Teufelsaustreiberei beim „Spiegel“ – und warum sie ein Eigentor ist Ein Fünf-Punkte-Plan gegen die AfD, eine Bezahlschranke und eine Kapitulation

Man gewöhnt sich an vieles. Auch daran, dass kein Tag vergeht, an dem nicht irgendein großes Medium – meistens sogar viele im Chor – vor der AfD warnt, sie „entlarvt“ oder ihre Wähler als verirrte Seelen beschreibt. Diese Texte liest man irgendwann nicht mehr. Man überfliegt sie wie den Wetterbericht aus einer Stadt, in der man nicht wohnt.

Der Leitartikel von Ann-Katrin Müller, den der Spiegel kürzlich veröffentlicht hat, ist anders. Nicht, weil er schärfer wäre als die anderen. Sondern weil er etwas tut, was diese Texte sonst sorgfältig vermeiden: Er verrät, wie seine Verfasser denken. Wer als Journalist wissen will, was in den Köpfen der Kollegen vorgeht, bekommt hier ein Röntgenbild. Das Muster zieht sich durch den ganzen Text.

Autorin Müller erinnert mich seit jeher an einen Teufelsaustreiber: Auch sie vollzieht Rituale, um das Böse zu vertreiben. Mit ihrem Artikel „Der Erfolg der AfD ist kein unabänderliches Naturereignis“ hat sich die frühere WDR-Journalistin allerdings selbst übertroffen. Und selbst in der Redaktion in Hamburg merken das offenbar einige, wurde der Beitrag doch geradezu schamhaft hinter einer Bezahlschranke versteckt – so dass ihn nur die Rechtgläubigen – Entschuldigung, will sagen, Linksgläubigen, zu Gesicht bekommen. Von der Sekte für die Sekte.

Ann-Katrin Müller auf X

Keine Sorge, ich werde Ihnen nun nicht das ganze Stück wiederkäuen und Zeile für Zeile zeigen, wie absurd, tragikomisch und verzweifelt es ist. Ich beschränke mich auf die selbstentlarvendsten und phänomenalsten Passagen – und auch die gebe ich so kurz und bündig wie möglich wieder:

1. Der mündige Bürger als Patient. „Gefühle wichtiger als Fakten“, Sorgen „unabhängig davon, ob berechtigt oder nicht“: Das unterstellt Müller Menschen wie Ihnen und mir. Übersetzt: Was wir erleben, interessiert sie nicht, nur wie man es wegmoderieren kann. Wir sollen also unsere eigene Realitätsflucht gleich mitliefern. Die Pointe: Ihr eigener Text ist ein Gefühlstext von Anfang bis Ende, nur eben mit den Gefühlen der eigenen Seite, die sie für Fakten hält. „81 Jahre nach Emde des Zweiten Weltkrieges“, „völkisch, menschenverachtend“, „Ermächtigungsgefühl“: Das sind keine Argumente, das ist Stimmung.

2. Die Journalistin als Parteistrategin. Müller liefert den Parteien einen Fünf-Punkte-Plan zum Machterhalt, und der ist Realsatire in Reinform. Erstens: den Diskurs „zurück in die Mitte“ führen. Sprich: über das Thema, das die Leute am meisten umtreibt, nicht mehr reden. Problem gelöst, weil unsichtbar. Zweitens: mehr soziale Sicherheit. Bei Mieten und Lebenshaltungskosten hat sie sogar recht, man fragt sich nur, wer in Berlin eigentlich seit Jahren regiert. Drittens: mehr Steuergeld für „Demokratiearbeit“, also für das Milieu, das den Wählern erklärt, was sie nicht mehr sagen dürfen. Die Feuerwehr fordert mehr Benzin. Viertens: Politiker sollen „nahbarer“ werden und „anders sprechen“. Wie, bleibt offen. Redet Merz vom Stadtbild, ist er ein Rechtspopulist. Fünftens: sich klar von der AfD abgrenzen. Das tun die anderen Parteien seit Jahren, bei jeder Gelegenheit. Friedrich Merz trägt die Brandmauer seit dem Sündenfall der gemeinsamen Abstimmung mit der AfD Anfang 2025, für den er von links gesteinigt wurde, sündenbewusst vor sich her wie ein Priester die Monstranz. Das Ergebnis: In Mecklenburg-Vorpommern landet die CDU unter fünf Prozent, in Sachsen-Anhalt fährt sie ein Debakel ein. Die CDU geht vor die Hunde.

Aber bemerkenswerter als die Ratschläge ist, wer sie erteilt. Eine „Spiegel“-Redakteurin sieht ihre Rolle 2026 nicht mehr darin, die Macht zu kontrollieren, sondern darin, sie für die aus ihrer Sicht „richtigen“ Parteien zu sichern. Sie ist nicht Beobachterin, sondern Beraterin. Das ist die endgültige Pervertierung dessen, was Journalismus ausmach(t)e.

3. Die Demokratie als Besitz. Andersdenkenden unterstellt sie ein „Ermächtigungsgefühl“ angesichts der AfD-Erfolge, und am Ende droht, man überlasse „die deutsche Demokratie ihren Feinden“. Übersetzt: Die Demokratie gehört uns, den linken Journalisten, und wer anders wählt, nimmt sie uns weg. Dass Wähler das Gefühl haben, ihre Stimme zähle, sehen Müller und Genossen als Gefahr. In einer Demokratie ist das eigentlich der Normalfall.

4. Das Scheitern, das nicht gesehen wird. Als Erfolgsmodell nennt sie Schwesig, die „Frau gegen Blau“. Und übersieht dabei geflissentlich, dass die AfD ausgerechnet in Mecklenburg-Vorpommern gewonnen hat. Das Ergebnis spielt keine Rolle, den Wählerwillen kann man übersehen, Hauptsache die richtige „Haltung“ ist da.

5. Moral statt Analyse. Sobald eine Frage moralisch aufgeladen ist, wird jede unbequeme Tatsache zur Bedrohung der eigenen Identität. Wer bei Migration ein Problem zugibt, fürchtet, damit schon „denen“ recht zu geben. Also wird das Problem nicht untersucht, sondern umgedeutet: zur Statusangst, zur Verunsicherung, zum Framing. Das Muster sieht man im Text Satz für Satz.

6. Das Publikum ist die eigene Kollegenschaft. Ein „Spiegel“-Leitartikel wird vor allem von Kollegen, Politikern und der eigenen Social-Media-Blase gelesen und beklatscht. Das Feedback, das ankommt, bestätigt. Der Leser in Stendal, der kündigt, taucht in dieser Rückkopplung nicht auf. Die Karriere hängt am Ansehen im eigenen Milieu, nicht an der Reichweite beim Publikum draußen. Ein AfD-kritischer Text kostet nie etwas, ein differenzierter kann einen die Reputation kosten. Das ist weniger Journalismus als Liturgie: vorne der Vorbeter, hinten die Gemeinde, die im Chor „Amen“ sagt. Eine Gebetsmühle, wie Müller sie den Politikern vorwirft, nur dass sie hier selbst mit dem Drehen dran ist.

7. Die „Forschung“, auf die sich alles stützt.  Müller behauptet, die Rechtsextremismusforscher seien sich „weitgehend einig“: Wenn die Union bei der Migration härter durchgreift, stärke sie nur die AfD. Das Original gewinne immer gegen die Kopie. Also: bloß nicht den Wählern entgegenkommen. Bloß nicht ihre Ängste und Sorgen aufgreifen!

Beispiel im Norden

Klingt wie gesichertes Wissen. Ist aber ein Zirkelschluss mit Fördergeld. Denn erstens messen diese Studien Wahlprogramme, nicht Politik: Wer „Begrenzung“ ins Programm schreibt und dann nichts tut, gilt als „nach rechts gerückt“. Verliert er, beweist das aber nur, dass leere Versprechen schaden – und eben nicht, wie Müller und Genossen glauben, dass Kurskorrektur schadet. Zweitens rücken Parteien oft nach rechts, weil sie schon Wähler verlieren, und dann kommt die Wirkung eben vor der Ursache. Und drittens fällt Dänemark unter den Tisch: Dort haben ausgerechnet die Sozialdemokraten eine harte Migrationspolitik durchgezogen und damit die  Dänische Volkspartei auf unter drei Prozent gedrückt. Aber was nicht sein darf, kann nicht sein für Ideologen.

