Deutschland 2026 – in einem Zimmer mit Betonblick Fünf Sterne. Offene Platinen. Ein Land.

Seit Jahren quält mich die Frage: Wie konnte Deutschland so auf den Hund kommen? Jetzt habe ich eine Antwort gefunden – oder genauer gesagt das, was ich ahnte, bestätigt bekommen. Zu einem hohen Preis. Aber den war es wert: Eine Übernachtung im Berliner Nobel-Hotel „Das Stue“. Und was ich erlebte, war das ganze Dilemma, der ganze Irrsinn, der ganze Niedergang Deutschlands in einem einzelnen Hotelaufenthalt.

Die Idee zu dem teuren Versuch kam mir durch einen Mitarbeiter meines Stammhotels, mit dem ich zwischenzeitlich befreundet bin und der längst in die Schweiz geflüchtet ist. Er sagte mir: „Die normalen Hotels in Berlin, auch die früher guten, sind kaputt. Guten Service gibt es nur noch in einer Handvoll Spitzenhotels.“ Mir reicht normal auch ein einfaches Hotel. Aber wer den Niedergang eines Landes beschreiben will, muss sich auch die Elite und deren Flaggschiffe ansehen. Also entschloss ich mich, als Journalist ein Experiment zu wagen – ob es noch echte Oasen der alten Bundesrepublik im Rot-Grün-Woke-Sozialismus in Berlin gibt. Dank eines Deals eines Drittanbieters („dritte Nacht umsonst“) und einem tiefen Griff in die Sparkasse konnte ich es mir leisten.

Fünf Sterne, offene Platinen

Das Ergebnis werde ich nie vergessen. Der Hoteldirektor, Zeev Rosenberg, ist eine Art Robert Habeck der Hotelbranche. Stramm gegen rechts unterstützte er öffentlich Hotel-Hausverbote für Menschen mit der falschen Meinung wie AfD-Chefin Alice Weidel – weil Haltung und Werte in der Hotellerie essenziell seien und gegen Provokationen verteidigt werden müssten. Auf Linkedin schrieb er dazu: „In vielen Hotels und Restaurants gehört Weltoffenheit zum Alltag wie der Cappuccino am Morgen. Menschen aus Dutzenden Nationen arbeiten Seite an Seite, tragen Verantwortung, lösen Probleme und schaffen Orte, an denen Vielfalt nicht diskutiert, sondern gelebt wird. Genau deshalb hat die AfD in dieser Branche keinen Platz – nicht im Denken, nicht im Herzen und schon gar nicht in der Realität.“

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Umso salbungsvoller die Eigenwerbung. Auf LinkedIn postete er kurz vor meiner Anreise: ‚Knigge ist kein Relikt – sondern Teil professioneller Kultur. Mit Kollegen, Partnern und Mitarbeitenden spricht man. Über sie spricht man nicht. Gerade in der Hospitality entscheidet sich Qualität nicht nur an Design, Service oder Standards, sondern am Umgang mit Menschen.“ Vorher postete er: „Das Stue steht für Design und Hospitality mit Haltung und Werten. Genau deshalb passt dieses Gespräch so gut.“ Rosenberg sagt Sätze wie diesen: „Es war immer mein Ziel, Genuss und Atmosphäre in Einklang zu bringen – ohne Schnörkel, aber stets stilvoll und mit Liebe zum Detail“ (siehe hier). Und: „Mein Ziel ist es , das würdevolle Hotel als ein Landscape-Hotel zu etablieren und gemeinsam mit allen Mitarbeitern ein unvergessliches Erlebnis für unsere Gäste zu schaffen“ (siehe hier).

Letzteres hat Rosenberg geschafft. Wenn auch ganz anders, als deklariert.

