Würden Sie Ihre Kinder gegen das neuartige Coronavirus impfen lassen? Die unausgesprochene Angst der Berliner Corona-Strategen vor den Müttern

Ein Gastbeitrag von Gregor Amelung

2020 hörte man zur sogenannten Herdenimmunität meistens, dass dieser Schutzeffekt bezogen auf Corona bei 60 bis 70 Prozent zum Tragen käme. Zum Ende des Jahres hin mehrten sich dann die Stimmen aus der Wissenschaft, die davon sprachen, dass der Herdeneffekt wohl erst bei 80 bis 90 Prozent oder gar erst ab 90 Prozent eintreten werde.

Definitionsänderung der WHO

Bis zum 13. November 2020 war der Status der Herdenimmunität durch die WHO noch wie folgt definiert: »Herdenimmunität… tritt ein, wenn eine Bevölkerung immun ist, entweder durch Impfungen oder durch Immunität aufgrund einer zuvor erfolgten Infektion.« Danach änderte die Weltgesundheitsorganisation weitgehend unbeachtet von den großen Medien ihre Definition. Ab nun war unter Herdenimmunität »ein Impfkonzept« (»a concept used for vaccination«) zu verstehen, durch das eine Bevölkerung »gegen ein bestimmtes Virus« geschützt wird, »indem man einen Schwellenwert an Impfungen erreicht«. (»if a threshold of vaccinations is reached«).

WHO – Änderung der Definition der Herdenimmunität

Insofern sprechen alle jüngeren Äußerungen zur Herdenimmunität bei Corona von »80 bis 90 Prozent« bei einer Impfquote der Bevölkerung in eben dieser Höhe.

Das bereits eingeplante Impfen von Kindern und Jugendlichen

Und weil zu einer Bevölkerung nicht nur die Erwachsenen zählen, hatte sich der maßgebliche Berater der US-Regierung in Sachen COVID-19, der Virologe Dr. Anthony Fauci, bereits Ende März 2021 dahingehend geäußert, dass die Herdenimmunität nicht ohne das Impfen der Kinder zu erreichen wäre. Denn in den USA ist mit 22 Prozent immerhin knapp ein Viertel der Bevölkerung unter 18 Jahren alt.

Am 28. April 2021 war Fauci dann zu Gast in der Today Show, dem ältesten Frühstücksfernsehen in den USA. Hier erklärte er, dass High-School-Schüler (circa 14 bis 18 Jahre alt) ab dem Herbst geimpft werden würden, gefolgt von den Jüngeren zum Jahresende hin. Bemerkenswert an Faucis Aussagen waren Wortwahl und Tonfall. Denn der COVID-19-Experte sprach von diesen Plänen so, als wäre das Impfen von Kindern und Jugendlichen ohnehin schon beschlossen. Eine logisch konsequente Maßnahme, bei der es nur noch darum ginge, den zeitlichen Rahmen zu kommunizieren.

Impfpflicht wie bei den Masern nicht ausgeschlossen

Auch in Deutschland rückt das Thema näher. Bereits am 10. März hatte die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, die brandenburgische Bildungsministerin Britta Ernst (SPD), gegenüber RTL erklärt, dass sie eine Impfpflicht wie bei den Masern nicht ausschließen könne. »Es ist ein sehr aggressives Virus, und deshalb wird die Frage der Impfpflicht Ende des Jahres diskutiert werden müssen.«

Auch die Fraktionsvorsitzende von Bündnis90/Grüne im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, möchte, »dass der Impfstoff für Kinder bald kommt«. Sie befürchtet sonst Unterschiede beim Urlaub oder beim Restaurantbesuch zwischen Älteren, die bereits geimpft sind, und Familien mit noch nicht geimpften Kindern. Genauso wie der Virologe Anthony Fauci im US-Frühstücksfernsehen formulierte auch Göring-Eckardt bei der Sendung »Phoenix vor Ort« am 27. April so, als sei die Impfung der nahezu nicht von schweren COVID-19-Verläufen betroffenen Kinder und Jugendlichen bereits eine ausdiskutierte Angelegenheit, bei der es nur noch um Aspekte der administrativen Umsetzung gehe.

