Das Sterben des Einzelhandels geht weiter Bis zum Jahresende sind bis zu 16.000 Geschäfte von der Schließung bedroht

Von reitschuster.de

Im Jahr 2020 mussten in Deutschland rund 20.000 Einzelhändler aufgeben. Damit schlossen im ersten Jahr der Corona-Maßnahmen so viele Ladengeschäfte wie seit der Finanzkrise 2008/09 nicht mehr. Die zwangsweisen Schließungen und Beschränkungen, die den Einzelhändlern auferlegt wurden, kamen damals zur Unzeit. Erstmals seit 14 Jahren war die Zahl der Ladengeschäfte im Jahr vor Corona im Vorjahresvergleich wieder leicht angestiegen. Dieser zarte Aufschwung wurde abrupt gestoppt, viele Unternehmer haben bis heute mit den wirtschaftlichen Folgen zu kämpfen. Hinzu kommt die Tatsache, dass sich das Kaufverhalten der Deutschen in den vergangenen beiden Jahren nachhaltig verändert hat und viele dem inzwischen liebgewonnenen Online-Shopping treu bleiben werden. Im Jahr 2020 erzielten die 319.995 Einzelhändler in Deutschland noch einen Gesamtumsatz in Höhe von 605,4 Milliarden Euro, was einem Pro-Kopf-Umsatz von 19.730 Euro pro Einwohner entsprach.

David
Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Diese Zeiten scheinen unwiederbringlich vorbei zu sein. Denn auch für das Jahr 2022, das erste Jahr also, in dem für den Einzelhandel wieder so etwas ähnliches wie Normalzustand herrscht, rechnet der Handelsverband Deutschland (HDE) mit bis zu 16.000 dauerhaften Schließungen. HDE-Geschäftsführer Stefan Genth nannte diese Zahl, die dreimal so hoch liegt, wie die durchschnittlichen Geschäftsaufgaben in den Vor-Corona-Jahren, gegenüber der Welt und begründet seine Befürchtungen wie folgt: „Lockdowns und Zugangsbeschränkungen in den letzten Jahren und nun eine wegen des russischen Kriegs in der Ukraine einbrechende Verbraucherstimmung sorgen bei vielen Innenstadthändlern für tiefe Sorgenfalten.“ Viele Einzelhändler hätten ihre finanziellen Rücklagen und Reserven bereits in den vergangenen beiden Jahren aufgebraucht.

Genth bezog sich bei seinen Ausführungen direkt auf die Ergebnisse der vom Handelsforschungsinstitut EHI Retail durchgeführten Städtebefragung 2022, bei der es explizit um die „Ladenschließungen durch Corona“ gegangen war. Demnach befürchten 68 Prozent der Kommunen einen Rückgang der Ladengeschäfte in Innenstadtlagen bzw. der Fußgängerzone. Nicht viel besser sehen die Prognosen in den Shopping-Centern (49 Prozent) und den Stadtteilen (47 Prozent) aus. Lediglich bei den Fachmärkten schätzen die Städte und Gemeinden in Deutschland die Lage als weitgehend stabil ein, mit einem Rückgang dieser Geschäfte rechnen nur 20 Prozent der Kommunen. Mit dem Sterben des Einzelhandels geht auch das Ausbluten der Innenstädte einher. Laut EHI Retail erwarten 46 Prozent der Kommunen einen Leerstand von bis zu 5 Prozent, 38 Prozent gehen von einem Leerstand bis zu 10 Prozent in ihren Stadtzentren aus. Ohne Umwidmungen in Büroflächen, Arztpraxen oder Kitas würden diese Zahlen vielerorts aber noch weitaus höher liegen.

Arbeitsmarkt in Deutschland steht vor großem Umbruch

Während im Einzelhandel vielen Angestellten die Arbeitslosigkeit droht, erzeugt eine von der Online-Jobbörse Stepstone veröffentlichte Studie über eine in Deutschland und den meisten anderen Industrienationen drohende „Arbeiterlosigkeit“ einen scheinbaren Widerspruch. Als „Arbeiterlosigkeit“ beschreiben die Macher der Studie den sich abzeichnenden Mangel an Fachkräften. Da in den kommenden Jahren viele geburtenstarke Jahrgänge das Rentenalter erreichen werden und „von unten“ nur relativ schwache Jahrgänge nachkommen, rechnet die Studie bis zum Jahr 2030 damit, dass die erwerbstätige Bevölkerung in Deutschland um bis zu vier Millionen abnehmen wird, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird. Im Schnitt würden in der Bundesrepublik pro Jahr also rund 500.000 Erwerbstätige fehlen. Die Vereinten Nationen schätzen diesen Rückgang in den fünf größten Industrienationen bis zum Ende dieses Jahrzehnts auf insgesamt 30 Millionen Erwerbstätige.