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Dass die Dame an der Rezeption kaum Deutsch sprach – geschenkt. Dass ich als vermeintliches Upgrade ein Zimmer bekam, das eher einem Bunker glich und wo man statt des gebuchten Parkblicks auf Augenhöhe nur Beton sah – geschenkt. Dass aber die Abdeckung der Klimaanlagen-Steuerung fehlte und man in die Platinen langte und all das umklebt war wie auf einer Baustelle – das sollte so nicht sein. Allein schon aus Sicherheitsgründen. Umso mehr in einem Hotel, das zur SO/-Kollektion von Accor gehört – einem Konzern, der laut Eigenwerbung Luxus als emotionale Verbindung definiert – aber gemeint sind damit hoffentlich nicht Platinen, sondern Menschen.

Sicherheitshinweis: Bitte nicht anfassen!

Die Raumtemperatur ließ sich nur durch Öffnen der Fenster regeln – weil die Heizung weiter lief. Ich hatte die Wahl zwischen zu kalt und zu warm. Auch tagsüber blieb das Zimmer dunkel – weil der Knopf zum Öffnen der Jalousien tot war. Dass die Korridore aussehen wie in Jugendherbergen, kaum eine Wand Flecken erspart bleibt und ebenso die Teppiche, dass die Türen teilweise aussehen wie die in einer Kaserne, dass unter dem Klodeckel die Puffer fehlten und der Geruch in der Toilette unangenehm war, das sei nur am Rande erwähnt.

Nachdem auf meine Mail, die ich am Abend abgeschickt hatte, um freundlich auf die Mängel hinzuweisen, keine Nachricht kam, und nachdem mein Gang zur Rezeption vergeblich war, weil diese nicht besetzt war (die Mitarbeiter sich aber angeregt hinter einem Vorhang unterhielten), schrieb ich am Morgen, dass ich vorzeitig abreisen möchte. Wenn schon Jugendherbergs-Niveau – dann nicht um diesen Preis. Ich bat darum, meine Abreisezeit auf 12.30 Uhr zu verlängern und den Preis zu mindern, als Ausgleich für die Nacht mit schlechtem Schlaf. Erst jetzt kam eine Reaktion: ein Angebot eines Gesprächs und ein Update – in ein noch dunkleres Zimmer? Ich verzichtete dankend. Kein Wort zur Preisminderung oder den dreißig Minuten Aufschub. Kein Wort zu dem Verzehrgutschein, der zur Buchung gehörte und nun verfiel.

Kommunikation mit einer Machine?

Die Antworten wirkten auffällig glatt – jeder Punkt adressiert, kein echter Gedanke drin. Wie von Künstlicher Intelligenz erstellt. Das entscheidende Indiz lieferte er unfreiwillig selbst: Er bedankte sich schriftlich dafür, dass ich die Taxikosten für den Transfer meines Gepäcks ins nächste Hotel zu übernehmen bereit sei. Ein Satz, den kein erfahrener Hotelier je schreiben würde – weil er instinktiv weiß, dass das absurd klingt. KI optimiert auf Vollständigkeit. Ein Gastgeber optimiert auf Würde. Sich von der KI assistieren zu lassen beim Briefwechsel mit Kunden finde ich okay. Aber man sollte das Resultat zumindest vorher lesen.

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Später schrieb ich dem Direktor über gelebte Gastfreundschaft in anderen Ländern: „In Deutschland scheint diese Kultur aber zunehmend zu verschwinden. Und das interessiert mich – als Journalist, der immer auf der Suche nach einer Geschichte ist, und als Mensch, der verstehen möchte, warum. Welche Zwänge – wirtschaftlich, strukturell, personell – machen es heute so schwer, das zu tun, was anderswo noch gelebte Praxis ist? Und was in Sachen Reputation und damit auch Wirtschaftlichkeit sinnvoll wäre? Was hat sich verändert?“ Sehr kühl und nüchtern stimmte Rosenberg einem Gespräch zu.

Und das hatte es in sich.

Nicht das Versagen des Hotels war das Problem – sondern ich, der darauf aufmerksam machte. Die fehlenden Sprachkenntnisse, ob an Rezeption oder beim Frühstückspersonal – eine Tugend, kein Problem, wie mir erklärt wurde: „Das sei eben Vielfalt.“ Die Dame an der Rezeption sei Praktikantin, das müsse man verstehen, in ein paar Wochen werde sie gut arbeiten. Der Blick auf Beton, die Finsternis im Zimmer? Wenn man im Bett liegt, sieht man das Grün, hält Rosenberg entgegen. Und merkt gar nicht, dass das wie Parodie klingt. Wenn man eine Leiter hätte, hätte man vielleicht sogar einen besseren Ausblick.

