, weil sie die Wirkung ihrer Sätze nie an einem Publikum messen, das ihnen nicht schon gehört. Der Saal war leer genug, die Gesellschaft auf dem Podium vertraut genug, mein toter Winkel unsichtbar genug. Derart ungestört klingt Bevormundung nach Fürsorge, Zensur nach Schutz, Blasen-Blindheit nach Berufsethos.

Fast freundlicher Mittelfinger

Und genau deshalb entlarven sie sich, sobald man sie so lässt. Nicht in einem schwachen Moment. In ihrem Normalzustand. Die rot-grüne Blase in Medien und Politik ist nicht das, was sie auf Podien gegen „Desinformation“ vorträgt. Sie ist das, was übrig bleibt, wenn der Widerspruch fehlt: die Gewissheit, im Besitz der Wahrheit zu sein – und die ruhige, fast freundliche Verachtung für alle, die das bestreiten und anders denken.

Ich weiß, was dieser Text kostet. Beim nächsten „Economic Forum“ sitzt kein Berichterstatter mehr hinter der Dolmetscher-Kabine, der so schreibt. Eingeladen wird, wer das Navigationsgerät bedient – nicht wer beschreibt, wohin es steuert.
Genau das ist kritischer Journalismus: schreiben, obwohl die Tür danach zufällt. Niemanden nach dem Mund schreiben – auch wenn das einen Preis hat. Wenn Sie diese Arbeit für richtig halten – bitte unterstützen Sie sie hier.

Buchtipp zum Thema: H.M. Hans Mathias Kepplinger – Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken

Hier mein Video mit meinen Gesamteindrücken aus Polen – unabhängig vom Forum

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Bilder: Boris Reitschuster/Economic Forum

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