Von Thomas Rießinger.
Ich hielt es für einen boshaften Scherz. Ich dachte, so dumm kann doch niemand sein, nicht einmal die CDU, nicht einmal in Berlin. Wie sehr man sich doch irren kann.
Am 7. Mai veröffentlichte die CDU Berlin auf X im vollen Ernst ihre Auffassung zu der Lage in Berliner Freibädern.
#Berlinwird sicher. Gewalt und Respektlosigkeit haben in unseren Freibädern keinen Platz – sie sollen Orte für Familien, Freunde und Erholung sein. Deshalb sorgen wir mit klaren Regeln, mehr Personal, Ausweiskontrollen und Videoüberwachung für mehr Sicherheit! pic.twitter.com/fSItZCiJhz
— CDU Berlin (@cduberlin) May 7, 2026
Eine angebliche Berlinerin äußert nicht etwa ihr Gefühl über eventuelle Freibadbesuche, sondern ihr „Jefühl“: „Früher war ich gern im Freibad, heute kannste da ja nicht mehr hingehen.“ Da war die CDU-Pressestelle aber einmal besonders volksnah, indem sie „Jefühl“ und „kannste“ schrieb! Oder wollte man gleich festhalten, dass dieses „Jefühl“ nicht von gebildeten Menschen ausging, sondern eher auf schlichte Weise ausgedrückt wurde, weshalb man es nicht allzu ernst nehmen muss?

Denn sofort haben sie dem „Jefühl“ den „Fakt“ gegenüber gestellt: „Ausweiskontrollen, Videoüberwachung, mehr Sicherheitspersonal“, das alles vor einem Bild einer fröhlich mit Pommestüten hantierenden Familie. Ich erinnere daran, dass es sich hier nicht etwa um einen Satire-Account handelt, sondern um eine offizielle Verlautbarung der CDU Berlins. Sie rühmen sich tatsächlich damit, dass man mittlerweile beim Besuch eines Freibades einen Ausweis vorweisen muss, dass man stets damit zu rechnen hat, für die Nachwelt auf Video festgehalten zu werden, was schon im vollständig angezogenen Zustand nicht immer ein reines Vergnügen ist, und dass sich mehr Sicherheitspersonal auf dem Gelände tummelt – im Gegensatz zu den alten Zeiten vor dem zweiten Weltkrieg, als nur der eine oder andere Bademeister ausreichte, um für die nötige Sicherheit zu sorgen. Kein Wort darüber, warum man wohl Ausweise kontrolliert, warum man die Besucher überwacht, warum man mehr Sicherheitspersonal einzusetzen gezwungen ist. Kein Wort darüber, welche Klientel die Freibäder unsicher macht. Es mutet an, wie die Werbung einer Feuerwehr, die von Brandstiftern unterwandert ist, immer wieder für neue Brände sorgt und dann die Werbung verbreitet, man habe eine neue Spritze mit erhöhtem Wasserdruck angeschafft.
Die Kommentare der fleißigen Leser zeigen daher nur wenig Begeisterung. „Wahnsinn! Wie wenig Gespür muss man haben, um Security und Videoüberwachung in Freibädern als Erfolg verkaufen zu wollen. Ihr habt maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Zustände heute der Normalfall sind.“ Oder: „Ihr seid da echt stolz drauf, dass das nötig geworden ist in Deutschland? Dass man das jetzt braucht? Das ist keine Sicherheit. Das ist teuer erkauftes „Zusammenleben“.“Und ein dritter: „Bis vor 10 Jahren brauchten wir diese freiheitseinschränkenden Maßnahmen nicht. Haben Sie eine Idee, wieso wir diese heute benötigen?“ Ist das im besten Deutschland, das es je gab, schon genug, um die Kommentatoren mit Anzeigen wegen Volksverhetzung zu behelligen? Spätestens dann, wenn das Merz’sche Verdikt „Ich möchte Klarnamen im Internet sehen. Ich möchte wissen, wer da sich zu Wort meldet“ in die Tat umgesetzt ist, darf man mit allem rechnen.
Sie sehen die Realität nicht, weil sie weit von ihr entfernt in ihren eigenen Blasen leben. Sie verstehen die Probleme der Bürger nicht, weil sie nichts darüber wissen wollen und ihre eigene verlogene Welt nicht gestört sehen möchten. Berlin und mit ihm das ganze Land gleicht einem Haus, dessen Wände nur noch von den Tapeten zusammen gehalten werden.
Doch die Risse in den Tapeten werden immer breiter und sind kaum noch zu übersehen. Die Versuche, sie zu übertünchen, werden immer durchsichtiger und lächerlicher.
Und wenn die Tapete endgültig reißt, lag es an Trump, Putin und der AfD.
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Der Autor:
Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und ehemaliger Professor für Mathematik und Informatik. Er publiziert Fachbücher, philosophische Aufsätze und Beiträge zur Unterhaltungsmathematik. Sein Buch „Wahrheit oder Spiel“ finden Sie hier, „Umgang mit Formen“ über diesen Link.
Bild: Symbolbild/KI/Gemini/
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