Warum die Falschen regieren – und wie ich es selbst fast einer wurde Negative Selektion: Wie gezielt unser Parteiensystem die Fähigen und Integren aussortiert

Hier die Gesamtfassung mit Zwischenüberschriften:

Geht es Ihnen auch so wie mir? Einerseits freut es mich, dass sich ein Ende von Friedrich Merz als Kanzler abzeichnet. Der Mann ist so ungeschickt, so unfähig, dass es regelrecht eine Qual ist, ihm beim Regieren zuzuschauen. Andererseits wird die Vorfreude aber auch getrübt: Denn egal, wo man hinsieht – alle potenziellen Nachfolger lösen mindestens genauso viel Bauchweh aus wie Merz selbst. Henrik Wüst und Daniel Günther sind stromlinienförmige Karrieristen mit der Ausstrahlung von Sparkassen-Azubis (nicht gegen die, aber die wollen auch kein Land führen). Zudem sind sie brave Merkel-Bubis. Söder ist opportunistisch im Quadrat und hat laut seinem Vorgänger Horst Seehofer ein Charakterproblem – was man ihm gerne abnimmt. Über Lars Klingbeil & Genossen brauchen wir gar nicht zu sprechen.

Womit wir – endlich – beim Thema wären.

Die Selektion frisst ihre Kinder

Im Russischen gibt es eine unfeine Redensart, die – frei und weniger unfein übersetzt – besagt, dass sich jemand durch Fortpflanzung auf die Ebene von Mäusen herabbeugt hat. In unserem Parteiensystem ist es ähnlich – nur muss man das Wort Fortpflanzung durch Selektion, also Auswahl ersetzen. Die ist extrem negativ. Und wenn man sie kennt, versteht man, warum unser Land in dem traurigen Zustand ist, in dem es heute ist. Und warum es die Gestalten, die wir heute alltäglich sehen, an die vorderste Front schafften. Ja, schaffen mussten.

Meine erste politische Lektion: Der Kuchen

Ich bin Ende der 1980er Jahre in die SPD eingetreten, die Partei, in der schon mein Urgroßvater war. Jung, idealistisch, überzeugt davon, dass man in der Politik etwas bewegen kann. Auf einem Parteitag sollte der Kandidat für den Bundestag nominiert werden. Es gab zwei Bewerber. Der eine war ein Gewerkschaftssekretär — sachkundig, geerdet, einer, der wusste wovon er redete. Der andere war vor allem eines: entschlossen zu gewinnen. Was folgte, war meine erste grundlegende politische Lektion.

Der zweite Kandidat hatte erkannt, dass viele Delegierte Frauen waren — vorwiegend dank der damals noch ganz neuen Frauenquote zu der Ehre gekommen. Und die meisten vorher kaum ins politische Tagesgeschäft eingebunden. Der zweite Kandidat machte sich das geschickt zunutze. Er machte Hausbesuche. Mit Kuchen. Mit Zeit. Mit Zuwendung. Eine regelrechte Charmeoffensive — oder nennen wir es beim ehrlicheren Namen: eine Schleimoffensive, systematisch und zielgenau.

Der Gewerkschaftssekretär machte derweil das, was man, wenn man – naiv wie ich damals – für richtig und ausreichend halten würde: Er bereitete sich inhaltlich vor, führte Sachdiskussionen.

Das Ergebnis war längst entschieden, bevor der erste Redner auf der Delegiertenversammlung ans Mikrofon trat.

Das System hat nicht versagt – es funktioniert

Was mich damals so traf, war nicht die Niederlage des Besseren an sich. Es war die Art und Weise. Es waren all die Intrigen, die auch abseits der lokalen Delegiertenversammlungen vorherrschten. Es waren die Machtstrukturen. Wer was werden wollte, musste sich hochdienen – wobei Plakat-Kleben und Frondienst am Wahlkampfstand noch die geringeren Übel waren. Entscheidend war absolute Loyalität nach oben. Nie ein falsches Wort sagen, immer schön einschmeicheln bei denen, die schon Macht hatten – und das auf lokaler Ebene, wo es nicht um Ministerämter und gut dotierte Abgeordnetensessel ging, sondern um ehrenamtliche Plätze im Stadtrat.

Ich dachte damals, das System habe versagt. Es brauchte Jahrzehnte, bevor ich verstand: Genau das war das System. Und es hatte nicht versagt, es funktioniert genau so. Präzise wie ein Uhrwerk. Und wenn man dieses System versteht, weiß man auch, warum die Klingbeils, Schulz, Baerbocks, Habecks, Wüsts und Günthers nach oben kommen: nicht die Fähigsten setzen sich durch, sondern die Angepassten. Die Netzwerker. Die Kuchen-Bringer.

Überzeugung, inhaltliche Kompetenz, der Mut, für diese einzustehen und Verantwortung zu übernehmen, werden in diesem System bestraft. Menschen mit echten Überzeugungen, die unbequem werden, wenn etwas gegen diese läuft, sortiert dieses System aus.

