Sie haben es nicht so gemeint? Pech gehabt Die geistigen Väter der Wokeness, Teil 2: Jacques Derrida

Kennen Sie dieses Gefühl? Sie lesen morgens die Nachrichten und fragen sich, ob Sie im falschen Film sind. Kinderbücher werden umgeschrieben, weil Wörter „verletzen“. Ein harmloser Satz wird zur „Mikroaggression“. Und wer sagt, dass es zwei Geschlechter gibt, steht schnell unter Generalverdacht. Immer wieder schreiben mir Leser, dass ihnen ihr eigenes Land fremd geworden ist. Und ehrlich – mir geht es genauso. Die Frage ist nur: Woher kommt dieser Wahnsinn? Vom Himmel gefallen ist er jedenfalls nicht. Er hat Väter.

Und genau die hat der französische Unternehmer Brivael Le Pogam ausgemacht: drei Pariser Philosophen. Den ersten, Michel Foucault, habe ich Ihnen bereits vorgestellt. Heute die Nummer zwei: Jacques Derrida (1930–2004). Und mit ihm die Antwort auf die Frage, warum heute nicht mehr zählt, was Sie sagen, sondern was andere daraus machen.

Dass dieser zweite Teil etwas auf sich warten ließ, bitte ich zu entschuldigen. Der Mensch denkt und Gott lenkt, sagte meine Oma immer. Und die Nachrichtenlage hat gleich mehrfach dazwischengefunkt. Ich verspreche, mich um Besserung zu bemühen – und zu versuchen, Teil 3 und 4 schneller zu bringen. Wenn mir der Wahnsinn nicht wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Aber eigentlich passt die Verspätung sogar zum Thema: Derrida lehrte, dass nichts feststeht und sich jeder Plan irgendwann selbst zerlegt. Das hat eine besondere Ironie: Mein zerschossener Zeitplan bestätigt ausgerechnet Derrida.

Das Alltagsbild

Wenn Sie im Wörterbuch das Wort „Tisch“ nachschlagen, finden Sie eine Erklärung, die aus anderen Wörtern besteht. Schlagen Sie die nach, stoßen Sie wieder auf andere Wörter. Sie kommen nie beim Tisch selbst an, sondern immer nur bei weiteren Wörtern. Für die meisten von uns ist das eine Banalität – nichts, worüber man beim Frühstück lange nachdenken würde. Für Derrida war es der Schlüssel zu allem: Sprache verweist nie auf eine feststehende Wahrheit, sondern immer nur auf weitere Sprache. In Derridas eigener, nicht eben leicht verdaulicher Sprache heißt das: Bedeutung wird immer nur aufgeschoben. Für Normalsterbliche übersetzt: Man weiß nie so genau, was eigentlich gemeint ist. Und das, so Derrida, ist kein Fehler, sondern das Wesen der Sprache.

Die Grundidee

Derridas Methode heißt Dekonstruktion. Er ging davon aus, dass unser Denken in Gegensatzpaaren organisiert ist: Mann und Frau, Vernunft und Gefühl, Natur und Kultur, Wahrheit und Lüge, Westen und Rest. In jedem Paar gilt eine Seite als die höhere, die andere als die mindere. Dekonstruieren heißt, diese Rangordnung aufzudecken und zu zeigen, dass sie nicht natürlich ist, sondern gesetzt. Und dass die angeblich mindere Seite oft die eigentlich tragende ist.

Ich halte das, mit Verlaub, für ziemlich absurd. Nicht jedes Paar ist eine Rangliste. Nehmen Sie Bruder und Schwester: Wer von beiden ist da der höhere? Keiner. Sie sind verschieden, und genau das macht sie zu Geschwistern. Dasselbe gilt für Tag und Nacht, links und rechts, Sommer und Winter. Wer hinter jedem Unterschied eine Hierarchie wittert, sieht am Ende überall Unterdrückung, auch dort, wo es schlicht um Verschiedenheit geht. Und genau das ist die Brille, durch die heute so viele auf die Welt schauen.

