Masken statt Jubel: Wie Olympia seine Seele verliert Deutsche Biathlon-Feier mit FFP2: Wenn Vorsicht das Menschliche verdrängt

Ich traute meinen Augen nicht: Da holt das deutsche Biathlon-Team Bronze, ein sportlicher Moment, der normalerweise in kollektiver Euphorie und Umarmungen endet – und was sieht man? FFP2-Masken. Kein Scherz. Auf offiziellen Bildern. Beim Feiern.

Nicht weil das IOC es vorschreibt. Nicht weil es neue staatliche Maßnahmen gibt. Nicht weil eine Pandemie grassiert. Sondern weil ein internes Hygienekonzept es so will. Die Funktionäre nennen es “Vorsichtsmaßnahme”. Ich nenne es: Systemversagen mit Latexhandschuhen.

Während draußen die meisten Menschen nur noch in Albträumen an die absurden Einschränkungen und Verbote der Corona-Zeit zurückdenken, wird im olympischen Biathlon-Lager noch immer im Geiste von 2020 und 2021 gedacht: Viren, Ansteckung, Quarantäne. Ein Schnupfen könnte das Training ruinieren, heißt es. Die Lösung? Maske rauf, Umarmung runter. Kühler Applaus statt echter Freude. Willkommen in der posthumanen Festkultur.

Ein Detail bringt diesen entseelten Ausnahmezustand plastisch auf den Punkt: Ein deutscher Biathlet darf seine eigene Freundin nach dem Rennen nicht zum Trost ins Quartier kommen lassen – sie muss ihn draußen trösten, wie die „Bild“ schreibt: Laut Hygienekonzept dürfe man sich „im Endeffekt eigentlich nur draußen treffen“. Und eine andere Biathletin sagt ganz offen, sie lebe in der Wettkampfzeit ohnehin „wie im Kloster“. Als sei soziale Isolation eine sportliche Leistung – und Nähe ein zu vermeidender Risikofaktor.

Was steckt hinter diesem Irrsinn? Laut dem Bericht hat der Deutsche Skiverband DSV ein eigenes Hygienekonzept entwickeln lassen. Getragen wird es nicht vom IOC, sondern von den ärztlichen Beratern des DSV. Der Grund: Man will Infektionen – ob Corona, Norovirus oder grippaler Infekt – um jeden Preis vermeiden. Weil sie die Erfolgschancen verringern.

Was medizinisch sinnvoll klingt, ist kulturell verheerend. Denn wo das Menschliche zum Risikofaktor wird, wird das Leben selbst zum Problem. Die Idee der olympischen Spiele war nie, möglichst keimfrei eine Medaille zu holen. Sondern im Miteinander das Menschliche zu feiern: Emotion, Schweiß, Tränen, Triumph. Kein Athlet hat sich je eine Goldmedaille für korrektes Niesen gewünscht.

Man stelle sich vor, Usain Bolt hätte nach seinem Weltrekord 2008 nicht gejubelt, sondern erst mal zum Sagrotan gegriffen. Oder Uli Hoeneß hätte Beckenbauer nach dem EM-Finale 1972 mit Abstand zugeprostet. Es ist absurd. Aber 2026 Wirklichkeit. Und nicht einmal durch Vorschrift erzwungen – sondern aus freiwilliger Unterwerfung.

Vollkasko statt Leben

Was wir hier erleben, ist die sportliche Variante einer gesellschaftlichen Pathologie: Die Angst hat sich institutionalisiert. Corona war der Auslöser – längst nicht mehr die Begründung. Der Wahnsinn ist vorbei. Die Mentalität bleibt. Vorsicht wurde Tugend. Distanz wurde Moral. Und wer sich nicht optimiert, gilt als fahrlässig. Aus Corona wurde eine Denkweise. Wer keine Risiken mehr aushält, feiert auch nicht mehr richtig. Denn wer das Leben unter Laborbedingungen plant, bekommt keine Feier – sondern eine Simulation davon.

Olympia wurde so zum Laborversuch: Begegnung nur mit Masken. Kontakte nur nach Freigabe. Emotionen nur, wenn sie nicht infektiös sind. Das ist nicht Schutz, das ist kulturelle Selbstkastration. Und natürlich macht nicht jedes Team mit. Von den Abfahrtsskiläufern zum Beispiel sind keine ähnlich dramatischen Einschränkungen bekannt. Doch bei den deutschen Biathleten regiert die Präventionsreligion. Ausgerechnet dort, wo man eigentlich den Winter, den Atem, den Körper spüren sollte.

Und genau hier beginnt das eigentlich Beunruhigende. Nicht die Maske. Nicht das Stück Stoff. Sondern die innere Logik dahinter: Risiko ist nicht mehr Teil des Lebens – sondern sein Feind. Nähe ist nicht mehr selbstverständlich – sondern verdächtig. Der Mensch wird zur potenziellen Gefahrenquelle.

Zwar legen auch manche andere Sportler und Nationen ein besonderes Gewicht auf Hygiene. Aber von ähnlich strengen, formalisierten Hygienekonzepten anderer Nationen ist öffentlich bislang wenig zu lesen. Und so drängt sich der Verdacht auf: Die Deutschen sind, genauso wie damals bei Corona, wieder mit deutscher Gründlichkeit ganz vorne beim Maskenmarsch.  Nicht aus Zwang. Aus Überzeugung. Nicht weil man uns zwingt – sondern weil wir es für richtig halten. Das ist das Erschreckendste daran.

Die Feier als Störfaktor

Es ist ein bitteres Zeichen unserer Zeit: Der größte Feind ist nicht der Gegner, sondern die Tröpfcheninfektion. Die größte Gefahr nicht die Niederlage, sondern der Husten. Die Medaille darf man umhängen – aber nicht feiern.

So drängt sich der Verdacht auf, dass es in Wirklichkeit um etwas anderes geht: Kontrolle, Selbstoptimierung, die Angst vor Kontrollverlust. Aber dann sollte man fair sein und den Namen ändern. Nicht “Olympische Spiele” – sondern “Olympisches Hygienesymposium”. Die Medaille gibt’s dann fürs sauberste Team. Und der Mensch bleibt zu Hause.

Das ist wohl die eigentliche olympische Disziplin unserer Zeit: maximale Leistung bei minimalem Risiko. Null Fehler. Null Ansteckung. Null Kontrollverlust. Aber wer das Leben nicht mehr riskieren will, riskiert am Ende etwas anderes – seine Seele.

PS: Ich höre schon die Kommentare, die mir vorwerfen, ich würde übertreiben. Es ginge doch nur um professionelle Vorsicht im Hochleistungssport. Aber eines lässt sich nicht wegdiskutieren: Wenn selbst der Moment des Triumphs unter Hygienevorbehalt steht, hat sich etwas verschoben. Nicht auf dem Papier. Sondern im Hirn.

PPS: Ursprünglich wollte ich diesen Text als Satire schreiben. Aber dann merkte ich: Die Realität hat schon längst jede Pointe vorweggenommen.

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