Deutschlands programmierter Absturz Neue Zahlen, altes Schweigen

Von Thomas Rießinger.

Das Ziel rückt näher, die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen es.

Am 15. Mai verkündete das erwähnte Amt in einer Pressemitteilung: „Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, ist die Produktion der energieintensiven Industriezweige in Deutschland von Februar 2022, dem Monat des Beginns des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine und der darauffolgenden Sanktionen, bis März 2026 saison- und kalenderbereinigt um 15,2 % gesunken. Damit sank die Produktion in diesen Branchen deutlich stärker als in der gesamten Industrie (Verarbeitendes Gewerbe und Bergbau), wo sie um 9,5 % zurückging.“

Innerhalb von etwa vier Jahren ist somit die allgemeine Industrieproduktion um 9,5 % gefallen, was schon schlimm genug ist, während die Produktion in der energieintensiven Industrie sogar eine Reduktion um 15,2 % zu verzeichnen hat. Dabei sind, wie man das üblicherweise macht, eventuelle Saison- und Kalendereffekte bereits berücksichtigt und herausgerechnet. Tatsächlich zeigt ein Blick auf die in der Mitteilung enthaltene Grafik, dass es, je nach Bezugspunkt, sogar noch schlimmer gesehen werden kann, denn der Februar 2022 lag bereits in einer Phase des Niedergangs.

Man sieht, wenn man ein wenig in der Originalgraphik herumfuhrwerkt, dass die energieintensive Industrie im Januar 2022 noch einen Index von 103,1, die allgemeine Industrie dagegen von 101,1 aufwies, sodass der Verlust zwischen Januar 2022 und März 2026 bei beeindruckenden 18,7 % bzw. 9,8 % liegt.

Und nicht nur das. Im November 2017 war die Welt der Industrie doch noch ein wenig mehr in Ordnung als heute, wie die nächste Grafik zeigt:

 

Von 110,9 auf 91,2 sank seit November 2017 der Index der Gesamtindustrie, von 105,6 auf 83,8 dagegen der Index der energieintensiven Industrie, das macht einen prozentualen Verlust von stolzen 17,8 Prozent für die Industrie in ihrer Gesamtheit und von 20,6 % für ihre energieintensive Variante. Das ist die hiesige Version des Wachstums.

Dass so etwas Auswirkungen für die Beschäftigten hat, steht außer Frage, und wenigstens für die energieintensive Industrie stellt uns das Amt auch Zahlen zur Verfügung. „Neben der Produktion ging auch die Zahl der Beschäftigten in der energieintensiven Industrie zurück. Im März 2026 arbeiteten 794 400 Beschäftigte in diesen Branchen. Das waren 6,3 % weniger als im Februar 2022. Damals waren 847 700 Personen in den Betrieben der energieintensiven Industrie beschäftigt.“ Ein Verlust von 6,3 Prozent für die Beschäftigtenzahlen ist nicht unbedingt eine Steigerung und keineswegs ein gutes Zeichen für den Industriestandort Deutschland.

Selbstverständlich verteilt sich der Abstieg nicht gleichmäßig, manche sind stark betroffen, manche weniger und andere gar nicht. Im Hinblick auf die energieintensive Industrie weiß uns das Statistische Bundesamt einiges mitzuteilen. „Am deutlichsten fiel der Produktionsrückgang in dem Wirtschaftszweig „Herstellung von Glas, Glaswaren und Keramik sowie Verarbeitung von Steinen und Erden“ aus: Dieser verzeichnete im März 2026 ein Minus von 25,0 Prozent gegenüber Februar 2022. Zu der Branche gehört auch die Herstellung von Erzeugnissen aus Beton, Zement und Kalksandstein, die einen besonders deutlichen Rückgang verzeichnete (-29,3 Prozent). Auch in der Papierindustrie (-18,5 Prozent) und in der chemischen Industrie (-18,1 Prozent) ging die Produktion in diesem Zeitraum deutlich zurück. Etwas geringer fiel der Rückgang in der Metallerzeugung und -verarbeitung aus (-12,9 Prozent).“ 25 Prozent Rückgang in einem Wirtschaftszweig, das muss man erst einmal schaffen, aber ohne Zweifel haben die politisch gesetzten Randbedingungen und vor allem die politisch gewollten Energiepreise darauf nicht den geringsten Einfluss.

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Doch immerhin gibt es eine Branche, die nicht in Sorge versinken muss. „Eine Ausnahme bildet die Mineralölverarbeitung: Im Gegensatz zu den anderen energieintensiven Energiezweigen stieg die Produktion in dieser Branche um 24,6 Prozent gegenüber Februar 2022, nachdem dort seit Januar 2026 deutliche Zuwächse verzeichnet wurden.“ Ob dieses Wachstum darauf beruht, dass man sich in Regierungskreisen schon seit Jahresanfang mit Vorräten für militärische Auseinandersetzungen eingedeckt hat, vermag ich nicht zu sagen. Es spielt auch keine nennenswerte Rolle, denn eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und eine Branche macht noch keinen Aufschwung, wenn es den anderen hinreichend schlecht geht – und das ist offenbar der Fall.

Deutschland ist auf dem Weg in die Deindustrialisierung, und das heißt: in die Verarmung.

Und die regierenden Parteien wundern sich über ihre Umfragewerte.

Die Industrie baut unfreiwillig ab. Ich freiwillig – und trotzdem bleibt alles umsonst. Ist aber hoffentlich nicht umsonst. Wer das stützen will: hier.

Der Autor:

Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und ehemaliger Professor für Mathematik und Informatik. Er publiziert Fachbücher, philosophische Aufsätze und Beiträge zur Unterhaltungsmathematik. Sein Buch „Wahrheit oder Spiel“ finden Sie hier,  „Umgang mit Formen“ über diesen Link.

Bild: Symbolbild/KI/Gemini/

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