Wenn schon, denn schon: Nachdem ich mir heute mit dem kritischen Artikel über Putin bereits die Nesseln gesetzt habe, hier ein zweiter, der mir einige Wut einbringen wird. Es geht um eine CDU-Affäre in Niedersachsen, die für neudeutsche Verhältnisse absolut vergiftetes Terrain ist — und in meinen Augen sinnbildlich für die Abwege dieses Landes.
Was ist passiert? Der Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag von Niedersachsen soll im Januar ein „KI-generiertes Kurzvideo“ in einer privaten WhatsApp-Gruppe verbreitet haben. Darin zu sehen laut „Bild“: eine CDU-Angestellte in „eindeutig sexualisierter Weise“.
Ich habe das Video nicht gesehen. Aber ich nehme an, dass es geschmacklos war und kränkend für die Mitarbeiterin. Da gibt es nichts zu bagatellisieren. So eine Verfehlung sollte arbeitsrechtliche Schritte nach sich ziehen. Aber keine Hexenverfolgung mit anschließendem Autodafé.
Männchen gemacht
Der Sprecher wurde fristlos entlassen. Die CDU-Führung in Niedersachsen geißelt sich jetzt selbst mit einer Inbrunst, die jeden mittelalterlichen Flagellanten vor Neid erblassen ließe. Landes-Parteichef Sebastian Lechner spricht in einem Schreiben an die Mitglieder von einer „schockierenden Nachricht für uns alle“, die „fassungslos“ mache. Und weiter: „Um es ganz deutlich zu sagen: Bei frauenfeindlichen Denk- und Verhaltensweisen gibt es in der CDU null Toleranz.“ (Details hier und hier)
Private WhatsApp-Gruppen sind heute in vielem das, was früher der Stammtisch war. Wo man oft besser nicht zugehört hätte. Vor allem nach ein paar Bier. Es liegt mir fern, das Verhalten des CDU-Fraktionssprechers zu rechtfertigen. Aber genauso fern liegt mir der Moral-Tohuwabohu, der jetzt entfacht wird.

Früher hätte es eine Entschuldigung und eine Abmahnung getan. Heute nicht mehr. Heute muss publikumswirksam performt werden. Heute braucht es Krisenmanagement, Medienrechtskanzleien, Sondersitzungen und Selbstgeißelung auf offener Bühne — alles natürlich „zum Schutz der Persönlichkeitsrechte“. Die Sprache des Lechner-Schreibens ist verräterisch: „proaktiv kommunizieren“, „Krise als Chance“, „die Kompetenz der vielen Frauen einbeziehen“. Das klingt nicht nach einem Menschen, der einen Mitarbeiter-Fehler aufarbeitet. Das klingt nach einem phrasendreschenden PR-Seminar für Fortgeschrittene.
Man beobachtet dabei einen fatalen Mechanismus: Jeder will bei der öffentlichen Steinigung möglichst viele Steine werfen — aus Angst, sonst selbst zum Komplizen erklärt zu werden. Wer schweigt, macht sich verdächtig. Wer abwägt, macht sich verdächtig. Wer nicht laut genug empört, macht sich verdächtig. Also überbieten sich alle gegenseitig in Betroffenheitsbekundungen und Distanzierungen — nicht weil sie wirklich so empört sind, sondern weil Stille oder Nachdenklichkeit in diesem Klima gefährlicher ist als jeder Stein. Das Ergebnis ist keine Moral. Es ist Konformismus — der älteste und feigste Trieb des Menschen, diesmal im Gewand der Tugend. Es ist die Dynamik des Lynchmobs — nur mit Anzug und Pressemitteilung.
Moral-Absolutismus
Woher kommt dieser Reflex? Ich glaube, es hat mit etwas zu tun, das tief in der deutschen Mentalität sitzt: einem moralischen Absolutismus, der im Kern calvinistisch ist. Nicht im konfessionellen Sinne — aber in der Struktur. Der Calvinismus kannte keine Absolution, keine Beichte, kein „Du hast gesündigt, du bereust, du bist vergeben“. Entweder du gehörst zu den Erwählten — oder du bist verdammt. Kein Dazwischen, keine Grauzone, keine zweite Chance. Die Sünde klebt an dir. Für immer.
Der echte Calvinist hatte wenigstens noch Gott als Richter — und damit die Möglichkeit der Gnade. Die moderne deutsche Hypermoral hat beides abgeschafft: Gott und Gnade. Geblieben sind nur Twitter, die Tagesschau und Herrn Lechner mit seinem Mitgliederbrief. Man hat den Teufel abgeschafft — und ihn durch den „Fehler im System“ ersetzt. Der Unterschied: Der Teufel konnte erlöst werden. Der Fehler im System nicht. Das Katholische funktioniert anders: Man sündigt, man beichtet, man wird verziehen. Diese Ambiguitätstoleranz halte ich für eine der großen zivilisatorischen Errungenschaften — und für das, was in der deutschen Moraltradition so auffällig fehlt.
Was wir heute erleben, ist diese calvinistische Struktur ohne den Glauben — säkularisiert, digitalisiert, entfesselt. Ohne Gott als letzten Schiedsrichter bleibt nur der Mob. Und der Mob kennt keine Gnade. Er kennt nur das Urteil. Schwarz-Weiß.
Für immer
Die Konsequenz ist eine Kultur der Existenzvernichtung. Der CDU-Fraktionssprecher — dessen Name jetzt durch alle Medien geht (ich nenne ihn bewusst nicht, weil ich das Kesseltreiben nicht mitmachen will) — hat einen geschmacklosen, möglicherweise auch rechtlich relevanten Fehler gemacht. Dafür gibt es arbeitsrechtliche Konsequenzen, zu Recht. Aber was jetzt passiert, geht weit darüber hinaus: Sein Gesicht ist öffentlich, seine Karriere vernichtet, sein Ruf ruiniert — auf Lebenszeit. Seine Existenz ist vernichtet. Die digitale Pranger-Gesellschaft ist grausamer als jedes Mittelalter — der mittelalterliche Pranger war zeitlich begrenzt. Der Google-Treffer ist die Ewigkeit.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich verharmlose hier nichts. Die Chat-Gruppe trug den Namen „MitGLIEDER“. Als Profilbild hatten die Beteiligten einen Elefanten mit erigiertem Penis gewählt. Das ist eklig. Das ist nicht mein Humor. Und es ist das treffendste Bild für eine politische Kultur, die nach außen Würde predigt — und intern im pubertären Morast versinkt. Dass die CDU jetzt lautstark „null Toleranz“ plakatiert, klingt vor diesem Hintergrund noch hohler als ohnehin.
Aber auch wenn mich dieses Benehmen anwidert: Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der jede Geschmacklosigkeit, jeder Fehler nach ein paar Bier eine Existenz zerstören kann. Aber auch nicht in einer, in der es folgenlos bleibt. Beides ist keine Lösung.
Was wir hier erleben, ist das Muster der Cancel-Kultur — in Deutschland mit einem typisch deutschen Zusatz, der das Original noch an Fanatismus übertrifft: Sie wird nicht von Twitter-Mobs betrieben, sondern von Landesparteiführungen, Medienrechtskanzleien und Pressemitteilungen. Sie ist institutionalisiert. Sie hat Briefköpfe. Und es gibt — anders als in den USA — keine Gegenbewegung. Hier herrscht die Friedhofsruhe.
Aber — und hier liegt die Doppelmoral, die mich wirklich fassungslos macht — diese Kultur der schonungslosen Ächtung gilt nicht für alle gleich.
Wenn ein CDU-Fraktionssprecher ein geschmackloses KI-Video in eine private WhatsApp-Gruppe schickt: Sondersitzungen, Urlaubsabbrüche, bundesweite Berichterstattung, Namensnennung, Existenzvernichtung.
Wenn Männer aus bestimmten Herkunftskulturen Frauen gruppenvergewaltigen, Kinder missbrauchen, Mädchen wegen angeblicher „Ehre“ ermorden: gedämpfte Berichterstattung, Herkunft verschwiegen, und wer Empörung zeigt, riskiert den Vorwurf des Rassismus. Berliner Jugendämter erstatten bewusst keine Anzeige — um Täter nicht zu „stigmatisieren“. Das ist verbürgt, dokumentiert, von mir selbst recherchiert und berichtet.
Zwei Maßstäbe. Zwei Welten. Das ist nicht Gerechtigkeit. Das ist nicht Feminismus. Das ist Heuchelei — kalt, berechnet, tief verankert.
Verdrehung
Vor diesem Hintergrund wirkt es fast grotesk, dass man uns nun auch noch das interne Krisenmanagement der CDU-Fraktion als weiteren Skandal verkaufen will. Der Fraktionsgeschäftsführer wies im Januar an, das Video zu löschen, sprach eine Abmahnung aus, informierte die Führung nur unzureichend. Ich finde das — im Gegensatz zu den Empörungspredigern — menschlich. Die Betroffene wusste monatelang nichts vom Video. Als sie es erfuhr, erstattete sie sofort Anzeige — ihr gutes Recht. Diskretion wird hier zum Komplott umgedeutet, Augenmaß zur Verschwörung. Ich sehe das anders.
Ambiguität auszuhalten ist keine Schwäche. Es ist die einzige ehrliche Haltung. Die Welt ist nicht in Ordnung, wenn ein geschmackloser Fehler eine Existenz vernichtet. Sie ist es auch nicht, wenn er folgenlos bleibt. Dazwischen liegt das, was wir eine zivilisierte Gesellschaft nennen könnten.
Die Qualität der Gnade
Ob wir noch eine sind — das frage ich mich immer öfter. Denn eine Zivilisation misst sich nicht an der Lautstärke ihrer Empörung, sondern an der Qualität ihrer Gnade.
Und Sie, liebe Leser? Habe ich den Kompass verloren — oder haben wir ihn gemeinsam verloren? Ich bin gespannt auf Ihre Einschätzung. Auch — und gerade — wenn sie von meiner abweicht.
PS: Weil ich Ihnen eine Frage stelle, habe ich unter diesem Artikel die Kommentarfunktion ausnahmsweise eingeschaltet – sie ist sonst abgeschaltet, weil das Moderieren zu viel Zeit und Nerven kostete (siehe hier).
PPS: Je mehr ich mich mit dem Thema befasse, umso mehr glaube ich, dass die Unfähigkeit, Widersprüche auszuhalten – diese grassierende Hypermoral – das eigentliche Gift im gesellschaftlichen Getriebe ist. Wenn Sie das genauso fesselt wie mich, setze ich das Thema gerne fort.
PPPS: Ich empfehle das Büchlein „Hypermoral: Die neue Lust an der Empörung“ von Alexander Grau. Seine These: Moral ist zur Leitideologie unserer postreligiösen Gesellschaft mutiert. Ein sezierendes Werk gegen den Zeitgeist. 128 Seiten, die sich sehr lohnen.
Bild: Symbolbild/KI-generiert/Grok