Zum Vergleich: Die Impfbereitschaft bei der Grippeschutzimpfung

Dabei sind die Deutschen traditionell alles andere als Impfweltmeister. Ihre Skepsis bzw. ihr Desinteresse lässt sich recht gut an der jährlichen Grippeschutzimpfung ablesen. So ließen sich von 2009 bis 2019 im Jahresdurchschnitt nur knapp 15 Millionen gegen die Grippe impfen. Das entspricht noch nicht mal 19 Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Vergleich zu dieser Impfträgheit ist die Bereitschaft der erwachsenen Deutschen, sich gegen das neue Coronavirus impfen zu lassen, allerdings deutlich stärker ausgeprägt.

So zeigten sich bereits nach dem ersten Lockdown 2020 etwa zwei Drittel impfbereit. Seitdem ist diese Quote allerdings nicht wesentlich in die Höhe geschnellt. So gaben in verschiedenen Umfragen zwischen Januar 2021 und April 2021 zwischen 54 und 73 Prozent an, sich gegen Corona impfen lassen zu wollen. Demgegenüber lehnen seit Wochen stabile 16 Prozent eine Corona-Impfung kategorisch ab. Zwischen diesen beiden Polen befindet sich die Grauzone der Unentschlossenen. Zusammenfassend könnte man sagen: Das Lager der grundsätzlich Impfwilligen umfasst etwa 55 bis 80 Prozent und das der Impfunwilligen 20 bis 35 Prozent. Und im Bereich der jeweils längerfristig Überzeugten, also denen, die mit »auf gar keinen Fall« oder »auf jeden Fall« geantwortet haben, bewegt sich seit Monaten eigentlich nicht mehr viel.

“Impfweltmeister“ Israel und der Sättigungseffekt

Was das in Zukunft für die Impfkampagne der Bundesregierung bedeuten könnte, lässt sich mit einem Blick nach Israel erahnen. Beide Länder sind westlich geprägte Demokratien mit einer Industrie- und Dienstleistungswirtschaft und einer Bevölkerung, die zu einem großen Teil in städtischen Ballungsräumen lebt.

In dem bisher für seine Impferfolge gefeierten Israel stockte zuletzt der Ansturm auf die Impfstoffe. Ab etwa 55 Prozent geimpfter Erwachsener (1. Dosis) hatte man ein Plateau erreicht. Das Reservoir der ohnehin schon länger Impfwilligen war offenbar ausgeschöpft. Und so robbte man sich in den vergangenen Monaten nur noch im Schneckentempo von 54,0 Prozent (04.03.) auf 59,8 (04.05.). Ein solcher Sättigungseffekt könnte sich zum Sommer hin auch in Deutschland einstellen, womit sich der Mittelwert der bisherigen Umfragezahlen (63,5 Prozent) zur Impfbereitschaft manifestieren würde.

Nur 66 Prozent sind sicher

Stand heute können die Impfstrategen im Hause von Gesundheitsminister Jens Spahn eigentlich nur fest mit zwei Dritteln geimpfter Erwachsener bis zum Ende des Sommers rechnen. Von 66 Prozent bis zur Untergrenze der Herdenimmunität von 80 bis 90 Prozent müssten sie dann auf die Wirkung von dosiertem Druck auf die noch Unentschlossenen hoffen. Köder wie Privilegien oder »Sonderrechte« für bereits Geimpfte dürften helfen, auf die 70 Prozent zuzurobben. Vielleicht auch darüber hinaus, um von dort aus die Marke von 80 Prozent Herdenimmunität anpeilen zu können. Meldungen über »Verdachtsfälle« auf Impfnebenwirkungen wie bei AstraZeneca sind dabei ganz automatisch unerwünscht.

Und weil dieser Teil der Operation schon schwierig genug ist, will man im politischen Berlin am liebsten gar nicht erst auf die Gruppe schauen, die ab Herbst entscheidet, ob denn auch die Kinder und Jugendlichen geimpft werden: die Eltern. Denn ausgerechnet in deren Alterssegment (30 bis 39 Jahre) ist die in Deutschland gemessene Impfbereitschaft am niedrigsten, so das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) am 30. März unter Berufung auf den Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller.

