Ex-BND-Chef Hanning in U-Haft: Was Berlin nicht sehen wollte Persönlich erlebt: Innenansichten zum Spionagefall und käuflichen Top-Pensionären

„Das hätte sich wahrscheinlich niemand vorstellen können“, sagte der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums, Marc Henrichmann, gestern in den ARD-Tagesthemen zum Fall August Hanning. Mit Verlaub: Doch. Wer in Berlin halbwegs vernetzt war und keine Scheuklappen trug, konnte es sich zumindest vorstellen.

Ich habe Hanning mehrfach persönlich erlebt. Und ich habe ihn in vielem geschätzt: einen brillanten, belesenen Geist, analytisch messerscharf, unbequem auch gegenüber der Regierung. So unbequem, dass er sich sogar traute, meiner Seite ein Interview zu geben – was im Berliner Betrieb schon als Mutprobe gilt. Umso mehr hat mich ein anderer Zug an ihm befremdet: ein Hunger nach Geld und Bedeutung, der mit dem Ruhestand eines verdienten Staatsdieners nicht recht zusammenpassen wollte. Schon damals fragte ich mich, ob das gutgehen kann mit seiner enormen Umtriebigkeit und Nähe zu Oligarchen und Geldgebern, bei denen man als früherer BND-Chef eigentlich Abstand halten sollte, und fand das höchst bedenklich. Aus der Welt russischer Geschäftsleute im Exil habe ich über die Jahre mehr als einmal heftige Klagen über Hanning gehört – nicht über seine Politik, sondern über sein Geschäftsgebaren. Dort herrscht jetzt Schadenfreude über seine Festnahme. Ich teile sie nicht.

Dass er für Geld und Bedeutung weit gehen würde, war mir klar. Dass er sich dafür massenhaft Geheimpapiere aus seinem alten Dienst beschafft haben soll, hätte ich nicht gedacht. Entsetzt hat mich die Fallhöhe: dass ein früherer Präsident des Bundesnachrichtendiensts nun in Untersuchungshaft sitzt, und dass der Schaden für den Dienst und unser Land enorm sein dürfte. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, ist das nicht nur ein Kriminalfall, sondern auch eine persönliche Tragödie: die eines Mannes, der mehr Verstand hatte als fast alle um ihn herum, und dem am Ende genau das gefehlt hat, was man nicht mit Verstand ersetzen kann.

2000 Geheimpapiere als Beifang

Was ist passiert? Der 80-jährige Hanning, von 1998 bis 2005 Präsident des Bundesnachrichtendiensts und danach bis 2009 Staatssekretär im Bundesinnenministerium, soll sich über seinen früheren Büroleiter Manfred D. gegen Bezahlung rund 2000 geheime Dokumente beschafft haben. D. diente von 2012 bis 2026 mehreren Hanning-Nachfolgern als Büroleiter. Ein Teil der Papiere war für die „Nachrichtendienstliche Lage“ im Kanzleramt bestimmt, das Allerheiligste der deutschen Sicherheitspolitik. Hanning soll das Material für seine private Beratertätigkeit genutzt haben. Und nicht nur dafür: Laut Bundesanwaltschaft soll er damit eine Analyse für einen ausländischen Geheimdienst erstellt haben, mit einem weiteren stand er demnach in „intensivem Austausch“. Nach Spiegel-Recherchen prüfen die Ermittler Kontakte zum Geheimdienst der Diktatur in Aserbaidschan. Pikant: Hanning saß im Vorstand des Deutsch-Aserbaidschanischen Forums.

Aufgeflogen ist das durch Zufall. Hanning steht auch im Fall Block unter Verdacht. Seine Sicherheitsfirma soll für Christina Block, Tochter des Hamburger Steakhaus-Königs, ausgelotet haben, wie ihre Kinder aus Dänemark zurückgeholt werden könnten. Dabei steht ein ungeheuerlicher Vorwurf im Raum: Hanning soll laut den Fahndern veranlasst haben, dass auf dem Grundstück des Vaters eine Festplatte mit Kinderpornografie platziert wurde, um ihn als Pädophilen zu diskreditieren. Die Vorwürfe im Fall Block weist Hanning zurück. Zu den Spionagevorwürfen hat er sich bislang, soweit bekannt, nicht geäußert.

Im Mai 2025 schleuste das Hamburger LKA einen verdeckten Ermittler in Hannings Firma ein, mit gefälschten Arbeitszeugnissen und der Legende vom ausgestiegenen Polizisten. Der frühere Meisterspion, der es als Schachspieler sogar bis in die 2. Schach-Bundesliga geschafft hat, fiel auf eine Legende herein, wie er sie aus seinem Berufsleben bestens kennen musste. Im September 2025 folgten Durchsuchungen, auch in Hannings Haus in Nordwalde bei Münster. Dabei stießen die Ermittler auf die Geheimpapiere, quasi als Beifang.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Nicht der deutsche Staatsschutz hat eines der gravierendsten Lecks in der Geschichte des BND entdeckt, sondern die Hamburger Kripo bei Ermittlungen zu einer Kindesentführung.

