Amthor im ZDF: Der Strandkorb ist das kleinste Problem 4,9 Prozent in MV – und wen holt die CDU? Ausgerechnet ihn

Selten hat sich ein Politiker derart selbst entblößt wie Philipp Amthor im ZDF in der Doku „Inside CDU“. Die Ausschnitte haben Sie sicher bereits gesehen, und ich will Sie nicht langweilen mit Wiederholungen.

Deshalb nur ein paar kurze Stichworte für die, die es nicht gesehen haben:

Barockmusik im Treppenhaus des Kanzleramts. Der 33-jährige Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit schreitet durch repräsentative Flure, setzt sich in ein Büro, das eher nach Showroom als nach Arbeitszimmer aussieht – Ledersitzgruppe der Marke Cassina, Le-Corbusier-Reihe, Listenpreis um die 25.000 Euro. Auf dem Balkon: ein Strandkorb. Kommentar des Hausherrn: Falls er ihn jemals zum Erholen nutze, könne er ihn ja noch zum Kanzlergarten drehen. Kurz zuvor spricht derselbe Mann von Verantwortung und davon, dass Glaubwürdigkeit zu Fuß komme und mit dem Pferd davonreite.

Währenddessen die Wirklichkeit draußen: In seinem Heimatland Mecklenburg-Vorpommern ist die CDU mit 4,9 Prozent aus dem Landtag geflogen. Historische Niederlage. Und ausgerechnet dieser Mann übernimmt danach kommissarisch den Landesvorsitz.

Philipp Amthor in der ZDF-Doku „Inside CDU“. Quelle: ZDF

Worum es mir heute geht, ist nicht der Strandkorb.

Den kennen inzwischen alle. Darüber haben alle geschrieben. Der Spott sitzt, die Memes sind fertig, Ludwig XIV. ist zitiert. Das Bild wird Amthor ewig anhaften wie Armin Laschet sein Lachen bei der Flutkatastrophe. So was bekommt man nicht mehr weg.

Mich interessiert aber etwas anderes: Wie wird jemand so? Und warum kommt ausgerechnet ein Typ, der wirkt, als sei er eine Karikatur, von einem Amt ins nächste befördert, immer höher, – bis ins Kanzleramt, bis an die Spitze der CDU in MV?

Nicht obwohl er so ist. Sondern weil das System genau diesen Typus züchtet.

Das hat einen Namen: negative Selektion. Nicht der Tüchtigste steigt auf. Es steigt auf, wer dem Apparat am wenigsten gefährlich ist und sich am tiefsten vor ihm bückt.

Ein Leser brachte es in den Kommentaren auf den Punkt: Die Schlauen und Fähigen hat man weggebissen. Jetzt muss man mit denen klar kommen, die übrig sind.

Die Anschauungstafel

Ich habe das vor ein paar Wochen schon einmal beschrieben: warum die Falschen regieren – und wie ich selbst fast einer von ihnen geworden wäre (den Text finden Sie hier). Hausbesuche mit Kuchen. Delegiertenversammlung. Die Erkenntnis, die mich nie mehr losgelassen hat: Unser politisches System versagt nicht. Das Versagen ist das System.

Amthor ist kein Betriebsunfall. Er ist die Anschauungstafel.

In der freien Wirtschaft würde ein Mann mit diesem Verhältnis von Inszenierung und Substanz es wohl im besten Fall zum Gleichstellungsbeauftragten schaffen. In der Politik merkelscher Prägung wird er Minister. Weil dort nicht der Markt prüft, ob jemand die Realität kennt – sondern der Apparat prüft, ob jemand die Rituale beherrscht, nach oben stets loyal bleibt und nie ein falsches Wort sagt – falsch für die Parteispitze, nicht für die Menschen im Land.

Der Spruch und die Personalie

Glaubwürdigkeit kommt zu Fuß, sagt Amthor in der ZDF-Doku, und sie reitet mit dem Pferd davon. Das tut sie – und Amthor kann zwar den klugen Spruch aufsagen, aber er kapiert ihn nicht – sonst würde er ihn nicht quasi mit dem Strandkorb erklären – während die eigene Partei in der Heimat gerade vor die Hunde gegangen ist.

Der Strandkorb ist nur das Requisit. Die eigentliche Entblößung ist die Personalie.

Nach dem Absturz holt man nicht jemanden mit Bodenhaftung. Man holt den mit der Versailles-Allüre. Die Distanz zur Wirklichkeit ist nicht ein Ausrutscher – sie ist die Regel.

Wie jemand so wird, ist weniger Geheimnis als offene Betriebsanleitung. Früh unter das Dach eines Mentors – erst „Muttis“ Liebling, heute sagt Merz „lieber Philipp“. Er macht es allen recht, die oben sind. Nicken nach oben ist der größte Trumpf. Eigene Überzeugungen und Anecken sind Gift. Ein Leser schrieb: Wer ihn neben Merz sieht, dem fällt Heinrich Manns „Untertan“ ein. Noch schwimmt er oben auf dieser Suppe. Mal sehen, was aus ihm wird, wenn Merz’ Zeit abgelaufen ist. Ohne Merz sucht er den nächsten Merz. Ein Programm hat er nicht.