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Dass so viele Mitarbeiter gar kein oder kaum Deutsch sprechen, fügt sich ins Bild: Wenn die Kommunikation zur Einbahnstraße wird, ist der Dialog am Ende. Vielfalt als Deckmantel für mangelnde Qualifikation – ein Narrativ, das wir aus der Bundespolitik zur Genüge kennen.

Die Flecken überall, der desolate Zustand? Man arbeitet daran, man renoviert – so die Antwort. Anders ausgedrückt: Man weiß, dass der Zustand schlecht ist – aber verkauft weiter. Das Hotel – großartig. Nur ich zu spießig. Warum es keine Geste gab – eine Flasche Wein für acht Euro hätte alles gerettet? Hätten wir gemacht, selbst zehn Flaschen – „aber Sie haben ja nicht mit uns gesprochen.“ Wie auch, wenn die Rezeption leer ist? Außerdem sei man ja kulant, weil man mir die vorzeitige Abreise gestatte. Dass die Buchung flexibel war? Spielt keine Rolle in Rosenbergs Realität.

„Liebe zum Detail“: Fünf Sterne, zwei Puffer.

Und die ignorierte Bitte um 30 Minuten Aufschub? Falsch! „Haben wir Ihnen geschrieben, dass das okay ist“, versichert Rosenberg. Die offene Platine? „Warum haben Sie die Abdeckung weggemacht?“ Also auch dafür bin ich schuld. Als ich erkläre, dass sie nie da war, zweifelt er – so stark, dass ich sage: „Ich bin bereit, eine eidesstattliche Versicherung abzugeben.“

So selbstsicher, so von sich eingenommen ist Rosenbergs Auftritt, dass ich einknicke – mich quasi entschuldige, und sage, ich werde die kritische Rezension im Internet löschen.

Kleinlaut

Nach dem Gespräch bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Der Mann hat es geschafft, dass ich in die Rolle eines Schuljungen zurückfiel – und mich regelrecht entschuldigte.

Später lese ich den Briefwechsel nach: Die Zusage, 30 Minuten länger bleiben zu dürfen, kam nie – anders als dargestellt. Das Angebot zum Gespräch kam erst nach zehn Stunden Schweigen – nachdem ich deswegen geschrieben hatte: „Okay, dann reise ich ab.“

Aber im Gespräch bin ich weich geworden. Später wurde mir klar: In diesem Moment war ich der Prototyp des verunsicherten Bürgers, der sich für seine berechtigten Ansprüche entschuldigt, weil das Gegenüber die moralische Keule schwingt. Und nur weil wir alles schlucken, weil wir all das hinnehmen, ist das Land in dem Zustand, in dem es ist

„Exzellenz im Detail“

Und ich denke, nicht nur das ist symbolisch für alles, was in Deutschland passiert. Rosenberg hat seinen Manager-Posten nicht bekommen, weil er sich langsam nach oben gearbeitet hat. Er war vorher Funktionär eines Hotelverbandes. Da – in solchen Strukturen – reicht es offenbar, Haltung zu zeigen, um befördert zu werden. Wie die auffällige Regenbogenflagge am Eingang des Hotels. Oder das Gendern im Lebenslauf auf LinkedIn: „Fokus: Exzellenz im Detail, klare Führung und eine Kultur, die Gäste und Mitarbeitende gleichermaßen ernst nimmt.“ Und genau das geschieht im ganzen Land. Bei der Deutschen Bahn, bei den Konzernen, überall.

Wer hat Jehovas gesagt?

