Vereint austreten – die Volksfront verlässt X Elf Minuten, drei Parteien, ein Text: Zufall?

Von Thomas Rießinger.

Die Volksfront lebt! Wie sehr würde sich doch Erich Honecker freuen, von Erich Mielke, seinem besonders nahen Bruder im Geiste, ganz zu schweigen!

Endlich hat sich die vereinigte Linke als vereinigt dargestellt: SPD, Grüne und SED, die man auch als „Die Linke“ bezeichnet. Musste man sich in früheren Zeiten damit abfinden, dass sie bestenfalls nach dem Motto „Getrennt marschieren, vereint schlagen“ agieren, haben sie nun endlich zu echter Einigkeit gefunden, und man könnte ihre neue Losung vielleicht in der Formulierung „Vereint austreten, vereint ignoriert werden“ finden.

Was ist geschehen? In einer geradezu beispiellosen Aktion haben SPD, Grüne und SED ein Zeichen gesetzt, wie es deutlicher nicht sein könnte: Sie haben X verlassen, was Elon Musk vermutlich schlaflose Nächte bereiten wird. Und sie haben das nicht nur annähernd gleichzeitig getan, sondern auch mit den gleichen Worten dem staunenden Publikum mitgeteilt, damit auch jeder sieht, dass zwischen die Parteien der neuen Volksfront kein Blatt mehr passt. Am 4. Mai war es, zwischen 9 Uhr und 9 Uhr 11, jeder kann diesen Gleichklang prüfen und mit eigenen Augen bewundern. Wer aber keine Freude daran hat, solche Präsenzen aufzusuchen, kann sich die Verlautbarungen auch gerne hier ansehen.

Während es die SPD-Fraktion und die Grünen geschafft haben, exakt zur gleichen Zeit vor die staunende Menschheit zu treten, hat sich die SED um 11 Minuten verspätet; vielleicht musste Heidi Reichinnek noch eine freundliche Tirade zum Besten geben, die alles verzögert hat. Ansonsten keine Unterschiede; die Volksfront hat ihren vereinigten Auszug aus X mit einer einheitlichen Formulierung verkündet, an der sie sicher lange gearbeitet haben. 

Und man muss den Verantwortlichen dankbar sein. Sicher leben politische Debatten vom Austausch, der Menschen erreicht und informiert, und da weder SPD noch Grüne noch SED in ihrer derzeitigen Verfassung zu solchen Debatten, zu solchem Austausch fähig sind, tun sie gut daran, sich von X zurückzuziehen. Man hat sie dort ungehindert spielen lassen, sie konnten ihrer Neigung zur Desinformation klaglos nachgehen – und jetzt wurde es ihnen selbst zu viel, sie wollen nicht mehr. Die Volksfront schweigt – jedenfalls auf X. 

Marginaler Unterschied

Anderswo nicht, denn in einem nachfolgenden Satz informieren uns alle drei Freunde der Volksfront über ihre weiteren Pläne: „Wir sind weiterhin auf verschiedenen Plattformen präsent und bleiben dort im Austausch.“ Hier war die Einheitlichkeit noch nicht vollständig durchgesetzt, denn die Grünen teilen ihrem Publikum noch eine Bluesky-Adresse mit, auf die man bei SPD und SED verzichtet hat; da ist noch ein wenig Luft nach oben.

Mehr von Thomas Rießinger

Die Gegner der Freiheit, die Gegner der freien Rede bejammern, dass auf X keine politischen Debatten und kein echter Austausch mehr möglich sind. Das können sie gerne tun. Alle andern werden ihr Verschwinden verkraften oder gar nicht erst bemerken. 

Und so kann nun die neu vereinte Volksfront auf Bluesky oder sonst wo darüber debattieren, wie man „unsere Demokratie“ endgültig zur „Volksrepublik“ umformt. 

Ob sie damit Erfolg haben, liegt nur an uns.

Der Autor:

Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und ehemaliger Professor für Mathematik und Informatik. Er publiziert Fachbücher, philosophische Aufsätze und Beiträge zur Unterhaltungsmathematik.

Bild: Symbolbild/KI/Grok/

Für Sie empfohlen: