Obama, Rassismus und BLM Wie der deutsche Mainstream daran arbeitet, das Bild der USA bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen

Ein Gastbeitrag von Gregor Amelung

Das extrem positive Bild von Barack Obama in der deutschen Öffentlichkeit lebt auch davon, dass der Rassismus in den USA bei uns als nicht überwunden gilt. Dabei haben sich die Vereinigten Staaten in den vergangenen fast 250 Jahren durchaus reformfähig gezeigt und bereits eine weite Strecke bei der Gleichberechtigung zurückgelegt.

Noch im Zweiten Weltkrieg herrschte in weiten Teilen der US-Streitkräfte eine strikte Rassentrennung. Bei der Marine konnte man als Schwarzer höchstens in der Messe Weiße bedienen. An Land kamen Schwarze oft nur als Fahrer oder in Pioniereinheiten zum Einsatz. Und so war dieser Krieg für viele auch ein „Fight for the Right to Fight“.

Diesen Fight mussten auch die Tuskegee Airman durchfechten. Erst musste man die Aufstellung der Einheit durchsetzen, dann die Ausbildung der schwarzen Militärpiloten und schließlich mussten es die Flieger noch schaffen, dass sie auch tatsächlich am Feind eingesetzt wurden. Einer von ihnen war der 1921 in Detroit geborene Leutnant Alexander Jefferson, dessen Großvater mütterlicherseits ziemlich genau 90 Jahre zuvor noch als Kind einer Sklavin zur Welt gekommen war.

Am 12. August 1944 stieg Jefferson in sein Jagdflugzeug von Typ Mustang, um einen Kampfeinsatz zu fliegen. Von dem er allerdings nicht zurückkam. Jefferson wurde abgeschossen und landete am Fallschirm in einem Wald. Von der Wehrmacht aufgegriffen, ging es für ihn ins Kriegsgefangenenlager Stalag Luft III. Dort, hinter Stacheldraht, feierte er dann seinen 23. Geburtstag. In einem Land, dessen Tageszeitungen über Typen wie ihn Überschriften wie diese brachten: „USA-Neger-Staffel bei den Terror-Bombern“.

Nach der Befreiung durch alliierte Truppen kehrte Jefferson im Sommer 1945 an Bord eines Truppentransporters zurück in die Heimat. Was er dann im Hafen von New York erlebte, daran erinnert sich der Veteran so: „Nachdem ich von den Nazis genauso wie jeder andere alliierte Offizier behandelt worden war, ging ich die Gangway in meiner Offiziersuniform hinunter. Unten stand ein weißer Armee-Feldwebel und informierte uns: ,Weiße rechts, Nigger links‘ – Verdammt, ich war wieder zu Hause.“

44 Jahre später wurde der erste schwarze US-Amerikaner Generalstabschef. Sein Name war Colin Powell. Geboren 1937 im New Yorker Stadtteil Harlem. Aber das haben wir in Deutschland nicht wirklich als historisch bedeutsam wahrgenommen. Dabei war es ein weiter Weg gewesen von Alexander Jeffersons Rückkehr in seine Heimat 1945 bis zum schwarzen 4-Sterne-General im Jahre 1989.

2001 stieg Powell dann zum erster schwarzen US-Außenminister auf und saß gemeinsam mit der ersten schwarzen Frau als Sicherheitsberaterin, Condoleezza Rice, an einem Tisch. Aber beide waren wohl zu sehr mit dem in Deutschland unpopulären Zweiten Golfkrieg von Bush-Sohn George W. verknüpft, als dass die deutschen Medien die Ankunft von hoch qualifizierten Afroamerikanern im Weißen Haus als Zeitenwende hätten bejubeln wollen.

40 Jahre zuvor, im Jahr 1961, war der Veteran aus dem Zweiten Weltkrieg, Alexander Jefferson, schon lange nicht mehr bei der Luftwaffe. Er hatte geheiratet und brachte nun Kindern an einer Detroiter Grundschule Biologie, Physik und Chemie bei. Im selben Jahr kam Barack Obama zur Welt. In Honolulu auf der Insel O’ahu. Über 7.000 Kilometer entfernt von Montgomery in Alabama, wo sechs Jahre zuvor Rosa Parks verhaftet worden war, weil sie sich geweigert hatte, ihren Sitzplatz in einem Bus für einen weißen Fahrgast frei zu machen. Acht Jahre später, da feierte Barack Obama gerade seinen zweiten Geburtstag, hielt Martin Luther King seine berühmte Rede: „I have a dream …“

46 Jahre danach wurde Obama der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten. Das war natürlich auch sein persönlicher Erfolg. Sein Charisma, seine Redefertigkeit und sein Wahlkampf waren mitreißend. „Yes, we can!“, klingt einem noch heute in den Ohren.

Trotzdem hatte man in den deutschen Medien den Eindruck, dass Obamas Weg ins Weiße House von Rosa Parks, Martin Luther King und Muhammad Ali freigeräumt worden wäre. Namen wie die von Colin Powell oder Condoleezza Rice hörte man nur vereinzelt. Obwohl ihr langer „Marsch durch die Institutionen“ gerade deutschen Beobachtern hätte vertraut sein müssen von den 68ern. Allerdings waren die deutschen Institutionen-Durchquerer links-sozialistische Revolutionäre gewesen und die amerikanischen eher konservative Geister, die ihren Staat nicht umstürzen wollten, weshalb sie sich an seine Regeln hielten. Böse Zungen nannten solche Schwarze auch „Onkel Toms“, um ihre Anpassung an die Weißen zu geißeln. Dass diese „Onkel Toms“ eine Menge Widerstände hatten überwinden müssen, davon hörte man in Deutschland fast nichts. Keine Ehrerbietung. Obwohl diese Schwarzen die Regeln der Rassentrennung erst ausgehöhlt und dann ad absurdum geführt hatten. Ein Beispiel hierfür ist der schwarze Harvard-Absolvent Thomas Sowell.

Allerdings passen Sowells Ansichten nicht ins allgemeine deutsche Raster. 2018 fragte man den inzwischen 88-Jährigen nach seiner Meinung zu Trumps Arbeit im Weißen Haus. „Ich denke, er macht es besser als der Präsident davor“, antwortete der angesehene Wirtschaftsprofessor.

„Natürlich bin ich stolz darauf, dass ein Schwarzer Präsident geworden ist“, sagt der ebenfalls schwarze Politik- und Literaturwissenschaftler Shelby Steele. Ansonsten fällt auch seine Analyse eher nüchtern aus. Bereits im Jahre 2007 hatte sich Steele mit dem späteren US-Präsidenten beschäftigt. In seinem Buch „A Bound Man“ (Ein Gefesselter). Damals trug es noch den prophetischen Untertitel „Warum wir von Obama begeistert sind und warum er nicht gewinnen kann“, was sich in der Folge als falsch herausstellen sollte. Darauf angesprochen erwiderte Steele: „Ich dachte, er könnte nicht gewinnen … weil er uns nie verraten hat, wer er [wirklich] ist.“

Obamas Wahlkampf habe sich nicht wirklich um Politik und die Zukunft des Landes gedreht, sondern um Rassenzugehörigkeit. Dabei habe Obama ein ganz typisches Handlungsmuster angewandt, das Steele anhand der Jazz-Legenden Louis Armstrong und Miles Davis näher erklärt.

Armstrong, ein armes Kind aus Louisiana, ohne Vater aufgewachsen war ein musikalisches Genie. Aber der Junge stand vor einer Wand, und die hieß Rassentrennung. Um sie zu überwinden, setzte sich Armstrong eine „Schnäppchenhändlermaske“ auf und machte den Weißen ein Angebot: „Ich werde euch nicht herausfordern. Stattdessen bekommt ihr von mir ein gewisses Bild schwarzer Minderwertigkeit, das zu euren Vorurteilen passt. Aber dafür lasst ihr mich meine Musik machen. Okay?“

Das war in den 1930er Jahren. Miles Davis, der mit dem Beginn der Bürgerrechtsbewegung seine Karriere begann, „benutzte genau die umgekehrte Maske“. Die des „Herausforderers“. Davis kannte die New Yorker Szene der Weißen und handelte entsprechend. Er redete nicht mit ihnen, verfluchte oder verachtete sie sogar, aber genau das Rebellische liebten die links-liberalen Weißen an ihm. Und so funktionierte auch dieser Handel.

Beide, der Schnäppchenhändler wie der Herausforderer, hatten mit der weißen Mehrheitsgesellschaft verhandelt, genauso wie Obama, der laut Shelby Steele, „ein prototypischer, mit dem goldenen Löffel geborener Schnäppchenhändler“ ist.

