Wie nervös die Bundesregierung und ihre Claqueure auf eine WHO-Empfehlung reagieren »Die Zerstörung des Reitschusters durch den Regierungssprecher«

Ein Gastbeitrag von Gregor Amelung

Freitag, 25. Juni. Bezüglich eines Rededuells auf der Bundespressekonferenz vom 23. Juni titelt das Portal »Volksverpetzter« (indirekt durch die Steuerzahler subventioniert, da als gemeinnützig anerkannt): »WHO-ZITAT VERDREHT: FAKE-NEWS-BLOGGER REITSCHUSTER VON REGIERUNGSSPRECHER SEIBERT ZERLEGT«. Weiter heißt es: »Der Desinformationsblogger Boris Reitschuster wurde auf der Bundespressekonferenz am 23.06.2021 vom Bundespressesprecher Steffen Seibert bloßgestellt.« Reitschuster sei »anhand eines Live-Faktenchecks durch Seibert unmittelbar widerlegt« worden.

Tilo Jung von Jung & Naiv beschrieb dieses Widerlegen direkt im Anschluss an die Bundespressekonferenz in einem Tweet mit: »Das war gerade die Zerstörung des Reitschusters durch den Regierungssprecher«.

Tweet Tilo Jung vom 23. Juni 2021 (screenshot / Twitter)

Begonnen hatte die von Jung festgestellte »Zerstörung des Reitschusters« mit folgender Frage von Boris Reitschuster am Mittwoch: »Ich habe eine Frage an Herrn Kautz [vom Bundesgesundheitsministerium]. Die Weltgesundheitsorganisation hat vorgestern in einer Stellungnahme gesagt, Kinder sollten vorerst nicht gegen Corona geimpft werden. Dann kam noch ein Update. Darin ist das etwas abgemildert, aber die Kernaussage bleibt gleich. Wie reagiert die Bundesregierung darauf, und will sie sich daran ausrichten?«

Reitschuster liefert »Fake News« für seine »Fans«

Das, also diese Fragestellung ist nach der »Volksverpetzer«-Analyse »typisch Reitschuster, der Dinge absichtlich falsch darstellt, um seinen Fans die Fake News zu liefern, für die sie ihm Geld geben.«

Der von Boris Reitschuster angesprochene Hanno Kautz antwortete auf die Frage wie folgt: »Soweit ich das weiß, hat die WHO gesagt: ›… it is less urgent to vaccinate them …‹ Insofern erübrigt sich Ihre Frage, weil das nämlich genau dem entspricht, wie die Bundesregierung agiert.«

Damit machte Jens Spahns Pressesprecher nach der Analyse der »Volksverpetzer« »live den Faktencheck und zitiert die WHO direkt im englischen Wortlaut. Die sagt nämlich wörtlich, dass die Impfung von Kindern ›less urgent‹, also weniger dringend/notwendig sei.«

Nun, dass es »weniger dringend« sei, Kinder zu impfen, hatte die WHO tatsächlich gesagt. Hätte man aber am 21. Juni auf dieselbe Empfehlung geschaut, hätte man dort das Folgende lesen können: »Children should not be vaccinated for the moment / Kinder sollten vorerst nicht geimpft werden.« Danach erst hatte die Weltgesundheitsorganisation den Wortlaut geändert und sprach von einem »weniger dringend«. Darüber hinaus bestand das Statement der WHO nicht nur aus dieser Formulierung (»weniger dringend«), sondern auch! Trotzdem wollte es Hanno Kautz, ein Medienprofi mit langjähriger Erfahrung bei der Bild-Zeitung, so aussehen lassen, als sei eben das »less urgent« die Kernaussage der WHO gewesen. Allerdings lautete der komplette Satz aus der Empfehlung der WHO (»COVID-19 Vaccines Advice«) vom 22. Juni 2021 schon noch etwas anders:

»Kinder und Jugendliche haben tendenziell mildere Krankheitsverläufe als Erwachsene, deshalb ist ihre Impfung, falls sie nicht zu einer Gruppe mit einem erhöhten Risiko bei schweren COVID-19-Verläufen gehören, weniger dringend als die von Älteren, Personen mit chronischen Erkrankungen und Personal aus dem Gesundheitswesen.« Und diesem dann doch schon etwas anderen Satz stand noch ein weiterer Satz unmittelbar vorweg, und der war nicht zu übersehen, denn er war in fett gedruckt: »Die COVID-19-Impfstoffe sind für die meisten Menschen ab 18 Jahren sicher…«

WHO: Kein »safe« für BioNTech bei Kindern

Das war quasi die Überschrift unter der sich Hanno Kautz’ Satzfragment »… es ist weniger dringend, Kinder zu impfen…« befand. Und das wesentliche Wort in diesem Zusammenhang ist das Adjektiv »sicher« (safe). Denn eben dieses wichtige Prädikat gibt die WHO den Covid-19-Impfstoffen in Bezug auf »Menschen unter 18 Jahren« ausdrücklich nicht bzw. derzeit ausdrücklich nicht.

