CDU-Mann missbraucht den Missbrauch Die moralischen Abgründe eines Christdemokraten – vor laufender Kamera

Immer wenn man glaubt, keine menschliche Niederträchtigkeit könne einen noch überraschen, wird man eines Besseren — oder vielmehr: eines Schlimmeren — belehrt. Im konkreten Fall durch den CDU-Bundestagsabgeordneten Axel Müller aus Ravensburg, der gestern in der Enquete-Kommission des Bundestages eine Vorstellung abliefert, die mich buchstäblich zur Pause zwingt. Ich muss das Video stoppen. Durchatmen. Weil es zu widerlich ist, um einfach weiterzuschauen.

Aber der Reihe nach.

Wer ist Stephan Kohn?

Für meine Leser dürfte der Name vertraut klingen. Stephan Kohn war 2020 Referatsleiter für Krisenmanagement im Bundesinnenministerium — also in genau der Abteilung, die für Pandemielagen zuständig war. Er tat, was ein Beamter tun soll: Er analysierte, trug Informationen zusammen, und kam zu dem Schluss, dass nicht das Virus, sondern die Maßnahmen das eigentliche Schadenspotenzial entfalteten. Er schrieb es auf. Er reichte es ein. Er sagte die Wahrheit.

Dafür wurde er vom Dienst freigestellt, psychiatrisch begutachtet und beruflich erledigt. Der Staat, dem er diente, antwortete auf seine Analyse mit Vernichtung.

In meinen Augen, und ich glaube in den Augen der meisten meiner Leser: ein Mann von Format. Ein Held des bürokratischen Alltags, der seltener ist als jeder Kriegsheld, weil er wusste, was ihn erwartet — und es trotzdem tat.

Die Szene

Kohn sitzt als Sachverständiger in der Enquete-Kommission. Axel Müller (CDU/CSU) befragt ihn. Zunächst sachlich: Welcher Abteilung gehörten Sie an? War die überhaupt zuständig? Kohn antwortet präzise und ruhig.

Dann kommt der Schwenk.

Müller: „Sie hatten ein schweres Schicksal, das ist mir wohl bewusst. Ihnen ist großes Unrecht angetan worden in Ihrer Kindheit und Ihrer Jugend, weil etwas vertuscht wurde, weil etwas vertuscht wurde.“

Unruhe im Raum. Menschen mit noch intaktem moralischem Kompass machen ihrem Entsetzen Luft.

Und Müller? Er tut unschuldig. Überrascht. Breitet die Hände aus — genau wie auf dem Titelbild dieses Artikels zu sehen — und sagt mit gespielter Betroffenheit: „Was ist das denn hier?“ Sein Schwäbisch färbt dieses verbale Fallbeil zunächst fast gemütlich. Umso vernichtender wirkt es nach, sobald der Dialekt-Effekt verhallt. Umso deutlicher wird, was das für eine moralische Bankrotterklärung ist.

Ich muss an dieser Stelle stoppen. Wirklich. Ich brauche eine Pause. Selten sieht man etwas so Widerliches.

Wer ist dieser Mann?

Wahlplakat von Müller auf Instagram

Auf seinem Wahlplakat wirbt Axel Müller um „#Politikwechsel“ — lächelnd, vermeintlich bürgernah. Die Botschaft: Ein Mann des Vertrauens aus Ravensburg.

Wer auf seine Website schaut, findet vier Eigenschaften, mit denen er für sich wirbt: Geradlinig. Verlässlich. Verwurzelt. Unabhängig.

Unter „Geradlinig“ schreibt er: „Ich bin gerade heraus und habe eine gefestigte Meinung.“ Und: „Mein christlicher Glaube hilft mir dabei.“

Man muss das sacken lassen.

Ein Mann, der seinen christlichen Glauben als Quelle seiner Geradlinigkeit anführt — und wenig später das Kindheitstrauma eines Zeugen als parlamentarische Waffe einsetzt. Der sich als vom Gewissen geleitet beschreibt — und dann grinsend weitermacht, nachdem die Sitzungsleiterin ihn zur Ordnung gerufen hat. Wenn das christlicher Glaube in der Praxis ist, versteht man, warum die Kirchen immer leerer werden. Und man fragt sich, welche Bibel Müller liest.

Getarnte Verbitterung

In der Enquete-Kommission ist jedenfalls ein ganz und gar nicht christlicher Müller zu sehen. Einer, der in diesem Moment sichtlich aufgeht. Der nicht zurückrudert, nicht innehält — sondern weitermacht. Mit der Akribie eines Mannes, der sich etwas vorgenommen hat. Der sich nach Kohns Antwort in seinem Stuhl hin und her dreht und verkniffen lächelt: das Lächeln eines Menschen, dem etwas misslungen ist, der es aber nicht zeigen will. Verbitterung, die sich als Überlegenheit tarnt.

Irgendwo zwischen dem Wahlkampflächeln und diesem Grinsen liegt eine Geschichte, die ich nicht kenne. Aber das Ergebnis sehe ich.

 

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Es kommt noch besser. Müller hat laut Wikipedia eine Mediatorenausbildung am Zentrum für Konfliktmanagement der Universität Tübingen absolviert sowie eine Vertiefungsausbildung in Familienmediation. Er ist ordentliches Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft für Familienmediation.