Nur magere 62 Prozent der zwischen 30 und 39 Jahre alten Deutschen wollen sich laut RND impfen lassen. Das sind satte 16 Prozentpunkte weniger als in der stärksten Pro-Gruppe, den Erwachsenen über 60.

»Würden Sie Ihre Kinder gegen das neuartige Coronavirus impfen lassen?«

Die von RND berichtete niedrige Impfunwilligkeit der 30- bis 39-Jährigen deckt sich mit einer Umfrage der Barmer Ersatzkasse aus dem November 2020. Auf die Frage »Würden Sie Ihr Kind bzw. Ihre Kinder gegen das neuartige Coronavirus impfen lassen?« erklärten nur 21 Prozent »Ja, auf jeden Fall«. Weitere 21 Prozent erklärten »eher ja«. Wenn man zu dieser mageren Summe von 42 Prozent Impfbereitschaft noch diejenigen hinzurechnet, die auf die Frage mit »vielleicht« geantwortet hatten, kommen die Corona-Impfstrategen gerade mal auf 56 Prozent und wären damit meilenweit entfernt von ihrem Ziel einer Herdenimmunität unter den Kindern und Jugendlichen von 80 bis 90 Prozent.

Und so wie die Ja-Fraktion bei den Eltern deutlich kleiner ist, ist die Nein-Fraktion deutlich stärker, denn 18 Prozent beantworten die Fragen zur Impfung ihrer Kinder klipp und klar mit »sicher nicht«, weitere 12 Prozent mit »eher nicht«. Sollten sich diese 30 Prozent der Erziehungsberechtigten querstellen und ihre Kinder nicht impfen lassen wollen, verlöre Jens Spahn in seiner Gesamtrechnung automatisch 4,1 Millionen seiner Impfkandidaten oder 5 Prozent in seiner Herdenimmunitätsgesamtrechnung.

Die verlorenen Prozent müsste man sich dann mühsam zusammenkratzen unter den Erwachsenen, die sich noch nicht dazu entschlossen haben, sich mit einem »kleinen Pieks« ihr früheres Leben oder ”Bröckchen“ davon zurückzuholen. Das könnte nicht nur mühsam werden, sondern sich angesichts des drängenden Problems des Homeschoolings auch als zu zeitaufwendig erweisen. Dann bliebe nur noch eine Auseinandersetzung mit den Eltern selbst, um das gesteckte Ziel der Herdenimmunität zu erreichen.

Bisher schrecken die Berliner Impfstrategen genau davor zurück. Grund hierfür ist sehr wahrscheinlich, dass auch ihnen bewusst ist, dass die Triebfeder hinter der Impfskepsis der Eltern die ohnehin weniger impfbereiten Frauen sind. Denn die grundsätzliche Impfbereitschaft unter Männern liegt mit 77 Prozent fast an der Untergrenze der angestrebten Herdenimmunität. Demgegenüber ist die Quote bei den Frauen für Impfstrategen besorgniserregend niedrig. Nur 68 Prozent von ihnen zeigen sich nach den RND-Daten überhaupt grundsätzlich impfbereit.

Sich mit den nicht impfwilligen Müttern, deren Nachwuchs ohnehin schon unter Homeschooling, Maskenpflicht und verordneter Distanz zu Freizeitvereinen und Freunden zu leiden hat, politisch anzulegen, wäre tollkühn. Zum einen fehlt der Politik, seitdem Oma und Opa geimpft sind, dafür das schlagende Argument. Zum anderen träfen die Politiker auf einen biologisch implantierten Urinstinkt, der Warzenschweine gegen Löwen und Flusspferdmütter gegen Krokodile stellt.

Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Auch nicht das in Jens Spahns neuer Villa. Völlig schnuppe, wie gut der dafür beauftragte Gärtner is’.

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Der Autor ist in der Medienbranche tätig und schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: Prostock-studio/Shutterstock
Text: Gast

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Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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