Die SAGE (Strategic Advisory Group of Experts) der WHO gibt dem BioNTech-Vakzin – exakt 37 Wörter unter Hanno Kautz’ Satzfragment – lediglich ein »geeignet« (suitable) im Alter zwischen 12 und 17 Jahren. Und das nur unter folgender Bedingung: »Kindern zwischen 12 und 15 Jahren, die ein erhöhtes Risiko haben, kann dieser Impfstoff [= der BioNTech-Impfstoff] ähnlich wie anderen priorisierten Gruppen angeboten werden.« Weiter heißt es: »Impfstudien mit Kindern laufen im Moment, und die WHO wird ihre Empfehlungen aktualisieren und anpassen, falls sich die Beweislage oder die allgemeine epidemiologische Situation ändern sollte.«

Der »Manipulator Reitschuster bei seiner täglichen Arbeit«

Vereinfacht gesagt ist es bei der WHO wie beim TÜV. Keine TÜV-Plakette ist kein TÜV. Keine TÜV-Plakette ist nicht die zufällige und bisher ungeklärte Abwesenheit einer TÜV-Plakette. Und dementsprechend fasste Boris Reitschuster auch beim Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) nach: »Die WHO hat gesagt, dass es noch nicht genügend Belege gibt.« – Hatte sie. Hatte sie eindeutig getan. Siehe oben. Trotzdem hielt sich Reitschusters Gegenüber weiter an dem »urgent« (dringlich) fest, so als bestünde die WHO-Empfehlung nur daraus. Und zwar in folgendem Sinn: Das Impfen von Kindern und Jugendlichen ist zwar »dringend«, aber grad im Moment nicht so schrecklich dringend wie das von Opa und Oma. Deshalb »Oma zuerst!«. Genauso hatte das BMG auch zu Beginn der Impfkampagne geworben. Entsprechend erklärte Kautz dem offensichtlich begriffsstutzigen Journalisten – wahlweise »Desinformationsblogger« – die Angelegenheit ein zweites Mal: »›… it is less urgent to vaccinate them than older people …‹ Das steht da.«

Anschließend las Regierungssprecher Steffen Seibert dann noch den kompletten Satz auf Englisch vor und erklärte Kraft des Satzes in Richtung von Boris Reitschuster: »Das ist etwas anderes als ›empfiehlt nicht‹.« Diese Feststellung fand Seibert ausdrücklich »einen sehr wichtigen Punkt«, denn: »Wenn man [hier auf der Bundespressekonferenz] nach ›empfiehlt nicht‹ gefragt wird, und in Wirklichkeit sagt die WHO, es ist weniger dringend.«

Eben das war auch den »Volksverpetzern« ein sehr wichtiger Aspekt. So analysierte das Portal: »Aus dem eigentlichen ›weniger dringend‹ (Zitat WHO) hat Reitschuster mal eben ein ›empfiehlt nicht‹ gebastelt… Hier sieht man den Manipulator Reitschuster bei seiner täglichen Arbeit.«

»Children should not be vaccinated for the moment

Auffällig hieran waren zwei Aspekte. Zum einen hatte Steffen Seibert offenbar genauso wie Hanno Kautz ausgeblendet, dass da ein »safe« (sicher) in der Empfehlung der WHO für alle unter 18-Jährigen fehlte. Und ohne »safe« kann die Weltgesundheitsorganisation das Impfen von Jüngeren gar nicht empfehlen, es sei denn Corona hätte sich gerade mit Ebola gepaart. Eben das hatten offenbar auch die Analysten beim Portal »Volksverpetzer« übersehen.

Zum Zweiten hatte Reitschuster in seiner ursprünglichen Frage überhaupt nicht die Formulierung »empfiehlt nicht« verwendet. Vielmehr hatte er für seine Frage die Formulierung »Kinder sollten vorerst nicht geimpft werden« gewählt, analog  zum Wortlaut der WHO-Empfehlung am 21. Juni.

Ausschnitt aus der WHO-Empfehlung vom 21. Juni 2021 (vor dem Update): »Children should not be vaccinated for the moment / Kinder sollten vorerst nicht geimpft werden.« (www.who.int / Screenshot)

Wie die »Volksverpetzter« am 25. Juni dann zu ihrem Fake-News-bastel-Vorwurf gekommen sind, Reitschuster habe von »nicht empfiehlt« gesprochen, ist unklar. Genauso unklar ist, worin die von Tilo Jung diagnostizierte »Zerstörung des Reitschusters durch den Regierungssprecher« auf der Bundespressekonferenz bestanden hatte. Steffen Seibert hatte schlichtweg ein »empfiehlt nicht« dort gehört, wo keines gewesen war. Nicht mehr und nicht weniger. Daran und an dem sich anschließenden Wortgefecht zwischen Seibert und Reitschuster ließ sich allerdings schon auch ablesen, dass sich die Bundesregierung offensichtlich immer noch nicht vom »empfiehlt nicht«-Schock der Ständigen Impfkommission (STIKO) vom 10. Juni erholt hatte.

Das »Empfiehlt nicht« der STIKO-Experten klingelte den Regierenden quasi immer noch in den Ohren. Also ging Hanno Kautz erstmal auf den Halbsatz mit dem »dringlich« (urgent). Anschließend schaltete sich Seibert ein, um auch für den Letzten hörbar zu machen, dass die WHO nicht »nicht empfohlen« geschrieben, gesagt oder gedacht hatte, sondern dass diese Formulierung einzig und alleine dem Gehirn von Boris Reitschuster entsprungen sei. Was in Wirklichkeit gar nicht der Fall gewesen war. Reitschuster hatte – wie gesagt – in seiner Frage die Formulierung Kinder »sollten vorerst nicht« geimpft werden benutzt. Und eben das – also das Hören von Wörtern, die so nicht gesagt wurden – ist ein untrügliches Zeichen für Nervosität. Im Privatleben genauso wie auf der Regierungsbank.

Seibert verwischt das »nicht empfohlen« der STIKO

Das fast zwanghafte Bemühen, »empfiehlt nicht« aus der Debatte zu tilgen, wurde abermals deutlich, als Reitschuster erneut als Fragender an der Reihe war und wieder auf das Statement der WHO zu sprechen kam. Erneut entzündete sich daran ein Wortgefecht, das auf Nervosität hindeutet. Daran ändert auch nichts, dass Steffen Seibert zum Ende hin im versöhnlichen Ton zusammenfasste:

»Auch in Deutschland haben wir von der STIKO keine allgemeine Empfehlung – wenn ich das richtig darstelle, Herr Kautz, sonst korrigieren Sie mich bitte – für die Impfung von Kindern von 12 bis 18 Jahren. Aber wir haben eine Empfehlung für die Impfung ab 12 Jahren, nämlich da, wo Kinder bestimmte gesundheitliche Vorbedingungen haben, die das angeraten sein lassen. Das ist genau die Position, mit der wir in Deutschland arbeiten.«

Damit hatte der Regierungssprecher die wörtliche Nicht-Empfehlung der STIKO zu einem »wir haben keine allgemeine Empfehlung« umgearbeitet und den Teil, der nicht unter die Nicht-Empfehlung der STIKO fiel, als eigentliche »Empfehlung« der STIKO herausgestrichen. Ein sprachlich elegantes, aber in der Sache irreführendes Manöver. Denn das Nein der STIKO betrifft rund 90 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren. Darüber hinaus sind die Aussagen der STIKO vom 10. Juni in ihrer Sprache eigentlich derart eindeutig, dass sie keiner zusätzlichen Interpretation bedürfen:

»Der Einsatz von Comirnaty [von BioNTech/Pfizer] bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 – 17 Jahren ohne Vorerkrankungen wird derzeit nicht allgemein empfohlen…« Der Einsatz wird aber – und deshalb stand zuvor das »allgemein« – bei Kindern mit zum Teil schweren Vorerkrankungen sowie bei Kindern im Umfeld von schwer Covid-19-Gefährdeten, die selbst nicht geimpft werden können, empfohlen. Sonst nicht.

Impfstoffe sind keine »Bonbons«

Trotzdem, so die STIKO weiter, ist eine Covid-19-Impfung »nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz des Kindes oder Jugendlichen bzw. der Sorgeberechtigten möglich.« Die Betonung liegt hier indirekt auf der freien Entscheidung des Einzelnen und direkt auf dem Wort »Risikoakzeptanz«, also der Akzeptanz des gesundheitlichen Risikos, das von einer Impfung für den Einzelnen ausgehen kann. Oder wie es der STIKO-Vorsitzende Prof. Dr. Thomas Mertens in einem Interview Ende Mai salopp auf den Punkt gebracht hatte: Impfstoffe sind keine »Bonbons« sondern ein medizinischer Eingriff. Und das sowie der Wortlaut der STIKO-Empfehlung decken sich eigentlich weitgehend mit dem, was die WHO nun am 22. Juni in ihrer Empfehlung ausgesprochen hatte.

Und genau hierin liegt das Problem für die Berliner Impfstrategen und der Grund für die Nervosität auf der Regierungsbank, denn die insgesamt 4,5 Millionen Kinder und Jugendlichen in der Altersgruppe 12-17 waren von Anfang an ein fester Bestandteil der deutschen Impfstrategie. Ohne sie ist es nämlich praktisch unmöglich, die vom Kanzleramt ausgegebene »Impfquote von 80 Prozent« zu erreichen. Wie fest die Kinder dabei eingeplant sind, ließ sich bereits am 10. März erahnen, als die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, die brandenburgische Bildungsministerin Britta Ernst (SPD), gegenüber RTL erklärte, dass sie eine Impfpflicht wie bei den Masern nicht ausschließen könne. »Es ist ein sehr aggressives Virus, und deshalb wird die Frage der Impfpflicht Ende des Jahres diskutiert werden müssen.«

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Der Autor ist in der Medienbranche tätig und schreibt hier unter Pseudonym.

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Text: Gast

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