Wissen als Waffe

Ein Mann also, der professionell darin ausgebildet wurde, mit traumatisierten Menschen sensibel umzugehen — und der dieses Wissen gestern in der Enquete-Kommission genutzt hat. Nicht um zu vermitteln. Sondern um gezielt zuzustechen.

Ich verkneife mir dazu jeden Kommentar.

Meine persönliche Lesart: Das Zustechen gegen Kohn hat etwas regelrecht Erleichterndes für Müller — man sieht es am Lächeln danach. Als hätte er endlich etwas rausgelassen, was schon lange drückt. Das ist kein Machtmensch in seinem Element. Das ist jemand, der sich ohnmächtig fühlt, frustriert ist — und in diesem Moment eine Gelegenheit sieht, nach unten zu treten.

Die Methode

Was Müller hier tut, ist klinisch in seiner Ekelhaftigkeit: Er wirft Kohns sexuellen Missbrauch in der Kindheit — durch den Stiefvater, öffentlich bekannt — als Köder in den Raum. Mit vorgetäuschtem Mitgefühl, mit betont sanfter Stimme, mit der Miene eines Mannes, der sich selbst für besonders feinfühlig hält. Und dann, ohne Übergang, die Pointe: Weil bei Ihnen als Kind etwas vertuscht wurde — sehen Sie deshalb überall Vertuschung?

Die Botschaft ist glasklar: Dieser Mann ist kein Zeuge. Er ist ein Trauma-Patient. Hört nicht auf ihn.

Fünf Worte stehen dafür symbolisch: „Was ist das denn hier?“

Fünf Worte für die moralische Verkommenheit einer ganzen politischen Klasse.

Als Kollege Kay-Uwe Ziegler (AfD) zur Geschäftsordnung das Wort ergreift und bittet, Kohns Privatleben aus der Anhörung herauszuhalten, als die Vorsitzende sagt, man solle zum „Sachstand der Anhörung“ zurückkommen, wiederholt Müller seinen Schlag unter die Gürtellinie: „Wenn man einmal erfahren hat, dass etwas vertuscht wurde, löst das etwas in einem aus. Hat es bei Ihnen etwas ausgelöst? Und wenn ja, in welcher Form, im Zusammenhang mit dieser Krise?“
Dieses Nachfragen. Mit sachlicher Mine. Mit leicht gerunzelter Stirn. Als wäre er selbst das Opfer einer ungerechtfertigten Unterbrechung.

Wie weit muss man moralisch verkommen sein, um das hinzubekommen? Um jemandem das Intimste aus der Biographie zu entreißen, es als Waffe einzusetzen — und sich dann, wenn jemand eingreift, aufzuregen?

Er macht einfach weiter. Dreht sich in seinem Stuhl. Lächelt.

Kohns Antwort

Sie ist besser als alles, was ein Drehbuchautor hätte schreiben können. Ruhig, ohne zu zögern, sagt der Ex-Spitzenbeamte: „Das ist ein durchschaubarer Versuch natürlich, meine Kompetenz oder Autorität zu hinterfragen, aber ich glaube, dass wenn man Lebenserfahrung gemacht hat, dass man auch mal Unrecht erlebt hat oder auch schwere Schicksalsschläge und auch gegen Widerstand eine vernünftige Position vertreten musste, dann ist man ein bisschen robust und resilient gegen Anforderungen, sich stromlinienförmig irgendwo einzupassen, egal ob das richtig ist oder nicht. Und ich glaube, das ist keine schlechte Qualifikation.“

Chapeau.

Was das bedeutet

Die Enquete-Kommission soll Corona aufarbeiten. Sie soll herausfinden, was falsch lief, wer versagt hat, ob Rechte verletzt wurden. Stephan Kohn ist ein Zeuge erster Güte — einer, der von innen gesehen hat, wie der Apparat funktioniert, wenn er lieber schweigt als prüft.

Er ist ein Belastungszeuge der Anklage.

Müller präsentiert sich auf Instagram als Wahlkämpfer

Dass ausgerechnet ein CDU-Abgeordneter — einer Partei, die mitregiert hat, als die Maßnahmen beschlossen wurden — versucht, diesen Zeugen durch sein Kindheitstrauma zu diskreditieren, sagt alles über den Ernst der Aufarbeitung aus.

Axel Müller aus Ravensburg hat gestern nicht nur einen anständigen Mann angegriffen. Er hat gezeigt, wozu parlamentarische Niederträchtigkeit fähig ist, wenn sie sich unbeobachtet wähnt.

Er hat sich geirrt.

Was in diesem Sitzungssaal passiert ist, wird an Müller kleben bleiben — hartnäckiger als jedes Dementi, dauerhafter als jede Pressemitteilung. Das Internet vergisst nicht. Und Stephan Kohn hat ihm, vor laufender Kamera, die Antwort gegeben, die er verdient.

Er hat ihn entblößt. Müller muss nun mit dem leben, was da hinter der christlichen, bürgerlichen Fassade zum Vorschein kam.

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Bilder: X

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