2020 stolperte Amthor über den Lobby-Fall Augustus Intelligence: Briefkopf des Bundestags, Türöffnen, die Karriere fast vorbei. Es war nicht vorbei. Der Skandal hat ihn nicht aussortiert. Weil er sich duckte, klein machte. Das System hat ihn wieder eingesetzt. Wer so überlebt, kommt nicht geläutert zurück. Er kommt abhängiger, steuerbarer, dankbarer zurück. Genau deshalb steigt er weiter auf.

Nach oben durch, nach unten nicht

Dazu die Wahrnehmungsverzerrung: Für Leute außerhalb wirkt er wie eine Karikatur. Im Polit-Betrieb offenbar nicht. Wer den ganzen Tag unter seinesgleichen lebt, hält Pathos, Maßanzug und Treppenhauschoreografie für Normalzustand. Der inszenierte Döner – Spieß, Selfie, Volksnähe, danach zurück in die edle Dienstlimousine – gilt innen als Ankommen bei den Menschen. Außen als das, was er ist: Theater.

Noch stärker als der Strandkorb und der Döner ist eine andere Szene aus derselben Doku. Weniger Möbel. Mehr Diagnose. Amthor spricht in einen Saal. Verschränkte Arme, leere Blicke, Leute, die innerlich schon gegangen sind. Er merkt es nicht. Er redet weiter, als wäre das Zustimmung. Phänomenal, wie jemand so komplett am Publikum vorbeispricht. Einen Saal zu verlieren und es nicht einmal zu registrieren – das ist keine Panne. Nach oben kommt er durch. Nach unten kommt er nicht an.

Das Netz hat die Clips durchschaut. Der Apparat nicht. Oder doch – und zieht ihn gerade deshalb hoch. Eine Karikatur bedroht niemanden in der eigenen Riege. Sie füllt Kameras, Talkshows, Dokus. Sie spielt Hoffnungsträger, ohne je zur Gefahr für die zu werden, die sie befördern.

Man kann das als Dummheit lesen. Man kann es auch als Geste lesen: Caligula machte sein Pferd zum Konsul, nicht weil das Pferd Staatsmann war, sondern weil der Senat das schlucken und dabei noch nicken sollte. Die Frage, die man sich stellen darf: Wollen sie uns das auch zumuten – und merken sie es nicht einmal?

All das war möglich, weil der Weggang der Wähler dank Brandmauer so lange folgenlos blieb. Bisher. Jetzt ist die CDU im freien Fall. Und vor lauter Panik merkt sie nicht mehr, warum: Der See ist zum Sumpf gekippt. Ein Sumpf, der Typen wie Amthor nach oben spült – und Männer wie Franz Josef Strauß oder Helmut Schmidt nicht mehr hervorbringt. Die würden heute schon daran scheitern, dass man erst jahrelang Plakate kleben und nach oben kriechen muss.

Die Doku sollte die CDU in gutem Licht zeigen – sonst hätte ihr die Partei nie zugestimmt. Gezeigt hat sie eine Maschine, die sich für lebendig hält. In Wirklichkeit ist es aber wie in dem alten russischen Witz: Wir dachten, wir haben Sex. Der Arzt sagte: Es ist nur Asthma. Sie hielten das für normales Parteileben. Dabei ist es längst dessen Karikatur.

Sie halten sich für angezogen

Und genau deshalb sitzen die Falschen dort, wo Entscheidungen fallen. Sie kapieren nicht einmal, dass sie nackt sind. Sie halten sich für angezogen. Und treten blank vor die Kamera. Platzend vor Stolz.

Typen wie Amthor glauben, sie helfen der Partei. Das ist der größte Witz an der Geschichte. Nicht der Strandkorb.

Die CDU schafft sich ab. Und Amthor ist bei all dem eines der Rädchen – ohne selbst intellektuell in der Lage zu sein, das auch nur ansatzweise zu begreifen. Systeme, in denen Typen wie Amthor nach oben kommen statt Typen wie Franz Josef Strauß oder Helmut Schmidt, haben fertig. Man könnte von den letzten Zuckungen sprechen. Im Strandkorb, sozusagen.

Über den Strandkorb haben alle geschrieben. Die Maschine dahinter bleibt liegen – weil sie unbequem ist und weil sie kein Meme abwirft. Diese Seite lebt davon, genau dort hinzuschauen. Keine Staatsgelder, keine Förderprogramme, kein Wohlwollen von oben. Nur Leser, die das finanzieren. Wenn Sie wollen, dass solche Texte weiter erscheinen, geht das nur mit Ihrer Hilfe. Hier steht, wie Sie mitwirken können. Vielen Dank – ohne Sie gäbe es diese Seite nicht.

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Bilder: Screenshot/X/ZDF (in der ersten Version hatte ich hier den Schreibfehler „Screenshit“ – Freud lässt grüßen)

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