Wenn dabei nichts mehr funktioniert? Die Bösen sind diejenigen, die darauf hinweisen und das kritisieren. Und das wird so eindringlich, so gekonnt vermittelt, dass sich der normale Bürger, wie in diesem Fall ich als normaler Kunde, als der Schuldige empfindet. Als Nörgler. Dass er einknickt. Ich im Gespräch. Der Bürger an der Wahlurne.

Wenn die Mitarbeiter versagen? „Wir haben eine tolle Atmosphäre und duzen uns alle“, lobt Rosenberg sich selbst – und versteht gar nicht, dass vielleicht gerade letzteres zu den Problemen führen könnte.

Der Fall Stue/Rosenberg steht symbolisch dafür, wie extrem Anspruch und Realität auseinandergehen. Wie „Haltung“ solides Handwerk ersetzt hat. Worte statt Taten.

Am Eingang wird „Haltung“ gezeigt

Wie die ganzen Haltungskrieger in Politik und Medien agiert Rosenberg aus einer Position der vermeintlichen moralischen Überlegenheit.

Hinter der edlen Tapete der Luxusmarke liegt die nackte, ungeschützte Technik frei – provisorisch mit Klebeband geflickt. Ein Land, das sich digitaler Vorreiter nennt, aber bei dem die Platinen in der Wand offen und ungeschützt liegen, sobald man hinter die Kulissen blickt.

In den Worten ist alles wunderbar: Rosenberg unterzeichnet nicht als Direktor, sondern als „Gastgeber“, verspricht, wie oben beschrieben, das Blaue vom Himmel herunter. In der Realität muffelt es im Bad, Platinen liegen offen, und die Vorhänge sind defekt. Seit Jahren, wie er im Gespräch erzählte. Aber nicht kleinlaut, nicht entschuldigend, sondern eher nach dem Motto: Was wollen Sie, Sie wissen doch, wie schwer es ist, Ersatzteile zu bekommen.

‘Selber blöd!‘

Im Zweifelsfall ist immer der Gast der Idiot. Wie in der Politik der Wähler. Oder in den Medien der Leser oder Zuschauer.

Auf LinkedIn forderte Rosenberg gar, künftig sollten Hotels auch ihre Gäste bewerten können – offenbar, weil er sich schwer tut mit Kritik in Form von Rezensionen auf Google oder Tripadvisor. Das sind die gleichen Mechanismen, mit denen kritische Journalisten an den Pranger gestellt werden. Stellen Sie sich das vor: Gäste in teuren Hotels, die Angst haben müssen vor schlechten Noten wie Schüler vor dem Lehrer.

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„Ein Gedanke, der nach Gerechtigkeit klingt, sich jedoch beim genaueren Nachgrübeln als verräterisch entpuppt“, monierte Carsten K. Rath, Gründer des Hotel-Rankings „Die 101 besten Hotels“, der zahlreiche Grandhotels geführt hat, in der Zeitschrift „Capital“: „Ich halte Rosenbergs Idee für problematisch, denn sie löst keinerlei strukturelle Probleme, sondern propagiert stattdessen einen Rollenwechsel. Den vom Gastgeber zum Gegen-Richter.“ Rosenbergs Idee stehe, so Rath, für „Bewertung statt Begegnung, Kontrolle statt Großzügigkeit.“

Rosenbergs öffentliches Plädoyer für Gästebewertungen – das er als „Fairness“ tarnt – ist in Wahrheit die Kapitulation vor der eigenen operativen Unfähigkeit. Wer Gäste bewerten will, hat meistens Angst vor der Wahrheit, die Gäste über ihn verbreiten könnten.

„Ein Haus, das seine Gäste begeistert“

Das Netzwerk funktioniert auch in die andere Richtung. Im Juli 2025 – neun Monate vor meinem Aufenthalt – erhielt das Stue die 5-Sterne-Superior-Auszeichnung, überreicht vom Hauptgeschäftsführer des Hotelverbandes Deutschland. Rosenberg, selbst bis vor kurzem noch Verbands-Funktionär, kommentierte die Plakette auf LinkedIn mit den Worten: „Sie steht für außergewöhnlichen Service, konsequente Qualität und ein Haus, das seine Gäste nicht einfach beherbergt, sondern begeistert.“ Neun Monate später lagen die Platinen offen.