Schon damals beobachtete ich: Die Fähigen — die, die ich schätzte, menschlich und fachlich — blieben außen vor. Nicht wegen Pech. Nicht wegen mangelnder Qualifikation. Sondern weil sie den entscheidenden Schritt nicht gehen wollten oder konnten: sich selbst zu verbiegen.

Was mich damals besonders erschreckte: Ich merkte, dass ich kurz anfing, dasselbe Spiel zu spielen. Nicht bewusst. Nicht als Entschluss. Es passiert einfach. Wohl zwangsläufig, wenn man in diesem Milieu atmet. Plötzlich überlegte ich, wen man kennen muss, welcher Handschlag nützlich ist, welche Zustimmung einen weiterbringen kann.

Gott sei Dank erschrak ich schnell über mich selbst.

Nein, keine Sorge, ich habe nichts Schlimmes getan, und war noch weit davor, mich zu verformen. Ich habe nur den Impuls gespürt. Und – mehr instinktiv als mit dem Verstand – kapiert, wie sehr dieses System einen formt. Unmerklich. Wie diese Anpassungs-Mechanismen still und fast unmerklich anfangen, zu greifen. Wie man anfängt, nachzudenken, bevor man seine Überzeugung laut vertritt.

Mit 19 zog ich die Notbremse und trat aus. Das hat mir später geholfen, jede Rest-Naivität gegenüber unseren Parteien zu verlieren.

Heute sitzen im Bundestag Leute, die ich noch von damals kenne. Und wüsste ich nicht, wie die Mechanismen funktionieren – ich würde es nicht glauben, dass sie da sitzen.

Die Systeme, die entscheiden, wer in der Politik Karriere macht — Parteigremien, Ochsentouren, Koalitionsverhandlungen, mediale Gefälligkeiten — sorgen für eine negative Selektion. Sie bringen diejenigen nach oben, die sich so weit anpassen, dass sie brave Parteisoldaten sind.

Was viele für Betriebsunfälle halten, ist das Betriebsprinzip.

Windkanal-geformt: Die Produkte des Systems

Schauen Sie sich die Produkte dieses Systems an. Scholz: ein Mann, der 20 Jahre lang jede Demütigung weggelächelt hat, weil er wusste, irgendwann bin ich dran. Merz: so lange im eigenen Laden getreten worden, bis nichts mehr übrig war, was man hätte treten können. Klingbeil: kennt den Apparat aus dem FF und das reale Leben aus dem Fernsehen. Habeck: hält sich für einen Schöngeist — was das Beunruhigendste von allem ist.

Vier völlig verschiedene Typen. Alle durch dieselbe Schule. Alle auf ihre Art entkernt. Windkanal-geformt.

Der entscheidende Faktor: Konkurrenz

Die Illusion, all das sei ein SPD-Problem, habe ich aufgegeben. Auch die, es sei deutschlandspezifisch (auch wenn unser Parteiensystem es massiv befördert).

Ich habe politische Systeme intensiv beobachtet — in Moskau, Brüssel, Berlin. Ein Grundmuster ist überall erkennbar. Wo echte Konkurrenz fehlt oder sabotiert oder nur als Farce inszeniert wird, entfaltet die negative Selektion ihre volle Wirkung. Der Schlüsselfaktor, der entscheidet, ob ein System einfach nur unvollkommen und vielleicht auch hässlich ist, oder ob es nicht nur unrettbar desolat, sondern aktiv destruktiv für ein Land und seine Gesellschaft ist, liegt im Vorhandensein oder Fehlen echter Konkurrenz.

Man nehme als Beispiel die Wirtschaft – also die echte, nicht eine, wo der Staat im Notfall den Retter gibt wie bei Lufthansa oder VW: Wer nur Schleimer an die Spitze setzt, geht pleite. Kunden, Konkurrenz, Markt — das ist der Realitätscheck, den die Politik nur bedingt hat, und nur, wenn demokratische Grundprinzipien eingehalten werden. Ein Ministerium kann im „besten Deutschland aller Zeiten“ katastrophal geführt werden. Das Geld kommt trotzdem — aus der Tasche des Steuerzahlers, der im Gegensatz zum unzufriedenen Kunden nicht einfach zur Konkurrenz wechseln kann.

Eine funktionierende Demokratie hat ihren Korrekturfaktor: den Wähler. Wer versagt, wird abgewählt. Aber das funktioniert nur, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind — eine freie, faire Medienlandschaft, die Versagen benennt. Und wenn der politische Prozess fair ist. In Deutschland ist beides kaum noch vorhanden. Eine rot-grüne Meinungshegemonie in den großen Medien, die Brandmauer, steuerfinanzierte linke Nichtregierungsorganisationen haben den fairen Wettbewerb beendet. In Brüssel fehlt der alles entscheidende Korrekturfaktor sogar strukturell — der EU-Apparat entzieht sich der demokratischen Kontrolle faktisch völlig.