Wer diese Forscher sind? Ein Milieu, für das teilweise schon rechtsextrem ist, wer an zwei Geschlechter glaubt, und das von Programmen wie „Demokratie leben!“ lebt. Wer seine Existenzberechtigung aus dem „Kampf gegen Rechts“ zieht, wird kaum herausfinden, dass genau dieser „Kampf“ das Problem mitverursacht. Das ist, als würde man den Brandmeldern ihre Studie über Brandstifter abnehmen, während sie selbst die Streichhölzer verkaufen.

8. Der Aderlass. Seit zehn Jahren wird der Patient bzw. Wähler zur Ader gelassen: Ausgrenzung, Alarm, Beschimpfung,  Tabu. Er wird immer blasser, und die „Ärzte“ à la Müller  folgern: Die Krankheit ist schlimmer als gedacht, wir müssen noch mehr Blut abnehmen. Die AfD hat sich in dieser Zeit versechsfacht. In einer normalen Lernkurve würde man die Methode überprüfen. In der Blase wird das Scheitern stattdessen zum Beweis, dass die Gefahr noch größer ist als gedacht, also braucht es noch mehr von der gleichen Medizin. Jedes Ergebnis bestätigt die Theorie, und genau daran erkennt man ein geschlossenes Weltbild. Die „Ärzte“ meinen es dabei gut – aus ihrer verengten Sichtweise heraus. Das ist nicht neu. Kein geringerer als George Washington wurde von seinen Ärzten mit bester Absicht zu Tode therapiert. Und die nächste Stufe steht schon im Arztbrief: das Verbot. Die Amputation.

9. Die Kapitulation. Am Ende fordert Müller nämlich genau das – ein Verbot der AfD. Übersetzt: Wir wissen eigentlich, dass wir die Leute nicht mehr überzeugen, dass andere Meinungen als unsere mehrheitsfähig sind. Also verbieten wir einfach die Partei, die dafür steht. Das ist das ehrlichste Eingeständnis im ganzen Text.

Mit dem Titel ihres Artikels –  „Der Erfolg der AfD ist kein unabänderliches Naturereignis“ – hat Müller recht. Nur anders, als sie denkt.

Kein Schicksal

Ein Naturereignis hat keinen Verursacher. Für ein Erdbeben kann niemand etwas. Für den Aufstieg der AfD schon: zehn Jahre Politik, die Probleme aussaß, und zehn Jahre Medien, die jeden anschrien, der sie beim Namen nannte. Das ist kein Schicksal, das sind Entscheidungen. Mit Namen, Ressorts und Gehältern.

Und wie wenig Müllers These trägt, zeigt Dänemark. Dort haben Sozialdemokraten getan, was der „Spiegel“ für Gift hält: Sie haben die Probleme benannt, Politik dagegen gemacht und sie durchgehalten. Die Dänische Volkspartei, der AfD in vielem ähnlich, stürzte von über 21 auf unter 3 Prozent. Ohne Verbot, ohne Haltungsbeauftragte, ohne Aderlass. Nach Müllers Lehre hätte genau das die Rechten stärken müssen.

Umkehrschluss

Die Diagnose ist eindeutig. Nur will der behandelnde Arzt, unser polit-medialer Komplex, sie nicht hören.

Nicht der Patient ist das Problem. Das Rezept ist es.

Der „Spiegel“ hat Fördergeld, Apparat und den Applaus der Kollegen. Ich habe Sie. Wenn Ihnen dieser Text gefallen hat: Hier können Sie mithelfen, dass weiter solche Texte erscheinen. Danke – ohne Sie gäbe es diese Seite nicht.

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Bilder: Systembilder/KI/Grok/Gemini / Screenshot X 

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