Perpetuum mobile des Eigenlobs

Man schiebt sich gegenseitig Preise und Auszeichnungen zu, für Haltung, nicht für Handwerk. Und der Gast, der Wähler, der Leser – die sind nur noch Staffage, die ruhig zu sein hat – weil sie sonst Störfaktor ist. Genauso wie in der Politik und den Medien. Das Netzwerk lobt sich selbst – und wir zahlen die Zeche dafür.

Fast alles an diesem Beispiel lässt sich auf die Politik übertragen: Der Direktor, der den Verfall schönredet, investiert Zeit und Energie in politische Statements gegen rechts, in Forderungen, Gäste zu bewerten, in Regenbogenflaggen – statt einfach seine Arbeit zu tun und wenigstens die Zimmer zu kontrollieren und sich um die überfällige Renovierung zu kümmern, um Toilettensitzpuffer, offene Platinen und seit Jahren nicht funktionierende Jalousien.

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Der Typus

Rosenberg ist ein typisches Beispiel für die „Funktionärskarrieren“, wie sie heute allgegenwärtig sind. Rosenberg führt sein Haus nicht mit der Leidenschaft eines Hoteliers, sondern mit der humorlosen Akribie eines Polit-Kommissars, für den die richtige Gesinnung des Gastes wichtiger ist als dessen Nachtruhe.

Er ist ein Produkt jener Strukturen, die heute überall das Sagen haben: Er setzt Systeme vor Beziehungen und Kontrolle vor Großzügigkeit, er sieht Kritik als Anmaßung. Er steht für die totale Entkoppelung von Preis (im Großen: Steuern) und Leistung: Wie in vielen Sektoren Deutschlands 2026 – von der Infrastruktur bis zur Energie – ist das, was eingefordert wird, eine bloße Behauptung. Der Zimmerpreis ist kein Marktpreis für Qualität, sondern ein Strafzoll auf den Anspruch, erhoben von einem Management, das sich hinter „Revenue-Management-Gier“ und hohlen Phrasen versteckt.

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Der Typus Rosenberg ist nicht böse. Er glaubt wirklich, was er sagt. Und genau das macht ihn so gefährlich – und so symptomatisch. Wer nie Widerspruch erlebt hat, wer immer im richtigen Netzwerk war, wer Haltung mit Kompetenz verwechselt, der verliert den Kontakt zur Realität so langsam und so gründlich, dass er ihn gar nicht mehr vermisst. Das ist der Unterschied zwischen einem Bösewicht und einem Symptom. Und Symptome sind gefährlicher – weil man sie nicht einfach austauschen kann.

Ein Hoteldirektor der alten Schule hätte bei diesem Gespräch anders reagiert. Nicht weil er schwächer gewesen wäre – sondern weil er verstanden hätte: Der unzufriedene Gast ist kein Feind, sondern ein Spiegel. Die Großen der Branche – ein Ritz-Carlton-Gründer Horst Schulze, ein César Ritz – bauten ihre Legenden nicht auf Haltung, sondern auf Demut vor dem Gast. Sie wussten: Wer einen Fehler nicht sehen kann, kann ihn auch nicht beheben. Rosenberg hat diese Demut nie gelernt – und damit auch nie die Fähigkeit entwickelt, sich selbst in Frage zu stellen. Wer immer im richtigen Netzwerk gelobt wird, wer Auszeichnungen bekommt statt Widerspruch, der hält sein Spiegelbild irgendwann für die Realität.

