Angst im Roten Rathaus: Berlins Zauberlehrlinge Eralps Spiegel-Panne und ein verräterisches Grünen-Zitat

Mit den Klassikern ist es wie mit Lebertran. In der Schule fand ich sie oft lästig. Balladen auswendig lernen, Strophe für Strophe, während draußen die Sonne schien und die Frage nahelag, wozu man das alles je brauchen sollte. Heute weiß ich es. Kaum ein Text erklärt das, was sich gerade in Berlin abspielt, so präzise wie Goethes „Zauberlehrling“ von 1797.

Sie erinnern sich: Der Lehrling nutzt die Abwesenheit des Meisters, erweckt einen Besen zum Leben und lässt ihn Wasser schleppen. Das klappt prächtig, bis er merkt, dass er das Zauberwort zum Aufhören vergessen hat. Das Haus säuft ab, und der Bursche jammert: „Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“

Gut 230 Jahre später heißt der Zauberlehrling Elif Eralp. Die Wahlsiegerin von der „Linken“ und möglicherweise bald Regierende Bürgermeisterin von Berlin hat Angst. Und zwar nicht vor der AfD und nicht vor „rechten Netzwerken“, die uns in Dauerschleife als größte Gefahr fürs Land eingebleut werden, sondern vor jenem Milieu, das ihre Partei jahrelang hofiert hat.

Herausgekommen ist das durch einen Interviewtext, den Eralps Büro zur Autorisierung an den „Spiegel“ geschickt hat, offenbar versehentlich mitsamt Bemerkungen, die nur für den internen Gebrauch gedacht waren: von Eralp selbst, ihrem Sprecher und der Berliner „Linken“-Landesvorsitzenden. Solche Autorisierungen von Interviews sind eine in Deutschland übliche Unsitte. Eralp ist sie jetzt um die Ohren geflogen. Der „Spiegel“ machte aus den internen Vermerken eine Titelgeschichte, allerdings hinter einer Bezahlschranke. Demnach wollte Eralp eine Frage streichen lassen. Das geht selbst im Rahmen dieser Unsitte zu weit: Dass Antworten nachträglich geändert werden, gilt leider als üblich, die Fragen aber nicht. Konkret ging es um die Frage nach einem bekannten Palästina-Aktivisten, und ihre Antwort sollte gleich mit verschwinden. Daneben notierte Eralp: „Es gibt ein PROBLEM“. Sie und ihr Mann wollten keine konkreten Namen nennen, „er hat Angst vor diesen Leuten und ich auch“. Das Landeskriminalamt habe ihr einst geraten, nie Namen zu nennen, damals sei es um Organisierte Kriminalität gegangen. „Jetzt geht’s um Leute mit Kontakten zur Hamas. Ich kann mich und meine Familie für den SPIEGEL nicht in Gefahr bringen.“ Und dann, fast flehentlich: „Was machen wir jetzt? Das ganze Interview stornieren?“

Märtyrerhelden und Clanchefs

Der Mann, um den es geht, ist laut „Spiegel“ eine führende Figur eines Komitees, das der Berliner Verfassungsschutz als extremistisch einstuft. Er soll den getöteten Hamas-Chef Jahja Sinwar, einen der Hauptverantwortlichen für das Massaker vom 7. Oktober 2023, als „Märtyrerhelden“ gefeiert haben. Den Vorwurf der Terrorunterstützung weist er zurück. Auf der Neuköllner Wahlparty der „Linken“ war er Gast. Dort feierte übrigens, wie ich am Wahlabend schrieb, auch der Chef des Remmo-Clans mit, nach Darstellung des Vereins democ sogar in Begleitung eben jenes Aktivisten.

Der „Spiegel“ zieht ein Fazit in zwei Worten: „ein Abgrund“. Wenn die mögliche nächste Regierungschefin so etwas nicht etwa in ihr Tagebuch schreibt, sondern in ein Dokument, das sie mit ihrem Sprecher und ihrer Landesvorsitzenden teilt, dann könne in dieser Stadt von innerer Sicherheit keine ernsthafte Rede mehr sein, urteilt das sonst so stramm linke Magazin. Genau deshalb habe es den Vorgang öffentlich gemacht. Und es nennt Berlin, man glaubt es kaum, die „Hauptstadt des Verbrechens“. Die Hamburger greifen zum Vergleich mit Harry Potter und Lord Voldemort, dessen Namen niemand auszusprechen wagt. Ich bleibe bei Goethe.

Die Geister, die sie riefen

Man muss sich das alles einfach vor Augen führen. Eine Partei, die jede Kritik an Clan-Kriminalität reflexhaft als „rassistisch“ abgetan und lieber über das Wort „Clankriminalität“ debattiert hat als über das Phänomen selbst, steht kurz vor dem Einzug ins Rote Rathaus, dank SPD und Grünen. Und ihre Frontfrau fürchtet sich vor genau den Leuten, deren Kritiker man jahrelang in die rechte Ecke gestellt hat. Goethes Lehrling war wenigstens nur leichtsinnig. Die Berliner „Linke“ wurde gewarnt, wieder und wieder, und hat die Warner beschimpft.