Dazu kommt seine These, dass ein Text keinen festen Sinn hat, den man einfach herauslesen könnte. Jede Lesart ist eine von vielen, und der Autor hat nicht das letzte Wort darüber, was er gemeint hat. Den berühmten Satz vom „Tod des Autors“ hat übrigens nicht Derrida geprägt, sondern sein Landsmann Roland Barthes. Unter Pariser Philosophen kommt es auf solche Kleinigkeiten aber nicht so an, die Idee geht in dieselbe Richtung.

Ich gebe zu: Bei manchen Texten stimmt das sogar. Wer sich einmal durch ein paar Seiten Derrida gequält hat, oder durch die Werke seiner Mitväter der Wokeness, wird bestätigen: Einen festen Sinn herauszulesen, ist dort tatsächlich ein Ding der Unmöglichkeit. Man liest einen Satz dreimal, dann ein viertes Mal, und ist danach so schlau wie vorher, nur mit Kopfschmerzen. Insofern hat Derrida über seine eigenen Bücher womöglich die Wahrheit gesagt. Nur daraus zu schließen, dass jeder Text so sinnfrei ist wie die eigenen, ist schon eine bemerkenswerte Form von Größenwahn. Der Beipackzettel meiner Kopfschmerztabletten hat einen sehr festen Sinn. Das Grundgesetz auch. Und ein Kochrezept, das sich jeder nach Belieben auslegt, endet in der Küche als Katastrophe.

Und so ist es auch kein Wunder, dass zumindest in den Augen von Otto Normalleser wie mir aus all dem, was Derrida uns vermitteln will, nie etwas Brauchbares herauskommt. Warum? Stellen Sie sich einen Familienstreit vor. Normalerweise kracht es, man streitet sich, und am Ende findet man einen Kompromiss, mit dem alle leben können. Aus dem Krach ist etwas Neues entstanden. So ungefähr hatte sich das schon der deutsche Philosoph Hegel vorgestellt, nur in deutlich komplizierteren Worten. Derrida lehnte genau das ab. Bei ihm wird das Fundament zertrümmert – und der Wiederaufbau gleich mit verboten. Kein Kompromiss, kein Ergebnis, kein „und daraus folgt“. Was bleibt, ist ein Trümmerfeld. Und auf diesem Trümmerfeld haben sich inzwischen ganze Universitäten, Behörden und Redaktionen häuslich eingerichtet. Wer verstehen will, warum Le Pogam von einer Generation spricht, die gelernt hat zu dekonstruieren, aber nie zu konstruieren: Hier liegt der Grund. Das ist kein Betriebsunfall, das ist der Bauplan.

Dass Sprache mehrdeutig ist, weiß übrigens jeder, der je einen Vertrag gelesen oder einen Ehestreit ausgefochten hat. Insofern hatte Derrida einen Punkt. Er war ein Meister der genauen Lektüre, der Texte Wort für Wort umdrehte. Ärgerlich wird es, wie schon bei Foucault, erst dort, wo seine Gedanken die Seminare an den Hochschulen verließen.

Was daraus wurde

Denn im Alltag führt Derridas Theorie zu absurden Folgen. Wenn er recht hat und kein Satz einen festen Sinn hat – wer entscheidet dann bitte, was gesagt wurde? Nicht mehr der, der spricht. Sondern der, der zuhört. Und damit sind wir mitten im Elend unserer Tage. Denn daraus erwächst die Logik, die Ihnen inzwischen in jeder Personalschulung begegnet: Nicht die Absicht zählt, sondern die Wirkung. Wer sich verletzt fühlt, wurde verletzt, egal was gemeint war. Ein Kompliment kann eine „Mikroaggression“ sein, eine harmlose Frage nach der Herkunft eine Diskriminierung. Sie können sich nicht mehr darauf berufen, was Sie gesagt haben. Sie haften für das, was andere hineinlesen. Und wer am empfindlichsten liest, hat das letzte Wort.

