Merz gratuliert zum Debakel Warum das WM-Aus mehr als Fußball-Versagen ist

Es gibt Momente, da tut es einem weh, Recht zu haben. Wie heute nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft bei der WM. Und dabei hatte ich nur teilweise Recht – denn was ich in meinem Artikel „Neuers WM-Rückkehr: Feige, wortbrüchig – und symptomatisch – Willkommen im Zeitalter der totalen Habeckisierung“ beschrieben und vorhergesagt habe, war rückblickend noch zu harmlos. Ja, der Misserfolg bei der WM ist tatsächlich eingetreten. Aber es ist alles noch viel schlimmer als das damals prognostizierte Ende in der Vorrunde.

Das Scheitern der Nationalmannschaft ist geradezu symbolisch für das Scheitern unseres ganzen Landes. Lothar Matthäus beschreibt, wie das Nagelsmann-Team auf die gleichen Mistgabel trat wie die Mannschaft bei der WM 1994, deren Kapitän er war. „Wir haben ja viele Sachen schon mitbekommen: Wieder mit Frauen und Familien, alles dabei. Das kenne ich von 1994 her (Matthäus war damals bei der WM Kapitän, die Redaktion). Und ich weiß nicht, warum man da auch jetzt schon wieder von Anfang an die ganzen Familienmitglieder dabei haben muss – beim ersten Spiel, beim zweiten Spiel, beim dritten Spiel“, klagt Matthäus.

Familienbande

Weiter führt der Ex-Nationalspieler aus, dass es wie schon bei der desaströsen WM 1994 „um Reisemöglichkeiten, um Hotelbuchungen gegangen“ sei: „War doch alles ein Thema in der Mannschaft. Ist nie in den Medien erschienen in den letzten zwei Wochen. Aber ich weiß, dass es ein Thema war und der eine dann sauer war auf den anderen, weil bei einem die Mama mitfliegen durfte, beim anderen durfte die Frau mitfliegen, dann durften die Kinder mitfliegen und die anderen mussten dann mit der Linienmaschine fliegen“.

Matthäus sagte in der Sendung der „Bild“ („Lothar legt los“) weiter, es habe hinter den Kulissen „viel Unruhe gegeben, die nicht rübergekommen ist“. Sein Fazit: Es sei einfach „nicht der Fokus auf diese WM gelegt worden, sondern es war auch immer der freie Familientag und noch ein freier Familientag. Die waren keine zwei Wochen in Amerika und schon waren wieder die ganzen Familien dabei“.

Matthäus hätte sich eine andere Herangehensweise gewünscht: Die Familien „können die einfliegen im Viertelfinale, wenn die Mannschaft was geleistet hat“. Das Grundproblem, das wir auch schon von der politisierten WM 2022 in Katar kennen: „Viele Themen, die vielleicht wichtiger waren, als das eigentliche Thema auf dem Fußballplatz.“

Dieselbe Krankheit, anderer Patient

 

Was für eine Symbolik! Was für eine Parallele zur Politik – wo man ebenfalls den Eindruck hat, es gehe vor allem um das Wohlbefinden der Hauptdarsteller. Und wo ebenfalls die Medien allzu oft brav schweigen über das, was hinter den Kulissen passiert.

Ebenso symbolisch ist die Reaktion von Julian Nagelsmann. Der schloss einen Rücktritt sofort aus. Und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bestärkte ihn darin. Die Unsitte, die Angela Merkel über die Republik gebracht hat, dass niemand mehr Verantwortung übernimmt, gilt jetzt auch im Fußball.

Die Kirsche auf der Sahnetorte des Realitätsverlustes ist die Reaktion von Bundeskanzler Friedrich Merz auf das Desaster. „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel, DFB-Team! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch!“, schwärmte Merz über den peinlichen Auftritt der eigenen Leute gegen ein gar nicht allzu starkes Paraguay, das selbst der eigene Trainer nach dem Spiel deutlich kritisiert hat.

Gehacker Account

Der Spott auf X ließ nicht auf sich warten: „Haben Sie aus Versehen ein anderes Land geguckt?”, fragte ein User den Kanzler. Moderator Oliver Pocher schrieb bei Instagram: „Ich hoffe, der Account ist gehackt worden. Aber das passt zur Situation in diesem Land. An dieser Niederlage gibt es nichts schönzureden und begeistert hat hier keiner.”

All diese Absurditäten sind genau das, was ich im Mai in meinem Artikel zur Neuer-Rückkehr als „Habeckisierung“ bezeichnet habe: der systemische Triumph des Inszenierens über die Leistung, für den Bundestrainer Nagelsmann mit seiner narzisstischen Selbstbezogenheit geradezu symbolisch steht, der Triumph des lauten Selbstdarstellers  über den biederen Handwerker, des sorgsam inszenierten Narrativs über die graue Realität. Nagelsmann verliert und will bleiben. Der DFB nickt. Merz gratuliert zum Debakel: Der Kreislauf schließt sich.

Was beim Fußball noch glimpflich ausgeht — Frust, ein paar böse Tweets, und in zwei Jahren ist EM — hat in der Politik Konsequenzen. In zerstörten Industriezweigen, in leeren Staatskassen, in  einer Außenpolitik, die auf Haltungs-Poesie gebaut ist und in Scherben liegt. Im Niedergang eines Landes, das einst für seine Zuverlässigkeit bewundert war, und in dem selbst die Bahn inzwischen Russisches Roulette ist. Das Grundmuster ist identisch: Wer scheitert, erklärt das Scheitern damit, dass eben alles komplex sei – und andere schuld. Wer versagt, tut so, als sei das eben ein nötiger Lernprozess. Und die Verbandsfunktionäre nicken dazu brav, und das Kanzleramt applaudiert.

Kommunizierende Röhren

Das System lernt nicht. Es applaudiert sich selbst — und nennt das „Haltung“. Im Mai schrieb ich, dass wir mehr stille Arbeiter und weniger Selbstdarsteller brauchen. Heute verstehe ich klarer als gestern: Die selbsternannten Eliten in diesem Land sehen den Unterschied nicht mehr. Oder, noch schlimmer: Wenn sie ihn sehen, entscheiden sie sich für die Selbstdarsteller. Weil dieser Typus selbst am Ruder sitzt – und sich nicht selbst durchschauen kann.

Deutschland ist nicht an Paraguay gescheitert. Deutschland ist an sich selbst gescheitert. Wie üblich in den letzten Jahren.

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Bild: Shutterstock / Symbolbild/KI/Grok

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