Immer mehr Rentner, die aus dem Berufsleben ausscheiden und immer weniger junge Menschen, die eine Ausbildung oder ein Studium abschließen, sind aber nur ein Teil des Problems. Gleichzeitig kehren auch immer mehr deutsche Fachkräfte ihrer Heimat den Rücken, weil sie andernorts bessere Berufschancen vorfinden, weniger Steuern zahlen und/oder sich eine insgesamt höhere Lebensqualität erhoffen. Die meisten deutschen Fachkräfte, also IT-Spezialisten, Akademiker oder auch Pflegekräfte, zieht es nach wie vor in Länder wie die Schweiz, Österreich, Großbritannien, Kanada oder die USA. Mit diesen Ländern befindet sich Deutschland also in einem direkten Wettstreit, wenn es um das Anwerben oder Halten von hochqualifizierten Fachkräften geht.

Deutschland braucht eine gesteuerte Zuwanderung von Fachkräften

Detlef Scheele, der Chef der Arbeitsagentur (BA), sagte der Wirtschaftswoche bereits im vergangenen Jahr, dass Deutschland pro Jahr bis zu 400.000 Zuwanderer brauche, um den Fachkräftemangel nachhaltig zu beheben. Der Zuwanderungssaldo lag in Deutschland in den vergangenen Jahren zwar meistens über diesem Wert, teilweise sogar sehr deutlich. Da Deutschland aber auch für vergleichsweise gut ausgebildete Arbeitnehmer aus EU-Staaten kein besonders attraktives Ziel mehr ist und Einwanderer aus Drittstaaten nur schwer in den hiesigen Arbeitsmarkt integriert werden können, darf es künftig bei der Zuwanderung nicht um Quantität gehen, sondern alleine um Qualität. Die Migrationskrise 2015 hat überdeutlich gezeigt, dass es eben nicht die von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wohl wider besseres Wissen versprochenen Fachkräfte waren, die den Weg aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie Afrika nach Europa und insbesondere Deutschland gefunden haben.

Und auch das inzwischen in Kraft getretene Fachkräfteeinwanderungsgesetz konnte bisher keinen großen Effekt erzielen, wie Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gegenüber der Welt erklärte. Aufgrund der Auswirkungen von Corona könne man das zwar noch nicht abschließend beurteilen, dennoch fordert der IAB-Experte: „Viele können nur einwandern, wenn ihr Abschluss als gleichwertig zu einem deutschen anerkannt wird. Das gelingt bisher nur wenigen tausend Menschen aus dem Ausland pro Jahr.“ Ob es allerdings hilfreich ist, einen Abschluss aus einem Drittstaat auf dem Papier mit einem in Deutschland oder der EU erworbenen Abschluss gleichzusetzen, wie es teilweise schon vorgeschlagen wurde, daran darf durchaus gezweifelt werden.

Pascal Korber, der arbeitsmarktpolitische Sprecher der FDP, fordert daher, sich bei der Zuwanderung von Fachkräften an Vorbildern wie Kanada oder Neuseeland zu orientieren: „Über ein transparentes Punktesystem und klare Kriterien für qualifizierte Einwanderung soll Menschen mit Berufserfahrung, Sprachkenntnissen oder einer Ausbildung gezielt die Möglichkeit geboten werden, nach Deutschland zu kommen.“ Dabei sieht Korber jedoch nicht nur die potenziellen Zuwanderer in der Bringschuld. Gerade im Vergleich zu den angelsächsischen Ländern müsse Deutschland attraktiver werden, etwa durch ein angepasstes Steuer- und Abgabensystem für Gutverdienende oder den Abbau von Bürokratie bei Berufs- und Alltagsfragen, wie der FDP-Politiker unterstreicht. Stepstone-CEO Sebastian Dettmers, der Deutschland als „Niedriglohnsektor“ bezeichnet und damit einen weiteren entscheidenden Nachteil gegenüber anderen Standorten beim Namen nennt, geht davon aus, dass die „Arbeiterlosigkeit“ langfristig auch hierzulande zu höheren Löhnen in allen Bereichen führen wird.

Bildung und Ausbildung wird sich über kurz oder lang also auch in Deutschland wieder lohnen. Dennoch weist momentan wenig darauf hin, dass die Warnungen der Experten von Politik und Gesellschaft auch ernst genommen werden. Laut der Stepstone-Studie schätzen 80 Prozent der Befragten die Entwicklung der Erwerbsbevölkerung falsch ein. Damit dürfen die politisch Verantwortlichen, die mit einer sektoralen Impfpflicht dafür sorgen, dass in der Pflege – einem schon jetzt chronisch unterbesetzten Bereich – immer mehr Fachkräfte ihrem nicht selten zur Berufung gewordenen Beruf freiwillig den Rücken kehren, immerhin mit dem Gefühl leben, einer Mehrheit anzugehören.

Bild: Shutterstock
Text: reitschuster.de

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