Mir kommt das bekannt vor. In der Corona-Zeit habe ich gelernt, dass Ideologen und Zensoren die aufmerksamsten Zuschauer der Welt sind. Sie fanden in jedem Satz genau das, was sie finden wollten. Ein Wort zu viel, eine falsche Betonung, ein Witz an der falschen Stelle – und schon war man ein „Schwurbler”, das Video gelöscht. Der Unterschied zu den Zensoren früherer Diktaturen: Die saßen in einer Behörde. Die heutigen sitzen in den sozialen Netzwerken, in Personalabteilungen und Redaktionen. Und sie halten sich für die Guten.

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Dieselbe Logik trifft die Toten, die sich nicht mehr wehren können. Wenn ein Text nicht dem Autor gehört, darf man ihn umschreiben. Bei Pippi Langstrumpf wurde aus dem „Negerkönig“ in neueren Ausgaben ein „Südseekönig“. Roald Dahls Kinderbücher wurden 2023 von seinem britischen Verlag nachträglich von „verletzenden“ Wörtern gereinigt: Aus dem „enorm fetten“ Augustus Glupsch in „Charlie und die Schokoladenfabrik“ wurde schlicht ein „enormer“ Junge. 2024 traf es Michael Endes Jim Knopf: In der Neuausgabe verschwanden „Indianer“ und „Eskimo“, Jims Haut wurde heller gezeichnet, und statt einer Pfeife bekommt er zur Verlobung einen Gürtel – eine posthume Zensur des Autors. Und 2022 nahm Ravensburger Winnetou-Bücher aus dem Programm, nachdem sich Menschen im Netz daran gestoßen hatten. Der Autor ist tot. Es lebe der Empfindlichkeitsprüfer – so könnte man jene Lektoren nennen, die Verlage heute anheuern, um Bücher nach Stellen abzusuchen, an denen sich irgendjemand stoßen könnte.

In der Sowjetunion erzählte man sich dazu hinter vorgehaltener Hand einen Witz: „Bei uns ist die Zukunft gewiss. Nur die Vergangenheit ändert sich ständig.“ Damals schnitt man in Ungnade gefallene Genossen aus alten Fotos heraus. Heute schneidet man Wörter aus Kinderbüchern. Die Technik ist sanfter geworden. Das Prinzip, das Denken dahinter – es ist dasselbe.

Und dann die Gegensatzpaare. Wenn jede Rangordnung nur gesetzt ist, muss man sie umstürzen. Also steht heute das Gefühl über der Vernunft, die gefühlte Wahrheit über der gemessenen, das Opfer über dem Argument, der Rest der Welt über dem Westen. Am radikalsten ist all das beim Paar Mann und Frau: Ist es nicht Natur, sondern nur eine willkürliche Hierarchie, muss es weg. Daher die Lust, alle Kategorien zu verflüssigen, bis am Ende niemand mehr sagen darf, was eine Frau ist. Bei Derrida war das eine Denkfigur. In unseren Behörden ist es Verwaltungspraxis, mit Formular und Stempel.

Die Ironie der Geschichte

Derrida selbst kannte Ausgrenzung aus eigener Erfahrung. Er wuchs als Jude in Algerien auf, und 1942 warf ihn die Verwaltung des Vichy-Regimes aus der Schule, weil er der falschen Kategorie angehörte. Man sollte meinen, wer so etwas erlebt hat, wäre gefeit gegen ein Denken, das Menschen nach Gruppenzugehörigkeit sortiert. Ausgerechnet seine Erben tun heute genau das: Was Sie sagen dürfen, hängt davon ab, welcher Gruppe Sie angehören.

