Eine Triggerwarnung vornweg: Mit diesem Kommentar setze ich mich sicher wieder zwischen alle Stühle, weil ich kein Schwarz-Weiß-Bild zeichnen möchte, und niemand nach dem Mund reden will. Vernünftig wäre es wohl, diesen Text gar nicht zu schreiben. Zu viel Risiko, zu wenig Applaus. Aber Sie kennen mich – ich kann den Mund nicht halten. Ob bei Corona, in der Bundespressekonferenz, beim Thema Ukraine oder Putin. Und ja, ich weiß, ich stelle mich damit auch diesmal wieder in die Schusslinie. Aber darum geht’s hier nicht. Es geht nicht um mich. Es geht um etwas viel Spannenderes: Ein ideologisches Beben, das gerade unsere politischen Lager erschüttert – und fast niemand spricht darüber.
Was ist passiert? Die USA haben in der Nacht zum Samstag auf Befehl von Präsident Donald Trump Venezuela angegriffen und nach eigenen Angaben den dortigen Diktator Nicolás Maduro gefangen genommen.
Meine erste Reaktion, nachdem ich die Nachricht noch halb schlaftrunken gelesen hatte: Hurra! Wunderbar, dass Trump durchgreift gegen diesen sozialistischen Diktator, der nur noch durch brutale Wahlfälschung an der Macht war – und dessen Präsidentschaft von den USA und rund 50 anderen Staaten längst nicht mehr anerkannt wurde. Endlich Geschichte! Jemand, der wie alle seinesgleichen in Saus und Braus lebt und das Volk darben lässt, wurde aus dem Amt entfernt.
Der zweite Gedanke: Faszinierend, wie leicht es offenbar war, Maduro gefangen zu nehmen. Typisch für sozialistische Regime: Sie üben massiven Druck nach innen aus, wirken nach außen stabil – und brechen dann in der Krise in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Vielleicht ist das ein Menetekel. Auch für Berlin – mit seinen rot-grünen Kulturkämpfern, die glauben, das Rad der Geschichte neu zu erfinden und die mit ihrem Meinungs-Monopol sehr fest im Sattel zu sitzen scheinen. Aber wohl nur scheinen.
Dann, etwas später, eine dritte Reaktion: Verdammt – aber es ist ein grundlegender Verstoß gegen das Völkerrecht und die UN-Charta. Was würde man sagen, wenn China oder Russland so etwas tun würde? Was wird das für Folgen auf die internationale Politik haben? Die Diktatoren dieser Welt werden jetzt noch mehr den Schulterschluss suchen. Und diejenigen, die Diktaturen und ihre Kriege schönreden, werden jetzt noch lauter mit dem Finger auf die USA zeigen und sagen: Die machen es genauso. Und geht es ihnen nicht viel weniger um Menschenrechte und Demokratie als um die riesigen Erdölreserven Venezuelas? Ohne die hätten sie sich wohl mit der Diktatur abgefunden – wie in anderen Ländern.
Zwei völlig gegensätzliche Meinungen in einem Kopf an einem einzigen Morgen, binnen Minuten. Und das Bizarrste dabei: Ich halte keine der beiden für falsch – auch wenn sie sich diametral widersprechen. Es gibt – wie so oft – kein Schwarz-Weiß in dieser Geschichte. Millionen Menschen mit einer neuen Chance auf Freiheit und ein würdiges Leben auf der einen Seite. Ein fataler Bruch von Völkerrecht und ein Angriffskrieg auf der anderen Seite.
Mein vierter Gedanke an diesem Tag zu dieser Nachricht: Eigentlich müsste das ein ideologisches Erdbeben in Deutschland auslösen. Doch vieles bleibt erstaunlich ruhig – weil sich allzu viele reflexartig an ihre vertrauten Lager klammern. Und zwar auf allen Seiten. Einfach haben es nur die Angepassten und die Opportunisten – die denken eh das, was ihnen die großen Medien vorgeben.