Obamas Angebot lautete: „Ich werde Sie nicht als Rassist verurteilen, wenn Sie meine Rasse nicht gegen mich benutzen.“ Für einen amerikanischen Weißen, der sich seit dem Sieg der Bürgerrechtsbewegung Ende der 1960er immer wieder rechtfertigen musste, kein Rassist zu sein, war das ein verlockendes Angebot, denn da „kam ein Schwarzer und sagte: „Hey, ich hol’ Sie runter von dem Pranger. Denn ich gehe mal davon aus, dass Sie kein Rassist sind.““ So ein Persilschein wird in unserer modernen Welt immer wichtiger, und man kann ihn sich als Weißer eigentlich nicht selbst ausstellen.

Und so führt Shelby Steele Obamas Wiederwahl im Jahre 2012 auch darauf zurück, dass eine Mehrheit der Weißen nicht dazu bereit war, den ersten schwarzen US-Präsidenten bereits nach einer Amtsperiode abzuwählen. Das hätte dem ursprünglichen Handel widersprochen, und damit wäre auch ein Teil des Persilscheins futsch gewesen.

Der Nachteil dieses Deals war laut Steele, dass sich Obama damit selbst gefesselt hatte. Und eine eigene „innere politische Stimme“ nicht mehr entwickeln konnte, obwohl er das Temperament, die Intelligenz und den Hintergrund gehabt hätte, Amerika aus der Sackgasse einer „totalitären rassenpolitischen Korrektheit“ herauszuführen. Stattdessen hatte er sich, seine Kandidatur und seine Politik auf die kulturelle Ebene der Rasse transferiert. In diesem moralischen Spiel bedeutet Unschuld Macht und Schuld politische Impotenz. Dieser Mechanismus machte aus Präsident Obama zwar eine „kulturelle Ikone“, aber auch einen nicht handelnden bzw. nichts verändernden Präsidenten. „Er leitet keine Veränderung ein. Er ist lediglich der Beweis dafür, dass die Veränderung bereits da ist“, so Shelby Steele.

Eine zweite Fessel macht Steele in Obamas Biografie aus. 1961 als Kind einer weißen Anthropologin in Honolulu zur Welt gekommen ließen sich seine Eltern bereits 1964 scheiden. Kurz darauf heiratete seine Mutter einen indonesischen Ölmanager, weshalb Obama von 1968 bis 1971 in Jakarta eine katholische Schule besuchte. Danach zogen ihn seine Großeltern mütterlicherseits in Hawaii auf.

Nach der Schule absolvierte Obama die Columbia Universität und wurde als erster Schwarzer Herausgeber der renommierten Fachzeitschrift Harvard Law Review. Damit standen dem 24-Jährigen nun eigentlich alle Türen in unserer modernen Welt offen, aber Obama wandte sich ab und ging nach Chicago. Dort arbeitete er in einer auf Bürgerrechte spezialisierten Anwaltskanzlei, engagierte sich in der Community und trat der „Trinity United Church of Christ“ bei.

20 Jahre lang blieb er dieser schwarz-nationalistischen Kirche treu, was verwundert, denn dort wären weder seine weiße Mutter noch seine weißen Großeltern willkommen gewesen, denn schwarze Nationalisten stehen für einen eigenen schwarzen Stolz. Und so stellt Chicago einen harten Schnitt mit Obamas bisheriger Lebensrealität dar. Er trat aus einer „weißen Welt“ – wohlhabend und weit weg im Pazifik – in eine Welt mit über 90 Prozent Afroamerikanern ein, deren Vorfahren Sklaven waren und die während der Great Migration Ende des 19. Jahrhunderts die ländlichen Gebiete in den US-Südstaaten verlassen hatten, um in den Industriestädten des Nordens Arbeit zu finden.

