Überfallen in Buenos Aires – und wie nackt man ohne Smartphone ist Eine Nacht zwischen Fußballjubel und digitalem Albtraum

Wer nicht hören will, muss fühlen, bläute mir meine Oma immer ein. Ich habe nicht gehört – und musste fühlen. Und wie.

Hier könnte ein launiger Bericht darüber stehen, wie ich in Buenos Aires den Sieg der argentinischen Nationalmannschaft erlebt habe – in der legendären Pizzeria El Cuartito aus dem Jahr 1934, die, so scheint es, seitdem nicht renoviert wurde. Bis auf die Wände, wo alle Fußballstars hängen, am größten natürlich Diego Maradona. Die Pizzeria gilt als Fußball-Kathedrale. Nicht zu Unrecht, wie ich mich überzeugte. Lange war die Stimmung zwar gedrückt – bis zur 85. Minute, da ging der Wahnsinn los. Ansehen können Sie mein 59-Sekunden-Video aus der Pizzeria hier.

Danach ging ich natürlich raus, um mir anzusehen, wie die Argentinier auf der Straße feiern – auch wenn mich eine Hotel-Mitarbeiterin eindringlich davor gewarnt hatte. Aber wer nicht hören will – Sie wissen schon.

Ich dachte: Wie friedlich die hier feiern. Wie wunderschön.

Heftiger Schlag

Und so kam alles zusammen. Ich hatte Probleme mit dem Auge, verlor eine Kontaktlinse, ließ mich vom 24-Stunden-Augenarzt um die Ecke untersuchen, ging dann nochmal mit der Brille raus – war so dämlich zu schauen, wo ich die Linse verloren hatte, leuchtete den Boden an. Ja, ich weiß. Sehr dumm. Und auf einmal spürte ich einen Schlag gegen die Hand – und hatte das Handy nicht mehr in derselben.

Der Räuber rannte volle Pulle weg. Ich hinterher – auch das eine weitere dumme Entscheidung, auch wenn sie nicht ins Auge ging, weil schon ein Komplize auf dem Motorrad wartete. Und weg waren sie. Inmitten all der feiernden Fußball-Fans.

Genau vor so einem Szenario hatten mich Kenner gewarnt. Eigentlich war ich immer vorsichtig mit dem Handy. Bis die Kontaktlinse meine Aufmerksamkeit dämpfte.

Was dann folgte, war eine Lektion darüber, wie nackt man heute ohne Smartphone ist.

Leider keine Ausnahme

Keine Kreditkarte mehr – alles virtuell im Gerät. Keine Taxi-App. Kein Navi. Wie durch ein Wunder schaffte ich es ins Hotel, wo man überhaupt nicht verwundert war. „Passiert ständig“, bekam ich zu hören.

Bei der Polizei waren sie korrekt, ja freundlich – aber die Bürokratie ist absurd. Die Beamten sagten, solche Überfälle seien an der Tagesordnung – und bei Fußballspielen würden die Räuber Überstunden arbeiten. Und die Polizisten deswegen eben auch. Deshalb musste ich auch fast geschlagene zwei Stunden warten. Und zurück konnte ich kein Taxi rufen – ohne App. Zu Fuß sei es gefährlich, warnten die Beamten. Das Hotel versuchte etwas zu organisieren – die Beamten arbeiteten als Telefonzentrale für mich – aber vergeblich. Eine Brasilianerin, der man den Pass gestohlen hatte, rief mir schließlich per App ein Taxi. Solidarität unter Beraubten.

Zurück im Hotel sah ich auf dem Laptop: erste Versuche, mein Google-Konto zu knacken. Erste Abhebungsversuche vom Girokonto. Das Betrugssystem lief – professionell, schnell, offensichtlich geübt. Ob die Sperrungen rechtzeitig kamen? Ich weiß es nicht. Ohne Handy komme ich in keine App, keine Bank, keinen Support.

Den Tiefpunkt des Abends lieferte Revolut: Um den Diebstahl des Handys zu melden, muss man sich via QR-Code einloggen – vom Handy.

Hotline-Horror

Telefonnummern gibt es nicht mehr. Auch die klassischen Sperr-Hotlines konnte ich nicht anrufen – vom Hotel aus gehen keine Auslandsgespräche. Die Anrufe meiner Frau wurden ignoriert, ihre Bitte, man möge mich doch im Hotel anrufen, wenn man ihr nicht glaube: ebenfalls sinnlos.

So sitze ich gegen 5 Uhr morgens, ohne eine Sekunde Schlaf, in der Früh muss ich vor der Weiterreise um 9.30 Uhr  nochmal zur Polizei, und ich ärgere mich über meine eigene Dummheit – und sage mir gleichzeitig: Es hätte schlimmer kommen können. Ich bin gesund und unversehrt.

Und um eine Erfahrung reicher, die kein Seminar lehren kann: wie vollständig wir von einem einzigen Gerät abhängig geworden sind. Nicht nur für Komfort. Für alles. Für Geld, Kommunikation, Identität, Sicherheit.

Gefährlicher Übermut

Und wie leichtsinnig zumindest ich manchmal bin, wie gutgläublich. Gestern hatte ich noch in einem Post in den sozialen Medien geschrieben: „Ich wurde schon gewarnt, bloß nicht auf die Straße zu gehen. Und tue es natürlich erst recht. Bin sehr gespannt.“

Das war zu übermütig. Und vielleicht geschieht es mir deshalb recht. Meine Oma hatte mich gewarnt. Manchmal muss man eben fühlen.

PS: In solchen Momenten ist es für mich ein riesiger Halt, dass ich Unterstützer habe (hier steht, wie Sie unterstützen können.) Ich verspreche: Lektion gelernt, an der Abhängigkeit werde ich arbeiten.

Bild:Shutterstock

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