Gschaftlhuberei: Das System bei der Arbeit

Neulich habe ich mir im Fernsehen wieder mal einen Parteitag angeschaut — als Journalist muss man sich so was antun. Nicht die SPD diesmal. Es war bizarr: Stundenlange, erbitterte Debatten über Änderungsanträge zu Punkten, die im realen Leben keine Sekunde zählen. Das bayerische Wort dafür ist Gschaftlhuberei — und es trifft präziser als jeder politikwissenschaftliche Fachbegriff.

Dahinter steckt ein einfaches Gesetz: Menschen, die außerhalb des Biotops keine Gestaltungsmacht haben, inszenieren sich am Mikrofon des Parteitags als historische Akteure. Je unbedeutender der Antrag, desto lauter. Und die Parteiführung ist heilfroh darüber — solange die Basis über Satzungsdetails streitet, stellt sie keine unbequemen Fragen nach oben.

Es ist institutionalisierte Ablenkung. Perfekt konstruiert. Niemand hat sie so geplant — sie ist einfach entstanden, weil sie funktioniert.

Nur der Zusammenbruch schafft Havels

Meine bitterste These, für die ich Jahrzehnte der Beobachtung gebraucht habe: Das ändert sich nur nach großen Umbrüchen. Nach 1945. Nach 1989 in Osteuropa. Nur wenn die alten Strukturen kollabieren, kommen für ein kurzes Zeitfenster Menschen wie Václav Havel nach oben — weil die üblichen Filter versagen und Gesellschaften in der Krise plötzlich nach echtem Rückgrat suchen statt nach Netzwerk.

Aber das Fenster schließt sich schnell. Sobald der neue Apparat steht, greifen dieselben Mechanismen wieder. Die Karrieristen kehren zurück. Die Havels werden weggelächelt.

In normalen Zeiten — in satten, bürokratisierten, stabilen Zeiten wie heute — hat ein Havel keine Chance. Er ist zu anstrengend. Er stellt Fragen, die den Betrieb stören. Wer das versteht, versteht auch, warum unser Land in dem Zustand ist, in dem es ist.

Und warum ich mit 19 ausgetreten bin.

Der See kippt zum Sumpf

Wohlgemerkt: Diese Mechanismen sind nicht neu. Meine Erfahrungen stammen aus den späten 1980er Jahren — also aus der alten Bundesrepublik, die gerne als Maßstab verklärt wird. Der Sumpf war immer da. Die negative Selektion hat schon damals funktioniert, hat schon damals die Falschen nach oben gespült und die Richtigen aussortiert.

Aber es gab noch einen See drumherum.

Kontroverse Meinungen fanden Verlage und Sendezeiten. Journalisten, die unbequeme Wahrheiten schrieben, wurden gedruckt — nicht systematisch diffamiert. Der politische Wettbewerb war verzerrt, aber nicht unterbunden. Der Sumpf hatte Grenzen.

Das änderte sich, als mit Angela Merkel eine Frau aus der DDR-Nomenklatura das Ruder übernahm – eine Frau, die in einem völlig anderen, konkurrenzfreien politischen System sozialisiert wurde. Es ist kein Zufall, dass „Alternativlosigkeit“ einer ihrer Lieblingsbegriffe war. Und was so viele nicht verstanden: Ohne Alternativen keine Demokratie.

Das ohnehin angeschlagene System hatte keine ausreichenden Abwehrkräfte mehr, um sich zu wehren gegen diesen politischen Virus, den ihm Merkel einpflanzte. Der in der Brandmauer seinen Gipfel erreichte. Denn die ist nichts anderes als ein Instrument zur Ausschaltung echter politischer Konkurrenz. Weil sie Rot-Grün eine Dauer-Regierungsbeteiligung sichert. Ebenso wie die rot-grüne Meinungshegemonie in den großen Medien und die steuerfinanzierte „Zivilgesellschaft“ als verlängerter Arm von Rot-Grün.

Und so wurde aus einem See mit Sumpfanteil ein reiner Sumpf. Die alten Mechanismen der negativen Selektion laufen weiter — aber im Quadrat, weil es keine Korrekturfaktoren mehr gibt.

Der Junge, der mit 19 aus der SPD austrat, weil ihm der Mief der Hinterzimmer, in denen übrigens oft unverhohlen Sympathie für die linksextreme DDR gezeigt wurde, unerträglich war, hätte sich nicht träumen lassen, dass dieser Mief eines Tages das ganze Land durchzieht. Mein Herz ist optimistisch und glaubt, dass sich alles zum Guten wenden wird. Mein Verstand sieht es anders: Der sagt, es muss erst zum totalen Zusammenbruch kommen, bevor dieses System sich wandelt und der Sumpf wieder zum See wird.

Solche Analysen kosten viel Zeit. Und Herzblut. Und auch ein wenig Mut. Umso dankbar bin ich Ihnen, wenn Sie mich unterstützen. Hier.

Bild: Symbolbild/KI/Gemini

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