Wenn ein System kippt

Menschen wie Rosenberg hat es immer gegeben. In jedem Betrieb, in jeder Branche, zu jeder Zeit. Das war nie das Problem. Das Problem entsteht, wenn sie zur Norm werden – wenn der Typus nicht mehr die Ausnahme ist, sondern die Regel. Wenn die Kritikfähigen aussortiert werden und die Selbstkritik-Immunen aufsteigen. Dann kippt ein System – so wie ein See kippt, wenn das ökologische Gleichgewicht gestört ist. Nicht dramatisch, nicht über Nacht. Sondern langsam, unmerklich, bis es zu spät ist. Deutschland 2026 riecht nach gekipptem Wasser.
Ein Luxushotel, das Zimmer mit Bunker-Atmosphäre als Upgrade verkauft, spiegelt die Berliner Realität wider: Außen prätentiöse Fassade, innen grauer Beton und der Charme einer Notunterkunft – zum Preis eines Palasts. Die offene Klimaplatine mit Kleberesten, all die Flecken und anderen Mängel – sie sind visuelle Totems für den Zustand eines Landes, das seine operative Kompetenz der ideologischen Haltung opfert.

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Ich habe nicht nur einen schlechten Hotelaufenthalt erlebt. Ich habe die dystopische Realität eines Landes vor Augen geführt bekommen, das seine eigene Kernkompetenz – die Perfektion der Dienstleistung – an Funktionäre und Ideologen verloren hat.

Jeder einzelne Kratzer ist verzeihlich. Aber wenn der gesamte Flur mit Mängeln übersät ist, entsteht ein Gesamteindruck der Verwahrlosung. Das signalisiert dem Gast: „Uns ist es egal, wie es hier aussieht. Wir nehmen dein Geld, aber wir investieren es nicht in den Erhalt des Hauses.“

Konsequente Qualität“

Genauso wie unser Land bzw. unser Staat ist dieses Hotel eine Hülle, die von einem alten Ruf zehrt, der längst nicht mehr der Realität entspricht. Oder nur noch in den Köpfen derer, die für den Niedergang verantwortlich sind.

All diese Erkenntnisse sorgten dafür, dass – trotz schrecklichen Schlafs – diese Übernachtung jeden Euro wert war: Denn ich verstehe jetzt viel besser, warum dieses Land gegen die Wand fährt. Und ich bin traurig: Ich habe noch den Vergleich, ich kenne dieses Land noch funktionierend. Für viele Jüngere ist das, was ich im Stue erleben musste, wohl die Norm – weil sie nichts anderes erlebt haben. Und viele Ältere, die nicht wie ich lange im Ausland waren, haben sich wohl daran gewöhnt. Der Verfall geschieht so langsam und so gleichmäßig, dass man ihn nur noch bemerkt, wenn man einen Maßstab hat. Ich habe ihn noch. Und manchmal wünsche ich mir, das wäre nicht der Fall. Mein Leben wäre ruhiger.

Kirsche auf die Torte

PS: Die Krönung: Für die Flucht aus diesem Sanierungsfall wurde ich finanziell bestraft. Wer früher abreist, weil das Produkt mangelhaft ist, zahlt bei Rosenberg einen Strafzoll. Das ist die ökonomische Logik des neuen Deutschland: Wer nicht mehr mitspielt, wird zur Kasse gebeten. Statt eines Preisnachlasses bekam ich einen Preisaufschlag – weil in dem gebuchten Paket die dritte Nacht kostenlos gewesen wäre und die nun wegfiel. All das erfuhr ich erst, als ich die Rechnung bekam. Die mir beim Check-out versprochen wurde, aber nicht geschickt wurde. Erst auf Nachfrage kam sie an – und dann falsch ausgestellt. Obwohl ich vorab im Internet und beim Check-in nochmal handschriftlich die korrekten Koordinaten angegeben hatte. Das waren die Kirschen auf der Sahnehaube.
PPS: Ich bin jetzt in ein Hotel für 80 Euro die Nacht umgezogen. Keine offenen Platinen. Keine fehlenden Toilettensitz-Puffer. Viel Licht, ich kann die Heizung regulieren, und die Vorhänge funktionieren. Alle sprechen Deutsch. Ja, die Wände und Teppiche haben auch Flecken. Aber mir hat hier auch niemand Makellosigkeit versprochen. Und bei dem Preis habe ich kein Problem mit kleinen Mängeln. Ehrlichkeit statt Haltung.

Unabhängiger Journalismus hat seinen Preis. Manchmal buchstäblich.

Bilder: Boris Reitschuster