Noch aufschlussreicher ist der Fall Paul de Man. Der Literaturwissenschaftler war Derridas wichtigster Verbündeter in Amerika, sozusagen Statthalter der Dekonstruktion in Yale. Nach seinem Tod kam 1987 heraus, dass er im besetzten Belgien fast zweihundert Artikel für nazi-kontrollierte Zeitungen geschrieben hatte, darunter mehrere antisemitische. Und was tat Derrida? Er verteidigte seinen Freund in einem langen Aufsatz, der die Texte so lange auseinandernahm, bis von ihrer Eindeutigkeit kaum etwas übrig war. Die Dekonstruktion bewährte sich also ausgerechnet dort, wo es darum ging, sehr eindeutige Texte weniger eindeutig zu machen.

Die Lehre daraus gilt bis heute: Wenn kein Text einen festen Sinn hat, gibt es auch keine eindeutige Schuld. Dann lässt sich alles rechtfertigen. Es kommt nur darauf an, wer liest. Und hier liegt die eigentliche Pointe: Diese Großzügigkeit gilt nur für die eigenen Leute. Bei den Freunden ist jeder Satz mehrdeutig, jede Entgleisung „aus dem Zusammenhang gerissen“. Bei den Gegnern dagegen hat plötzlich jeder Satz einen glasklaren Sinn – und zwar immer den schlimmstmöglichen. Ein ungeschickter Halbsatz, und schon steht fest, was Sie „eigentlich“ gemeint haben.

Derridas Erben haben aus seiner Theorie zwei Werkzeuge gemacht: einen Freispruch für die eigenen Leute und einen Sprengsatz für alle anderen. Dem brasilianischen Machthaber Getúlio Vargas wird ein Satz zugeschrieben, der das Prinzip auf den Punkt bringt: „Für meine Freunde alles, für meine Feinde das Gesetz.“ Die Wokeness hat ihn nur leicht abgewandelt: Für die Freunde jede Deutung, für die Feinde die schlimmste.

Wenn jede Grenze fällt

Und es gibt ein Kapitel, das in kaum einer Würdigung auftaucht. Im Mai 1977 unterschrieb Derrida, gemeinsam mit Foucault, Deleuze, Sartre und Simone de Beauvoir, eine Petition an die Kommission zur Reform des französischen Strafrechts. Darin wurde unter anderem verlangt, das Schutzalter zu überprüfen – also jene Altersgrenze, unterhalb derer sexuelle Handlungen mit Kindern als Missbrauch bestraft werden. Die Stoßrichtung war, diese Grenze zu lockern, nicht zu verschärfen. Auch das gehört zum Bild einer Denkschule, die jede Grenze für eine bloße Setzung der Macht hielt. Selbst die, die Kinder schützt.

Das Komische an der ganzen Geschichte: Derrida verlangte die genaueste Lektüre, die man sich vorstellen kann. Jedes Wort umdrehen, jede Fußnote ernst nehmen. Seine Erben lesen nicht einmal mehr den Satz zu Ende, bevor sie empört sind. Aus der Kunst des genauen Lesens ist die Kunst geworden, alles falsch zu verstehen, was man falsch verstehen will.

Wenn Sie also das nächste Mal den Eindruck haben, dass vieles, was uns heute als Fortschritt verkauft wird, gegen jeden gesunden Menschenverstand verstößt, gegen jede Logik, gegen alles, was man mit eigenen Augen sehen kann – wenn Ihnen manches vorkommt wie zusammengeglaubt statt zu Ende gedacht: Dann wissen Sie jetzt, wer einer der geistigen Väter ist. Und wie schon bei Foucault muss man sagen: Der eigentliche Bösewicht in dieser Geschichte ist nicht Derrida. Es sind die, die aus seinen Gedankenspielen eine Ideologie gemacht haben. Und aus der Ideologie eine Religion, in der Zweifel als Ketzerei gilt.

Im nächsten Teil: Gilles Deleuze – und warum heute alles „fluid“ sein soll, sogar das Geschlecht und die Familie.

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Bild: IMAGO / opale.photo

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