Obamas Bruch spiegelt sich auch in Aussagen über seine Großmutter wider, die er im Vorwahlkampf gemacht hatte. In einer Rede beschrieb er sie als eine Frau, die ihm gegenüber auch „einmal ihre Angst vor schwarzen Männer auf der Straße erklärt habe und die mehr als einmal rassistische oder ethnische Stereotypen geäußert hat, die mich zusammenzucken ließen.“

Zwei Tage später ruderte er in einem Radiointerview zurück und erklärte, seine Großmutter habe keine „rassistischen Animositäten“ gepflegt, sie sei einfach nur eine „typische Weiße“ gewesen. Das Wort von der „typischen Weißen“ schlug im Vorwahlkampf hohe Wellen, und Zeitzeugen seiner Großmutter, die es in einer lokalen Bank bis zur Vize-Präsidentin gebracht hatte, widersprachen teils mit einiger Verwunderung Obamas Aussagen.

Wenige Monate später hielt Barack Obama dann seine viel beachtete Antrittsrede, in der er auf seine väterliche Linie zu sprechen kam. Obama erklärte, heute stehe ein Mann „vor Ihnen, um einen heiligen Eid zu leisten … ein Mann, dessen Vater vor weniger als 60 Jahren in einem lokalen Restaurant vielleicht nicht mal bedient worden wäre.“

Damit hatte sich Obama als typischer US-Afroamerikaner positioniert, und das eigentlich gegen die Fakten. Zwar hatte in den US-Südstaaten um 1950 eine strikte Rassentrennung geherrscht, aber Obamas Vater ist weder ein Nachkomme ehemaliger Sklaven, noch hatte er in den Südstaaten gelebt oder studiert. Der spätere Wirtschaftsberater der Kenianischen Regierung hatte vielmehr in Hawaii (1960–1962) und in Harvard (1962–1964) studiert. Eben diese Indifferenz meint Steele, wenn er kritisiert, dass Obama „nie verraten hat, wer er [eigentlich] ist.“ Eine Formulierung, die in Deutschland nahezu unmöglich wäre. Es sei denn, man wäre scharf auf einen Shitstorm. Und eben das ist ein Indiz dafür, wie weit sich unsere deutsche Obama-Projektion von der tatsächlichen Realität entfernt hat.

Im dritten Jahr seiner Präsidentschaft wurde dann der 17-jährige Afroamerikaner Trayvon Martin erschossen, was landesweit für Aufruhr und Protest sorgte. Darauf reagierte Obama in einer TV-Ansprache: „Ich hätte vor 35 Jahren Trayvon Martin sein können.“ Eine Parallele, die nicht ganz zu seiner eigenen Jugend passt, denn Hawaii ist sozial anders strukturiert als der Rest der USA. In Honolulu lebten 1970 nur etwa 1,5 Prozent Schwarze, während die pazifischen Insularer die Bevölkerungsmehrheit stellten. In dieser Mehrheitsgesellschaft war der relativ hellhäutige Barack Obama in seiner Jugend eher weniger aufgefallen. Trotzdem fuhr der Präsident in der Haltung eigener Betroffenheit fort: „Fast jeder Afroamerikaner weiß, wie es ist, wenn er in einen Aufzug steigt und die Frau darin plötzlich nervös ihre Handtasche umklammert und nach Atem ringt, bis sie die Chance hat, auszusteigen.“

Um Bemerkungen wie diese als Amerikaner nicht hilfreich zu finden, muss man kein eingefleischter Rassist sein, zumal der Täter im Fall von Trayvon Martin ein Latino gewesen ist, dessen angeblich rassistische Motivation nie bewiesen werden konnte. Trotzdem wurde Obamas Haltung in Deutschland immer wieder als die eines Heilers und Vermittlers zwischen den Ethnien dargestellt, was er so nicht gewesen ist. Er hat öfters die „Race“-Karte gespielt und sich auf die Seite der Afroamerikaner gestellt. Was die Trennung von seiner inneren weißen Hälfte weiter manifestierte und ihm die politische Möglichkeit nahm, als multi-ethnische Person mit einem multi-konfessionellen und multi-kulturellen Background zu agieren.

Parallel dazu, dass sich Obama von seiner weißen, mütterlichen Seite abgewandt hatte, wurden seine väterliche Seite und damit seine afroamerikanischen Wurzeln wichtiger. Bereits kurz nach seiner Ankunft in Chicago im Jahr 1984 hatte er Kontakt zu seiner kenianischen Halbschwester Auma, die zu dieser Zeit in Deutschland studierte, aufgenommen. Noch im selben Jahr besuchte sie ihn in den USA. Im August 2006 reise er dann erstmals gemeinsam mit seiner Familie nach Kenia, um den Geburtsort seines Vaters zu besuchen. Bei seiner Amtseinführung im Januar 2009 war dann eine große Zahl seiner Verwandten väterlicherseits eingeladen, worüber die deutschen Medien teils ausführlich berichteten. Irgendwie war man auch selbst stolz. Immerhin hatte Obamas Halbschwester nach dem Abschuss ihrer Doktorarbeit für die Friedrich-Ebert-Stiftung gearbeitet und war im deutschen Fernsehen ein gern gesehener Talkshow-Gast.

