„Die Welt wird eingeteilt in Gut und Böse“ So blickt die Schweiz auf Deutschland

Von Christian Euler

In einer Zeit, da sich die Gesellschaft immer weiter spaltet, tut ein Blick ins Ausland gut. Wie schauen die Nachbarn auf uns, wie beurteilen sie die immer aussichtsloser erscheinende Lage? Wer könnte das besser beurteilen als die Schweiz, die sich seit jeher ihre Neutralität bewahrt hat?

„In der Pandemie sitzt die Moralkeule locker. Wer die Regierungspolitik ablehnt, bekommt sie schnell zu spüren“, überschreibt Eric Gujer, der Chefredakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“ seinen in der Rubrik „Der andere Blick“ erschienenen aktuellen Kommentar. Die Befürworter der „Bundesnotbremse“ in Deutschland machten es sich einfach, so der 59 Jahre alte Top-Journalist: Wer ihre Politik kritisiere, gefährde Menschenleben, die Welt werde eingeteilt in Gut und Böse. Lesen Sie hier die wichtigsten Auszüge aus Gujers pointiertem, zum Nachdenken anregenden Kommentar. Die Behauptung der Kanzlerin, ihre Politik zur Rettung des Euro sei „alternativlos“, wird so ins Zynische gesteigert. Wer an der Weisheit von Angela Merkel und Ralph Brinkhaus zweifelt, ist böse und leistet der Seuche Vorschub. Gegen eine solche Moralkeule lässt sich rational nicht argumentieren.

„Wer zu Beginn der Corona-Krise dafür plädierte, nicht nur auf die Ansteckungszahlen zu starren, sondern genauso wirtschaftliche oder psychosoziale Faktoren zu berücksichtigen, der sah sich rasch mit einem ungeheuerlichen Vorwurf konfrontiert. Er sei schuld am Tod von Menschen, weil er dem Leichtsinn das Wort rede. Durch moralische Disqualifikation sollten die Kritiker der Regierungspolitik zum Schweigen gebracht werden. Ein Jahr später kann man das billige Argument gegen seine Urheber wenden. Deutschland und die Schweiz haben bei der Impfkampagne bisher keine gute Figur gemacht, selbst Länder wie Serbien sind schneller.“

Wer von vorneherein weiß, was richtig ist, muss sich nicht mit widersprüchlichen Details auseinandersetzen

„Die Fakten allerdings sind komplex, sie lassen sich auf die eine wie die andere Weise interpretieren. Gewissheit, das Beste nicht nur zu wollen, sondern es auch zu tun, gibt es in der Pandemie nicht. Es ist wie in einer griechischen Tragödie: Gleichgültig, welche Entscheidung man trifft, sie hat unkalkulierbare und potenziell fatale Nebenfolgen. In diesem Zwielicht bietet eine klare Meinung Halt. Wer von vorneherein weiß, was richtig ist, muss sich nicht mit widersprüchlichen Details auseinandersetzen. Was eine sachliche Diskussion über die bei einer neuartigen Krankheit naturgemäß unsichere Faktenlage sein müsste, wird so moralisch aufgeladen. Plötzlich geht es nicht mehr um Hypothesen, die sich als unrichtig herausstellen können, sondern um Gut und Böse und ewige Wahrheiten. Es ist ein simpler Taschenspielertrick. Statt über die Ausbreitung von Aerosolen im Freien und in geschlossenen Räumen streiten zu müssen, kann man alle Kritiker moralisch ins Abseits stellen, die den Lauterbach-Test nicht bestehen, die also nicht allen alles und dies möglichst lange verbieten möchten.“

Linke sind für das Leben, Rechte für den Tod

„Ralph Brinkhaus, der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, beherrscht den Trick perfekt. Er verteidigte die ‚Bundesnotbremse‘ mit den Worten: ‚Dieses Gesetz ist ein Gesetz fürs Leben. Wenn es keine Notstandsregeln geben wird, dann werden Menschen krank und sterben.‘ Wer die Ausgangssperre ablehnt, nimmt menschliches Leid billigend in Kauf.“

„Die breite Ablehnung des Infektionsschutzgesetzes zeigt, wie unsinnig es ist, die Auseinandersetzung um die Seuchenpolitik in ein Rechts-links-Schema zu pressen. Aber die Prämie für solch kurzschlüssiges Denken wirkt verführerisch: Linke sind für das Leben, Rechte für den Tod. Um jemand zu diskreditieren, gibt es in Deutschland kein probateres Mittel als den Vorwurf, er sei rechts.“

„Die Kategorien sind herrlich unpräzis, so dass sie im Zweifelsfall auf alle passen, die einem nicht passen. Wie lautete die Devise in Hollywoods Westernfilmen? ‚Kill them all and let God sort them out.‘ Es geht längst nicht mehr um die besten Lösungen in der Pandemie. Das Ziel ist die Vernichtung des Gegners – natürlich nicht physisch, wohl aber reputationsmäßig.“

Die Menschheit will manchmal eben nicht wissen, sondern glauben

„Kein Wissenschaftler, kein Politiker, aber auch kein Mitglied der allzeit schussbereiten Twitter-Gemeinde sollte einen Unfehlbarkeitsanspruch erheben. Wer wie der Corona-Papst Christian Drosten mit manchem seiner Auftritte dennoch den Eindruck erweckt, er halte sich für unfehlbar, droht im Shitstorm umzukommen.“

„Auch nach der Seuche wird ein unstillbares Bedürfnis nach Gewissheit herrschen – kombiniert mit der Neigung, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Die Menschheit will manchmal eben nicht wissen, sondern glauben.“

„Die dazu passenden Argumentationsmuster existierten schon vor Corona, die Pandemie hat sie indes verstärkt. Und es ist mehr als nur eine Vermutung, dass sie in der Klimadebatte wiederkehren werden. Während sich Corona aber mit Impfungen eindämmen lässt, wird das Thema Erderwärmung nicht so rasch verschwinden. Die Aussicht auf einen ähnlichen Glaubenskrieg wie in der Pandemie ist beängstigend.“

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Dipl.-Volkswirt Christian Euler widmet sich seit 1998 intensiv dem Finanz- und Wirtschaftsjournalismus. Nach Stationen bei Börse Online in München und als Korrespondent beim „Focus“ in Frankfurt schreibt er seit 2006 als Investment Writer und freier Autor u.a. für die „Welt“-Gruppe, Cash und den Wiener Börsen-Kurier.
Bild: Shutterstock
Text: ce

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