„Die Ukraine ist nach Russland zurückgekehrt“ Der russische Blick oder die Lösung der Ukraine-Frage

RIA Novosti ist ein Sprachrohr des Kreml. Einst eine der größten staatlichen Nachrichtenagenturen in Russland und der Sowjetunion, ist es inzwischen Teil des Staatsunternehmens Rossija Sewodnja. Hier ein Artikel, der kurz nach dem Angriff auf die Ukraine auf RIA Novosti veröffentlicht  und zwischenzeitlich gelöscht wurde – möglicherweise, weil der Text aus der Perspektive eines bereits erfolgten, schnellen Sieges über die Ukraine erstellt war, der dann doch nicht erfolgte – zumindest nicht so schnell, wie der offenbar aus Versehen zu früh publizierte Text online stand. Ich gebe ihn hier unkommentiert wieder, weil er in meinen Augen für sich spricht.

„Vor unseren Augen wird eine neue Welt geboren. Russlands Militäroperation in der Ukraine hat eine neue Ära eingeläutet – und das in gleich drei Dimensionen. Und natürlich auch noch in einer vierten – einer internen, russischen. Hier beginnt eine neue Periode sowohl in der Ideologie als auch im Modell unseres sozioökonomischen Systems – aber es lohnt sich, darüber etwas später gesondert zu sprechen.

Russland stellt seine Einheit wieder her – die Tragödie von 1991, diese schreckliche Katastrophe unserer Geschichte, ihre unnatürliche Verwerfung, ist überwunden. Ja, um einen hohen Preis, ja, durch die tragischen Ereignisse eines faktischen Bürgerkriegs, denn jetzt schießen Brüder, getrennt durch die Zugehörigkeit zur russischen und der ukrainischen Armee, immer noch aufeinander, aber es wird keine Ukraine als Anti-Russland mehr geben. Russland stellt seine historische Ganzheit wieder her und versammelt die russische Welt, das russische Volk – in seiner Gesamtheit der Großrussen, Weißrussen und Kleinrussen. Wenn wir dies aufgegeben hätten, wenn wir zugelassen hätten, dass die vorübergehende Teilung Jahrhunderte lang Bestand hat, dann würden wir nicht nur die Erinnerung an unsere Vorfahren verraten, sondern würden auch von unseren Nachkommen verflucht werden, weil sie den Zerfall des russischen Landes zugelassen haben.

Wladimir Putin hat ohne Übertreibung eine historische Verantwortung übernommen, indem er sich entschieden hat, die Lösung der Ukraine-Frage nicht künftigen Generationen zu überlassen. Schließlich würde die Notwendigkeit, diese zu lösen, immer das Hauptproblem für Russland bleiben – aus zwei entscheidenden Gründen. Und dabei ist die Frage der nationalen Sicherheit, das heißt, die Erschaffung eines Anti-Russlands in der Ukraine und eines Vorpostens des Westens, um Druck auf uns auszuüben, nur der zweitwichtigste Grund.

HahneDer erste Grund jedoch wäre immer der Komplex eines geteilten Volkes, der nationalen Demütigung – als das russische Haus zuerst einen Teil seiner Grundlage (Kiew) verlor und dann gezwungen war, sich mit der Existenz von zwei Staaten abzufinden, nicht nur einem, sondern zwei Völkern. Das heißt, entweder die eigene Geschichte aufzugeben und den wahnsinnigen Versionen zuzustimmen, dass „nur die Ukraine das wahre Russland ist“, oder hilflos mit den Zähnen zu knirschen und sich an die Zeiten zu erinnern, als „wir die Ukraine verloren haben“. Die Ukraine heimzuholen, sie also wieder Russland zuzuwenden, würde mit jedem Jahrzehnt schwieriger werden – die Umkodierung, die Entrussifizierung der Russen und die Aufhetzung ukrainischer Kleinrussen gegen Russen würden an Dynamik gewinnen.

Jetzt ist dieses Problem gelöst – die Ukraine ist nach Russland zurückgekehrt. Das bedeutet nicht, dass ihre Staatlichkeit aufgelöst wird, aber sie wird reorganisiert, wiederhergestellt und in ihren natürlichen Zustand eines Teils der russischen Welt zurückgeführt. Innerhalb welcher Grenzen, in welcher Form wird das Bündnis mit Russland festgelegt (durch die OVKS und die Eurasische Union oder den Unionsstaat Russland und Weißrussland)? Dies wird entschieden, nachdem das Ende der Ukraine als Anti-Russland in die Geschichte eingegangen ist. Auf jeden Fall geht die Zeit der Spaltung des russischen Volkes zu Ende.

Und hier beginnt die zweite Dimension der kommenden neuen Ära – sie betrifft die Beziehungen Russlands zum Westen. Nicht nur Russlands, sondern der russischen Welt, also der drei Staaten Russland, Weißrussland und Ukraine, die geopolitisch als Ganzes agieren. Diese Beziehungen sind in eine neue Phase eingetreten – der Westen sieht die Rückkehr Russlands in seine historischen Grenzen in Europa. Und er empört sich laut darüber, obwohl er sich im Grunde seiner Seele eingestehen muss, dass es nicht anders sein konnte.

Hat jemand in den alten europäischen Hauptstädten, in Paris und Berlin ernsthaft geglaubt, dass Moskau Kiew aufgeben würde? Dass die Russen für immer ein gespaltenes Volk sein würden? Und dies, während Europa sich vereint, während die deutschen und französischen Eliten versuchen, die Kontrolle über die europäische Integration von den Angelsachsen zu übernehmen und ein vereintes Europa aufzubauen? Vergessen ist es, dass die Einigung Europas erst durch die Einigung Deutschlands möglich wurde, was nach gutem russischen (wenn auch nicht sehr schlauen) Willen geschah. Es danach auch noch auf russischen Boden abzusehen, ist nicht einmal der Gipfel der Undankbarkeit, sondern geopolitischer Dummheit. Der Westen im Allgemeinen und mehr noch Europa im Besonderen hatten nicht die Kraft, die Ukraine in ihrem Einflussbereich zu halten oder gar die Ukraine für sich einzunehmen. Um das nicht zu verstehen, muss man einfach ein geopolitischer Idiot sein.

Genauer gesagt, gab es dafür nur eine Option: auf den weiteren Zusammenbruch Russlands, also der Russischen Föderation zu setzen. Aber dass dies nicht funktionierte, hätte schon vor zwanzig Jahren klar sein müssen. Und schon vor fünfzehn Jahren, nach Putins Münchener Rede, konnten sogar Gehörlose hören – Russland kehrt zurück.

Jetzt versucht der Westen, Russland dafür zu bestrafen, dass es zurückgekehrt ist, weil Russland die Pläne des Westens, sich auf seine Kosten zu bereichern, nicht hingenommen hat, weil es die Erweiterung des westlichen Raums nach Osten nicht zuließ. Der Westen versucht, uns zu bestrafen, und denkt, dass die Beziehungen zu ihm von entscheidender Bedeutung für uns sind. Aber das ist schon lange nicht mehr der Fall – die Welt hat sich verändert, und das verstehen nicht nur die Europäer, sondern auch die Angelsachsen, die den Westen beherrschen. Kein noch so großer westlicher Druck auf Russland wird zu irgendetwas führen. Es wird Verluste durch die Sublimierung der Konfrontation auf beiden Seiten geben, aber Russland ist dafür moralisch und geopolitisch bereit. Aber für den Westen selbst verursacht eine Erhöhung des Konfrontationsgrades enorme Kosten – und die entscheidenden sind überhaupt nicht wirtschaftlicher Natur.

Europa als Teil des Westens wollte Autonomie – das deutsche Projekt der europäischen Integration macht keinen strategischen Sinn, während es die angelsächsische ideologische, militärische und geopolitische Kontrolle über die Alte Welt aufrechterhält. Ja, und das kann nicht gelingen, denn die Angelsachsen brauchen ein kontrolliertes Europa. Aber Europa braucht Autonomie auch aus einem anderen Grund – für den Fall, dass die Staaten in Selbstisolation gehen (als Folge wachsender interner Konflikte und Widersprüche) oder sich auf den pazifischen Raum konzentrieren, wo sich der geopolitische Schwerpunkt verschiebt.

Aber die Konfrontation mit Russland, in welche die Angelsachsen Europa hineinziehen, nimmt den Europäern sogar die Chance auf Unabhängigkeit – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Europa auf die gleiche Weise versucht, einen Bruch mit China durchzusetzen. Wenn sich jetzt die Atlantiker darüber freuen, dass die „russische Bedrohung“ den Westblock einen wird, dann kommen sie in Berlin und Paris nicht umhin zu verstehen, dass das europäische Projekt, nachdem es die Hoffnung auf Autonomie verloren hat, mittelfristig einfach zusammenbrechen wird. Deshalb sind unabhängig denkende Europäer jetzt völlig uninteressiert daran, einen neuen Eisernen Vorhang an ihren Ostgrenzen zu bauen – in der Erkenntnis, dass er zu einem Gehege für Europa werden würde. Dessen Jahrhundert (genauer: ein halbes Jahrtausend) globaler Führung ist ohnehin vorbei – aber verschiedene Optionen für seine Zukunft sind noch möglich.

Denn der Aufbau einer neuen Weltordnung – und das ist die dritte Dimension des Zeitgeschehens – beschleunigt sich, und ihre Konturen werden immer deutlicher durch die aus den Fugen geratene angelsächsische Globalisierung sichtbar. Eine multipolare Welt ist endlich Realität geworden – die Operation in der Ukraine ist nicht in der Lage, irgendjemanden außer dem Westen gegen Russland zu vereinen. Denn der Rest der Welt sieht und versteht sehr gut – dies ist ein Konflikt zwischen Russland und dem Westen, dies ist eine Antwort auf die geopolitische Expansion der Atlantiker, dies ist Russlands Rückkehr in seinen historischen Raum und seinen Platz in der Welt.

China und Indien, Lateinamerika und Afrika, die islamische Welt und Südostasien – niemand glaubt, dass der Westen die Weltordnung anführt, geschweige denn die Spielregeln festlegt. Russland hat den Westen nicht nur herausgefordert, es hat gezeigt, dass die Ära der westlichen Weltherrschaft als vollständig und endgültig beendet betrachtet werden kann. Die neue Welt wird von allen Zivilisationen und Machtzentren aufgebaut, natürlich zusammen mit dem Westen (vereint oder nicht) – aber nicht zu seinen Bedingungen und nicht nach seinen Regeln.“

Der inzwischen gelöschte Artikel ist im russischen Original noch im Webarchiv abrufbar.

david February
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Bild: reitschuster.de/RTL
Text: br

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