Trotz seiner Kritik an Barack Obamas Politik ist sich Shelby Steele, dessen Eltern selbst in der US-Bürgerrechtsbewegung aktiv waren, den tiefen Wunden der Sklaverei und der Rassentrennung wahrscheinlich bewusster als viele deutsche Beobachter, die Obama einfach zu einer Lichtgestalt verklären. Aus der traumatischen Geschichte der Schwarzen habe sich eine „Gruppenidentität“ entwickelt, die heute leider zum Kernstück der schwarzen Identität geworden sei. Die Identität eines Opfers, das Politiker be- und ausnutzen. Dabei habe sich Amerika in den vergangenen 60 Jahren radikal transformiert und die Schwarzen seien inzwischen fraglos freie Menschen. Aber Freiheit „kann einem auch Angst einjagen, weil sie ihrem Besitzer eine große Last auf die Schultern legt, wenn sie sagt: ,Nun hast du, was du wolltest, jetzt sei für dich selbst verantwortlich.'“

Darauf sind Menschen, die Jahrhunderte unterdrückt wurden, nicht vorbereitet. Sie reagieren „ängstlich“. Und anstatt nach vorne zu gehen, gehen sie nach hinten. Zurück in die Opferrolle, die ihnen vertraut ist. Und die Weißen reagieren auf derselben Ebene, nämlich als wiedergutmachende Schuldige, so Steeles Analyse. „Wir müssen endlich die Abwertung, die uns durch die positive Diskriminierung auferlegt wurde, überwinden.“

Ähnlich argumentiert auch sein schwarzer Kollege Jason Riley, der 2014 sein Buch „Please stop helping us“ veröffentlichte. 2017 folgte „False Black Power?“, in dem Riley dafür wirbt, Schwarze durch eigenen wirtschaftlichen Erfolg zu „empowern“ und nicht darauf zu setzen, Schwarze in immer mehr politische Führungspositionen zu bringen, denn:

„False Black Power ist politische Macht und politischer Einfluss. True Black Power ist Humankapital …, das es einer Gruppe ermöglicht, wirtschaftliche Werte zu schaffen.“

Eine Kernursache für den nicht stattfindenden sozialen Aufstieg vieler Afroamerikaner trotz jahrzehntelanger Förderprogramme sieht Riley im „Zerfall der traditionellen Familie“. Junge Afroamerikanerinnen werden viel zu früh schwanger, in instabilen Beziehungen mit Kindsvätern, die selbst noch halbe Kinder sind. Das schlägt sich negativ auf den Bildungserfolg beider nieder und setzt sich in der nächsten Generation fort.

Feste familiäre Strukturen, wie es sie früher in den schwarzen Communities gegeben habe, und welche die Probleme kompensieren konnten, gibt es nicht mehr. Und „ein Scheck vom Staat ersetzt nun einmal nicht den Vater zu Hause“, so Jason Riley.

Entsprechend kritisch sieht der 49-Jährige auch die Obama-Präsidentschaft. Nach Riley hatte man in der Führung der schwarzen Bürgerrechtsbewegung seit dem Ende der 1960er Jahren darauf gesetzt, immer mehr Schwarze in politische Ämter zu bringen. Der größere politische Einfluss sollte dann quasi automatisch die Lebensverhältnisse der schwarzen Bevölkerung heben. Obamas Präsidentschaft war laut Riley „der Höhepunkt dieser Strategie“. Trotzdem hat sich die Lage der Schwarzen in Schlüsselbereichen wie Wohneigentum und Haushaltseinkommen unter Obama nicht verbessert sondern verschlechtert.

Riley und Steele sind nicht die einzigen schwarzen Denker, die für einen Strategiewechsel plädieren. Dass sie mit ihrer Kritik indirekt Trumps Wirtschaftspolitik loben, die die Arbeitslosigkeit unter Schwarzen auf ein Rekordtief drücken konnte, führt in Deutschland allerdings umso eher dazu, dass man ihre Stimmen in den Leitmedien nicht hört.

Genauso wie die von David Clarke. Der schwarze Sheriff von Milwaukee hatte sich 2016 mit dem beliebten CNN-Moderator Don Lemon ein heftiges Rededuell geliefert. Anlass waren Unruhen und Proteste gegen Polizeigewalt, in deren Folge in Baton Rouge drei Cops verletzt und drei getötet worden waren. Sichtlich angefressen fragt Clarke den CNN-Moderator: „Wissen wir wirklich, dass der durchschnittliche amerikanische Polizeibeamte ein Rassist ist?!“ Es gebe keinerlei „Daten“ dafür, „dass Polizisten bei ihrer Arbeit in städtischen Ballungsräumen männliche Schwarze anders behandeln als männliche Weiße.“
„Es gibt schon Daten, die das nahelegen“, erklärte Lemon.
„Gibt es nicht.“
„Der Präsident hat darüber gesprochen …“
„Der Präsident lügt“, stellte Clarke daraufhin in Bezug auf Barack Obama fest. Einfach so. Ohne zitternde Stimme oder Angst vor einem viralen Shitstorm fuhr er fort: Der Präsident „sagt … dass schwarze Männer zweimal so oft von Polizisten erschossen werden wie weiße Männer. Das ist eine Lüge, Don.“ – Obwohl sich Don Lemon bemühte, Clarke mit einer Studie vom Gegenteil zu überzeugen, gelang es ihm nicht, denn der Sheriff kannte die Studien auch und erklärte wütend: „Ich verurteile die Anti-Polizei-Rhetorik, die von Black Lives Matter ausgeht … Ich verurteile diese Ideologie genauso wie ich Gruppen wie den Ku-Klux-Klan verurteile … Es gibt in den USA nur eine Gruppe, die sich wirklich um das Leben schwarzer Menschen in den städtischen Ghettos kümmert: Polizisten. Polizisten, die täglich ihr Leben riskieren, um schwarze Mitbürger zu beschützen.“

Einen Tag später trat Clarke beim republikanischen Nominierungskongress für Donald Trump auf die Bühne. Als erstes sagte er dort: „Ladies and Gentlemen, I want to make something clear: Blue Lives Matter in America! / Blaue [Polizisten]Leben zählen in Amerika!“

Tosender Applaus. Clarkes Rede hat man in den Berichten der deutschen Sender allerdings vergeblich gesucht. Dabei wäre sie ein interessanter Kontrast zu der von Michelle Obama auf dem Nominierungsparteitag von Hillary Clinton gewesen. Auf so einem realistischen Kontrastprogramm hätte man auch ein besseres Verständnis der USA aufbauen können. Wollte man aber nicht, denn ein schwarzer Unterstützer passte nicht in das bereits zurechtgezimmerte Bild von Donald Trump als Rassisten.

Man muss die Meinung von Sheriff Clarke, Riley, Steele oder Sowell nicht teilen, aber man könnte als deutscher Beobachter mal damit anfangen, sie als Teil der US-amerikanischen Realität zur Kenntnis zu nehmen. Stattdessen berichtete man im Sommer 2020 in Bezug auf George Floyds Tod von einem „Mord“. Obwohl der Täter, der Polizist Derek Chauvin, nicht wegen „first degree murder“ angeklagt worden war, sondern wegen „second degree murder“, was eher dem deutschen Totschlag entspricht.

Derartige Details störten aber offenbar niemanden. FAZ „Mord“, ZDF „Mord“, Merkur „zu Tode gefoltert“. So wurde im schnellen Reflex ein verheerendes Bild der USA gezeichnet. Ein Land, in dem rassistische Polizeigewalt zum Alltag unschuldiger schwarzer Bürger gehört. Im Gegensatz dazu stellte der Publizist Jason Riley am 23. Juni 2020 fest:

„Bisher haben wir keinen Fetzen Beweis dafür gesehen, dass George Floyds Tod in Polizeigewahrsam rassistisch motiviert gewesen ist. Aber für diejenigen, die den Vorfall ausschlachten, scheint das überhaupt keine Rolle zu spielen.“

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* Der Autor ist in der Medienbranche tätig und schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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