Was Trump da getan hat – wenn es sich so bestätigt –, ist für viele seiner deutschen Unterstützer in der sogenannten „Friedensfraktion“ ein harter Bruch mit dem bisherigen Bild: Trump, der starke Mann, aber eben das Gegenteil von einem Kriegstreiber. Einer, der lieber Deals schließt als Bomben wirft. Genau das wurde oft als sein größter Pluspunkt gegenüber Bush, Obama oder Biden hervorgehoben.
Nun aber steht da plötzlich ein Maduro-Sturz durch US-Bomben – und viele wissen nicht, wie sie sich dazu verhalten sollen. Bleibt man pazifistisch und kritisiert Trump – was dem eigenen Bild vom „Friedenspräsidenten“ widerspricht? Oder begrüßt man die Aktion – und gerät in Widerspruch zum bisherigen Kanon: Nie wieder Krieg?
Gleichzeitig geraten auch ganz andere Lager ins Schwimmen: Diejenigen etwa, die bei der Ukraine-Invasion Russlands völlig zu Recht von einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg sprechen – und sich nun fragen lassen müssen: Gilt dasselbe auch für Trump?
Oder jene Kräfte im pseudo-bürgerlichen Lager, die Trump sonst bei jeder Gelegenheit verdammen – als Freund von Autokraten, als Diktatorenflüsterer. Und nun plötzlich zusehen müssen, wie ausgerechnet dieser Trump einen Diktator stürzt. Und nicht irgendeinen – sondern einen aus dem sozialistischen Lager. Eine Intervention, die sie bei Bush oder Reagan wohl noch bejubelt hätten. Und bei der sie sich damals wohl empört hätten, wenn die Medien unterschlagen hätten, dass es sich eben nicht um einen willkürlichen „Regime Change“ handelte – sondern um die späte Beendigung eines Machtanspruchs, der durch Wahlfälschung und internationale Nichtanerkennung längst als juristisch delegitimiert galt. Womit sein gewaltsamer Sturz in ihren Augen sogar als völkerrechtlich gedeckt gelten konnte.
Ideologisch unbeschadet kommt wohl nur das Lager der linken Trump-Gegner davon: Weil er ausgerechnet einen linksextremen, sozialistischen Diktator stürzte, ist er mehr als je zuvor der „böse orange Mann“. Der böse Imperialist, der den falschen Diktator angegriffen hat. Einzige Sollbruchstelle im linken Weltbild wäre das Leid der Menschen unter Maduro – aber das Leid der Menschen in sozialistischen Diktaturen hat die radikalen Linken traditionell noch nie sonderlich interessiert.
Absurder Spagat
Kurz: Die ideologischen Koordinaten verschieben sich. Und viele müssten ihre Position jetzt eigentlich neu vermessen. Aber ich fürchte: Viele halten lieber an vertrauten Denkmustern fest – auch wenn sie dadurch in einen Spagat gezwungen werden, der von außen eher bemitleidenswert bis komisch aussieht.
Das Schöne (und Traurige) ist: Die Realität zwingt zur Differenzierung – aber das überfordert viele.
In Teilen der sogenannten Alternativszene, bei manchen Konservativen, hat sich in den letzten Jahren ein interessanter Wandel vollzogen: Dort, wo früher nationale Souveränität, Wehrhaftigkeit und geopolitischer Realitätssinn betont wurden, ist heute oft eine fast pazifistische Grundhaltung zu finden – kombiniert mit einem tiefen Misstrauen gegenüber allem, was „der Westen“ tut.
„Nie wieder Krieg“, „Keine Waffen“, „USA sind das eigentliche Problem“ – das sind heute nicht nur linke Parolen, sondern finden sich zunehmend auch im bürgerlichen und rechten Lager. In Teilen der AfD-Basis, im Spektrum der Corona-Proteste, bei manchen Ex-Militärs mit Telegram-Affinität.
Für viele von ihnen war Trump ein Hoffnungsträger gerade deshalb, weil er sich von der US-Politik vor ihm absetzte – und keinen Krieg begonnen hat.
Jetzt erleben sie plötzlich einen Trump, der Bomber in ein anderes Land schickt. Und zwar keine mit Hilfsgütern gefüllten.
Das ist nicht nur spannend, das ist hochexplosiv. Nicht, weil sich plötzlich alle infrage stellen – sondern weil es viele Gründe gäbe, es zu tun. Und weil es zeigt, wie sehr sich die alten Kategorien eigentlich aufgelöst haben.
Eigentlich müsste dieser Fall die Debattenlandschaft erschüttern. Doch die meisten Reaktionen folgen bekannten Mustern. Viele greifen lieber zur gewohnten Schablone – auch wenn die längst nicht mehr passt. Denn Unsicherheit, Widerspruch, moralisches Ringen? Das ist in vielen politischen Milieus längst nicht mehr vorgesehen.
Was nicht zur eigenen Linie passt, wird passend gemacht. Oder ausgeblendet.
Und ich gebe zu – mich selbst macht das ratlos. Was wie ein klarer Fall wirkt – Diktator weg, gut so – wird beim zweiten Blick zum moralischen Minenfeld. Wer darf das? Wer entscheidet, wann eine Intervention legitim ist? Wer zahlt am Ende den Preis – und wer profitiert?
Hoffnung oder Dammbruch?
Ich lese jetzt schon die Kommentare von Kollegen und Meinungsmachern, die ganz genau wissen, wie dieser Fall zu bewerten ist. Klare Kante. Ganz klar verurteilen – oder ganz klar bejubeln. Aber ich gestehe: Ich weiß es nicht. Ich ringe mit mir. Zwischen Erleichterung – und Unbehagen. Zwischen Hoffnung für Millionen – und einem Dammbruch des Rechts. Einem weiteren. Denn es gab ja schon allzu viele.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem echter Journalismus wieder etwas werden muss, was er viel zu selten ist: Ein Ort der Zumutung. Der Irritation. Und der ehrlichen Unsicherheit.
Danke an Sie, liebe Leserinnen und Leser, wenn Sie mir diesen Raum geben. Danke, wenn Sie mitdenken – auch wenn Sie widersprechen. Danke, wenn Sie andere Meinungen aushalten – und meine. Die in diesem Fall ja sogar aus mehreren Meinungen besteht. Aus Nachdenklichkeit – die heute ja leider in allen Lagern bei manchen schon als Verrat gilt. In Zeiten, in denen die einen „Haltung“ einfordern – und die anderen eine nicht weniger zementierte „Anti-Haltung“.
Ich weiß: Ich habe mich mit diesem Text wieder einmal zwischen alle Stühle gesetzt.
Aber ganz ehrlich – was wäre ich als Journalist wert, wenn ich das nicht täte? Wenn ich Ihnen nach dem Mund schreiben würde – statt mit offenem Visier zu sagen, was ich denke, und was ich eben nicht sicher weiß?
Danke für Ihre Geduld. Für Ihr Verständnis. Für Ihr Mitdenken. Und Ihre Bereitschaft, auch ohne einfache Antworten auszukommen und der Versuchung des Schwarz-Weiß-Denkens zu widerstehen. Auch wenn es unbequem ist. Quälend. Auch ich glaube, es ist das einzig Redliche in diesen verwirrenden Zeiten.
PS: Genau solche Texte stehen für mein Ziel, das Profil meiner Seite weiter zu schärfen: weniger Quantität, mehr Substanz. Nicht alles – aber das Wesentliche. Mit Nachdenklichkeit, Tiefgang und dem Mut zur Abweichung. Als Kontrast zu Echokammern und Klickschleudern. Danke, dass Sie das mittragen.
Meine neuesten Videos und Livestreams
Sicherheits-Placebo: Wie Augsburg sich mit Pollern vor Terror „schützt“ – aber nichts verhindert
Unheimlich daheim. Weihnachten in Augsburg
CDU-Außenminister gibt jetzt die Baerbock – Moral-Wahn statt Vernunft, und wir alle zahlen den Preis
Bitte beachten Sie die aktualisierten Kommentar-Regeln – nachzulesen hier. Insbesondere bitte ich darum, sachlich und zum jeweiligen Thema zu schreiben, und die Kommentarfunktion nicht für Pöbeleien gegen die Kommentar-Regeln zu missbrauchen. Solche Kommentare müssen wir leider löschen – um die Kommentarfunktion für die 99,9 Prozent konstruktiven Kommentatoren offen zu halten.
Mehr zum Thema auf reitschuster.de





