Ukraine-Korruption: Was stimmt — und was erfunden ist Ein Selbstversuch im Zeitalter der Desinformation

Die Realität bringt einen immer wieder bis an die Schmerzgrenze – vielleicht ist das der Grund, warum sie sich so viele zurechtbiegen. Oder nur einen Teil von ihr sehen wollen. Nach diesem Wochenende verstehe ich das wieder ein Stück weit besser als zuvor. In einem langen Gespräch klagte mir ein prominenter russischer Politiker – lange ganz oben im System, zwischenzeitlich in Russland auf der Fahndungsliste – sein Leid mit der Ukraine, die er immer lautstark unterstützt hat und bestens kennt. Die Führung, sei seine Aussage, sei so korrupt, dass er nun nicht nur den Glauben an Moskau, sondern auch an Kiew verloren habe. „Arme Ukrainer“, sagte er wiederholt, fast verzweifelt. 

Einen Tag später sah ich den folgenden Tweet:

Screenshot

Ein Bild, ein Name, eine Zahl: 26 Millionen Euro. Mein erster Impuls war Bestätigung — das passt doch, dachte ich. Genau das, worüber mein Gesprächspartner gesprochen hatte. Und ich spürte eine immense Wut in mir aufsteigen. Wie sicher viele der 290.000 Menschen, die diesen Tweet gesehen haben – und erst recht der fast 24.000, die ihn mit einem Like versahen.

Ich war so wütend, so empört, dass ich es genau wissen wollte. Und die Hoffnung hatte, dass meine Restzweifel bestätigt wurden. Es dauerte keine drei Minuten, um herauszufinden: Das Ganze ist eine Fehlinformation. Was nicht im Umkehrschluss bedeutet, dass die ukrainische Führung nicht korrupt wäre. Was aber zeigt, wie wir manipuliert werden. Denn hier werden ganz klar massiv Gefühle getriggert – ich spürte das an mir selbst.

Das Ergebnis meiner Kurz-Recherche: Das Bild, das das Paar vor der Luxusyacht zeigt, ist eine Montage. Das Original stammt aus einem Geburtstagsbeitrag eines ukrainischen Boulevardmediums vom März 2024 — das Paar stand vor einer Graffiti-Wand, nicht vor einer Yacht. Jemand hat die Personen freigestellt und in eine neue Kulisse gesetzt. Der Vergleich beider Bilder lässt keinen anderen Schluss zu.

Eine Nutzerin tweetete in den Kommentaren auch das Originalfoto, das alles entlarvt. Es gab 11 Likes. Gegenüber 29.000 für das Fake-Foto. Und sie bekam einen einzigen Kommentar. Der lautet: „Nimm deine Pille und bleib in deiner Antifa Welt. Aber verschone uns mit deinem Scheiß.“

Die Geschichte selbst stammt von Rodion Miroshnik — Botschafter des russischen Außenministeriums für besondere Aufgaben. Verbreitet über russische Staatsmedien. Weitergetragen von Menschen, die es besser wissen könnten. Oder vielleicht sogar müssten.

Vielsagende ,Quellen‘

Und die Yacht? Die Tankoa S501 Vertige existiert. 50 Meter, Baujahr 2017, Preis rund 24,5 Millionen Euro. Aber sie steht — Stand heute — bei mehreren internationalen Yachtbrokern zum Verkauf. Kein Eigentumsnachweis, kein Registereintrag, der Anastasia Fedorova als Eigentümerin ausweist. Die einzige „Quelle“ für den angeblichen Kauf: russische Geheimdienststellen, zitiert von TASS und Sputnik. Mehr gibt es nicht.

Und hier liegt die eigentliche Tragik. Mein russischer Gesprächspartner hat nicht unrecht. Die Korruption in der ukrainischen Führung ist real — dokumentiert, belegt, von ukrainischen Journalisten selbst aufgedeckt. Das unterscheidet die Ukraine übrigens fundamental von Russland: Dort ist Korruption mindestens genauso real, mindestens genauso systemisch — aber wer darüber berichtet, riskiert Gefängnis oder Schlimmeres. Die ukrainische Korruption wird sichtbar, weil es – trotz aller Probleme mit der Pressefreiheit auch in der Ukraine – dort im Gegensatz zu Russland noch Journalisten gibt, die sie benennen können. Das ist kein Freispruch für Kiew. Aber es ist ein Kontext, den Moskaus Propagandisten sehr bewusst weglassen.

Und eine Frage, die ich noch nie beantwortet gehört habe: Warum empören sich dieselben, die der ukrainischen Führung zu Recht Korruption vorwerfen, eigentlich nie über die Korruption in Moskau? Über Putins Paläste, seine Oligarchen, sein System der organisierten Selbstbereicherung — dokumentiert, belegt, von mutigen russischen Journalisten aufgedeckt, die dafür ins Gefängnis wanderten oder starben? Die Selektivität der Empörung ist kein Zufall. Sie ist ein Fingerzeig.

Gefühlter Russe

Und es schmerzt mich, als jemand, der Russland als zweite Heimat sieht und sich selbst als halben Russen, wie erfolgreich das funktioniert. Denn auch wer die ukrainische Führung zu Recht kritisiert, sollte nicht vergessen: Russland führt Krieg auf ukrainischem Boden, nicht umgekehrt. Wer das aus dem Blick verliert, weil die eine Seite nicht makellos ist, betreibt — bewusst oder unbewusst — Geschichtsklitterung.

Wer Korruption mit gefälschten Bildern belegen will, kämpft nicht gegen sie — er instrumentalisiert sie. Und verharmlost damit die echte. Er schadet der Wahrheit. Und er gibt jenen im Westen und in der Ukraine selbst ein Werkzeug in die Hand, die jede berechtigte Kritik an den Zuständen in Kiew als russische Propaganda wegwischen wollen.

Unbequeme Doppelgedanken

Das ist die eigentliche Raffinesse dieser Desinformation. Sie vergiftet nicht nur die Debatte über die Ukraine. Sie vergiftet die Debatte über Desinformation selbst. Denn wer die Fälschung aufdeckt, wird prompt zum Verteidiger eines korrupten Systems gestempelt. Und schon ist jeder, der Fragen stellt, je nach Sichtweise entweder ein Putin-Versteher oder ein Putin-Propagandist. Nichts dazwischen. Wer sich diesem Mechanismus nicht beugen will, muss einen unbequemen Doppelgedanken aushalten: Die Yacht ist gefälscht. Die Korruption ist es nicht.

Womit wir wieder beim Beginn dieses Artikels wären. Die Realität bringt einen bis an die Schmerzgrenze — und dieser Text hat gleich zwei solcher Grenzen. Sich einzugestehen, dass die ukrainische Führung korrupt ist, tut weh. Sich einzugestehen, wie erfolgreich Putins Propagandaapparat arbeitet, tut ebenfalls weh. Beides gleichzeitig auszuhalten, ohne wenigstens einen der beiden Aspekte wegzudrängen — das ist mehr als unbequem. Es tut weh. Fast körperlich. Aber es ist die einzige Form von Redlichkeit. Und nur die zählt.

Arme Ukrainer — dieser Satz aus dem Gespräch vom Wochenende klingt mir noch nach. Nicht als Mitleid. Als Diagnose.

Respekt von der anderen Seite

So wichtig es ist, Korruption in der Ukraine zu benennen und scharf zu kritisieren – so fatal ist es, gefälschte oder verzerrte Darstellungen zu verbreiten. Noch dazu solche, die Emotionen schüren – und damit manipulieren. Wer dabei gutgläubig handelt, fällt auf Moskauer Propaganda herein. Leute wie Miroshnik kalkulieren kalt damit — sie produzieren keine Informationen, sie produzieren Werkzeug für Gutgläubige. Der sowjetische Revolutionsführer Lenin hatte dafür einen treffenden Begriff: nützliche Idioten. Er verspottete damit in dem ihm eigenen Zynismus jene, die seine Lüge ungeprüft, aber in gutem Glauben, weitertragen.

Auch die heutige Führung in Moskau ist in diesem Denken verfangen und lacht über diejenigen im Westen, die in gutem Glauben auf ihren Zynismus hereinfallen – das weiß ich aus persönlichen Gesprächen. Man verachtet innerlich jene, die für Geld die eigene Propaganda, an die man selbst nicht glaubt, verbreiten – während man vor aufrichtigen Kritikern wie mir Respekt hat. Jemand, dessen Namen jeder Russland-Kenner kennt, sagte mir das einmal sehr direkt. Die genauen Worte habe ich nach Jahren nicht mehr im Kopf, den Sinn nie vergessen: Ich lebe noch, obwohl ich ein massiver Störfaktor bin, weil ich aufrichtig bin und man das respektiert. Er sagte es mit jenem unergründlichen Lächeln, das ich aus Russland so gut kenne — halb ernst, halb Spiel, und man weiß nie, was überwiegt. Und dann, sehr ernst, fügte er sinngemäß hinzu: Du bist ein echter Patriot. Nur leider stehen wir auf unterschiedlichen Seiten. Leute wie Dich hätten wir auch gerne.

P.S.: Während ich diesen Text schrieb, tauchte ein weiterer Tweet auf — diesmal über die Tochter des Bürgermeisters von Dnipro.

Der Tweet suggeriert, ohne das justizfest zu behaupten, die Dame habe mit westlichen Hilfsgeldern eine Villa am Lago di Como gekauft. Ich habe auch das nachgeprüft. Das Ergebnis: Die Villa existiert, der Kauf ist dokumentiert — aber er erfolgte im Dezember 2018, vier Jahre vor der russischen Invasion und lange bevor ein einziger westlicher Hilfseuro geflossen ist. Echte Korruption, falsche Kausalität. Dasselbe Muster, dieselbe Mechanik. Nur diesmal etwas raffinierter — weil ein echter Kern die Lüge glaubwürdiger macht.

PPS.: Ich weiß, was jetzt kommt. Die einen werden schreiben: Reitschuster verteidigt ukrainische Korruption. Die anderen: Reitschuster macht russische Propaganda. Beide werden Unrecht haben. Und beide werden es nicht merken.

Der deutsche Diskurs liebt Eindeutigkeit. Wer für die Ukraine ist, darf sie nicht kritisieren — sonst ist er ein Verräter. Wer Korruption in Kiew benennt, darf Russland nicht kritisieren — sonst ist er ein „Nato-Knecht“. Ambiguität — das Aushalten von zwei unbequemen Wahrheiten gleichzeitig — gilt als Schwäche, als Unentschlossenheit, als Versagen.

Ich sehe das anders. Wer nur eine Wahrheit aushält, sieht nur die Hälfte der Wirklichkeit. Und wer nur die Hälfte sieht, kann manipuliert werden. Von beiden Seiten.

Recherche kostet Zeit. Drei Minuten in diesem Fall — aber dahinter stecken Jahre Erfahrung. Wenn Sie möchten, dass das so bleibt: hier können Sie es ermöglichen.

PS: Hier mein neues Video – Milliardärs-Harakiri: Superreiche bauen SPD, Grünen und Linken nach dem X-Exodus ihre Echokammer

Bild: Symbolbild/KI/Grok

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