CSD-Terror in Berlin: Desillusioniert – und trotzdem da. Oder gerade deshalb? Ein sehr persönlicher Text

Entschuldigung, aber ich kann nicht zur Tagesordnung übergehen nach dem Terroranschlag in Berlin. Und nach den Reaktionen darauf.

Ein früherer AfD-Abgeordneter schrieb mir nach meinem Bericht gestern: „Lieber Herr Reitschuster, ich bin oft Ihrer Meinung, diesmal nicht. Fassungslosigkeit über den Anschlag auf den CSD? Ernsthaft? Wenn es für Muslime irgendein Symbol der Verkommenheit des Westens gab, dann doch wohl der CSD. Oder dachte die Linken, es trifft nur CDU-Söhne, Juden & Weihnachtsmarktbesucher? Mit Lagerfeld: Man kann nicht Millionen Homosexuellen-Hasser importieren – und sich dann über Homophobie wundern. Der Anschlag war absehbarer als jeder zuvor, und in Berlin mit seinem sicherheitspolitischen Larifari gleich dreimal…“

Der Mann hat Recht. Und ich habe meinen gestrigen Text noch leicht ergänzt – denn natürlich hatte ich nicht das gemeint, was er verstanden hatte. Denn natürlich kam dieser Anschlag alles andere als überraschend. Leider. Er hat mich traurig gemacht und bestürzt. Denn auch, wenn man etwas erwartet, macht einen menschliches Leid traurig. Fassungslos dagegen haben mich die Reaktionen gemacht.

Die immer gleichen. Die Beschwichtigung, das Wegsehen, das sofortige Betonen, dass wir offen bleiben müssen – bei Kanzler Merz die ersten Worte. Bei einem Kanzler, der noch am gleichen Abend zu einer Festrede nach Paderborn reiste.

„Es gibt für Islamisten Deeskalationskurse? Himmel, das Land ist wirklich irre…“, schrieb mir der oben erwähnte Ex-Abgeordnete.

Fatale Abstumpfung

Fast jedes Detail zu der Tat und den Reaktionen hätte einem früher alle Haare zu Berge stehen lassen. Aber man gewöhnt sich daran. Leider.

Ich weiß, dass ich heute ungewohnt persönlich schreibe. Aber manchmal geht es nicht anders.

Eine Leserin schrieb mir heute Nacht: Es ist ermutigend zu sehen, dass es Menschen wie Sie gibt, die Ihren gesunden Menschenverstand und Ihre Empathie noch nicht verloren haben und trotz aller Widerstände für ihre Überzeugungen eintreten. Eine ernstgemeinte Frage: Wie schaffen Sie es, angesichts der Situation in Deutschland (oder sollte ich sagen EU, Europa, der Westen??) nicht völlig desillusioniert zu sein? Seit einem halben Jahr befinde ich mich auf Reisen in Asien weit weg von Deutschland. Mein Land oder sollte ich sagen, mein Kontinent, treibt mich in die Verzweiflung. Ich will so gar nicht mehr zurück, wenn da nicht meine Eltern wären.“

Ich musste fast weinen, als ich ihre Zeilen las.

Das Traurige ist, dass ich auf die Frage der Leserin– wie ich es schaffe, nicht völlig desillusioniert zu sei – antworten muss: Ich bin desillusioniert. Völlig.

Und doch schreibe ich. Jeden Tag.

Familiäres Erbe?

Vielleicht liegt es an meinem Vater, der eine fast schon absurde Grundfröhlichkeit hatte, die er mir mitgegeben hat. Vielleicht verdränge ich ja auch – nur anders als die schweigende Mehrheit. Wahrscheinlich ist die ehrlichste Antwort eine andere: Dieses Schreiben ist meine Therapie. Und Sie, die das hier lesen, sind meine Therapeuten.

Gruppentherapie, sozusagen. Mit Ihnen zusammen.

Danke, dass Sie für mich da sind.

Mein Video zum Thema:  CSD Berlin: Islamist tötet – Medien beschönigen, Linke lügt.

Bild: IMAGO / Funke Foto Services / privat

Für Sie empfohlen: