Die Lepra-Krankheit ist in unseren Breitengraden Gott sei Dank besiegt. Doch „Aussätzige“ gibt es bei uns leider trotzdem – nur wird das in Deutschland 2026 nicht mehr an einer Krankheit festgemacht, sondern an politischen Positionen. Vom jüngsten Beispiel dafür haben Sie vielleicht schon gehört: Im Fußballkreis Euskirchen ist fast das gesamte Kreissportgericht zurückgetreten.
Die Verfechter der neuen politischen Reinheitslehre begründeten ihren drastischen Schritt damit, dass der Jungschiedsrichterbeauftragte Noah Schmuck ein Aussätziger ist – ein Mitglied der AfD. Sie handeln dabei nicht aus spontaner Empörung heraus, sondern folgen einem dank medialen Dauerbeschusses internalisierten Dogma. Das halten sie für derart selbstverständlich, dass sie es nicht mehr hinterfragen und dass jede Abweichung für sie automatisch bedeutet, dass der Abweichler „unrein“ ist und bekämpft werden muss. Wer schweigt oder gar widerspricht, läuft selbst Gefahr, als unrein zu gelten. Ausgrenzung wird so zur Pflicht, die sich keiner mehr offen infrage zu stellen traut – aus Angst, selbst zum nächsten Aussätzigen zu werden. Ein fataler Mechanismus, den Politik und Medien infam anheizen.
Eher pflichtbesessen berichteten alternative Medien über den Fall. Aber ich finde, man kann, man darf hier nicht zur Tagesordnung übergehen. Vielmehr muss man sich fragen: Warum wurde so etwas möglich? Was steckt dahinter? Ohne jede Gleichsetzung: Man dürfte erwarten, dass in einem Land, in dem es einmal hieß „Kauft nicht bei Juden“, in dem Menschen mit der „falschen“ Meinung in Konzentrationslager gesteckt wurden und das sich danach angeblich dem „Nie wieder“ verschrieben hat, ein grundlegender Konsens bestehen sollte: Dass man nie mehr Menschen ausgrenzen darf.
Gemeinsame Wurzeln
Das Gegenteil ist passiert. Ausgerechnet im Namen des „Nie wieder“ feiert die Ausgrenzung wieder fröhliche Urstände. Und ganz in der Tradition ihrer Großväter und Urgroßväter entmenschlichen diejenigen, die sich für moralisch überlegen halten, wieder Menschen mit „falschen“ Meinungen. Die Pranger sind heute virtuell, an die Stelle des physischen Wegsperrens ist das soziale Wegsperren, die Ächtung getreten, aber die Denkweise dahinter ist die gleiche.
AfD-Leuten wird der Zugang zu Lokalen und Hotels verweigert, eine Berliner Cafébuden-Besitzerin lässt sich von der rot-grünen Presse als Heldin feiern, weil sie keinen Kaffee mehr an die Falschen ausgibt, Menschen mit der falschen Gesinnung werden Bankkonten gekündigt, Fußballvereine lehnen sie als Mitglieder ab, und die Liste der Diskriminierung im Namen der Diskriminierungs-Bekämpfung ist so lang, dass sie den kurzen Text hier sprengen würde.
Der Fall Euskirchen ist für diese Schizophrenie ein besonders bitteres Lehrstück. Noch im Juli erhielt Noah Schmuck die Verdienstnadel in Silber für zehn Jahre Schiedsrichtertätigkeit, im Juni wurde er als vierter Offizieller beim Kreispokalfinale eingesetzt. Sein Verbrechen, wegen dessen fast ein ganzes Gremium hinschmiss? Kein Foulpfiff, keine Entgleisung, kein einziger dokumentierter Vorfall – sondern ein Satz auf einer Parteiwebsite. Man bestrafte ihn nicht für etwas, das er getan hat, sondern für das, was er ist.