Eralp selbst will sich zum Inhalt nicht äußern, mit Verweis auf „private, interne Inhalte“. Sie werde sich von niemandem einschüchtern lassen, versicherte sie vor der Presse. Laut „Welt“ will sie stattdessen rechtlich gegen den „Spiegel“ vorgehen und den Presserat anrufen. Man muss die Prioritäten bewundern: Einen Hamas-Sympathisanten beim Namen zu nennen, ist zu gefährlich. Gegen Journalisten vorzugehen, die das öffentlich machen, ist dagegen kein Problem.

Schützenhilfe kommt von höchster Stelle. Bodo Ramelow, „Linken“-Politiker und immerhin Vizepräsident des Deutschen Bundestages, stößt sich nicht etwa daran, dass seine Partei offenbar so enge Drähte in ein Milieu hat, vor dem sich ihre eigene Spitzenkandidatin fürchtet. Er stößt sich am „Spiegel“. Dessen Bericht sei mehr als fragwürdig, ein Mensch, der sich schutzlos fühle, werde gezielt verletzt und noch schutzloser gemacht, sagte er dem „Stern“. Und dann zieht Ramelow den Joker: Hier werde eine interne Kommunikation benutzt, „um eine schwache Frau zu zeigen“, ein angeblich überholtes Klischee.

Man muss das zweimal lesen. Nicht die Hamas-Sympathisanten machen Eralp schutzlos, sondern die Journalisten, die darüber berichten. Und wer feststellt, dass eine künftige Regierungschefin Angst hat, ist nicht etwa besorgt um die Handlungsfähigkeit der Hauptstadt, sondern frauenfeindlich. So funktioniert linke Krisenkommunikation: Wenn die Wirklichkeit nicht ins Weltbild passt, wird der Überbringer zum Täter. Die Frage, warum sich eine Spitzenpolitikerin in Deutschland vor Leuten fürchten muss, mit denen ihre Parteifreunde Wahlpartys feiern, stellt Ramelow nicht. Sie würde zu weit führen. Nämlich direkt in die eigenen Reihen.

Ganz anders sieht es Ulf Poschardt. Er spricht in der „Welt“ von einem „Pakt mit dem Teufel“ und sieht in der Panne eine Zäsur in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik. Erstmals stehe eine radikale Partei kurz davor, einen gewaltigen Beamtenapparat zu übernehmen. AfD-Vize Sebastian Münzenmaier formuliert es gegenüber der Jungen Freiheit klassisch: „Die Revolution frisst ihre Kinder.“ BSW-Chef Fabio De Masi wird noch deutlicher. Eralps Scheu, Namen aus dem Umfeld organisierter Kriminalität zu nennen, sei nichts anderes als „Mafia-Kodex: Nenne niemals Namen!“

Selbst Wolfgang Kubicki, der sonst gerne den gelassenen Liberalen gibt, fordert SPD und Grüne auf, das „staatsgefährdende Projekt“ zu beenden. Der Berliner CDU-Möchtegern-Regierungschef Stefan Evers fragt, wie eine Frau die Sicherheit von Millionen Berlinern garantieren soll, wenn sie sich selbst vor dem islamistischen Umfeld ihrer eigenen Partei fürchtet. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, merkt bitter an, vielleicht verstehe Frau Eralp jetzt besser, wie sich die jüdische Gemeinschaft seit Langem fühlt.

Den härtesten Satz aber liefert ausgerechnet ein Sozialdemokrat. Michael Müller, früher selbst Regierender Bürgermeister, sagt: Wenn Eralp sich nicht traue, klar zu benennen, wogegen sie vorgehen will, dann wäre die Regierende Bürgermeisterin „erpressbar“. Eine erpressbare Regierungschefin in der Hauptstadt. Doch Müllers eigene Partei verhandelt trotzdem weiter.

In jedem normalen Land wäre die Sache damit erledigt. Eine Politikerin, die Angst vor dem Umfeld der eigenen Partei hat und die selbst ein früherer Regierender Bürgermeister des künftigen Koalitionspartners für erpressbar hält, könnte ihre Ambitionen auf das höchste Amt der Stadt begraben. Noch am selben Tag. Aber wir sind nicht in einem normalen Land. Wir sind in Deutschland. Und wir sind in Berlin. Hier kann so etwas immer noch für das Rote Rathaus reichen. Man möchte es für Satire halten, wenn es nicht so ernst wäre.