Das vergoldete Amt

Egal, was am Ende an den Vorwürfen dran ist: Hanning steht für eine Kaste ehemaliger Politiker und Spitzenbeamter, die ihr früheres Amt nach dem Ausscheiden vergolden wollen. Ihn zog es bis in den Aufsichtsrat einer lettischen Bank, die nach Hannings eigener Darstellung von ihrem russisch-britischen Mehrheitseigner ausgeplündert wurde. Als sie pleite ging, wurde er in Haftung genommen; seine Pension wurde gepfändet.

Aber der Fall Hanning ist kein Einzelfall – er ist die Regel. In Moskau hatten mich Kreml-Insider schon vor Gerhard Schröders verlorener Bundestagswahl informiert, dass er bei einer Wahlniederlage zu Gazprom wechseln würde. In Deutschland wollte mir das keiner glauben. Als der Wechsel dann zustande kam, feixten meine Kreml-Quellen: „Witzig, wie billig man einen deutschen Ex-Kanzler einkaufen kann! Und Ihr wollt uns was von Korruption erzählen!“

Schröder war nur der Prominenteste. Um ihn herum entstand über Jahre ein ganzes Biotop. Sein früherer Wahlkampfleiter Heino Wiese amtierte bis Februar 2022 ganz offiziell als Honorarkonsul der Russischen Föderation, trat erst nach Putins Überfall auf die Ukraine zurück, nach eigenen Worten „tieftraurig“, und taucht inzwischen wieder im SPD-Umfeld auf, als sei nichts gewesen. Die „Klimastiftung“ in Mecklenburg-Vorpommern, unter Manuela Schwesig mit Millionen von Nord Stream 2 ausgestattet, diente vor allem dazu, Sanktionen gegen die Pipeline zu umgehen.

Jeder Partei ihre Diktatur

Wer glaubt, das sei ein SPD-Problem, irrt. Die Union hatte nur eine andere Lieblingsdiktatur. Der frühere CSU-Abgeordnete Eduard Lintner soll zwischen 2008 und 2016 über Briefkastenfirmen rund vier Millionen Euro aus Aserbaidschan erhalten haben, um Mandatsträger im Europarat zu bestechen. Das Oberlandesgericht München verurteilte ihn zu neun Monaten auf Bewährung. Vier Millionen Euro, neun Monate auf Bewährung: Das ist keine Strafe, das ist eine Bearbeitungsgebühr. Der CDU-Mann Axel Fischer, jahrelang Fraktionschef der Christdemokraten im Europarat, wurde als erster Ex-Bundestagsabgeordneter überhaupt wegen Bestechlichkeit verurteilt. Beide Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Und während Berlin heute über die „Systemrivalität“ mit China doziert, leitet der frühere CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich, einst oberster Dienstherr des Verfassungsschutzes, also jener Behörde, die vor chinesischer Spionage warnt, die „China-Brücke“, ein Elite-Netzwerk zur Pflege der Beziehungen zu Peking. China und Deutschland seien „optimale Partner“, sagt er. Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping, SPD, berät seit Jahren Unternehmen beim Geschäft mit China. Legal ist das alles. Aber ein Geschmäckle bleibt, wenn ausgerechnet die Männer, die einst für die Sicherheit dieses Landes verantwortlich waren, heute die Türen zu seinen Rivalen öffnen.

Lohn in Bedeutung

Und dann gibt es jene, deren Lohn – zumindest auf den ersten Blick – nicht in Euro zu messen ist. Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, ist seit Kriegsbeginn Dauergast bei allen, die einen „Verhandlungsfrieden“ fordern, und wird von russischen Staatsmedien dankbar als Kronzeuge zitiert. Ein Mann, um den es nach seiner Pensionierung still geworden war, ist plötzlich wieder gefragt, hat Bühnen, Interviews, Publikum. Auch das ist eine Gegenleistung, und für viele Pensionäre keine geringe: Bedeutung. Dieselbe Währung, nach der auch Hanning hungerte. Ein ehemaliger ranghöchster Soldat Deutschlands als Stichwortgeber des Kreml.

Das Phänomen endet nicht bei Politikern und Beamten. Jahrelang galt Hubert Seipel als Deutschlands führender Putin-Kenner, wurde von Talkshow zu Talkshow gereicht, durfte für die ARD Filme wie „Ich, Putin“ drehen, die man getrost als Werbefilme für den Kremlchef bezeichnen kann. Ende 2023 kam heraus, was in Moskau unter Korrespondenten kaum jemanden überraschte: Seipel hatte heimlich mindestens 600.000 Euro über eine Briefkastenfirma des Putin-Vertrauten Alexej Mordaschow erhalten, offiziell als „Sponsoring“ für seine Putin-Bücher. Weder der NDR noch sein Verlag wussten davon, so jedenfalls die Darstellung beider. Eine Kommission des NDR kam später zu dem vernichtenden Befund, Seipel sei „zugänglich für Bestechung durch Nähe“ gewesen. Und, noch entlarvender: Die Informationen für eine kritische Einordnung seiner Filme hätten schon vor der Ausstrahlung in den Sendern vorgelegen. Warnungen gab es. Man wollte sie nicht hören.

Schlange stehen bei Autokraten

Ich hatte in all den Jahren in Moskau und Berlin oft den Eindruck: Die Ehemaligen stehen regelrecht Schlange, um Autokraten in den Hintern zu kriechen, bei entsprechender Entlohnung. Das Muster ist immer dasselbe. Im Amt gibt es Kontrolle, Öffentlichkeit, Parteidisziplin, Sicherheitsüberprüfungen. Danach gibt es: nichts. Keine wirksame Karenzzeit, Strafen wie Bearbeitungsgebühren, und vor allem keine gesellschaftliche Ächtung. Die Demokratie entsorgt ihre Ehemaligen, die Autokratie adoptiert sie. In Baku, Moskau oder Peking wird der vergessene Hinterbänkler mit rotem Teppich empfangen, der pensionierte Spitzenbeamte wie ein Staatsmann behandelt. Bedeutung ist die billigste Währung, mit der man westliche Eliten kauft. Das Geld kommt danach.

Die Familie schaut weg

Und genau das ist der rote Faden, der sich durch all diese Fälle zieht: nicht nur die Käuflichkeit Einzelner, sondern das kollektive Wegsehen. In Moskau wussten es viele, in Berlin wollte es niemand wissen. Hannings Büroleiter saß vierzehn Jahre lang im Vorzimmer der BND-Spitze und lieferte Lagepapiere aus dem Kanzleramt, ohne dass irgendein Kontrolleur etwas bemerkte. Das ist kein Zufall. Der BND galt schon in Pullacher Zeiten als eine Art Familienbetrieb, und Familien schützen ihre Mitglieder. Ein ehemaliger Präsident ist für den Apparat kein Verdachtsfall, er ist einer von uns. Wer gegen ihn ermitteln will, braucht wasserdichte Beweise und riskiert trotzdem seine Karriere. Also ermittelt niemand. Die Loyalität des Büroleiters galt offenbar dem alten Chef, nicht dem Staat, und das über Jahre. Und in Berlin kennt man sich: aus Hintergrundkreisen, von Empfängen, aus gemeinsamen Jahren im Kanzleramt. Man duzt sich, man trinkt zusammen, man schaut nicht so genau hin.

So wundert es denn auch leider nicht, dass den Skandal nicht die Spionageabwehr, nicht das Parlamentarische Kontrollgremium, nicht die Hauptstadtpresse aufgedeckt hat, sondern die Hamburger Kripo, die einer Kindesentführung nachging. Genauso wie im Fall Seipel – da waren es Investigativ-Leaks aus Zypern. Der Verfassungsschutz, der eigentlich zuständig wäre, ist wohl zu sehr mit dem „Kampf gegen rechts“ beschäftigt.

Beobachtet wird der Falsche

Es gibt eine bittere Ironie in dieser Geschichte. Hanning war, wie gesagt, unbequem gegenüber der Regierung, wenn auch nie laut. Zum Verhängnis wurde ihm etwas anderes: Wenn die Vorwürfe stimmen, hatte er offenbar wenig Skrupel und hielt sich wohl für unangreifbar. Man kann allenfalls spekulieren, ob seine Distanz zur Regierung dazu beitrug, dass niemand mehr schützend die Hand über ihn hielt. Unbequem war auch ein anderer früherer Geheimdienstchef, und zwar ohne bei Autokraten anzuheuern: Hans-Georg Maaßen, einst Präsident des Verfassungsschutzes. Er hat nach seinem Ausscheiden nie für Diktaturen gearbeitet, er hat sich nicht an Oligarchen verkauft, er hat sein Amt nicht vergoldet. Stattdessen wurde er zum Kritiker der Regierung. Und ausgerechnet ihn führt seine frühere Behörde heute als angeblichen Extremisten in ihren Datenbanken. Das ist an Absurdität kaum zu überbieten: Der Staat überwacht den Mann, der sich nicht kaufen ließ – und übersah vierzehn Jahre lang den mutmaßlichen Verkäufer im eigenen Vorzimmer. Mehr muss man über die Prioritäten in Berlin eigentlich nicht wissen.

„Das hätte sich wahrscheinlich niemand vorstellen können“, sagt Henrichmann. Doch, Herr Henrichmann. Man hätte es sich sehr gut vorstellen können. Man wollte es nur nicht. Und wer es aussprach, galt als Nestbeschmutzer, Verschwörungstheoretiker oder wurde gleich aus der Bundespressekonferenz geworfen.

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