Erschreckende Parallelen
Besonders krude dabei: Nicht einmal der Fußball-Verband Mittelrhein selbst wollte so weit gehen. Der beschäftigt sich, wie er selbst mitteilte, seit über einem Jahr mit der Frage, ob man Ehrenamtlern wegen einer Parteimitgliedschaft die Funktion entziehen darf – und kam zu dem Schluss: Nach geltendem Recht nicht. Die Basis ist hier also radikaler als der eigene Verbandsapparat. Sie handelt nicht auf direkte Weisung von oben – sondern nach jahrelanger, brutaler Aufhetzung durch die Medien. Die Anleitung zur Ächtung und zum politischen Reinheitswahn kam von oben, aber der Eifer bei der Umsetzung kam aus eigenem Antrieb – und das macht alles nicht harmloser, sondern erdrückender. Denn auch das zeigt Parallelen zur deutschen Geschichte.
Die Beschwichtiger kommen immer wieder mit dem Argument, auch der Radikalenerlass in der alten Bundesrepublik sei ähnlich gewesen. Doch das ist gezielte Irreführung. Ja, in den siebziger Jahren wurde Linksextremen verboten, Lehrer und Beamte zu werden, sie durften nicht in den öffentlichen Dienst eintreten. Aber niemandem wäre im Traum eingefallen, jemanden aus dem Restaurant, dem Hotel oder dem Ehrenamt im Sportverein zu werfen, weil er Kommunist war. Heute reicht die Mitgliedschaft in einer demokratisch zugelassenen Partei, um geächtet und aus der gesamten Zivilgesellschaft ausgeschlossen zu werden – Vereinsleben, Gastronomie, Bankkonto, Ehrenamt. Ganze Familien zerbrechen, weil von den Medien aufgehetzte Kinder und Enkel AfD-nahe Eltern oder Großeltern ächten – oder umgekehrt.
Perversion von Voltaire
Man kann diese Leute nicht überzeugen, indem man ihnen erklärt, dass Ächtung falsch ist – sie halten sich ja gerade für die moralisch Überlegenen, die zu Recht andere zu Aussätzigen erklären. Wirksamer ist etwas Unbequemeres: selbst das Gegenteil zu tun. Nicht umgekehrt die anderen Positionen zu verteufeln. Sondern sich an den Leitspruch zu halten, der Voltaire zugeschrieben wird: „Ich missbillige zutiefst, was du sagst, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass du es frei aussprechen kannst.“ Allein dieser Satz zeigt, wie weit sich diejenigen, die sich für die besseren Menschen halten, in der Realität von Humanismus und freiheitlicher Demokratie entfernt haben. Sie sind die wahren Demokratiefeinde – diejenigen, auf deren Kundgebungen Sprüche wie „Gegen den Hass“ und „Ganz Berlin hasst die AfD“ gleichzeitig zu sehen sind. Und die diese Schizophrenie vor lauter ideologischer Verblendung nicht mal mehr als solche erkennen.
Wie weit wird es diesmal gehen? Weit, wenn es keinen Aufstand der Anständigen gibt. Unser Problem ist, dass wir, vor allem in Westdeutschland, völlig auf die schlimmsten Auswüchse der Geschichte geeicht sind – und nicht verstehen, dass Freiheit und Demokratie nicht erst bei diesen Auswüchsen enden. Sie sterben scheibenweise. Und bei uns ist dieses scheibenweise Sterben schon sehr weit gediehen: Unsere Demokratie liegt im Delirium – nur sieht die Mehrheit weg, weil ihr Blick auf die Exzesse der Geschichte geeicht ist und das tödliche, kleine Unrecht dabei geflissentlich, aber ohne böse Absicht übersieht.
Was also tun? Nicht mitmachen, wenn im eigenen Umfeld genau dieses Ausgrenzungsspiel beginnt – im Verein, am Arbeitsplatz, am Familientisch. Wer schweigt, wenn jemand wegen seiner politischen Überzeugung aus der Gemeinschaft gedrängt wird, trainiert genau den Mechanismus, der ihn selbst treffen kann, sobald die Kriterien sich verschieben – und sie verschieben sich immer. Der Schutz für den Aussätzigen von heute ist der einzige verlässliche Schutz für den Aussätzigen von morgen. Das ist keine Frage der Sympathie für die AfD. Das ist die Frage, ob man in einem Land leben will, in dem die politische Meinung über den Zugang zu Kaffee, Bankkonto und Ehrenamt entscheidet. Und man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass genau dieser Minderheitenschutz einst der wichtigste Schutz für diejenigen sein wird, die ihn heute mit Füßen treten.
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Bild: Symbolbild/KI/Grok
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