„Ein Glück gehen wir heute ohne Deutsche schießen“

Während die Linksfront weiter über eine Koalition verhandelt, kommt aus dem Inneren der Berliner Polizei ein Befund, bei dem einem das Blut gefriert. Die Berliner Arbeitsrechtlerin Christiane Meusel, spezialisiert auf Mobbing am Arbeitsplatz, berichtet auf X von einem Mandanten. Der Mann ist Polizist und hat selbst Migrationshintergrund. Er schildert, dass er von einer wachsenden Zahl von Kollegen mit türkischem oder arabischem Hintergrund beschimpft werde.

Die Sätze, die laut seiner Schilderung gefallen sind: „Ein Glück gehen wir heute ohne Deutsche schießen.“ Und: „Ein Glück, der Bastarddeutsche ist heute nicht da.“ Aus der Ausbildung zur Schutzpolizei berichtet er von einem Anwärter, der angekündigt habe, sich an den Deutschen zu rächen. Meusel bestätigt auf Nachfrage, dass ihr Mandant der Veröffentlichung zugestimmt hat. Der Tweet wurde inzwischen mehr als eine halbe Million Mal aufgerufen.
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Es handelt sich um Schilderungen eines Einzelnen, überprüfen lassen sie sich von außen nicht. Aber ganz ehrlich: Mich würde mehr wundern, wenn diese Schilderung falsch wäre, als wenn sie zutrifft. Denn auch aus anderen Quellen hört man Ähnliches. Warnungen vor einer Unterwanderung der Berliner Polizei durch Clans gibt es seit mehr als einem Jahrzehnt. Und man spürt diese Stimmung förmlich, wenn man mit der Berliner Polizei zu tun hatte.

Man stelle sich die umgekehrte Konstellation vor: deutsche Beamte, die über „Bastard-Türken“ lästern. Der Innensenator stünde binnen Stunden vor den Kameras, es gäbe Sonderermittler, Studien und eine Aktuelle Stunde im Bundestag. Hier dagegen: Schweigen im Walde.

„Ziemlich gute Leute reingebracht“

Und dann ist da noch ein Satz, der seit Jahren durch die Netzwerke geistert und jetzt eine ganz neue Brisanz bekommt. Benedikt Lux, innenpolitischer Sprecher der Berliner Grünen, sagte 2020 im Interview mit dem früheren Zentralorgan der SED, dem Neuen Deutschland: „Wir haben die gesamte Führung fast aller Berliner Sicherheitsbehörden ausgetauscht.“ Feuerwehr, Polizei, Generalstaatsanwaltschaft, Verfassungsschutz. Man habe dort gute Leute untergebracht, und er hoffe, das werde sich in Zukunft bemerkbar machen, so der Grüne. Das ist kein Gerücht: Das Zitat steht sogar in einer Bundestags-Drucksache. Wie der rot-rot-grüne Senat damals mit unliebsamen Staatsanwälten umging, ist ebenfalls dokumentiert.

Damals regierte Rot-Rot-Grün. Lux sitzt seit 2025 wieder im Abgeordnetenhaus. Jetzt stehen dieselben drei Parteien erneut vor der Machtübernahme, diesmal mit der „Linken“ an der Spitze. Ob sich die rot-rot-grüne Politik „bemerkbar gemacht“ hat, kann jeder selbst beurteilen, der die Zustände in der Hauptstadt kennt.

Kein Meister in Sicht

Halten wir fest. Eine künftige Regierungschefin, die sich vor dem Umfeld ihrer eigenen Partei fürchtet. Ein Polizeiapparat, aus dem Berichte über offene Verachtung für Deutsche dringen. Und Grüne, die stolz verkündet haben, die Spitzen der Sicherheitsbehörden nach ihrem Gusto umgebaut zu haben.

Bei Goethe geht die Geschichte gut aus. Der alte Meister kehrt zurück, spricht ein Machtwort, „In die Ecke, Besen! Besen! Seid’s gewesen“, und der Spuk ist vorbei. In Berlin ist weit und breit kein Meister zu sehen. Da sitzen nur Lehrlinge, die gerade dabei sind, sich gegenseitig den Zauberstab zu reichen. SPD und Grüne könnten jetzt die Notbremse ziehen. Alles spricht dafür, dass sie es nicht tun werden. Das Wasser steigt weiter.

Elif Eralp traut sich nicht, Probleme beim Namen zu nennen. Diese Seite tut das seit Jahren, und das ist kein Heldentum, sondern schlicht das, was Journalismus sein sollte. Möglich ist das nur, weil Sie es tragen. Hinter mir steht kein Verlag, kein Staatsgeld, keine Partei und keine Stiftung, sondern nur Leser, die wollen, dass so etwas geschrieben wird. Das ist die einzige Infrastruktur, die niemand abschalten kann.

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Bild: Symbolbild/KI/Grok

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